Wird unsere Gesellschaft immer denunzianter?

Bloody2k

Meister
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Hey Leutz,
der Zeitgeist einer Gesellschaft ist einem permanenten Wandel unterlegen.
Dinge die vor 5o Jahren noch einen Tabubruch darstellten sind heute eine
Selbstverständlichkeit.

Langsam plagt mich das Gefühl, dass unsere Gesellschaft immer denun-
zianter erscheint. Vielleicht geht es mir aber auch nur subjektiv so.

Vielleicht ist dieses Denunziantentum, genau wie die Volkskrankheiten
Burnout und Co., auch nur eine Folge des derzeitgen Zeitgeistes. Es ist
"IN" eine Führungspostition zu haben, ganz gleich welche Folgen das für
die eigene Gesundheit und für die Familie hat, und erst Recht mit welchen
Mitteln man das erreicht. Oftmals geht es gar nicht mehr darum seinen Job
gut zu machen, sondern nur beim Vorgesetzten zu punkten. In den meisten
Fällen machen diese Leute ihren Job sogar viel schlechter. :don:

Vieles erscheint mir zumindest so, als wenn viele darauf abzielen anderen
Fehler nachzuweisen oder zu unterstellen um sich selbst damit größer zu
machen. Da kann es schon mal sein, dass wir GAUK nur wollen, wenn er
gefälligst auch seine Lebenspartnerin heiratet. Oder ein Polzeikalender in
dem Klischees bedient werden streng verurteilen. Die Raucher am liebsten
aus der Öffentlichkeit verbannen oder am besten als kriminell einstufen,
als gefährliche Körperverletzer! Wir alle zeigen nur vermessen auf Andere, auf den Bundespräsidenten...wir sollten Menschen nicht immer an
dem messen, was Maschinen besser können. Nämlich keine Fehler zu
machen.

Es geht mir nicht darum Fehler zu rechtfertigen oder gar was unser EX
Bundespräsident gemacht hat. Aber die Art und weise wie damit vielerorts
umgegangen wird ist für mich nicht nachvollziehbar.
 

SentByGod

Ehrenmitglied
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Vor langer Zeit soll mal einer gesagt haben:

Den Splitter, der im Auge deines Bruders ist, den siehst du;
aber den Balken, der in deinem Auge ist, den siehst du nicht.
Wenn du den Balken aus deinem Auge gezogen hast,
dann wirst du klar genug sehen;
um den Splitter aus dem Auge deines Bruders zu ziehen.

Entertainment, Convenience und die Gier nach Voyeurismus tragen ihr übriges dazu, dass das ICH einen höheren Stellenwert genießt als das DU oder WIR.
 

InsularMind

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Wenn ich das so mitverfolge, fällt mir wohl auf, dass es so etwas wie Mittel der Gegenwehr für Jedermensch geworden ist, die Fasern und Fäden hervorzukramen, mit denen man andere verdächtigen, verunsichern, lahmlegen oder auch nur in der Rechtmäßigkeit ihrer Ideale, Loyalität oder des Handelns in Frage stellen kann. Dabei ist noch nicht mal wichtig, ob es überhaupt einen Grund dafür gibt, sich gegen etwas wehren zu müssen, oder ob das auch nur zeitgeistinduiziertes Wähnen ist, dem man dabei Taten folgen lässt. Es deutet darauf hin, dass es kein Vertrauen mehr in die Aussagen und Beteuerungen von zum Beispiel Amtsinhabern mehr gibt, oder so, wie ich das zu sehen wage, ein vergrößerter Vertrauensverlust über die bekannt gewordenen und weitum verbreiteten Fälle zustande kam, der jetzt vielfach übertragen oder vorausgesetzt wird, als "Wahrscheinlichkeitseinschätzung" von vielen Leuten gesehen werden will. Mithin eben auch in Bereichen, wo es gar nicht hingehört.
Ich verstehe es als Versuch, ein gewisses Macht- oder Kontroll-Instrument von unten nach oben anzusetzen, indem man die scheinbare Unangreifbarkeit aushebelt, welche uns über Menschen in hohen Positionen und Ämtern vermittelt wird. Einem hochgebildeten Juristen kann fast keiner an den Karren pinkeln, selbst wenn Derjenige sich zweifelhaft gegenüber seinem Eid aufführte -- aber wenn man Betrügereien in seiner Doktorarbeit aufdeckt, und einen Skandal hervorruft, dann kann man ihn gar zu Fall bringen. Diese positiv -- und oft zu Recht -- verlaufenen Denunzianten-Taten spornen natürlich auch in anderen Menschen die Idee an, aha, da kann man ja doch irgendwas tun. Und 3 Gedankenzüge übersprungen von vornherein annehmen, dass all diese Amtspersonen ja klar, natürlich ihre Diploma und Promovierungen, Habilierungen entsprechend frisiert haben werden.

