Der neue, "freie" Irak

osiris1806

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traurig aber wie wahr wie wahr.....

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Der neue, freie Irak
von Robert Fisk
Independent / ZNet 04.07.2004

In seinen letzten Stunden als amerikanischer Prokonsul in Bagdad beschloss Paul Bremer, einige der Gesetze, die seine Besatzungsverwaltung dem Irak auferlegt hat, zu verschärfen.

So entwarf er z. B. ein neues Gesetz, das es irakischen Autofahrern verbietet, mit nur einer Hand am Lenkrad zu fahren. Ein weiteres Dokument verkündete feierlich, dass es von nun an ein Verbrechen ist, wenn ein Iraker seine Hupe benutzt, obwohl er sich nicht in einer Notsituation befindet. Am gleichen Tag wurden nördlich von Bagdad drei amerikanische Soldaten von einer am Straßenrand versteckten Bombe in Stücke gerissen, und das war nur einer von über 60 Angriffen auf US-Soldaten im Laufe des Wochenendes. Und währenddessen sorgte sich Mr. Bremer über das Autofahrverhalten der Iraker.

Es wäre schwer, ein groteskeres – und beunruhigenderes – Beispiel für Mr. Bremers Versagen zu finden, für seine hoffnungslose Unfähigkeit, das Debakel, das er und seine inkompetente Besatzungsverwaltung über den Irak gebracht haben, auch nur ansatzweise zu verstehen. Die alte „Zivilverwaltung“ – jetzt auf wunderbare Weise in die US-amerikanische Botschaft mit 3000 Mitarbeitern verwandelt – hatte nicht den geringsten Bezug zu den Menschen im Irak. Sie hätte sich genauso gut auf dem Mond befinden können. Seinen letzten Starauftritt hatte Mr. Bremer, als er Bagdad in einem US-Militärflugzeug verließ: Beschützt durch zwei von den USA bezahlte Söldner, die ihre Gewehre drohend auf die Fernsehteams richteten, bis sich die Kabinentür schloss. Und dabei war Mr. Bremer bekanntlich auf seinen Posten berufen worden, weil er als „Anti-Terrorismus“-Experte galt.

Die meisten Mitarbeiter der amerikanischen Zivilverwaltung, die sich aus Bagdad abgesetzt haben, tun jetzt genau das, was wir immer schon vermuteten: Nachdem sie mit ihrem Versuch fertig waren, dem „neuen“ Irak einen ideologischen US-Stempel aufzudrücken, haben sie sich nach Washington aufgemacht, um im Wahlkampf von Bush mitzuarbeiten. Aber die, die in der „internationalen Zone“ zurückgeblieben sind – wir müssen jetzt so tun, als wären sie keine Besatzungsverwaltung mehr – machen kein Geheimnis aus ihrer Verzweiflung. „Die Ideologie ist weg. Die Ambitionen sind weg. Wir haben keine Ziele mehr“, sagte einer von ihnen letzte Woche. „Wir leben von einem Tag auf den anderen. Wir versuchen jetzt nur noch, den Deckel auf dem Topf zu halten bis zum Januar 2005 [zu diesem Datum sollen die ersten irakischen Wahlen abgehalten werden]. Das ist unser einziges Ziel – Durchhalten bis nach den Wahlen – und dann nichts wie raus hier.“

Die Vorführung von Saddam Hussein vor einem „Gericht” in Bagdad letzte Woche – in einem seiner früheren Paläste – war der letzte Trumpf der Besatzer. Danach wird es keine „guten Nachrichten“ im Irak mehr geben, keine Tricks, keine weiteren Gefangennahmen, keine Erfolgsmeldungen mehr vor den Wahlen in den USA im November. Aber sogar das Gerichtsmelodram war symptomatisch dafür, wie wenig Macht der Westen wirklich bereit ist, an einen Irak zu übergeben, dem man letzte Woche angeblich die „volle Souveränität“ übertrug.

