1. Sensoriphysisch - die Bereiche von Materie, Empfindung und Wahr-
nehmung (die ersten drei buddhistischen Skandhas); Piagets sensomo-
torische Ebene, Aurobindos physisch-sensorische, etc.
2. Phantasmisch-emotional - die emotional-sexuelle Ebene (die Hülle
der Bioenergie, elan vital, Libido oder Präna; das vierte buddhistische
Skandha, das Pränamaya-kosha im Vedänta etc.) und die phantasmi-
sche Ebene (Arietis [1967] Ausdruck für den niedrigeren oder bildli-
chen Verstand, die einfachste Form geistigen «Abbildens», die nur Bil-
der benutzt).
3. Repräsentierender Geist - eine andere Bezeichnung für Piagets prä-
operationales Denken («präop»). Der repräsentierende Geist entwickelt
sich in zwei Stadien - dem der Symbole (2 - 4 Jahre) und dem der
Konzepte (4 - 7 Jahre) (Arieti, 1967; Piaget, 1977). Ein Symbol geht
über ein einfaches Bild (phantasmischer Verstand) in dieser wesentli-
chen Hinsicht hinaus: Eine Vorstellung repräsentiert ein Objekt bild-
haft, während ein Symbol es nicht-bildhaft oder verbal repräsentieren
kann. So sieht beispielsweise die geistige Vorstellung von einem Baum
mehr oder weniger wie ein realer Baum aus, während das Wortsymbol
B-a-u-m überhaupt nicht wie ein Baum aussieht. Symbolische Reprä-
sentation ist eine höhere, schwierigere und ausgefeiltere kognitive Ope-
ration.
Ein Konzept ist ein Symbol, das nicht einfach ein Objekt oder einen
Akt repräsentiert, sondern eine Klasse von Objekten oder Akten - eine
noch schwierigere kognitive Aufgabe. Ein Symbol bezeichnet eine Sa-
che, ein Konzept schließt mehrere ein. Doch ganz gleich, wie fortge-
schritten der repräsentierende Geist seinem phantasmatischen Vorgän-
ger gegenüber ist, eines seiner auffallendsten Merkmale besteht darin,
daß er nicht mühelos die Rolle des anderen übernehmen kann. Er ist, wie
Piaget sagen würde, noch sehr egozentrisch. Dies ist Aurobindos «Wil-
lens-Geist» oder dem dritten Chakra in der Yoga-Psychologie sehr ähn-
lich.
4. RegellRollen-Geist - Dies ist beispielsweise Piagets konkret-opera-
tionales Denken («konop»). Der Regel/Rollen-Geist kann im Gegen-
satz zu seinem Vorgänger, dem repräsentierenden Geist, anfangen, die
Rolle anderer zu übernehmen. Es ist auch die erste Struktur, die ein-
deutig Regel-Operationen vornehmen kann wie Multiplikation, Divi-
sion, Klasseneinteilung, Hierarchisierung etc. (Flavell, 1970; Piaget,
1977). Aurobindo beschreibt diese Struktur als den Geist, der sensori-
sche oder konkrete Objekte verarbeitet - ganz ähnlich wie Piaget.
5. Formal-reflexiver Geist - Dies ist im wesentlichen Piagets formal
operationales Denken («formop»). Es ist die erste Struktur, die nicht
nur über die Welt denken kann, sondern auch über das Denken; daher
ist es die erste Struktur, die eindeutig selbst-reflexiv und introspektiv ist
(obwohl das in rudimentärer Form schon mit dem Regel/Rollen-Geist
beginnt). Es ist auch die erste Struktur, die zu hypothetisch-deduktivem
oder propositionalem Überlegen fähig ist («wenn a, dann b»), was ihr
unter anderem wirklich pluralistische und universalere Ansichten er-
möglicht (Flavell, 1970;- Piaget, 1977; Wilber, 1982). Aurobindo be-
zeichnet diese Ebene als «logischen Geist», einen Geist, der nicht an
sensorische oder konkrete Objekte gebunden ist, sondern statt dessen
Beziehungen (die keine «Dinge» sind) einschätzt und verarbeitet.