Ich denke also, das hängt mit dem wachsenden Misstrauen zusammen, und damit, dass sichtbar gewordene Unehrlichkeit im Amt einen Schädigungs-Schatten auf artverwandte Ämter geworfen hat, eine gewisse pauschalisierende Sichtweise weitere und weitere Kreise von Hobby-Investigatoren und Inquisitoren nach sich zieht, die bei allerlei Positionen schon versuchen, die Geschichte der Bewerber auf Fehler und Unehrlichkeiten durchzusuchen, auf irgend eine Achilles-Ferse zu testen, die man nach Möglichkeit durchschneiden könnte. Wenn das zu weit geht, kann es natürlich auch dazu führen, dass es mehr Beschäftigung um das Besetzen von Ämtern mit dafür geeigneten Personen geben wird, als uns lieb sein kann. So wird eine Person wie Herr Gauk vielleicht nach Fehlern, Geistern und Tücken auf das Penibelste durchleuchtet, die es gar nicht geben muss, und noch bevor er eine rechte Chance bekommen hat zu zeigen, was er in seinem Amt leisten kann.

Für die weniger differenziert denkenden Mitbürger ist dieses Verhalten vielleicht auch eine Art "wie du mir, so ich dir"-Verhalten, das ein ausgleichendes Bewusstsein bestärkt, und das Gefühl, nicht vollkommen dem Bürokratenwahn und den Amtsschimmeln ausgeliefert zu sein. Für manche vielleicht auch eine Art Trick, Leuten, die sie daran schuldig sprechen, dass es ihnen so dreckig geht, auch mal eine reinwürgen zu können.
 

Telepathetic

Großmeister
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Ich glaube eigentlich nicht daran, dass unsere Gesellschaft denunzianter geworden ist. Die Zahl der Menschen, die ihre Meinung in der Öffentlichkeit aussprechen, ist größer geworden. Und obwohl immer und überall alle Leute von den anderen Leuten sprechen und die anderen Leute dabei immer schlecht wegkommen (z.B. "die Leute heute werden immer dümmer", "ich bin nicht so wie die meisten Leute", "die Leute denken einfach nicht nach" usw.), denke ich, dass die Leute eben nicht blöd sind, sondern recht genau mitbekommen, wenn sie verschaukelt werden. Man muß ja nicht Psychologie studiert haben, um das Verhältnis von Worten und Taten einer Person richtig einschätzen zu können. Man muß nicht einmal das Gymnasium besucht haben. Ich beweifle sogar, dass überhaupt ein Schulbesuch nötig ist, um das Verhalten anderer (mit der Zeit) zu durchschauen.

Dass immer mehr Menschen ihre Meinung aussprechen, halte ich für sehr gut, denn nur so kann Nähe entstehen, nur so können Gedanken, die sich auf die eigenen Bedürfnisse beziehen, geäußert werden und nur so kann evtl. das eigene Glück gefunden werden. Nur über sprachliche Äußerungen kann Verhalten besprochen werden. Vieles hat sich durch den Einfluß redegewandter Menschen verändert. Einst als von Gott vorherbestimmte oder durch die angeblich unveränderlich seiende menschliche Natur gegebenen soziale Konstellationen sind als falsch erkannt worden.

An die Atomisierung der Gesellschaft mag ich eigentlich auch gar nicht wirklich glauben. Ich mag eher an eine Neujustierung innerhalb der Gesellschaft denken. Man z.B. muß nicht mehr in die Kirche gehen und man muß auch nicht mehr an privaten Beziehungen trotz hohen Schadfaktors festhalten, während man gleichzeitig den Mitmenschen eine perfekte Beziehung vorspielt.

Die medialen Einflüße sind durch die Masse der erhältlichen Medien gigantisch geworden. Von Lenkung sehe ich auch nicht viel, da niemand gezwungen wird, ein bestimmtes Programm zu verfolgen. Das Menschen dennoch gerne Sätze quasi papageienhaft nachreden, muß nicht unbedingt schlecht sein.
 

Telepathetic

Großmeister
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Ich glaube, dieser Artikel passt ganz gut hierher. Es geht in ihm auch um Eltern, die das Versagen ihrer Kinder auf das Versagen der Schule zurückführen und deswegen sogar Klage gegen Schulen führen.
 

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