Weiterhin halten die Amerikaner Saddam gefangen – in Katar, nicht im Irak – und die Amerikaner blieben auch Herren des Verfahrens in dem Gericht, vor dem Saddam erschien. Die „Zivilisten“ im Gerichtssaal waren amerikanische Soldaten in zivil. Die Amerikaner zensierten die Aufnahmen von der Anhörung, setzten sich über den Wunsch des Richters hinweg, auch den Ton aufzunehmen, und behielten sich die Freigabe der Videobänder vor. Später konfiszierten drei amerikanische Offiziere alle Originalaufnahmen der Verhandlung. Einer der betroffenen Reporter sagte hinterher: „Das letzte Mal ist mir so etwas passiert, als die Iraker mir in Basra während des Golfkriegs 1991 meine Aufnahmen abnahmen.“

Aber der Show-Prozess gegen Saddam – der natürlich keinen Verteidiger hatte - wird nicht nur ungeschickt gehandhabt. Denn sollte er in der Zukunft jemals eine faire Verhandlung bekommen, wurde durch die Manipulation der Videobänder letzte Woche ein Präzedenzfall geschaffen. Denn jetzt kann er wieder „zum Schweigen gebracht“ werden – wenn er zum Beispiel vom Drehbuch abweicht und anfängt, dem Gericht über seine engen Beziehungen zu den USA zu berichten statt über seine nicht-existenten Verbindungen zu al-Qaida.

Die amerikanische Besatzung geht in vieler Hinsicht weiter. Die 146.000 US-Soldaten sind weiterhin unübersehbar im Irak, ihre Panzer bewachen die amerikanische „Botschaft“, ihre gepanzerten Fahrzeuge beherrschen das Straßenbild in Bagdad, ihre Konvois rollen über die Landstraßen – und gelegentlich explodieren sie auch. Die „neue“ und „souveräne“ Regierung kann ihnen nicht befehlen, das Land zu verlassen. Die Aufträge für den Wiederaufbau, die Mr. Bremer an US-Firmen vergab, stellen sicher, dass irakisches Geld weiterhin an amerikanische Firmen geht, was Naomi Klein in The Nation zutreffend als „Milliardenraub“ bezeichnete. Und Mr. Bremer hat es sogar geschafft, Gesetze zu erlassen, die die „neue“ und „souveräne“ Regierung nicht ändern darf.

Eines der tückischsten ist die Wiedereinsetzung des 1984 von Saddam erlassenen Gesetzes, das jeden Streik verbietet. Diese Dummheit verfolgte die Absicht, den Irakischen Gewerkschaftsbund mundtot zu machen. Dabei gehören die Gewerkschaften zu den wenigen säkularen Gruppierungen im Irak, die gegen die strenge Einhaltung der Religionsvorschriften und gegen den Fundamentalismus eintreten. Eine starke Gewerkschaftsbewegung könnte eine wichtige Basis für die Demokratie in einem neuen Irak werden. Aber nein, Mr. Bremer schützt lieber die Interessen des Großkapitals.

Und währenddessen wächst die Macht der Söldner. Die schwer bewaffneten Söldner von Firmen wie Blackwater schubsen die Iraker herum, die ihnen im Weg sind: Schon zweimal haben kurdische Journalisten eine von Bremers Pressekonferenzen verlassen, weil sie von diesen Männern bedroht wurden. In Bagdad wimmelt es von ausländischen Söldnern mit schweren Waffen, die Iraker auf der Straße anschreien und beschimpfen und sich in den schlecht verteidigten Hotels der Stadt betrinken. Für die einfachen Iraker verkörpern diese Männer alles, was falsch ist am Westen. Wir nennen sie „Vertragsarbeiter“, aber es häufen sich besorgniserregende Berichte, dass diese Söldner mit völliger Straffreiheit unschuldige Iraker erschießen. Das US-Militär und Diplomaten haben nun ein Verhältnis von 80 zu 20 für die Aufrechterhaltung der „Sicherheit“ festgesetzt – 80 irakische Söldner für 20 westliche.

Und selbst wenn Präsident Bush es vergessen kann: In der Erinnerung der Iraker lebt der Skandal von Abu Ghraib weiter und es wird eine Generation dauern, die von US-Soldaten begangenen Demütigungen aus dem Gedächtnis zu löschen. Eine linke Gruppierung in Bagdad behauptet, dass mehrere Frauen, die in dem Gefängnis angeblich von irakischen Polizisten vergewaltigt wurden, während die Amerikaner zusahen, von ihren Familien wegen ihrer „Schande“ getötet wurden.

