Jüdische Geschichte - Teil III: Die Landnahme

Ask1 Redaktion

Geselle
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Erste Phase der vorstaatlichen Zeit:

Führen wir uns noch einmal die Erkenntnisse der letzten beiden Teile vor Augen. Da war einmal die Vermutung, dass es sich bei den Präisraeliten um Nomaden handelte - historisch scheint das einleuchtend. Der Sonderstatus der nomadischen Religion sollte dann einen Grundpfeiler für die später auftauchende jüdische Religion bilden, welche langsam, während des Auszugs aus Ägypten entstand. Was folgte nach dem Auszug bzw. womit endete dieser? Nun, die Bibel berichtet da ganz eindeutig von der Landnahme, welche zum ersten Staate Israels führte und somit zu einer neuen Art des religiösen Kultes, doch dazu in späteren Teilen. Kommen wir nun zur Landnahme.

Welche Theorien liefern die Quellen?

Merkwürdigerweise bietet uns die Bibel in diesem Fall gleich zwei Geschichten. Die da wären:
Josua
Richter


Das eigentliche Problem ist wohl, dass sich diese beiden Quellen auch noch wiedersprechen.
Josua:
Nach dieser Geschichte wird der Auftrag Moses (das Volk nach Israel zu führen) nach dessen frühzeitigem Tod (er kann die Aufgabe nicht beenden) an Josua weitergegeben. Dieser soll nun Kanaan erobern und "alles Ungöttliche" beseitigen. Leicht beschönigt, drückt dies immerhin die Vernichtung der gesamten Bevölkerung aus.
Keine Mühen scheuend, marschiert Josua von Osten ein und nimmt den militärstrategisch wichtigen Brückenkopf Jericho ein (es handelt sich bei der Stadt wahrhaftig um einen einzigartigen Brückenkopf). Die Geschichte, nach welcher Jericho durch die Töne (bzw. Schallwellen) von Posaunen fällt, kennt wahrscheinlich jeder. Könige des Nordens und des Südens bilden daraufhin eine Koalition gegen den Feind, erschreckt von dessen Übermacht. Allerdings ein trostloses Unterfangen:
Josua erfüllt seinen Auftrag mit der völligen Eroberung des Landes.

Richter:
Im Buche Richter finden wir nun allerdings auch eine Negativliste von Städten, welche nicht erobert wurden. Bei den eingenommenen Siedlungen, handelt es sich oftmals um kleinere Städtchen, die zudem im Lande verteilt sind, was eine Zwischenraumbesiedlung suggeriert. Es besteht ohne Zweifel eine Koexistenz mit Kanaan.Drei gängige Modelle:

Invasionsmodell:
  • von außen, kriegerisch
  • Nach diesem Modell wäre der Josuabericht authentisch
Infiltrationsmodell:
  • von außen, friedlich
  • Dieses Modell stützt sich auf die verschiedenen Land- und Bewirtschaftungsformen in der Natur von Kanaan. Tatsächlich waren bestimmte landwirtschaftliche Nischen nicht besetzt
  • Nomaden hätten die Möglichkeit gehabt durch die reichhaltige, nicht besiedelte Berglandschaft zu infiltrieren (womit kein Prozess von heute auf morgen gemeint ist: verständlich)
Revolutionsmodell:
  • von innen, kriegerisch
  • Hier sollen soziale Gegensätze zwischen Stadt und Land zum Umschwung geführt haben (es ist nicht der Gegensatz zwischen Nomaden und Kanaan gemeint)
  • Die Geschichte belegt uns die Existenz von Outlaws (Schuldner, etc.) welche aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurden, in diesem konkreten Fall Hapiru genannt. Und davon gab es einige.
  • So wird es dieser These zur Folge zu einer Revolution gekommen sein, um an städtische Güter zu gelangen
Was spricht für, bzw., gegen diese Modelle?
Zu 1.) Hier stellt sich die Frage, ob sich solch eine Invasion archäologisch nachweisen lässt.
Zu 2.) Welchen Grund hätten die Nomaden haben können zu infiltrieren? Und noch viel wichtiger: warum wurden sie sesshaft, was dann direkt mit einer weiteren Frage verbunden wäre, was denn die Städte soweit geschwächt hat, dass es für die Nomaden überhaupt möglich wurde, ihrer habhaft zu werden?
Zu 3.) Bei dieser Theorie müsste es sich belegen lassen, dass nichts von außerhalb nach Kanaan hereinkam, da Israel gleich Kanaan sein muss.Argumentation:

Wie muss man nun an die Sache herangehen, so man eine Lösung finden möchte? Zum Glück hilft uns die Archäologie. Diese hat einen Stein mit der Aufschrift Israel freigelegt und auf das Jahr 1200 BCE datiert. Eine Landnahme muss folglich vor diesem Zeitpunkt stattgefunden haben. Betrachten wir uns also die Zeit von 1300-1200 BCE (der Übergang von der Bronze zur Eisenzeit in der Kanaaneischen Region).
In Kanaan sind viele Städte immer wieder zerfallen, was auf den ständigen Durchmarsch ägyptischer Truppen und eigene innere Kriege zurückzuführen ist. Mit dem Krieg einher gingen selbstverständlich Hunger und Seuchen. Letztendlich geht Kanaan nach 1190 BCE unter, da das System der Stadtstaaten nicht mehr funktionierte. Unter anderem wird das durch den Handel mit der Ägäis belegt, welcher ab 1200 nicht mehr stattfindet. Lediglich vereinzelte Städte überleben, es handelt sich hierbei um Garnisonenstädte der Ägypter.
Dies spricht natürlich gegen die erste Annahme, das Invasionsmodell, denn die Zerstörung vollzieht sich über hunderte von Jahren und es werden nicht alle Städte zerstört. Zudem waren viele der Gebiete, die Josua eingenommen hatte, teilweise gar nicht besiedelt. Es scheint also, als sei die Quelle Josua historisch unbrauchbar.

Beim Übergang vom 13. ins 12. Jahrhundert vollzog sich zudem ein dramatischer Umbruch der mediterranen Welt. Die Ägypter und Hethiter (zwei Großmächte, welche zu der Zeit ständig im Clinch waren) zogen sich von der großen öffentlichen Bühne zurück (Wissenschaftler vermuten eine Verbindung mit dem noch recht ungeklärten Seevölkersturm), es entstand ein großes Vakuum.

Was bedeutete dies für Kanaan? Zunächst zwei historisch belegte Strömungen. Vom Westen kamen die Philister und vom Osten her, drang eine neue Art der Besiedlung ins Land. Statt Ballungszentren fanden sich dort viele, kleine, unbefestigte Siedlungen, welche eine Agrarwirtschaft betrieben und in gewisser Weise die kanaanäische Keramik fortführte, allerdings in bedeutend schlechterer Qualität. Bei den Siedlungen handelte es sich um Haufendörfer und Ringhöfe, in welchen sich eine immense Viehstallungen, aber keine öffentlichen Bauten finden ließen.
Die große Frage ist, um wen handelte es sich bei diesen Leuten?
1.) Überlebende Stadtbewohner?
2.) Hapiru?
3.) Nomaden?Gegen die Stadtbewohner spricht die neue Bauform und die Ortslage der Siedlungen, denn Städte wurden zu der Zeit immer auf alte Städte aufgebaut. Das gleiche trifft auch auf die Hapiru zu, auch bei der Annahme, dass sie an andere Stellen zogen, warum sollten sie ihre materielle Kultur (z.B. Keramik) ändern?
Dies alles spricht natürlich für eines, für die dritte Möglichkeit - die Siedler waren ursprünglichNomaden. Weiterhin fand sich ein totaler Gegensatz zu den ursprünglichen Bewohnern Kanaans, welcher sich bei der Untersuchung der Speisereste ergab: Es fanden sich keine Schweineknochen.

Wenn man die bisherigen Teile dieser Informationsreihe gründlich gelesen hat stellt sich einem sofort eine weitere Frage: Warum sollten die Nomaden sesshaft werden? Sie hatten bisher auch immer gute Gründe dies nicht zu tun. Nun, wie öfter erwähnt bestand eine enge Symbiose zwischen Nomaden und den Städten, so waren die Nomaden auf deren Getreide angewiesen. Als die Städte untergingen ergab sich die Notwendigkeit dieses selber anzubauen. Zudem sind historisch "Nomaden werden zu Sesshaften" - Wellen belegt, dies in beide Richtungen.

Wir besitzen nun also die Kenntnis über die Entstehung der für die in Kanaan lebenden Nomaden typischen Religion, und dass diese im Unterschied zu anderen Religionen nicht auf den Staat, sondern auf die Familie und die Weitergabe innerhalb dieser beruht. Wir wissen, dass solche Nomaden aus Ägypten gezogen und wieder nach Kanaan eingewandert sind. Mehr noch sahen sie sich einem Vakuum gegenüber, mit einigem Platz zur Besiedlung. Also haben wir nun ein Volk, mit einer nomadischen Religion, welches im Inbegriff ist, sesshaft zu werden und einen eigenen Staat zu gründen. Wie sich das abspielte, dazu kommen wir im nächsten Teil der Jüdischen Geschichte.


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