Ein Autor, drei recht schöne Bücher... In letzter Zeit habe ich mit dem kurzen Stöbern in Buchhandlungen doch recht Glück gehabt. Ich bin auf ein Buch von Ismail Kadare gestoßen und bin seitdem sehr gut von seinen Büchern unterhalten worden. Seine Bücher behandeln verschiedene Aspekte der Gesellschaft und Geschichte Albaniens, flüssig erzählt und mit leichtem Humor aber vor allem melancholischer Tragik gewürzt. Letztere wirkte auf mich aber nicht erdrückend, wie in unausweichlichen griechischen Tragödien, sondern hat ihren eigenen Lauf, dem ich mich nicht entziehen konnte.
Der General der toten Armee beschreibt die Reise eines ausländischen Generals und seines Priesters, die von ihrer Regierung nach Albanien entsandt worden sind, um die vor Jahren im 2. Weltkrieg dort gefallenen Soldaten zu exhumieren und heimzuholen. Die Tristesse der albanischen Berge und die vielen individuellen Schicksale der Gefallenen, die sich den beiden und dem Leser eröffnen, lassen ebendiesem einen tieferen Blick auf den letzten großen Krieg zu, als das meist recht oberflächliche Wissen über die großen bekannten Kriegsschauplätze.
Das verflixte Jahr zeigt, wenn auch nicht ganz historisch stimmig, die Situation "Albaniens", das kurz vor dem 1. Weltkrieg kein eigener Staat, sondern im Zuge des Berliner Kongresses ein Spielball verschiedener europäischer Mächte war, die ihre Interessen gesichert wissen wollten. Dazu kommen noch die uneinheitliche albanische Nationalbewegung und die zum Osmanischen Reich gerichteten Bestrebungen albanisch-türkischer Generäle. Der vom Berliner Kongress einesetzte König Albaniens, Prinz Wilhelm zu Wied, vermag diesen chaotischen Zuständen kaum Ordnung zu schaffen.
Ismail Kadare kam es in diesem Buch wohl bewusst nicht auf die genaue Chronologie, sondern die Darstellung dieses wirren und teilweise richtig abstrus wirkenden Zustandes an, den er wirklich sehr gut in die Gedanken des Lesers transferienen kann.
Der zerissene April, das dritte Buch, dass ich heute gerade angefangen habe zu lesen, verspricht noch interessanter zu werden. Es geht um eine Form des alten albanischen Rechts, den Kanun, der unter anderem die genauen Bestimmungen der im früheren Albanien weit verbreiteten (und heute anscheinend wieder populärer werdenden)Blutrache beschreibt.
Gjorg von den Berisha (spricht sich: Dschjorg von den Berischa) hat den Spross einer mit seiner Familie schon lange verfeindeten Familie getötet, um wiederum seinen von diesen getöteten Bruder zu rächen. Lange hat er in der Kälte des ausgehenden Winters warten müssen, bis ihm jener Mann vor den Lauf seines Gewehres kam, rief ihn, nach altem unumstößlichen Brauch beim Namen an, und schoss. Schon einmal hat er auf ihn geschossen, ihn jedoch nur verwundet. Die im Alten Recht festgelegte Sühne für diese Verwundung hat seine Familie wirtschaftlich fast ruiniert. Auf das Töten im Zuge der Blutrache gibt es jedoch keine Bestrafung....
Der Beginn des Romans ist sehr eindrucksvoll erzählt, und würde ich euch nicht gerade schreiben, würde ich ihn wohl weiter verschlingen...Wirklich sehr beeindruckend.
Alle genannten Bücher sind im Fischer-Verlag erhältlich.