Große Teile des Landes sind mittlerweile außerhalb jeder Kontrolle der Regierung – sogar der Amerikaner. Falludscha ist praktisch eine Volksrepublik und sogar in Bagdad herrscht Lynchjustiz. Letzten Monat wurde ein 20-jähriger Mann in den Slums von Sadr City in Bagdad durch die so genannte „Mahdi-Armee“ von Muktada al-Sadr öffentlich hingerichtet, weil er mit den Amerikanern „kollaboriert“ hatte. Verständlicherweise wagen es nur wenige Journalisten, Bagdad zu verlassen – sehr zur Freude des US-Militärs. „Sie haben all diese armen Menschen auf der Hochzeitsfeier in der Nähe der syrischen Grenze getötet und unsere Quellen im Militär haben uns gesagt, sie haben Scheiße gebaut“, beschwerte sich letzte Woche ein amerikanischer Korrespondent. „Dann behauptet [Brigadegeneral] Kimmitt, dass die Toten alle Terroristen waren und er weiß genau, dass wir nicht hinfahren können, um zu beweisen, dass das nicht stimmt.“

Wir dürfen nicht vergessen, dass Ijad Alawi, der neue Ministerpräsident, sowohl für den amerikanischen als auch für den britischen Geheimdienst arbeitete, und früher Mitglied der Baath-Partei war. Er hat sich sogar vor Journalisten gerühmt, während seiner Zeit im Exil Geld von 14 verschiedenen Geheimdiensten erhalten zu haben. Wie „frei“ der Irak nach Meinung Alawis auch sein mag, er wird sich nicht gegen seine amerikanischen Beschützer stellen – auch nicht gegen die finstere Gestalt von John Negroponte, dem neuen US-Botschafter, der wegen seiner Rolle in Honduras berüchtigt ist.

Ironischerweise liegt die einzige wirkliche Hoffnung für die neue Regierung darin, das zu tun, was die Mehrheit der Bevölkerung will: die Amerikaner aufzufordern, das Land zu verlassen. Aber natürlich kann Alawi das nicht tun. Seine „souveräne“ Regierung braucht die amerikanischen Truppen zum Schutz vor der eigenen Bevölkerung, die wiederum die amerikanischen Truppen nicht im Land haben will.

Und so brodelt es im Irak weiter, mindestens bis zu den Wahlen im Januar 2005: Von Zeit zu Zeit hebt sich der Deckel bedrohlich, um uns mit einem kleinen Ausblick auf die Zukunft zu erschrecken. Viele Iraker glauben, dass es einen neuen Diktator geben wird, einen „demokratisch gesinnten starken Mann“ (in den unheimlich klingenden Worten des amerikanischen Neokonservativen Daniel Pipes), der die Sicherheit bringen soll, die wir ihnen nicht gegeben haben.

Denn nach den Wahlen, wenn sie denn jemals stattfinden, werden wir mit der üblichen Selbstgerechtigkeit verkünden, dass uns keine Schuld mehr trifft, wenn im Irak etwas schief läuft. Wir haben die Iraker von Saddam befreit, werden wir sagen. Wir haben ihnen die „Demokratie“ gebracht – und seht euch an, was sie daraus gemacht haben.
 

samhain

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vielleicht bald eher wieder der alte irak- mit einem neuen hussein, der diesmal allawie heißt?

Geht die Willkürherrschaft weiter?

Der von der US-Regierung und dem Regierungsrat eingesetzte Ministerpräsident Allawi soll mit eigenen Händen sechs Aufständische erschossen haben, um vor den Polizisten seine Politik der Härte zu demonstrieren
http://www.heise.de/tp/deutsch/special/irak/17896/1.html
 

samhain

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die lage im irak spitzt sich mehr und mehr zu:

Der Irak explodiert
Sieht Blair nicht, dass das Land kurz vor der Explosion steht? Oder Bush?
ZNet

Sollen wir das sofort abbrechen und davon laufen?

USA in aussichtslose Städtekämpfe verstrickt – Auch ein Sieg gegen Muqtadas Miliz würde an der desaströsen Gesamtsituation nur wenig ändern
http://www.heise.de/tp/deutsch/special/irak/18059/1.html

heute wurde auf erlass der irakischen marionettenregierung, Al Jazeeras büro für vorerst einen monat geschlossen.

Aljazeera vows to cover Iraq despite closure
Al Jazeera
 

streicher

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Durch die Bomben der Alliierten sind tausende Iraker umgekommen, aber auch ebenfalls tausende Iraker durch den Terrorismus der Radikalen.

