Das Ende der Diskurse - Gedanken zur postmodernen Infantilisierung

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Schenkt man einigen Kritikern des schrankenlosen Neoliberalismus Glauben, erweist sich die zeitgenössische "postmoderne" Philosophie weitgehend als theoretische Legitimation von Konsum- und Spaßgesellschaft (1). Regelmäßig wird hierbei verwiesen auf einen marktkonformen, dogmatischen Relativismus, dem die Denker der Dekonstruktion durch ihre kryptischen Differenzbeziehungen und Referenzverschachtelungen angeblich Vorschub leisten - die kritische, subversive Dimension, die sich bei vielen Intellektuellen der Postmoderne gezeigt hat, und teilweise auch noch zeigt, wird weitgehend ignoriert.
Im Hinblick auf die Rezeption behalten die angesprochenen Kritiker freilich recht - dies kann jedoch weniger den dekonstruierenden Philosophen, als vielmehr den oberflächlichen und verfälschenden "Interpretationen" angelastet werden. Die einseitige Abwertung der postmodernen Denkansätze ist somit gleichermaßen Symptom wie Methode der anhaltenden Verflachung des kritischen Diskurses.
Da jedoch verdrehende Simplifizierungen und platte Halbwahrheiten wesentliche Pfeiler der heutigen Kommunikation sind, überrascht das alles nicht weiter - im Vergleich mit der Behandlung, die der Kritischen Theorie und ihren Begründern Horkheimer und Adorno (2) derzeit widerfährt, offenbart sich vielmehr ein durchgängiges Prinzip: die Intellektuellen werden entschärft. Wo das überhaupt noch möglich und notwendig ist, versteht sich - denn zu Zeiten des ökonomisierten Kulturbetriebs ist tiefergehende Kritik eine Rarität, und nur gefragt, wenn sie kompatibel zu den Massenmedien ist - also instrumentalisiert und, als Beweis für die Kritikfähigkeit des Systems, in ihr Gegenteil verkehrt werden kann.
Die Kritische Theorie wird nicht etwa als eine vorbildliche Methode zur Analyse der Zustände und Identifikation von Manipulationen vorgestellt und verstanden, sondern vielmehr als ein interessantes, aber längst obsoletes Relikt aus einer fremden Zeit - an die sich auch die inzwischen konformierten 68er nur noch recht dunkel erinnern. Ein ähnliches Schicksal erfährt die Philosophie der Postmoderne in der öffentlichen Darstellung: die kritischen Analysen eines Foucault (3) oder Derrida (4) scheint es nie gegeben zu haben - der öffentliche Diskurs der Postmoderne wird auf die Diskussion eines trivialen, verspielten Pluralismus beschränkt und macht die postmodernen Intellektuellen somit in ihrer Wirkung zu Dienern der neoliberalen Ökonomisierung - die kritischen Ansätze werden immer seltener gezeigt, besprochen und gelesen.
In der Tradition von Flaubert, der bereits Ende des 19 Jahrhunderts in seinem "Wörterbuch der Gemeinplätze" (5) die öffentliche Meinung der Lächerlichkeit preisgab, beschreibt der Literaturwissenschaftler Schulz-Buschhaus im Rahmen eines kleinen Wörterbuches, welches den Essay "Anleitung zum tadellosen Sprachgebrauch" abschließt (6), die Philosophen Adorno und Foucault wie folgt:

