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Wohin steuert die Türkei

Dieses Thema im Forum "Politik, Sozialkritik, Zeitgeschehen & Geschichte" wurde erstellt von Gilgamesh, 22. Dezember 2010.

  1. jones

    jones Erleuchteter

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    Bombenstimmung in Konstantinopel :geifer:
    Hab sogar schon den Begriff "türkischer Sommer" in Anlehnung an den arabischen Frühling gehört...
     
  2. vonderOder

    vonderOder Ehrenmitglied

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    Die dort haben endlich begriffen, das Recep Tayyip Erdoğan und seine AKP eine Politik betreibt, die zu einer stärkeren Islamisierung der Gesellschaft in der Türkei führt.
     
  3. dkR

    dkR Forenlegende

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    Ich dachte, es geht um einen Park?
     
  4. Themis

    Themis Erleuchteter

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    Diejenigen, die behaupten, dass es um ein paar Bäume ginge, haben schlichtweg keine Ahnung.
    Es geht in erster Linie gegen einen autoritären, arroganten Führungsstil. Es geht darum, dass der republikanische Nationale Feiertag vom 19.Mai abgeschafft wurde, das zig (kritische) Reporter ohne Verurteilung in Haft sitzen, private Medien enteignet wurden, religiös motivierte Übergriffe in jüngster Vergangenheit von der Regierung nicht in der gebührenden Konsequenz aufgearbeitet und verurteilt wurden, ein geplanter - sicherlich religiös motivierter - strikter Alkoholverbot, die Aufwertung der Koranschulen, dass die soziale Schere in den letzten Jahren teilweise weiter auseinander geklafft ist, dass in einigen Ministerien die Wappen der Republik abgenommen wurden, dass in den letzten Jahren der außenpolitische Kurs immer auf Kosten der Beziehungen zu den USA und Israels ging, dass im Rahmen der Privatisierungen der letzen Jahre immer Personen aus dem Kader der AKP zum Zuge gekommen sind, Erdogans unerhörte Respektlosigkeit gegenüber politischen Gegnern im In- und Ausland... ich möchte jetzt nicht alle Vorfälle einzeln aufzählen, aber unterm Strich ist Erdogan in der Türkei politisch am Ende.

    @jones
    Die Menschen in der Hauptstadt des Universalstaats haben halt Ideale :finaaaale:
     
  5. vonderOder

    vonderOder Ehrenmitglied

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    Das war dann wohl der Aufhänger.
    Ein Park in dem Bäume für ein Einkaufszentrum abgeholzt werden sollten.
    Das mit dem Bäume fällen erinnert mich an irgendetwas.

    Man sieht also: aus etwas Kleinem kann was Großes werden.

    Ein Funke im richtigen Moment, und die Bude brennt lichterloh.
     
  6. Themis

    Themis Erleuchteter

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    Das mit dem Park ist eigentlich noch eine andere Geschichte... die Kaserne, die im osmanischen Stil dort wieder erichtet werden sollte, stand dort bis in die 40er Jahre (zumindstens die Überreste).
    1909 kam es in Istanbul zu einem Aufstand durch Islamisten, die die Einführung der Scharia durchsetzen wollten. Diese stürmten wohl die Kaserne und quartierten sich dort ein.
    Daraufhin Schoss die Armee die Kaserne in weiten Teilen mit schwerer Artillerie kurzerhand in Schutt und Asche, um sich der Fundamentlisten zu entledigen.
    Bis in die 40er Jahre wurde die zerfallene Kaserne noch von Gegnern der Republik als Mahnmal mißbraucht, so dass ein Politiker der CHP daraufhin die Mauerreste der Kaserne abtragen und den Park anlegen liess.
    Man unterstellt RT Erdogan, dass er mit dem erneuten Aufbau der Kaserne an die Ereignisse von 1909 anknüpfen wolle.