Außerdem werden die Iraker durch Entführungen von Banden terrorisiert:
Sie entführen Kinder und foltern ihre Opfer: Skrupellose Banden terrorisieren zunehmend die Iraker, für ein paar Tausend Dollar Lösegeld. Während das Kidnapping von Ausländern weltweit für Schlagzeilen sorgt, spielen sich die täglichen Entführungsdramen in irakischen Familien im Verborgenen ab.
Stilles Leiden in den Folterkellern der Terrorbanden
 

lavender_eyes

Geselle
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Das können die Amis besonders gut. Erst ein System unterstützen, das gerät dann außer Kontrolle. Dann startet man eine Invasion, welche ebenfalls nicht zu kontrollieren ist. Dann zieht man sich zurück und die Rüstungsindustrie ist wieder um einige Milliarden reicher.
Was im Irak allerdings nach dem Abzug der Amerikaner passiert, mag ich mir gar nicht ausmalen. Die verschiedenen Ethnien im Land ( vor allem Sunniten und Schiiten) werden sich noch erbitterte Kämpfe liefern und mittendrin al-Sadr. Alawi kann sich ohne US Unterstützung gar nicht auf seinem Posten halten, er ist vom Großteil der Bevölkerung einfach nicht gewollt. Wenn die USA zur Zeit der Wahlen allerdings noch anwesend sind könnte er diese "zufällig" gewinnnen. Übung darin hat Bush ja...
In Afghanistan herrscht übrigens das gleiche Bild. Die Amerikaner sind einfach nicht in der Lage ein solches Land unter Kontrolle zu halten. Die Taliban festigen wieder ihre Positionen und selbst im Amerikafreundlichen Pakistan gewinnen sie mehr und mehr an Einfluss.
Meiner Meinung nach ist im Pulverfass Naher und Mittlerer Osten das Ende der Lunte noch gar nicht erreicht. Der große Knall wird sicherlich bald folgen.
 

Don

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lavender_eyes schrieb:
In Afghanistan herrscht übrigens das gleiche Bild. Die Amerikaner sind einfach nicht in der Lage ein solches Land unter Kontrolle zu halten. Die Taliban festigen wieder ihre Positionen und selbst im Amerikafreundlichen Pakistan gewinnen sie mehr und mehr an Einfluss.
Meiner Meinung nach ist im Pulverfass Naher und Mittlerer Osten das Ende der Lunte noch gar nicht erreicht. Der große Knall wird sicherlich bald folgen.

Mal am Rand bemerkt, ein z w a n g s d e m o k r a t s i s i e r t e s Land kommt nicht auch Knopfdruck zum Stillstand; wenn nun einer hier Deutschland anführen möchte (als Beispiel) soll er bitte auch das U m f e l d des Landes (Nachbarstaaten etc) und deren Regierungen in Betracht ziehen..... . Warum wohl war der Wechsel von DDR zu BRD so einfach? Und warum kapiert Comboy George nicht das es im Irak oder in Afganistan eben nicht so laufen kann wie in Europa?


Arme Welt, arme Menschheit - wenn das eine Supermacht ist , dann macht Macht hirnlahm und verödet die die Synapsen die zum Transport der Reflexe und der Wahrnehmung dienen.......


mfg Don
 

indi-ffo

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das mit dem z w a n g s d e m o k r a t s i s i e r e n, das klappt nun wohl doch nicht ganz. wie denn auch?
so wie das jetzt läuft, da herrschte ja zu Saddam Husseins zeiten noch mehr 'demokratie' als jetzt unter den Besatzungsmächten.
ich weiß nicht ob den amerikanern schon irgendwie klargeworden ist, was sie mit dem überfall des Irak angerichtet haben und welchen stein sie losgetreten haben.