Adorno:Bekannter Vorläufer der Theorie kommunikativer Ethik, nicht frei von elitären Zügen, stellenweise antiamerikanisch. - Wichtig wegen seiner These, es sei barbarisch, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben.
Foucault:Brillant, antihumanistisch, gefährlich.
Und diese (durchaus realistischen) Gemeinplätze, die ebenso irreführend wie sedierend auf jegliche Rezipienten wirken, setzen schon eine gewisse Bildung voraus - was den "Tiefgang" der fortschreitenden Banalisierung verdeutlicht.
Interessant in diesem Zusammenhang ist auch der Umgang der seriösen, etablierten und weitgehend unverdächtigen großen Zeitungen mit dem Vorwurf der allgemeinen medialen Infantilisierung der Gesellschaft - so ist beispielsweise in einer Rezension des Sammelbandes "Strategien der Verdummung" (7) in der FAZ (8) nach einer Aufreihung verschiedener medialer und akademischer Dummheiten zu lesen:
Ob all diese Phänomene zurecht mit der Spaßgesellschaft gleichzusetzen sind, sei dahingestellt. "Spaß" wollten auch frühere Generationen haben. Spaß ist Teil einer Wohlstandsgesellschaft, die der Langeweile entkommen will. Eine Spaßgesellschaft war auch der Hof Ludwigs XIV.
Die Problematik wird hier für eine glossenartige Darstellung ausgenutzt, auf die ein relativierendes "alles nicht so tragisch" folgt - der Aufruf zum Karneval und ein abschließendes Smiley wollen offenbar noch ergänzt werden.
Die Existenz des Problems wird also eingeräumt, jedoch zu einem Randphänomen degradiert, über das sich der Leser bloß nicht den (ohnehin überstrapazierten) Kopf zerbrechen soll, und das mit der eigenen Zeitung nicht das Geringste zu tun hat - wobei unter anderem die explizite Erwähnungen von "FAZkes" in einem der Essays des rezensierten Sammelbandes geflissentlich übergangen wird.


Relativierend könnte man einräumen, dass die Verlautbarung der Dummheiten anderer ebenso wie das nostalgische Beklagen der zunehmenden Verdummung und Verrohung der jeweiligen Gesellschaft eine lange Tradition hat - jedoch besaßen andererseits viele negative Zukunftsprognosen eine unbestreitbare Realitätsnähe, da historisch betrachtet die meisten Zivilisationen Phasen der Kreativität, der Dekadenz und schließlich des Untergangs erleben. Ob derjenige des Abendlandes aufgrund von schlechten Fernsehprogrammen und nivellierten Diskursen schon "abzusehen" ist, bleibt natürlich eine andere Frage.

Andere Probleme sieht derweil Botho Strauss - von dem in der ferneren Vergangenheit durchaus schon kritische Texte erschienen sind - wenn er im SPIEGEL den Kulturkampf der "Hässlichkeits- gegen die Schönheitskomplizen" inszeniert (9): während er den Ausverkauf der schöngeistigen Kultur anzuprangern scheint, offenbart sich vielmehr die längst vollzogene Internalisierung der ästhetisierenden Konsumgesellschaft.
Der Essay schließt bezeichnenderweise mit der Beschreibung der heutigen Jugend durch das Gleichnis zweier albernder Mädchen, die "unter einer schick obszönen Reklametafel" sitzen, und eine "Unverdorbenheit in einem Maße" zeigen, "das an die Wirkung eines Immunstoffes gemahnt":

Es ist, als baute die Generation von selbst die nötigen Abwehrstoffe auf und brauchte dazu weder Konzepte noch Doktrinen.
Mit anderen Worten: der Mensch ist anpassungsfähig und gewöhnt sich irgendwie an alles. Eine Seite weiter im SPIEGEL findet sich die Bestsellerliste - offenbar besitzt inzwischen ganz Deutschland den ersten Teil von Harry Potter, unter den zwanzig Bestplazierungen finden sich nur noch die drei neusten Bände.
Wirklich gefährliche Effekte zeigt die Verblödung jedoch in der Regel erst etwas abseits von Infotainment und Unterhaltungsindustrie: auf persönlicher Ebene im Konsum- und Wahlverhalten, auf gesellschaftlicher Ebene im Zustand von politischem Diskurs und demokratischer Realität.
Der Informatiker Karl Steinbuch warnte schon vor über zwanzig Jahren in vielen Veröffentlichungen vor dem Missbrauch der Strukturen und Begriffe in der Informationsgesellschaft - so schrieb er in "Maßlos informiert - Die Enteignung unseres Denkens" (10):

