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Was heisst Erwachsensein?

Dieses Thema im Forum "Philosophie und Grundsatzfragen" wurde erstellt von JimmyBond, 24. März 2008.

  1. JimmyBond

    JimmyBond Ehrenmitglied

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    ein freund von mir, 26 jahre alt, scheint in einer art "midlife-crisis" zu sein, nur heult er nicht mehr seiner jugend hinter her, sondern hofft sich endlich als erwachsener sehen zu koennen.

    er schmeisst seinen schon etwas duften hiphop-kleidungsstil ueber boot, wechselt zur sanfteren musik um und will auch sonst etwas "erwachsener" durchs leben schreiten.

    das problem an der sache ist, dass ich keine ahnung habe was das letztendlich zu bedeuten hat und kern des topics soll auch nicht mein freund sein, sondern die suche nach der bedeutung dieses status.

    wie laesst sich das erwachsensein definieren? ist er nur der soziale oder gesetzliche status? reicht es ueber 18 (oder ueber 21) zu sein, um als erwachsener durch gehen zu koennen? berufsleben? eigenes dach ueber dem kopf? wo liegt die grenze?

    ...zum ansporn...

    und nun eine direkte frage an euch - erwachsene - was ist fuer euch das erwachsensein?

    edit: yeah mein 4000. post :tanz:
     
  2. NoToM

    NoToM Erleuchteter

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    Erwachsen zu sein bedeutet für sein eigenes tun und handeln selbst verantwortlich zu sein, eine eigene Meinung zu haben und einen eigenen Weg zu gehen. Was Cool ist wird selbst definiert, Ziele selber gesetzt und richtig und falsch selbst entschieden. Man entscheidet selbst was man möchte, egal ob es ums anziehen geht oder welche Musik man hört, es ist seine eigene entscheidung und nicht die der anderen. Man kenn die konsequenzen für sein Tun und gibt nicht ständig allen anderen die Schuld an allem. Verantwortung zu tragen ist keine Last mehr sondern eine frage der Ehre und des Stolzes, sei es Verantwortung zu tragen für sich selbst oder seine Familie. Man weiss was man will, wer man ist und wohin man möchte. Fragen ?
     
  3. deTommy

    deTommy Meister

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    ich finde auch, dass man nicht unbedingt ruhiger werden muss und seinen musikgeschmack oder kleidungsstil ändern muss, um als erwachsen zu gelten (ich kenn einen 40jährigen, der in seinen baggies und mit seinem slang locker als 20 durchgehen könnte)

    ich selbst bin morgen erst 23, führe aber als student einen eigenen haushalt und erledige sämtliche behördengänge und was man sonst so für verantwortungen trägt selbst. nur das mit dem eigenen einkommen schaut natürlich noch n bissl dürftig aus (;

    und obwohl ich aus dieser sicht wohl recht bodenständig und verantwortungsbewusst bin wird mir immer wieder gesagt "ouh mann, manchmal bist du echt noch n kleines kind" :)
    ich freu mich halt immer noch über kleinigkeiten, spongebob ist die coolste sau im tv und mit meinen freunden reiss ich aktionen über die meine eltern nur den kopf schütteln, wenn ich ihnen davon erzähle

    also ich selbst würde mich noch nicht als erwachsen ansehen, aber auf einem guten weg dahin. dass man dabei ruhiger wird ist bestimmt normal (körperliche gebrechen etc bei mir zum glück noch nicht ;) )
    aber man muss sich nicht von heute auf morgen verändern nur weil man als erwachsen gelten will

    das ist ein prozess der von vielen sachen (freunden, beziehung, berufliche situation etc) beeinflusst wird und sich von selbst entwickelt

    und was noch ganz wichtig ist: meine eltern haben mir immer gesagt ich soll meine kindheit und auch die schulzeit geniessen. und sie sollten recht behalten. neben den vielen neuen möglichkeiten und freiheiten der volljährigkeit vermiss ich doch die unbekümmertheit meiner kindheit :)