Wie sagte der Ex-CIA-Mitarbeiter und Professor für internationale Politik an der Columbia-Universität Dr. Robert Jervis in einem Interview:
„Der Irak wird sicher in den nächsten Jahren nicht zu einer richtiggehenden Demokratie werden. Selbst wenn die Besatzung optimal ausgeführt worden wäre, bezweifle ich, dass dieses Ergebnis erreicht hätte werden können. Entgegen den Behauptungen von Bush und seinen Kollegen ist Demokratie schwer zu erreichen und aufrechtzuerhalten. Der Irak war kein geeigneter Kandidat hierfür, er hat kaum demokratische Traditionen, keine demokratischen Führungspersönlichkeiten, wenig Erfahrung mit Toleranz und Kompromiss und tief gehende religiöse und ethnische Differenzen. Dazu kommt, dass Demokratie mit den Besatzungsmächten in Verbindung gebracht wurde – kein günstiges Vorzeichen.
Das beste mögliche Ergebnis wäre nun eine wenn auch nicht demokratische, so doch gutwillige Regierung, die einer Volksbeteiligung wenigstens etwas Spielraum lässt. Aber auch das ist nicht wahrscheinlich. Amerikanische und britische Truppen können einen Bürgerkrieg verhindern, aber sie können nicht die rivalisierenden Gruppen und Fraktionen zusammenbringen. Wenn sie abziehen, kann es zu einem Bürgerkrieg kommen. Dieser Umstand könnte sich aber auch als hilfreich erweisen: Die Führer und Gruppen im Irak wissen, dass ein Bürgerkrieg droht, und ich gehe davon aus, dass beinahe alle das vermeiden möchten. Dadurch werden Kompromisse zumindest möglich.
Die Ironie liegt darin, dass ein demokratischer Irak sicher zutiefst antiamerikanisch wäre.“

aber eigentlich ist ja das was Amerika alls Demokratie in der welt verbreitet eingetroffen - Raub, Mord und Totschlag.
 

HassanISabbah

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Eine Verfassung, die den normalen Irakern nichts bedeutet
von Robert Fisk
The Independent / ZNet 15.08.2005
Dabei ist jedem klar, um was es bei der neuen Verfassung eigentlich geht, nämlich um die Frage, ob sie den drei wichtigsten Gruppen im Irak - Schiiten, Sunniten und Kurden - einen eigenen föderalen Staat zugestehen wird. Falls ja, wird der Irak dann auseinanderbrechen? Natürlich sind die Sunniten gegen die Spaltung ihres Landes. Die Sunniten sind die einzige der drei Gruppen, auf deren Gebiet es kein Öl gibt. Für die Amerikaner und den übrigen Westen (die immer noch behaupten, der Irak wurde für die “Demokratie” befreit) würde eine Spaltung des Landes zunächst einmal bedeuten, dass man seine Öldeals mit zwei geschwächten Entitäten abschließen kann - anstatt mit einer potentiell einigen irakischen Nation.
Siegen die USA?
von Robert Fisk
The Independent / ZNet 14.08.2005
Yassin al-Sammerai hatte weniger Glück. Am 14. Juli wollte der Zweitklässler bei zwei Schulfreunden übernachten. Bagdad ist eine Stadt ohne Elektrizität - im heißesten Monat des Jahres. Also beschlossen die Drei, im vorderen Teil des Gartens zu schlafen. Aber lassen wir Yassins gebrochenen Vater Selim (65) die Geschichte erzählen. Er ist der Einzige, der immer noch nicht begreift, dass sein Sohn tot ist. Und er kann nicht fassen, was die Amerikaner sagten, nachdem es passiert war.
“Um halb Vier Uhr morgens schliefen sie alle - Yassin und seine Freunde Fahed und Walid Khaled. Draußen war eine Patrouille der Amerikaner unterwegs. Plötzlich preschte ein Bradley-Panzerwagen durch das (Garten-)Tor und durch die Mauer und überfuhr Yassin. Sie können sich vorstellen, wie schwer so ein Ding ist. Er war sofort tot. Den Amerikanern war gar nicht klar, was sie getan hatten. 17 Minuten lag er zerschmettert unter ihrem Fahrzeug. Um Khaled, die Mutter seiner Freunde, schrie immerzu auf Arabisch: “Unter dem Fahrzeug liegt ein Junge!”
http://www.zmag.de/artikel.php?id=1525&PHPSESSID=7386944b3a540c74d76ffc95d9920e45
 

hives

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Scheitert die Demokratisierung des Irak?
Feldzug: Neue Zweifel über die tatsächlichen Absichten der US-Regierung im Zweistromland.
Von Thomas Frankenfeld

Hamburg/London -
Falls die Demokratisierung des Irak das vorrangige Ziel amerikanischer Politik gewesen sei, so urteilt die Londoner "Times", so befinde sich diese Politik am Rande des Zusammenbruchs. Am selben Tag ließ die "Washington Post" mit der Meldung, die Regierung von George W. Bush strebe eine modellhafte Demokratie im Zweistromland gar nicht mehr an, eine Bombe platzen. Das renommierte Blatt schrieb unter Berufung auf Regierungsvertreter, man verabschiede sich von unrealistischen Erwartungen, die die US-Politik zu Beginn der Irak-Invasion dominiert hätten.
http://www.abendblatt.de/daten/2005/08/15/470698.html
 

samhain

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US-Soldaten nehmen fünf kleine Kinder gefangen

Amerikanische Truppen haben nach Polizeiangaben am Dienstag in der nordirakischen Stadt Bedschi fünf kleine Kinder gefangen genommen.