    Übrigens:
    anders als bei Stuttgart 21 gab es hier in diesem Fall eben nicht für die Bewohner Istanbuls die Möglichkeit, sich im Vorfeld über die Pläne schlau zu machen und egebenenfalls da in irgendwelche Entscheidungsprozesse einzugreifen.
    Hier hat vielmehr der selbsternannte Autokrat gleich mal Fakten geschaffen, und das Volk hat ihm seine Meinung dazu mitgeteilt...
     
  7. vonderOder

    vonderOder Ehrenmitglied

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    Das mit der Kaserne ist mir Neu. Meine Info aus den deutschen Medien ist:
     
  8. Ein_Liberaler

    Ein_Liberaler Forenlegende

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  9. Themis

    Themis Erleuchteter

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    ...ein Einkaufszentrum in der nachgebauten Kaserne... total bescheuert.

    EDIT:
    @ein Liberaler
    habe das jetzt erst gesehen, ist natürlich kein Problem.

    Re-EDIT:
    Ich muss mir nochmal die genaue Geschichte der Kaserne anschauen. Irgendwie bin ich mir über die genauen geschichtlichen Ereignisse nicht mehr so ganz im Klaren, habe deshalb den Beitrag oben etwas gekürzt.
     
  10. Themis

    Themis Erleuchteter

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    So, hier jetzt mal die Geschichte zu der Kaserne am Taksim Platz, der sogenannten "Topçu-Kışlası":

    1908 kam es im osmanischen Reich zu einer konstitutionellen Revolution, im Rahmen dessen eine "konstitutionelle Monarchie" eingeführt wurde, was die politische Schwächung des Sultans, der auch nebenbei der Kalif - also der Nachfolger des Gottesgesandten und somit Oberhaupt der Sunniten war, zur Folge hatte.

    Die eigentliche Macht hatten seit 1908 die sogennanten "Jungtürken" - eine in den 70er Jahren des 19.Jahrhuderts unter Offiziersanwärtern auf dem Balkan entstandene politische Bewegung, welche auf liberale Reformen und eine konstitutionelle Staatsform hinarbeitete und den absolut herschenden Sultan initial stutzen, in den späteren Jahren sogar stürzen wollte. Die Organisation war natürlich verboten. Die Jungtürken gewannen durch die innen- und außenpolitische Schwäche des Sultans immer mehr Einfluß und entmachteten nach einem Coup 1908 den Sultan und führten erneut die Verfassung von 1876 - eine Verfassung die eben vom Sultan Abdülhamid II. 1978 nach nur 2 Jahren wieder außer Kraft gesetzt wurde und ein Zweikammerparlament beinhaltete - ein. (bei der Eröffnungsrede des Parlaments stellte Abdülhamid II. 1908 die Ereignisse so dar, als ob Dank seiner Politik das Bildungsniveau seit 1878 so stark gestiegen sei, dass das osmanische Volk für eine konstitutionelle Monarchie nun bereit sei, weshalb er persönlich dafür gesorgt habe, dass das Parlament einberufen werde).
    Das neue politische System wurde im ganzen Reich zunächst euphorisch gefeiert und v.a. von den Minderheiten begeistert begrüßt. Im ganzen Reich fanden Wahlen zum Abgeordnetenhaus statt und alle fühlten sich zunächst in die politischen Prozesse mit eingebunden..

    Die Jungtürken aber mißtrauten weiterhin den Politikern, dem Sultan und den osmanischen Institutionen und sahen zurecht das osmanische Reich von Außen bedroht. Sie bildeten das "Komitee für Einheit und Fortschritt" und hielten im Verborgenen Versammlungen ab (niemand kannte damals im osmanischen Reich die Entscheidungsträger bei den Jungtürken, da sie eben aus einem Geheimbund hervorgegangen waren), in welchen weitreichende politische Entscheidungen getroffen wurden, welche hauptsächlich der modernisierung des osmanischen Reichs dienen sollten. Es kam sogar soweit, dass das Komitee die Regierungsentscheidungen traf und dann nur noch von der Regierung im Parlament absegnen liess.
    Die Regierung, die mit Unterstützung des im geheimen agierenden Komitees ohne politische Verantwortung die Regierungsgeschäfte führte, wurde nun im osmanischen Reich zurecht stark kritisiert, da die Menschen es nicht mehr hinnehmen wollten, von unbekannten Kräften regiert zu werden.
    Als dann der größte Kritiker, ein Journalist aus Istanbul, eines Nachts am Goldenen Horn von unbekannten erschossen wurde, kam es zu einem Aufstand gegen das "Komitee für Einheit und Fortschritt", an deren Spitze die Fundamentalisten standen.