Es ergibt sich zwangsläufig aus dem gegenwärtigen Umgang mit der Information, der - ähnlich dem Umgang der Alchimisten mit ihren Elixieren - mit Verstand und Verantwortung wenig, mit Unverstand, Täuschung und Betrug aber viel zu tun hat. Wir werden zugleich informiert, verwirrt und betrogen, wir sehen kaum mehr die Wirklichkeit, fast nur noch Kulissen und Spiegelbilder
Das ist nur schwer abzustreiten - gleich ob "Präventivkrieg" oder "Neoliberalismus" - die Akteure versorgen uns mit immer neuen Definitionen, Umdeutungen, Auslegungen, Interpretationen und Legitimationen - bis es letztendlich kaum jemand mehr interessiert, mit welchen neuen alten Dummheiten mal wieder sonst etwas begründet oder erklärt wird und allgemeine Resignation um sich greift. Dass die Politik mit der politischen Apathie zumindest rechnet, legen viele Indizien nahe, wie bspw. die Entwicklung der staatlichen Parteifinanzierung: um die vom Bundesverfassungsgericht angestrebte Koppelung der staatlichen Finanzierung an die Wahlbeteiligung zu umgehen, beschloß die Politik ohne erwähnenswerte Gegenstimmen die Höhe des pro-Kopf- Betrages auf ein dermaßen hohes Niveau anzuheben, dass selbst massives Nichtwählen keinerlei Auswirkung auf die Einnahmen der Parteien haben wird, da der festgesetzte Höchstbetrag noch weit überschritten wird. Der Verfassungsrechtler Hans-Herbert von Arnim hat sich derartiger Einvernehmlichkeiten der politischen Klasse in "Das System" angenommen (11).
Zu den bekannten, oft zitierten und selten wirklich gelesenen Kritikern der medialen Verdummung zählt auch der vor wenigen Monaten verstorbene Neil Postman, der in seinen Werken (12) den schädlichen Einfluss der "technologischen Verdummung" durch Fernsehen und Computer auf die Urteilsbildung der Bürger anprangert.
Die Kommentare anlässlich seines Todes ergingen sich weitgehend in der Fokussierung der Kritik auf die Auswüchse des kommerziellen Fernsehens - eine entschärfte, instrumentalisierte Version der ursprünglichen Kritik, welche auf Tendenzen der gesamten quantifizierenden, ästhetisierenden und kommerzialisierenden Medienlandschaft bezogen werden muss.
Die Unfähigkeit zur eigenen Urteilsbildung und aktiven Mitgestaltung macht auch vor Intellektuellen keinen Halt - Professor Wertheimer, Mitherausgeber des angesprochenen Sammelbandes (7), meint hierzu in einem Interview (13):

Viele Kollegen aus der Wissenschaft, die noch vor ein paar Jahren recht engagiert waren, haben sich zurückgezogen, weil sie der Überzeugung sind, dass im Grunde doch alles seinen Gang laufen wird und man wenig dagegen tun kann. Das Passiv-Werden ist ein bedrohlicher Zustand.
Ziemlich interessant sind unterdessen die Zustände mancher Internet-Autoren - so liest man beispielsweise auf Single-generation.de in einem exemplarischen Artikel (14), aus dem der personifizierte Zeitgeist zu sprechen scheint:

Euren ADORNO und FREUD und LASCH und BECK und sonstige Propheten der Kulturkritik könnt Ihr in die Mottenkiste packen. Die Welt ist eine andere. Eure Propheten haben uns nichts mehr zu sagen. Wir sagen Euch den Kampf an!
[...]
Uns Infantilisten gehört die Zukunft, die Vergangenheit überlassen wir gerne Euch.

(Hervorhebungen im Original vorhanden)
 

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