Ein hochrangiger Polizeioffizier sagte in Bedschi, die Soldaten hätten per Megafon erklärt, sie würden die Kinder im Alter unter zehn Jahren erst freilassen, wenn die Einwohner der 180 Kilometer nördlich von Bagdad gelegenen Stadt mehrere andere Kinder auslieferten...
quelle

die anderen kinder sollen uniformen toter US-soldaten geschwenkt haben, wofür ihnen jetzt was droht...?
 

samhain

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soviel zur angeblichen souveränität des iraks:

Empörung über britische Kommando-Aktion in Basra

Basra/London. AP/baz. Eine britische Militäraktion zur Befreiung von zwei Soldaten in Basra hat bei den irakischen Behörden Empörung ausgelöst. Mit dem Einsatz von Panzern stürmten britische Soldaten am Montagabend das Zentralgefängnis der südirakischen Stadt und befreiten die dort festgehaltenen Soldaten. Sie sollen auf zwei irakische Polizisten geschossen haben, von denen einer später starb.

«Barbarisch, primitiv, unverantwortlich»

Der irakische Gouverneur Mohammed al Waili sagte, die Briten hätten bei dem Angriff auf das Gefängnis zehn gepanzerte Fahrzeuge und Hubschrauber eingesetzt. Er sprach von einem «barbarischen, primitiven und unverantwortlichen» Akt. Ein Augenzeuge, der irakische Kameramann Akuil Dschabbar, berichtete, bei dem Sturmangriff auf das Gefängnis seien auch etwa 150 irakische Häftlinge geflohen. Mindestens vier Menschen kamen ums Leben, drei britische Soldaten sollen verletzt worden sein...
baz

sehr merkwürdig- die beiden soldaten waren wohl in zivil (in arabischer kleidung)...

...The latest violence in the oil city of Basra, 340 miles south of the capital, began early Monday when local authorities reported arresting the two Britons, described as special forces commandos dressed in Arab clothing, for allegedly shooting two Iraqi policemen, one of whom died.
http://www.foxnews.com/story/0,2933,169841,00.html


...und dazu angeblich noch mit sprengstoff und fernauslöser bestückt...

The two Britons that were arrested had in their possession explosives and remote-control devices, as well as light and medium weapons and other accessories.
http://www.juancole.com/

Auch wenn diese Erklärung sicherlich mit einer gewissen Skepsis zu betrachten ist, so deckt sich die Beschreibung doch mit den bisherigen Berichten des Vorfalls. Sollten die beiden in ziviler Kleidung getarnten Soldaten - auch dies bereits wieder ein Bruch der Genfer Konventionen - tatsächlich Sprengstoff und Fernauslöser bei sich gehabt haben, so wäre dies zweifellos der entscheidende Beweis für die seitens des irakischen Widerstands immer wieder vorgebrachten Vorwürfe, die Besatzer selbst würden Bomben gegen die irakische Bevölkerung legen.
Das Recht des Stärkeren
Briten geben Gefangenenbefreiung zu
 

forcemagick

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stellt sich die frage... welches interesse könnte man haben an einem irakischen bürgerkrieg ( denn genau das würde ein solches verhalten ja fördern ) ....
man besetzt den irak, schafft es nicht sich als befreier feiern zu lassen, wird nach wie vor massiv bekämpft und verübt dann attentate um einen bürgerkrieg zwischen zwei bevölkerungsgruppen zu provozieren, was dann dazu führt, dass man selbst aus der schusslinie gerät? gleichzeitigt entlässt man den irak zunehmend in die eigentständigkeit, fördert die bildung eigener irakischer sicherheitskräfte, die dann im bürgerkrieg den kopf hinhalten müssen.... eine art kontrolliertes abfackeln der revolutionären kräfte im land... der widerstand soll sich selbst ausbrennen....


doch gerät man damit wirklich aus der schusslinie oder schafft man sich schlicht nur eine noch verwirrendere und gerfährlichere situation... wie kontrollierbar ist sowas?
kann es also wirklich sein, dass die beastzer den bürgerkrieg im irak sellbst initieren?
 

samhain

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es gibt ja schon länger vermutungen, das die spaltung des iraks, das ein bürgerkrieg von den besatzern ganz bewusst forciert wird.