    so long
    deTommy
     
  4. Booth

    Booth Erleuchteter

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    Äh - das "selbst" finde ich in dem Text ein wenig übertrieben. Menschen leben in einem sozialen Kontext, von daher findet sich das erwachsene Selbst meiner Meinung klar in der Diskussion mit der Gesellschaft wieder. Für mich bedeutet Erwachsensein nicht nur, mit seinen eigenen Kopf durch jede Wand zu rennen, und die Konsequenzen dafür dann auch zu tragen - sondern die Diskussion mit der Gesellschaft und der Umgebung anzunehmen und zu führen und sich selber, aber auch die Gesellschaft dabei kritisch zu hinterfragen.
    Das sehe ich eben nicht so starr auf das Individuum konzentriert wie Du. Meines Erachtens fehlt bei Dir die kritische Diskussion des Individuums mit der Gesellschaft. Eine Gesellschaft aus lauter Egomanen würde mir nicht unbedingt gefallen.
    Omg - sorry - aber das sind für mich nun einige Platitüden. Wer Verantwortung nur ehrenhaft und stolz durch sein Leben trägt, der nimmt meines Erachtens nicht besonders deutlich die komplexen Zusammenhänge im Verhalten mit anderen Menschen wahr. Verantwortung ist keine einfache Sache - es sich aber einfach zu machen und "stolz" und "ehrenhaft" durchs Leben zu poltern und dabei reichlich Kollateralschäden zu hinterlassen, ist für mich kein besonders "reifes" Verhalten - auch wenn man es in unserer Gesellschaft oft genug wahrnehmen kann (und das meines Erachtens unabhängig vom Bildungsgrad).

    Und... "zu wissen was man will" - ARGH - diesen Spruch höre ich von 90% aller Frauen... das jetzt auch noch von einem Mann zu lesen... herrje... das tut weh *gg*. Das ist doch kein Wert an sich. Bankräuber, Massenmörder oder Diktatoren wissen auch was sie wollen - das ist doch kein Maßstab.

    Für mich bedeutet Erwachsensein natürlich insbesondere die Verwantwortung für sein eigenes Handeln zu tragen - also sich für die Konsequenzen zu interessieren und diese auf sich zu nehmen. Aber das Interesse dieser Konsequenzen ist doch der erste Schritt. Und dieses Interesse muss in einem (selbst)kritischen Diskurs mit der Umgebung entstehen. Insbesondere die Fähigkeit zur Selbstkritik wird meines Erachtens ziemlich eingeschränkt wahrgenommen in der menschlichen (beinahe hätte ich "männlichen" geschrieben *g*) Gesellschaft.

    Und wenn jemand einfach nur seinen Musik- und Kleidungsstil ändert, weil das "erwachsener" wirkt, dann scheint mir die Kritik an sich selber, insbesondere aber an der Gesellschaft doch ziemlich schnell stehen geblieben zu sein. Ich persönlich habe meinen Kleidungsstil in den vergangenen Jahren auch ein/zweimal geändert (bin inzwischen fast 38 Jahre alt) - und zuletzt bedeutete es, daß ich viele Hemden, Krawatten und einige Anzüge und glänzende Lederschuhe kaufte. Für mich stellt dies jedoch ganz sicher kein Weg des "erwachsenseins" da - sondern simple Anpassung an die Umstände, die mein Job von mir verlangen. Dämlich finde ich diese Uniformierung dennoch. Und meinen Musikgeschmack ändere ich ganz sicher nicht. Logisch - wenn ich jemals Musik auswählen würde, die bei einem Treffen mit Kunden gespielt wird, lege ich ganz sicher nicht Slayer, Morgoth oder Sepultura auf :D - sondern Verdi, Mozart oder Beethofen - aber nur weil ich inzwischen auch gerne Klassik höre, vergesse ich doch nicht meine Death Metal Zeiten (schade - gibt keinen Metal-Smilie *g*) - und auch wenn ich inzwischen ziemlich "normal" rumlaufe; meine Totenkopfshirts haben einen "Ehrenplatz" in meinem Kleiderschrank ;)

    Was allerdings auch durchaus passieren kann, ist daß sich im Laufe des Lebens der Geschmack ändert. Mir haben als Kind Pizza und Spinat auch nicht geschmeckt - heute liebe ich beides ;)

    Oder um endlich einen Abschlußsatz zu finden: Ich treffe viele Menschen in meinem Job, die sich dermassen erwachsen vorkommen, daß sie schon wieder kindisch wirken ;)

    gruß
    Booth
     
  5. NoToM

    NoToM Erleuchteter

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    Damit kann ich leben.
     
  6. InsularMind

    InsularMind Erleuchteter

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    Ich teile es auf in verschiedene Betrachtungsebenen.

    Körperliches Erwachsensein ist wohl ab dem Punkt erreicht, wo die Knochennähte allmählich verwachsen, das Umwandeln und Größerwerden des Körpers abgeschlossen ist. Das müsste so zwischen 25 und 30 abgeschlossen sein. Der Mensch ist ausgewachsen, ein Erwachsener, von da an geht es eher wieder in Verschleiß und Schrumpfung hinein, der körperliche Zerfall beginnt allmählich.

