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Utopisten in den USA - Die Shaker

Dieses Thema im Forum "Ask1 Redaktion" wurde erstellt von Ask1 Redaktion, 11. März 2018.

  1. Ask1 Redaktion

    Ask1 Redaktion Geselle

    Beiträge:
    83
    Registriert seit:
    11. März 2018
    Seit der Gründung der ersten Kolonien waren die späteren Vereinigten Staaten immer auch ein Sammelbecken und ein Nährboden für politische und religiöse Utopisten. Von den frühen Quäkern über die Mennoniten bzw. Amischen zu den Hippie-Kommunarden und Sektierern der neuesten Zeit gab es dort immer Gemeinden, die ihre Vorstellung vom gelobten Land nicht nur träumten, sondern auch lebten.

    Die Shaker

    Eine der in Europa weniger wahrgenommenen, aber in den USA zu ihrer Zeit einigermaßen einflussreichen Gemeinschaften stellten die Shaker dar. Dabei ist Shaker ursprünglich ein abwertender Begriff gewesen. Die eigentliche und korrekte Bezeichnung, die sich die Gemeinschaft selbst gab war "United Society of Believers in Christ´s Second Appearing". Der Name Shaker hingegen war eine Anspielung auf die Eigenart, im Laufe des Gottesdienstes eine Art Schütteltanz aufzuführen.


    Geschichte

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    Abbildung 1: Shaker beim "Schütteltanz" während eines Gottesdienstes
    Die Shaker entwickeln sich vermutlich im 18. Jahrhundert in Manchester, England als Ableger der Quäker, wobei diese Abstammung nicht als gesichert gilt. Sicher dagegen ist, dass eine gewisse Ann Lee um 1758 einer kleinen Sekte mit dem Namen "The Wardley Society" beitritt. Diese Ann Lee hat 1770 die Offenbarung, dass der Niedergang der Menschheit auf die Sünde des Geschlechtsverkehrs zurückzuführen ist. Nachdem Ann diese Offenbarung den "Wardleys" mitteilt bekommt sie den Titel "Mother Ann" zugesprochen.
    In den folgenden Jahren sehen sich die Mitglieder in England zunehmender Verfolgung ausgesetzt. Einer der "schweren" Vorwürfe, die gegen sie erhoben werden, ist zum Beispiel den "Sabbat" durch ihr Tanzen zu verletzen, so dass sie sich 1774 entschließen nach Amerika auszuwandern.
    Zunächst lassen sich die Shaker im Bundesstaat New York, in der Gegend von Albany nieder und beginnen um 1780 in Neuengland zu missionieren.
    Nach dem Tod von Ann Lee organisiert ihr Nachfolger, Joseph Meacham, die versprengten Gläubigen in gemeinschaftlich organisierten Gemeinden. In den nächsten zehn Jahren werden Gemeinden in New Lebanon, New York, Hancock, Massachusetts sowie zahlreichen anderen Orten in Neuengland gegründet. Die Zentrale ("central ministry") wurde in Mt. Lebanon angesiedelt.

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    Abbildung 2: Wohnhaus im Hancock Shaker Village
    Um 1800 profitierten auch die Shaker vom sog. "Kentucky Revival", einem regelrechten "Comeback" von Spiritualität und Religiosität, das sich vor allem in den Präriestaaten auswirkt. In der Folge strömen zahlreiche Konvertiten in die Gemeinden. Gleichzeitig dehnt sich die Gemeinschaft in die unmittelbar vom "Revival" betroffenen Staaten aus. So werden Gemeinden in Ohio, Indiana und Kentucky gegründet.

