Massenphänomene - wie steht ihr dazu?

gloeckle

Erleuchteter
Mitglied seit
20. Oktober 2002
Beiträge
1.015
Unter Intellektuellen gelten Massenaufläufe als verpöhnt, Wörter wie "Herdentrieb" und Vergleiche mit den (choreographierten) Treffen der Nazis werden gezogen.
Obwohl ich bei Weitem kein Freund gesichtsloser Selbstaufgabe bin bekomme ich bei Marschmusik oder dem Gesang der Nationalhymne aus tausenden Kehlen einen Gänsehaut.
Es ist wie mit der Liebe...als Physikalist kann ich sie nicht erklären und rational in den wenigsten Fällen nachvollziehen - doch fühle ich sie. C-Faser-Reizungen und Qualia.

Weil ich wie die meisten von euch in der BRD aufgewachsen bin und meine Erziehung und Prägung durch Gesellschaft und Medien diese Art von aufkommendem Zusammengehörigkeitsgefühl zumindest als zweifelhat darstellt, will ich mir darüber Klarheit verschaffen. Woran liegt der Effekt?
Möchte ich die Last meines Lebens auf mehrere Schultern verteilen, mich Eins fühlen mit der Masse, eintauchen und untergehen? Ist das typisch menschlich?

Was spräche gegen einen Eine-Welt-Tag, an dem zu einem Zeitpunkt alle Menschen der Erde in ein Lied einstimmen und ihr Dasein und das Sein im Allgemeinen feiern? Wäre da ein Gänsehautmarsch auch Anlass für intellektuelle Interventionen?

Wer sich ein Bild dieser gemeinten Musik machen möchte - http://youtube.com/watch?v=rU8fK7PV_c0

aber auch http://www.break.com/index/singer-amazes-crowd.html

Und: hat jmd. "Gustav LeBon - die Psychologie der Massen" gelesen?
 

Booth

Erleuchteter
Mitglied seit
19. Oktober 2003
Beiträge
1.951
Ich bin davon ziemlich überzeugt, daß das Hirn deutlich anders funktioniert, wenn man Teil einer Menschenmasse ist. Es arbeitet quasi in einem anderen Modus.

Es ist durchaus möglich, den Modus während einer solchen Situation zu ändern - da habe ich immer wieder ma ganz bewusst versucht, und es hat oft geklappt. Sobald man den Modus verlässt, sind aber auch die Gefühle und die Wahrnehmung völlig anders.

Mich würde sehr interessieren, wie die Gehirne von personen in einer Menschenmasse aus neurologischer Sicht funktionieren und ob es Ähnlichkeiten zu anderen Situationen gibt, wie z.b. einem Drogenrausch oder dem Sex.

Prinzipiell halte ich jedoch wenig von dem Versuch, solche Massenveranstaltungen zu "Veranstaltungen des Lebens" zu machen. Aus meienr Sicht appelieren Massenveranstaltungen tatsächlich an tieferen (ich meine damit nicht "niederen") Systemen im Hirn. Es werden dadurch andere Systeme ziemlich weit runtergefahren und meines Erachtens eben insbesondere die Selbswahrnehmung und Kritikfähigkeit.

Meines Erachtens kann ein "gefühlter" Humanismus nicht wirklich funktionieren, und sei es er würde durch ein weltweites Lied versucht zu etablieren. Meines Erachtens ist Humanismus etwas rationales und ziemlich abstraktes. Dazu müssen gerade die kognitiven Fähigkeiten rattern, die zur Abstraktion fähig sind - und genau die werden meines Erachtens in Gruppenerlebnissen runtergefahren.

gruß
Booth
 

the_midget

Erleuchteter
Mitglied seit
28. Juni 2004
Beiträge
1.878
Ich habe ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Menschenmassen.

Einerseits kann ich die Faszination, die darin liegt sehr gut nachvollziehen.
Auch ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich z.B. große Konzerte im Fernsehen sehe und das Publikum scheinbar unisono mitsingt, jubelt usw.

Andererseits überfällt mich ein Unbehagen, wenn ich selbst Teil einer solchen Masse bin.

Das faszinierende daran liegt wohl in der Kraft und Stärke, die dabei aufgebaut wird. Dabei denke ich sowohl an die emotionale Intensität als auch an die objektive Macht, die von einem Mob ausgehen kann, einfach aufgrund der physischen Überlegenheit gegenüber allen die nicht Teil des Mobs sind.

Das beängstigende daran ist zum Beispiel die Unkontrollierbarkeit und die geschrumpfte Bedeutsamkeit des Einzelnen in der Masse. Als Teil einer Masse ist man dieser Masse ausgeliefert, man selbst hat kaum Einflussmöglichkeiten das Geschehen zu Beeinflussen, man ist quasi gezwungen mit zu gehen. Die Masse reflektiert nicht, sie reagiert nur noch.
Als Teil der Masse gibt man quasi seine Individualität auf.

In diesem "vereint sein" liegt sowohl ein regressiver als auch ein progressiver Moment.

Regressiv insofern, als das höhere kognitive Funktionen ausgeschaltet bzw. unbedeutend werden. Der Einzelne in der Masse reagiert nicht bewusst, reflektiert, rational sondern emotional. Das emotionale Spektrum reicht dabei von der Panik bis zu Euphorie. Bei einer solchen Degradierung des Intellekts ist es nicht verwunderlich, wenn Intellektuelle davon nicht viel halten. Für Leute wie mich, die zudem ein Problem damit haben, Kontrolle über sich aufzugeben ist so ein Vorgang natürlich beängstigend. Zudem wird hier das Ideal des Menschen als mündiges, selbstreflektierendes, selbstbestimmtes Individuum ausser Kraft gesetzt - ein weiterer Grund warum Intellektuelle wohl ein Problem mit der Masse haben.