    Da nach diversen Machtkämpfen bei den Jungtürken die pro-deutschen Elemente des sog. "Thesaloniker Kreises" gegenüber dem eher pro-britischen "Manastir-Kreis" die Oberhand gewonnen hatten, schaltete sich auch das britische Imperium in den Machtkampf mit ein.
    Der britische Diplomat Gerald Fitzmaurice soll da wohl im Hintergund entscheidend agiert und als Verbindung zwischen britischen Kräften und den fundamentalistischen Kontrarevolutionären gedient haben und den religiösen Führern ermöglicht haben, sich an die Spitze des Aufstandes gegen die liberalen Reformen der letzten Jahre zu schwingen. Schnell wurden Forderungen laut, man möge die Scharia einführen und den Sultan absolutistisch regieren lassen, da die Religion verwässert worden sei. Teile der Armee schlossen sich den religiösen Fundamentalisten an, zumeist aus Loyalität gegenüber Abdülhamid II..
    Jedenfalls gelang es wohl den Anhängern der Scharia, sich in der Kaserne (Topçu-Kışlası) festzusetzen.
    Das "Komitee für Einheit und Fortschritt" schickte daraufhin mehrere Generäle, darunter auch Mustafa Kemal, an der Spitze der 3. Armee aus Saloniki nach Istanbul und lies die Kaserne mit dem aufständischen stürmen.
    13 Anführer des Aufstands wurden erhängt und Sultan Abdülhamid II. enttrohnt und ins Exil nach Saloniki geschickt. Sein jüngerer Bruder wurde völlig entmachtet als Marionette installiert. Defacto wurde nach der Niederschlagung des Coups die Monarchie komplett entmachtet.

    Unter den Fundamentalisten zählt aber der 31.März 1325 (also der 13.April 1909 nach dem gregorianischen Kalender) und die Kaserne am Taksim-Platz als Zeit, Ort und Symbol des Aufbegehrens gegen die Verweltlichung. Immerhin wurde für knapp 2 Wochen die herrschende Ordnung zugunsten der Scharia abgeschafft.
    Daher gibt es Menschen, die meinen, dass es kein Zufall ist, dass der Erdogan die Kaserne wieder aufbauen lassen möchte.

    Mitlerweile plant er übrigens in der Kaserne ein Museum.
     
  11. vonderOder

    vonderOder Ehrenmitglied

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    Danke Themis für die ausführliche Info.
     
  12. Themis

    Themis Erleuchteter

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  13. Guest

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  14. vonderOder

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  15. Azzy

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    In der Türkei kommt der arabische Frühling. Heutige Proteste sind nur der Anfang, das dicke Ende kommt noch nach. Bald kommen die "revolutionären Landungsgruppen" in die Türkei an und dann wird der Taksim-Platz zum Tahrir-Platz für Erdogan. Klar, dass nicht deutsche Geheimdienste dahinter stehen, aber die US-. Nach einigen Angaben haben die US-Instruktoren der Sondereinheit "DELTA" auf einem Militärstützpunkt in Deutschland türkische Söldner zur "Revolutionstaktik" ausgebildet. Nun werden die Rekruten, denen die Amis die monatliche "Sozialhilfe" in Höhe von 3000 Dollar und die deutsche Staatsbürgerschaft (nach Erdogans Sturz) versprechen, werden durch den Flughafen Düsseldorf International und Rhein-Main-Flughafen in Istanbul und Ankara verschoben, um die Antiregierungsproteste zu unterstützen und gegen Erdogan zu hetzen.
     