    Um 1850 schließlich erreicht die Gemeinschaft mit ca. 4 000 Mitgliedern ihren Höhepunkt und gleichzeitig beginnt damit auch der Niedergang, da eigene Nachkommen durch das Zölibat nicht vorhanden sind und auf der anderen Seite immer weniger Leute bereit sind, sich den strengen Anforderungen - insbesondere dem Zölibat - zu unterwerfen. Ein Grund hierfür mag durchaus sein, dass das Bedürfnis nach einer so strikt reglementierten Lebensweise umso weniger vorhanden ist, als die Gesellschaft insgesamt immer mehr zu Ruhe und Ordnung findet.
    Bereits 1875 wird die erste Gemeinde aufgegeben und um 1900 zählen die "Believers" nur noch ca. 900 Mitglieder. 1948 wird die Gemeinschaft in Mt. Lebanon aufgegeben und die Zentrale nach Hancock verlegt. Von dort dann 1960 nach Canterbury, New Hampshire. Auch diese Gemeinde wird 1992 geschlossen.
    Im Jahr 2005 existierte noch eine Gemeinde in Sabbathday Lake, Maine mit 4 Mitgliedern.

    Glaubensvorstellungen

    Als die zentralen Punkte der Glaubensvorstellungen der Shaker können drei Punkte aufgeführt werden: Das volle Eingeständnis aller Sünden; das Zölibat und die Gütergemeinschaft - eine Art christlicher Kommunismus. Konvertiten müssen bei ihrem Eintritt einen Vertrag unterschreiben, der ihr Eigentum und ihre Arbeitskraft der Gemeinschaft übertrug. Außerdem müssen sie den jeweiligen Gemeindevorstehern ihre gesamten Sünden beichten.
    Nach ihren Vorstellungen ist Gott männlich und weiblich zugleich und kann sich daher - wie durch Jesus bewiesen wurde - ohne Geschlechtsverkehr fortpflanzen. Unter dieser Voraussetzung sind die Shaker folgerichtig auch von der Gleichberechtigung der Geschlechter überzeugt.
    Die Gemeinden der Shaker sind jeweils in vier "Familien" unterteilt, die nach den vier Himmelsrichtungen benannt waren.
    Dabei sind die Geschlechter strikt getrennt.

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    Abbildung 3: Waschhaus im Hancock Shaker Village
    Der Alltag der Gläubigen besteht hauptsächlich aus Arbeit, Gottesdienst und Gebet, was sich auch im Wahlspruch der Gemeinschaft ausdrückt: "Hands to Work and Hearts to God". Die Ähnlichkeit zum "Ora et Labora" der katholischen Benediktiner ist hier durchaus augenfällig.
    Zu den Gebetsformen der Shaker gehört auch eine Art Schütteltanz, der ihnen auch den Spottnamen "Shaker" einbrachte.
    Durch das Zölibat kann die Gemeinschaft nur wachsen, indem sie Konvertiten aufnimmt oder durch Adoption. Letzteres kommt relativ häufig vor. Dabei werden nicht nur Waisenkinder aufgenommen, sondern auch Kinder, die von ihren Eltern in die Gemeinden gebracht werden, um einem Leben in Armut zu entgehen.
    Treten ganze Familien bei, werden diese getrennt und auf verschiedene (Gemeinde-)Familien oder Gemeinden aufgeteilt, um die Einhaltung des Zölibats sicherzustellen; auch um deutlich zu machen, dass die weltliche Familie gegen die Gemeindefamilie eingetauscht wird. In manchen Gemeinden fand der kollektive Gedanke später auch darin Ausdruck, dass auf dem Gemeindefriedhof nur ein einziger Grabstein aufgestellt wurde. Die Kinder werden ebenfalls nach Geschlechtern getrennt aufgezogen. Sie erhalten eine Schulbildung, die eher wenig auf religiöse Indoktrination ausgelegt ist sondern mehr auf Charakterbildung und handwerkliche Fähigkeiten. Körperliche Züchtigung ist den Shakern bei der Kindererziehung verboten.
    Im Alter von 21 Jahren müssen sich die Adoptivkinder entscheiden, ob sie der Gemeinschaft endgültig beitreten oder die Gemeinde verlassen wollen. Im zweiten Fall dürfen sie in der Regel ihre Werkzeuge behalten und müssen die Gemeinde verlassen - was die meisten auch tun.
    Auch insgesamt treten viele Mitglieder im Laufe ihres Lebens aus den Gemeinden wieder aus, allerdings können sie in dem Fall nicht beanspruchen, dass die eigenen Kinder - so vorhanden - einem folgen dürfen, da die weltliche Familie nach ihrer Vorstellung beim Eintritt in die Gemeinde ja aufgelöst wurde und die neuen Mitglieder ab diesem Zeitpunkt zu ihrer Gemeindefamilie gehören und damit diese als "erziehungsberechtigt" angesehen wird. Diese Haltung bereitete den Gemeinden auch gelegentlich juristische Probleme und war immer wieder ein Aufhänger für Gegner der Shaker.