    Geistiges Erwachsensein sehe ich eigentlich eher als Frage der Anschauung. Da man ja von Tag zu Tag weiter lernt und seine Erfahrungspalette vergrößert, kann ich mir ein geistiges Erwachsenwerden eigentlich so richtig nicht mehr vorstellen. Man wäre erwachsen in dem Moment, in dem man stirbt -- jeder individuell zu einem anderen Zeitpunkt und eigenem Entwicklungsmoment.
    Nun gibt es aber ja die Ideen, das Erwachsensein an bestimmten Fähigkeiten oder deren Ausdefiniertheit festzumachen. Manche Merkmale des Erwachsenseins sollen auch an Veränderungen im Handlungsverhalten zu erkennen sein. Nicht-Erwachsene tendieren demnach eher zu liberalen Ansichten, und Erwachsene eher zu Konservativen. Wie viel da dran ist, weiß ich nicht. Vermutlich bin ich danach gesehen eben alles andere als erwachsen. :|
    Meiner Meinung nach sind alle Verfestigungen des Geistes wieder revidierbar und veränderlich, je nachdem, was einer erlebt, oder wohin sich sein Lebensumfeld entwickelt. Ich glaube nicht, dass man eher zu einmal gefestigten Grundsätzen steht, nur weil man etwa erwachsen ist. Wohl eher zu solchen, die man als junger Mensch schon als nachvollziehbar oder wirklichkeitsrelevant verlässlich kennengelernt hat.

    Man könnte sagen, Erwachsene wissen, was sie tun, und warum sie es tun, auch das stimmt nicht immer. Viele wissen ja nicht einmal, was sie sagen...:argh:
    Man könnte auch sagen, Erwachsene sind vernünftig. Aber dann steht man vor der Frage, was vernünftig ist. Ist es vernünftig, eine Waffe in die Hand zu nehmen, und auf andere loszuballern, weil so ein Hoschi mit mehr Abzeichen es befiehlt? Ist daran vernünftiger, wenn man's aus Einsicht in die Begründung macht, und nicht mehr, wie man es als Jugendlicher denken würde, weil es vielleicht abenteuerlich oder cool sein könnte?
    Vielleicht tragen Erwachsene also Verantwortung für ihr Tun. Die Gefängnisse sind voll von Erwachsenen, die das nicht so gern tun, oder gar nicht. Die Stammtische und die Politikarenen auch. Vielleicht ist Verantwortung in der Tat sogar nur eine Art Schmuckbegriff, den man sich ansteckt, wenn man sich für erwachsen hält. Vielleicht ist Erwachsensein nur eine Bezeichnung für Menschen, die sich selber dafür halten.

    Jeder ist verschieden erwachsen. Manche schon als Kinder, andere nie.
     
  7. Ghosted

    Ghosted Neuling

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    Man kann niemals erwachsen werden. Jeden Tag lernst du bewusst oder unbewusst dazu und bleibst dein ganzes Sein nur kindlich, nicht kindisch.

    Erwachsensein (im "RTL Mitten im Leben Stil" umschrieben "Boa der Glas is voll) würde der Perfektion gleichgestellt und Perfektion ist etwas, was nicht existiert. Nicht auszuschließen kann ich, dass bei einigen Perfektion existiert, dann doch eher als akzeptierte Wirklichkeit in ihrem Sinne. Die Aussage "Werd mal erwachsen" ist meistens auf die geistige Reife, bezugnehmend zB. auf ein kindisches, nicht kindliche Verhalten oder einer nicht nachvollziehbaren Reaktion im entsprechenden Alter zu führen.

    Erläuterung auch im Forum "Das innere Kind"
     
  8. haruc

    haruc Ehrenmitglied

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    Hm, "Erwachsensein" wird ja vielfach mit dem Erreichen eines bestimmten moralischen und kognitiven Reifegrades gleichgesetzt - das steckt ja auch schon in der Semantik des Wortes "Erwachsen" drin, anders als bei "Heranwachsenden" usw.

    Nur habe ich damit ein Problem. Aus dem Wort "Erwachsen" heraus erwächst die Illusion eines endgültigen, höchstmöglichen Zustandes. Faktisch ist es aber so, dass man sich immer weiter entwickelt und im Idealfall zu höheren Einsichten gelangt.