...In the timely and thorough analysis Al-Qaeda and the Iraqi Resistance Movement, Chossudovsky asks: "Has the US [and Britain] created as part of a covert intelligence operation, a bogus ‘resistance movement’ made up of its own Al Qaeda sponsored ‘terrorists’? Their suicide attacks target Iraqi civilians rather than the US military. The suicide bombings tend to encourage sectarian divisions not only within Iraq, but throughout the entire Middle East. They serve Washington's interests. They contribute to undermining the development of a broader resistance movement uniting Shia, Sunni, Kurds and Christians against the illegal occupation of the Iraqi homeland. They also tend to create, at the international level, divisions within the antiwar and peace movements."

The answer to the question, emphatically underscored by the British prison break, is yes.

A manufactured and guided "terrorism", including suicide bombings set up by Western forces, and blamed on "terrorists" (Zarqawi, etc.), and "real" blowback violence (anti-occupation resistance)---fomented by the West, for geostrategic purposes.
British prison break and blown covert operation, exposes "war on terrorism" lie

man denke auch an das phantom Zarqawi:

...One member of the Iraqi National Assembly. Fatah al-Sheikh, stated, “It seems that the American forces are trying to escalate the situation in order to make the Iraqi people suffer…. There is a huge campaign for the agents of the foreign occupation to enter and plant hatred between the sons of the Iraqi people, and spread rumors in order to scare the one from the other. The occupiers are trying to start religious incitement and if it does not happen, then they will try to start an internal Shiite incitement.”
Al-Sheikh’s feelings are shared by a great many Iraqis. They can see that everything the US has done, from the forming a government made up predominantly of Shi’ites and Kurds, to creating a constitution that allows the breaking up to the country (federalism), to using the Peshmerga and Badr militia in their attacks on Sunni cities, to building an Interior Ministry entirely comprised of Shi’ites, suggests that the Pentagon’s strategy is to fuel the sectarian divisions that will lead to civil war. Al-Zarqawi is an integral facet of this broader plan. Rumsfeld has cast the Jordanian as the agent-provocateur; the driving force behind religious partition and antagonism.
But, al-Zarqawi has nothing to gain by killing innocent civilians, and everything to lose. If he does actually operate in Iraq, he needs logistical supporting all his movements; including help with safe-houses, assistants, and the assurance of invisibility in the community. (“The ocean in which he swims”) These would disappear instantly if he recklessly killed and maimed innocent women and children.

Last week the Imam of Baghdad’s al-Kazimeya mosque, Jawad al-Kalesi said, that “al-Zarqawi is dead but Washington continues to use him as a bogeyman to justify a prolonged military occupation….He’s simply an invention by the occupiers to divide the people.” Al-Kalesi added that al-Zarqawi was killed in the beginning of the war in the Kurdish north and that “His family in Jordan even held a ceremony after his death.” (AFP)

Most Iraqis probably agree with al-Kalesi, but that hasn’t deterred the Pentagon from continuing with the charade. This is understandable given that al-Zarqawi is the last tattered justification for the initial invasion. It’s doubtful that the Pentagon will ditch their final threadbare apology for the war. But the reality is vastly different from the spin coming from the military. In fact, foreign fighters play a very small role in Iraq with or without al-Zarqawi. As the Center for Strategic and International Studies (CSIS) revealed this week in their report, “Analysts and government officials in the US and Iraq overstated the size of the foreign element in the Iraqi insurgency…… Iraqi fighters made up less than 10% of the armed groups’ ranks, perhaps, even half of that.” The report poignantly notes that most of the foreign fighters were not previously militants at all, but were motivated by, “revulsion at the idea of an Arab land being occupied by a non-Arab country.”...
Who's Blowing up Iraq?

sie haben ihre eigenen special forces, die in ihrem sinne agieren und sie haben aber auch schon vor dem irakkrieg terroristische zellen mitaufgebaut und unterstützt, wie kürzlich in der washington post zu lesen war:

...Before the war in Iraq began, the CIA recruited and trained an Iraqi paramilitary group, code-named the Scorpions, to foment rebellion, conduct sabotage, and help CIA paramilitaries who entered Baghdad and other cities target buildings and individuals, according to three current and former intelligence officials with knowledge of the unit.