    Am Anfang ihrer Entwicklung sind die Gemeinden noch einigermaßen offen, aber im Laufe des 19. Jahrhunderts schotten sie sich immer mehr von der Außenwelt ab. Handel wird über so genannte "Trustee Shops" betrieben. Zu den wichtigsten Produkten, die mit der Umwelt gehandelt werden, gehören Möbel und Körbe, aber auch landwirtschaftliche Produkte und hochwertiges Saatgut.

    Wahrnehmung

    Bereits in England wie auch später in den USA sind die Shaker immer wieder Verfolgungen ausgesetzt. Ihre Gottesvorstellungen, ihre ekstatischen Gottesdienste und ihre Vorstellung von Sexualität bzw. deren komplette Ablehnung ist den Menschen in ihrem Umfeld immer wieder unheimlich oder wird gar als Angriff auf traditionelle Lebensweisen empfunden.
    Als strenge Pazifisten ecken sie auch z.B. während des Unabhängigkeitskrieges an, während dem ihnen ihre friedliche Haltung als Illoyalität ausgelegt wird.
    Später kommt es zu Problemen, da die "Believers" aus ihrem festen Glauben an die Gleichheit der Menschen heraus auch amerikanische Ureinwohner und entflohene Sklaven in ihre Gemeinden aufnehmen, was mitunter sogar zu Überfällen auf Gemeinden führt.
    Auf der anderen Seite sind sie Meister der Handwerkskunst und in der Landwirtschaft, was ihnen viel Respekt einbringt.
    Berühmt werden und sind vor allem die schlichten, schnörkellosen aber äußerst stabilen Möbel der Shaker, die bis heute gefragt und als Originale kaum bezahlbar sind. Prominente Sammler sind angeblich bereit, für einen originalen, einfachen Küchenstuhl den Gegenwert einer Mercedes der M-Klasse auf den Tisch zu legen.

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    Abbildung 4:
    Ein typischer Schaukelstuhl aus der Shaker-Produktion

    Im Gegensatz zu anderen religiösen Gemeinschaften, wie den Amischen, sind die Shaker in keiner Weise fortschrittsfeindlich. Neue Erfindungen, die Vorteile bringen, werden als Gottesgaben angesehen und auch die Gemeinschaft selber trägt über die Jahre mit zahlreichen Erfindungen zum technischen Fortschritt bei. So werden den Shakern Erfindungen, wie der Flachbesen, die Waschmaschine und die Kreissäge zugesprochen.
    Ebenfalls bekannt geblieben ist die Musik der Shaker. Diese Musik wird den Gläubigen oft als eine Art Offenbarung eingegeben und - da die wenigsten eine formale musikalische Ausbildung haben - mit Hilfe einer eigenen Notationsmethode festgehalten. Dabei werden keine Notenlinien benutzt, sondern der Name der Note als Buchstabe ausgeschrieben.
    Ein Großbuchstabe steht dabei für eine ganze Note, Kleinbuchstaben für halbe Noten und für Viertel, Achtel, etc werden über dem Buchstaben horizontale Striche hinzugefügt. Die unterschiedliche vertikale Position der Noten zueinander gibt einen Hinweis auf die Melodieführung. Der Anfang von "alle meine Entchen" würde dann in der sog. "small letteral notation" der Shaker ungefähr so aussehen:
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    Abbildung 5: "Alle meine Entchen"
    Einen der bekanntesten Shaker-Songs, "Simple Gifts" (einfache Geschenke), gibt es hier als RA-Stream:
    "http://www.americanmusicpreservation.com/Audio/Simple Gifts (Brackett).ra"