Das progressive Element liegt wiederum gerade in der Vereinheitlichung oder um es positiver zu formulieren in der Synthese. Sigmund Freud verstand die Libido als ein grundlegendes Prinzip des Lebens. Das Streben nach Verschmelzung, nach eins werden, nach Wachstum im Gegensatz zum Destrudo als Prinzip der Teilung und Zerstörung. Der Mensch scheint ein grundlegens Bedürfnis nach Gemeinsamkeit zu haben, danach sich als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen und zu erleben. Dies ist eine wichtige Vorausetzung für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und damit zur Erreichung des Ideals des selbstbestimmten, mündigen Individuums. Allerdings nur wenn diese Einheit prinzipiell überwindbar und selbstgewählt ist. Ich denke das dieses Streben definitiv auch anthropologisch bedingt ist, also in der Natur des Menschen liegt. Der Mensch als soziales Wesen hat sich schon immer verbündet und organisiert. Sei es in hochkomplexen Gebilden wie das einer Staatsgemeinschaft oder in vergleichsweise simplen Organisationsformen wie die einer Stammesgesellschaft.

Paradoxerweise bedeutet so ein Gemeinschaftsgefühl jedoch zugleich ein sich abwenden von anderen Gemeinschaften. Wenn ich mich als zugehörig zu einer bestimmten Gruppe definiere, lege ich damit zugleich fest, dass ich zu anderen Gruppen nicht gehöre. Das "Wir" stellt sich gegen die "Anderen" - das progressive Moment wird im freudschen Sinne wieder zu einer Regression, ein sich abwenden, eine Teilung mit hohem Konflikt- und Zerstörungspotential.

Dies kann dann zu solchen Katastrophen führen wie der Genozid in Ruanda
oder zur Überwindung der Teilung eines ganzen Volkes wie beim Zusammenbruch der DDR (ich weiss das dies Aussage nicht ganz unproblematisch und grob vereinfacht ist, zur Verdeutlichung meiner Argumentation finde ich sie aber gut genug) - und das ohne Blutvergiessen.


midget
 

Gilgamesh

Ehrenmitglied
Mitglied seit
24. Juni 2003
Beiträge
2.747
Ich habe da eine eigene Theorie für solches Massenverhalten:

Die Grundidee meine Theorie basiert auf den Gedanken, dass der menschliche Organismus immer stets bemüht ist, Energie zu sparen.
Das menschliche Gehirn verschlingt eine Menge Engergie für seine Größe und wenn der Mensch für sich alleine gestellt ist, ist sein Gehirn voll aktiv. Ist er jedoch mitglied einer Masse, so kann das Gehirn viele Regionen ausschalten, um eben diese Energie zu sparen.

Das Denkbewustsein folgt einem Kollektivbewustsein, wo individuelle Prozesse fast gänzlich kollektiv einheitlichen Musterprozessen weichen.

Das Ganze hat sich sicherlich evolutionsbiologisch aus seinem Heerdentier-Dasein gebildet, wo die Gruppe dem Individuum viele Denkprozesse abgenommen hat, wie die Überwchung und Kontrolle seiner Umgebung, Denkprozesse zur Richtungswahl beim Trieb usw.
Diese Eigenschaften haben sicher zu einem Überlebensvorteil geführt und deswegen brechen diese Eigenarten heute noch durch.

Das Überleben in einer Heerde ist eben ganz leicht und benötigt kaum Denkprozesse. Die einzige Regel lautet wohl: Folge der Heerde und ahme sie nach!
 

DrJones

Ehrenmitglied
Mitglied seit
21. Mai 2002
Beiträge
2.172
Also ich glaube das jeder den Drang
hat Teil einer Herde zu sein, im weitesten Sinne.
Also die Nationalhymne zu singen würde mir jetzt kein euphorisches
Gefühl verpassen, da ich mit dem Inhalt wenig anfangen kann...

Aber ich hab jetzt Gott sei Dank meine Karte fürs Wacken Open Air.
Freu mich schon total mit 40000 anderen Leuten vor der Bühne zu stehen
und unseren Bands zu lauschen :D

Ich denke es ist für das Hirn/Psyche eine Art Urlaub mal 'Gleicher
unter Gleichen' zu sein. Mal nicht herauszustechen.
Und das ist im Prinzip das genaue Gegenteil was man täglich
von den Medien vorgesetzt kriegt. Individualismus durch Klamotten,
Accessoires und Klingeltöne mit denen man sich von anderen unterscheiden
kann/ soll/ muss.
 

Darwins_Law

Lehrling
Mitglied seit
7. September 2006
Beiträge
33
Ersetzt doch einfach mal das Deutschland in "Wir sind Deutschland" mit Menschen zu "Wir sind Menschen" !

Leben wir nicht als eine Menschenmasse auf dieser Erde ?

Oder grenzen wir uns absichtlich von anderen Menschen ab damit wir sagen können die von denen wir uns abgrenzen seien keine Menschen bzw "Untermenschen"

Individualität .....kerzerisch wäre es sicher interesant mal zu untersuchen ob sie der Schlüssel für Krieg, Umweltzerstörung etc ist .
Auch wenn ich diese These persönlich nicht vertrete aber sie kam mir beim lesen eurer Beiträge über das gute Indivduelle und die bösen Masse.

vg
 
Oben