  16. vonderOder

    vonderOder Ehrenmitglied

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    Du meinst bestimmt wie anno 1953 und 1989 die "anti-sozialistischen Kräfte aus der BRD in die DDR eingeschleust wurden", um dem ersten sozialistischen Staate auf deutschem Boden den Garaus zu machen.
    Die damals protestierten, waren ja nach offizieller Meldung der DDR-Medien, auch alles Eingeschleuste und Aufgewiegelte.

    So werden sich immer staatliche Mitteilungen lesen, wenn die Regierenden in panischer Angst sind, ihre Pfründe dahinschwinden sehen und sie die Macht des Volkes fürchten müssen.
     
  17. Themis

    Themis Erleuchteter

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    Gilgamesh... bist Du es? Wie sehr ich diese Paranoia vermisst habe. Herrlich.

    Was ich an den Ereignissen in der Türkei sehr bemerkenswert finde ist, dass der Protest mittlerweile durch alle Schichten, Weltanschauungen und Ethnien geht - und zwar vereint!
    Es geht bei dem Protest nicht um Islam oder Atheismus, es geht nicht um Fundamentalismus oder Kemalismus.
    Es geht schlichtweg um Demokratie, um Entscheidungsprozesse, die nicht im Stile eines Autokraten gefällt werden. Darum, dass die Menscehn bei der Gestaltung ihres Landes teilhaben dürfen.
    Erdogan hat die Gewaltenteilung ausgehebelt, und das stinkt den Menschen - egal ob links, rechts, religiös oder areligiös.
    Deswegen bin ich überzeugt, dass dem Erdogan das ganze um die Ohren fliegen wird.
    Ich hoffe nur, dass er nicht so weit gehen wird und ein Bürgerkrieg beginnt, nur um seine Schäfchen ins trockene bringen zu können. Ironischerweise würde er sich dann genau so verhalten, wie er es dem Assad vorwirft.

    Es ist ja schon einige Male von "agents provocateurs" berichtet worden, die die Menschen aufwiegeln. Die Polizei hat dann die Legitimation zur massiven Reaktion.
    Sogar Fotos von Flaggenverbrennungen (in diesem Fall handelte es sich um eine alte Demonstration von PKK-Sympathisanten) sind in staatlichen Medien rumgegangen und als aktuelle Szenen präsentiert worden, nur um die Protestler in einem schlechten Licht darstehen zu lassen.
    Erdogan redet auch immer von "Wir" und "Die", droht, dass er 50% der Bevölkerung hinter sich stehen hat und diese nur schwer daran hindern könne, dass diese auf die Strasse stürmen, um die Türkei zu retten.

    Ich finde ja nicht alles schlecht, was die AKP in den letzten 10 Jahren gemacht hat (vieles aber schon), allerdings ist es jetzt an der Zeit, den Erdogan loszuwerden.
    Er sagt ja selbst, dass die Demokratie nur eine Strassenbahn für ihn wäre und er an der Zielhaltestelle aussteigen würde.
    Es ist an der Zeit, dass die Strassenbahn ohne Erdogan weiterfährt.

    Übrigens... was die Paranoia mit den ausländischen Kräften betrifft:
    Obama ist relativ ruhig, Kritik kommt vielmehr von den Rebublikanern:
    Turkey protests mark a democracy request, US Senator McCain says
     
  18. Themis

    Themis Erleuchteter

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    Auch gut.
    Leider sind viele Interviews auf türkisch und ohne Untertitel, aber die Bilder sind auch so aussagekräftig.
    Istanbul Rising
     
  19. jones

    jones Erleuchteter

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    Wo steht denn eigentlich das Militär bei dem Geschehen?