6. Visionäre Logik - Zahlreiche Psychologen (z. B. Bruner, Flavell,
Arieti) haben darauf hingewiesen, daß vieles für eine kognitive Struktur
spricht, die über Piagets «formal-operationale» hinausgeht oder höher
steht. Sie wurde als «dialektisch», «integrativ», «kreativ synthetisch»
und dergleichen bezeichnet. Ich bevorzuge den Begriff «visionäre Lo-
gik». Auf jeden Fall sieht es so aus, daß der formale Verstand Bezie-
hungen herstellt, visionäre Logik dagegen ganze Netzwerke solcher Be-
ziehungen (d. h., wie «Formop» «Konop» verarbeitet, so verarbeitet
visionäre Logik Formop). Diese Vision oder panoramische Logik
schätzt ein Massennetzwerk von Ideen und deren gegenseitige Beein-
flussung und Beziehung ein. Daher ist sie der Beginn einer wirklich
höherrangigen synthetisierenden Fähigkeit, der Herstellung von Ver-
bindungen, des In-Beziehung-Setzens von Wahrheiten, der Koordina-
tion von Ideen und Integration von Konzepten.
Interessanterweise ist dies fast genau das, was Aurobindo als «Höhe-
ren Geist» bezeichnete, der sich «frei in einzelnen Ideen äußern kann,
doch seine charakteristischste Bewegung ist eine Massenideation, ein
System oder eine Totalität von Wahrheitssehen auf einen einzigen
Blick; die Beziehungen von Idee zu Idee, von Wahrheit zu Wahrheit,
selbst gesehen in einem integralen Ganzen». Das ist natürlich eine
höchst integrative Struktur; meiner Meinung nach ist sie tatsächlich die
höchste integrative Struktur im personalen Bereich; jenseits davon lie-
gen transpersonale Entwicklungen.
7. Psychisch - Die psychische Ebene kann man sich als Kulmination der
visionären Logik und visionärer Einsicht denken; am besten wird sie
vielleicht durch das sechste Chakra repräsentiert, das «Dritte Auge»,
das den Beginn oder die Eröffnung der transzendenten, transpersona-
len oder kontemplativen Entwicklung kennzeichnen soll: Die kogniti-
ven und wahrnehmenden Fähigkeiten werden offensichtlich so plurali-
stisch und universal, daß sie anfangen, über alle engen persönlichen
oder individuellen Perspektiven und Anliegen «hinauszureichen». Den
meisten kontemplativen Traditionen zufolge beginnt ein Individuum auf
dieser Ebene, die kognitiven und wahrnehmenden Fähigkeiten des Gei-
stes sehr subtil zu untersuchen und sie in diesem Maße auch zu transzen-
dieren. Das ist Aurobindos «erleuchteter Geist» und die «vorbereiten-
den Stadien» der Meditation im Hinduismus und Buddhismus. Bei Au-
robindo heißt es:
Die wahrnehmende Kraft der inneren [psychischen] Schau ist größer
und direkter als die wahrnehmende Kraft des Denkens. Wie der
höhere Geist [die visionäre Logik] eine größere Bewußtheit mit sich
bringt als die Idee und ihre Wahrheitsmacht [«Formop»], so bringt
der erleuchtete Geist [psychische Ebene] eine noch größere Bewußt-
heit durch eine Wahrheitssicht und ein Wahrheitslicht und seine se-
hende und erfassende Kraft; er erleuchtet den logischen Geist mit
einer direkten inneren Vision und Inspiration; er kann einen genaue-
ren und kühneren offenbarenden Entwurf, ein größeres Erfassen und
eine größere Totalitätsmacht verkörpern, als das begriffliche Denken
zu handhaben vermag.