...After Baghdad fell, the CIA used the Scorpions to try to infiltrate the insurgency, to help out in interrogations, and, from time to time, to do "the dirty work," as one intelligence official put it.

...CIA control over the unit became weaker as chaos grew in Iraq. "Even
though they were set up by us, they weren't well supervised," said an
intelligence official.
washingtonpost

neu ist das alles nicht- schon in afghanistan haben die USA die taliban im kampf gegen die sowjetunion unterstützt:

...Brzezinski bestätigte in diesem Interview das im Januar 1998 erschien, die Angabe des ehemaligen CIA-Direktors Robert Gates, US-amerikanische Geheimdienste hätten bereits sechs Monate vor dem Einmarsch sowjetischer Truppen am 24. Dezember 1979 die oppositionellen Mudshaheddin in Afghanistan unterstützt. Brzezinski wörtlich: "Tatsächlich hat Präsident Carter am 3. Juli 1979 die erste Direktive zur Unterstützung der Opposition gegen das prosowjetische Regime in Kabul unterzeichnet. Und am gleichen Tag habe ich dem Präsidenten eine Note geschrieben, in der ich ihm erklärte, dass dies meiner Ansicht nach eine militärische Intervention der Sowjets nach sich ziehen würde." Auf die Frage des Interviewers Vincent Jauvert, ob die USA einen Kriegseintritt der Sowjetunion provozieren wollten, entgegnete der Präsidentenberater, man habe "die Russen nicht gedrängt zu intervenieren, aber wir haben wissentlich die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sie es tun."

Es sei also etwas wahres an der sowjetischen Behauptung gewesen, man kämpfe gegen eine geheime Einmischung der USA in Afghanistan, stellte Jauvert fest: Und er wollte wissen, ob Brzezinski die Geheimoperation bedaure. Der verneinte vehement: "Diese Geheimoperation war eine ausgezeichnete Idee. Sie lockte die Russen in die afghanische Falle und Sie möchten, daß ich das bedaure?" Am Tage des sowjetischen Grenzübertritts habe er an Carter geschrieben: "Wir haben jetzt die Gelegenheit, der UdSSR ihren Vietnamkrieg zu geben."

Dieser Konflikt habe letztlich das Auseinanderbrechen des sowjetischen Imperiums nach sich gezogen. Jauvert hielt Brzezinski entgegen, dass die USA damit den islamischen Fundamentalismus gefördert und künftige Terroristen bewaffnet hätten. Was denn wichtiger gewesen sei, sagte der einstige Carter-Vertraute empört zurück, "die Taleban oder der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums? Einige muslimische Hitzköpfe oder die Befeiung Zentraleuropas und das Ende des Kalten Krieges?" Die Darstellung des islamischen Fundamentalismus als weltweite Bedrohung -schon damals durchaus gängig - nannte Brzezinski 1998 schlicht - "Blödsinn".
http://www.miprox.de/USA_speziell/Brzezinski_zu_Afghanistan.htm

die größten kritiker der elche...sind selber welche!
 

Eskapismus

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Da war doch mal ein "Wahlen im Irak" Thread.... ???
Die Meldung, dass die Wahlen ruhig zu ende gegangen sind, war einer der einzigen guten Nachrichten aus dem Irak seit langem.

Zu früh gefreut?

New York Times schrieb:
Vote Totals Under Inquiry in 12 Iraqi Provinces, Panel Says
BAGHDAD, Iraq, Oct. 17 - Iraqi election officials said today that they were investigating what they described as "unusually high" vote totals in 12 Shiite and Kurdish provinces, where as many 99 percent of the voters were reported to have cast ballots in favor of Iraq's new constitution, raising the possibility that the results of Saturday's referendum could be called into question.

(snip)

Even if no evidence of fraud is found, today's announcement seems likely to trigger suspicions among many Iraqi voters, especially Sunnis, many of whom are deeply suspicious of the Shiite majority and of the Kurds.
Naja... 99%... und sowas im Irak.... ] :?
 

dkR

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Auch interessant, dass Condi gestern schon das Ergebnis verkündet hat, bevor die Irakis überhaupt mit dem Auszählen angefangen haben :twisted:
 
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