    Aber dennoch scheint es einen gewissen Konsens über den Reifegrad zu geben, der den "Erwachsenen" vom "Heranwachsenden" unterscheidet, obwohl sich beide Begriffe ja nur auf bestimmte Bereiche eines Spektrums beziehen. Es ist also tatsächlich möglich, dass "erwachsene" Menschen während ihrer "Erwachsenenzeit" größere, umfassendere Entwicklungen mitmachen können, als beim Übergang zwischen "Heranwachsendem" und "Erwachsenem". Letztlich handelt es sich dabei ja auch wiederum nur um konstruierte Etiketten, mit denen sich bestimmte Gruppen von anderen aus verschiedenen Motiven heraus abgrenzen.

    Wie definiere ich "Erwachsensein"?

    Psychisches "Erwachsensein" hat für mich nichts mit dem körperlichen Erwachsensein zu tun. Es gibt einfach zu viele Menschen, die eigentlich erwachsen sein müssten, es aber nicht sind.

    Ich gehe da ein Stück weit mit Rousseau mit, der ja davon ausgeht, dass im Menschen bereits bei der Geburt "das Gute" angelegt ist, und alles "schlechte" nur auf schädigende gesellschaftliche Einflüsse zurückzuführen ist. Meiner Ansicht nach bringen Kinder von Natur aus schon viele wertvolle Haltungen und Anlagen mit, die gerne als "kindlich" verlacht werden, aber eigentlich nur "menschlich" und ziemlich wertvoll sind. Unser Bildungssystem tut sein bestes, diese Anlagen abzukonditionieren und den uniformen, aber ethisch armseligen "Kompetenzmenschen" heranzuziehen. (Das ist, nebenbei bemerkt, eines der größten Verbrechen unserer Zeit.)

    Für mich gehört daher zum geistigen "Erwachsensein" in allererster Linie das Entfalten der menschlichen Anlagen. Nicht unbedingt die vollkommene Entfaltung, aber doch Entfaltung bis zu einem gewissen Grad, ab dem der selbstständige Reifungsprozess mehr oder weniger ungefährdet vom Individuum betrieben werden kann. Wohlgemerkt: Viele Anlagen sind schon da und müssen nur vor der Zerstörung bewahrt werden.

    Was bedeutet dies also? Einerseits: Bewahrung und Kultivierung einer natürlichen, in sich ruhenden, authentischen Seele. Andererseits: Befähigung zur autarken, selbstbestimmten, reflektierten, verantwortungsbewussten, rücksichtsvollen Teilhabe in der demokratischen Gesellschaft.

    Autark und selbstbestimmt heißt nicht, dass man egoistisch sein soll, sondern seinen Weg unabhängig und frei entdecken können sollte. Rücksichtsvoll soll nicht heißen, dass man sich Anderen komplett unterordnet und es jedem recht machen soll - sondern vielmehr die Rechte Anderer respektieren und bewahren und diese durch das eigene Handeln nicht bedrängen oder beschneiden soll.

    Ich weiß, das ist ein Anforderungskatalog, den viele "Erwachsene" nicht erreichen und nie erreichen werden. Aber man wird ja wohl noch hoffen dürfen ;)

    Die Sache mit Kleidungsstil und Musikgeschmack hat nichts mit Erwachsensein zu tun. Das sind nur äußere Attribute, die bestimmten Gruppen zugeordnet werden (gut, im konkreten Fall ist der Wechsel von HipHop zu irgendwas anderem, etwa Kreissägegeräuschen und kosmischen Klängen, durchaus ein Merkmal für einen Inneren Reifeprozess ;) Aber dieser äußere Wechsel kann nur minimal zum inneren Wandel beitragen. Es gibt auch komplette Idioten, die klassische Musik hören und mit Anzug und Krawatte rumlaufen.)
     
  9. Ihlenam

    Ihlenam Meister

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    Nach Heinrich Boell heisst erwachsen sein, sich mit Dingen abfinden zu koennen.
     
  10. Zerch

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    Aufgrund der Lebenserfahrung verändert sich das Selbstbild durch eine gewisse Sättigung des leichtfertigen jugendlichen Pioniergeistes in eine reifere Persönlichkeit , welche auf den vergangenen Erfahrungen aufbaut , btw. sich durch diese individuellen Erfahrungen individuell "programmiert" hat.
     