S. Subtil -- Die subtile oder feinstoffliche Ebene soll der Sitz wirklicher
Archetypen, platonischer Formen, subtiler Klänge und auditiver Er-
leuchtungen (nada, shabd) und transzendenter Einsicht und Absorption
sein (Aurobindo; Da Free John, 1977; Evans-Wentz, 1971; Guénon,
1945; Rieker, 1971). Einige Traditionen, wie Hinduismus und Gnosti-
zismus, behaupten, daß das direkte phänomenologische Erfassen diese
Ebene als den Sitz der personalen Formen der Gottheit enthüllt (Ishta-
deva im Hinduismus, Yidam im Mahäyäna, Demiurg im Gnostizismus
etc.). Erkannt wird das in einem im Hinduismus als Savikalpa-samädhi
bezeichneten Zustand (Blofeld, 1970; Hixon, 1978; Jonas, 1958). Im
Theraväda-Buddhismus ist dies der Bereich der vier «Jhänas mit Form»
oder der vier Stadien konzentrativer Medidation mit der man Zugang
zu archetypischen «Erleuchtungsebenen» oder in «Brahmä-Bereiche»
erhält. In der Vipassana-Meditation ist dies das Stadium des Pseudonir-
väna, der Bereich von Erleuchtung und Entzücken und beginnender
transzendenter Einsicht (Goleman, 1977; Nyanamoli, 1976). Bei Auro-
bindo ist es der «intuitive Geist»; in der Kabbalah sind es Geburah und
Chesed, und so weiter. (Meine Gründe für die Schlußfolgerung, daß
allen diesen Phänomenen die gleiche Tiefenstruktur von Bewußtsein auf
subtiler Ebene gemeinsam ist, werden in Eye to Eye angeführt [Wilber,
1983]).
9. Kausal - Die kausale Ebene soll die unmanifestierte Quelle oder der
transzendente Boden aller niederen Strukturen sein; der Abgrund
(Gnostizismus), die Leere (Mahäyäna), das Formlose (Vedänta)
(Chang, 1974; Deutsche, 1969; Jonas, 1958; Luk, 1962). Sie wird in
einem Bewußtseinszustand erkannt, der bezeichnet wird als: Nirvi-
kalpa-samädhi (Hinduismus); Jnäna-samädhi (Vedänta); achtes von
zehn Ochsenbildern (Zen); siebtes und achtes Jhäna (Stufen der Ver-
sunkenheit); Stadium müheloser Einsicht, die in Nirväna gipfelt (Vipas-
sana); Aurobindos «Übergeist» (Da Free John, 1977; Goleman, 1977;
Guénon, 1945; Kapleau, 1965; Taimni, 1975). An anderer Stelle wird
dieses Stadium auch als universales und formloses Selbst beschrieben
(Atman), das allen Wesen gemeinsam ist (Hume, 1974; Schuon, 1975).
Aurobindo: «Wenn der Übergeist herabsteigt, wird die Vorherrschaft
des zentralisierenden Ich-Sinnes völlig untergeordnet; der ich-Sinn ver-
liert sich in der Größe des Seins und geht schließlich unter, eine breite
kosmische Wahrnehmung und das Gefühl eines grenzenlosen, universa-
len Selbst ersetzen sie ... ein uneingeschränktes Bewußtsein der Ein-
heit, das alles durchdringt ... ein Wesen, das in seiner Essenz eins ist
mit dem Höchsten Selbst.»
10. Absolut - Wenn das Bewußtsein den Zustand des Erlöschens oder
der kausalen Absorption ohne Manifestation voll durchlaufen hat, soll
es endlich wieder zu seiner ursprünglichen und ewigen Wohnstätte als
absoluter Geist erwachen, strahlend und alles durchdringend, eins und
vieles, einziges und alles - die vollständige Integration und Identität
manifester Form mit dem unmanifestierten Formlosen. Das ist der klas-
sische Sahaj-samädhi; der Zustand von Turiya (und Turiyatita), absolu-
tes und eigenschaftsloses Bewußtsein-an-sich, Aurobindos «Super-
geist», der «Eine Geist» des Zen, Brahman-Atman, der Svabhavika-
kaya (Chang, 1974; Da Free John, 1978; Hixon, 1978; Kapleau, 1965;
Mukerjee, 1971). Strenggenommen ist das Absolute nicht eine Ebene
unter anderen, sondern die Realität, Bedingung oder Soheit aller Ebe-
nen. Analog stellt das weiße Papier, auf dem Abbildung 1 gedruckt ist,
diesen Grund der Leere-Soheit dar.