    Exkurs: Die "Round Barn" im Hancock Shaker Village in Pittsfield, Mass.

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    Abbildung 6: Die "Round Barn"
    Ein hervorragendes Beispiel für den pragmatischen Erfindungsgeist der Shaker, wenn es um die Vereinfachung der täglichen Arbeiten ging, stellt die Konstruktion der berühmten "Round Barn" dar. Gebaut ohne Beteiligung eines ausgebildeten Architekten, misst sie beinahe 30m im Durchmesser und bot Platz für 60 Kühe. Dabei war sie so konstruiert, dass alle drei Etagen sogar mit Fuhrwerken befahren werden können.
    Das Vieh stand auf der mittleren Ebene; die Köpfe zur Mitte hin fixiert, wo das Futter lag.
    Im ersten Stock konnten bis zu zehn Heuwagen einfahren und von dort konnte die Ladung einfach von der Galerie direkt vor die Nase der eine Etage tiefer stehenden Kühe geschüttet werden.
    Hinter den Stellplätzen für die Kühe befindet sich ein breiter Gang, in dem in einigen Abständen Klappen eingelassen wurden, durch die der Dung in das Untergeschoss befördert werden kann. Dort gärten die Fäkalien und wurden zu Dünger (wobei sie gleichzeitig genug Hitze entwickelten), so dass das gesamte Innere der Scheune selbst im Winter sehr warm war. Das kleine Türmchen in der Mitte des Daches diente als Abzug für den Dampf, der aus dem Heu austrat. Augenzeugen berichteten, dass der Dampf manchmal so dicht war, dass man sich die Hände darin waschen konnte.
    Die Gärungshitze in Verbindung mit dem Heu war womöglich auch die Ursache für den Brand und die Zerstörung der Scheune von 1864, die danach allerdings wieder aufgebaut wurde.
    Weitere Informationen zur Scheune und faszinierende Innenansichten gibt es hier:
    http://memory.loc.gov/ammem/collections/habs_haer/index.html
    Dazu einfach nach "Hancock round barn" suchen.

    Links und weitere Informationen:

    Hancock Shaker Village (Eines der schönsten Museumsdörfer überhaupt. Unbedingt ansehen falls man mal Massachusetts oder Upstate New York kommt.)
    Reproduktionen von Shaker-Möbeln
    Alternativ für den kleineren Geldbeutel
    Wunderbares Buch über Shaker Songs mit CD
    Dokumentation von Dokumentarfilm-Ikone Ken Burns


    Quellen:
    - "With Hearts to God and Hearts To Work: America´s Communal Utopists", Christian Goodwillie in Early American Life, April 2005
    - "Utopische Gemeinschaften - Sozialistische und religiöse Gesellschaftsexperimente", Reza Mir Heidari, 2002
    - "Origins of the Shakers: From the Old World to the New World", Clarke Garrett, Johns Hopkins University Press 1998
    - "Shaker: Life, Work, and Art", June Sprigg, David Larking, Stewart, Tabori & Chang 1989
    - Ken Burns' America - The Shakers (1996), DVD
    - wikipedia.org

    Bildnachweis:
    Abbildung 1, 4 und 5 sind public domain und stammen aus dem Artikel über die Shaker auf en.wikipedia.org
    Abbildung 2, 3, und 6 mit freundlicher Genehmigung von Markus Weigl, Berlin