  11. InsularMind

    InsularMind Erleuchteter

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    Sehr treffend erkannt. Habe lange nicht verstanden, welchem Motiv das dient, bis ich die sklavische Ergebenheit der Menschen hin zum Profit begriff. Ohne das Gleichformen und Nieder-Erziehen der wertvolleren menschlichen Eigenschaften wäre es wohl nicht möglich, massenhaft profitable Arbeitsdrohnen zu erzeugen. Aberzogen wird ja vielfach auch die Neigung, eigenständiges Denken und Persönlichkeit zu entwickeln und zu kultivieren.

    Aye. Und das Gegenteil davon. Die wie abgehangene Underground-Raver rumlaufen und wissen, wer Allessandro Scarlatti war. :wink:

    Wie steht es mit Erwachsensein und der sogenannten "geistigen Reife" ? Hat geistige Reife einen bestimmten Rahmen, wird er durch ein bestimmtes Merkmal definiert und so weiter ... sich mit Dingen abfinden können, ist das nicht auch Resignation gegenüber etlichem? Dann wäre Erwachsensein der Punkt, an dem man den Widerstand aufgibt.
     
  12. haruc

    haruc Ehrenmitglied

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    Nein, ich glaube nicht dass Erwachsensein und "geistige Reife" etwas mit Resignation zu tun haben. Letzteres ist für mich eher die Folge davon, dass man sich im Laufe der Jahre von Ereignissen und Erlebnissen "abschleifen" lässt. Da spielt die geistige Grundhaltung, wie man mit Widerständen, Hindernissen und Rückschlägen umgeht, natürlich mit rein. Geht man den Weg des geringsten Widerstandes, verformt man sich, um den Widerstand zu umgehen. Man lässt also den Widerstand Macht über sich selbst gewinnen, indem der Widerstand den Weg diktiert. Begreift man den Widerstand als Herausforderung, lernt man ihn zu brechen und wächst. Ich glaube dass aus einer solchen Haltung heraus so etwas wie allgemeine Resignation nicht entstehen kann. Das heißt natürlich nicht, dass man nicht in einzelnen Situationen dennoch mal geneigt ist, die Flinte ins Korn zu werfen. Der Gedanke, dass man ja nur einer ist, und nichts ausrichten kann, ist oftmals verlockend. Aber was bessert diese Selbstentmachtung? Was lernt man daraus? Wie bereichert dies das eigene Leben? Wie hilft es einem dabei, in zukünftigen Konfliktsituationen besser zurecht zu kommen? Resignation ist also eine Art erlernter Hilflosigkeit und damit das Ende der Selbstständigkeit. Daher kann sie nie Teil der "geistigen Reife" sein.

    Dennoch ist für mich ein Aspekt der "geistigen Reife" die so genannte "Einsicht in die Notwendigkeit". Es gibt im Leben Gesetzmäßigkeiten, die man nicht umgehen oder aufheben kann. Welche Ursache die haben spielt zunächst mal eine untergeordnete Rolle. Aus der Erkenntnis der Notwendigkeit heraus erwächst aber wiederum Handlungsfähigkeit, während das Ignorieren oder Negieren des Notwendigen diese verhindert. Das mag zwar in einem Widerspruch zu dem stehen, was ich weiter oben geschrieben habe, aber das ist es ja ganz und gar nicht. Widerstände sind keine unumstößlichen Gesetzmäßigkeiten.

    Der Versuch "geistige Reife" zu definieren, ist ja immer von den kulturellen Rahmenbedingungen beeinflusst. In meinem letzten Beitrag hab ich dazu (indirekt) geschrieben:

    Das ist aus meiner Sicht ein (natürlich nicht vollständiger) "Anforderungskatalog", der typisch für liberale Gesellschaften ist. Eben aus dem Grund, weil das gewissermaßen die Grundausstattung ist, die man als Mensch benötigt, um in dieser Gesellschaftsform zu gedeihen. In einer sozialistischen Diktatur würde man die Begriffe euphemistisch umformen, um dahinter ideologische Maximen zu verstecken, oder man würde einige Aspekte, wie etwa individuelle Autarkie wegfallen lassen. Ich bin mir auch der Tatsache bewusst, dass die Erwähnung der "Teilhabe an der demokratischen Gesellschaft" durchaus auch eine politische Forderung ist. Aber der Mensch als soziales Wesen lebt nunmal in einer Gesellschaft, und Gesellschaften haben sich (im Idealfall) selbst eine bestimmte (soziale und politische) Organisationsstruktur gegeben, die gewissermaßen als Maxime dieser Gesellschaft gilt. Daher würde man geistige Reife in anderen Gesellschaften auch anders definieren.