Jüdische Geschichte - Teil II: Der Exodus

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Geselle
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Dieser Teil der jüdischen Geschichte schließt direkt an den Teil über die Erzväter an, in welchem die grundlegende Struktur nomadischer Religionen dargelegt wurde. Ein Eckstein der jüdischen Geschichte also, um die spätere Religion zu verstehen. Logischerweise folgt hier nun die Geschichte des Exodus, welche mit der Landnahme endet (Teil 3). Der Exodus beschreibt, wie das jüdische Volk aus Ägypten auszieht, 40 Jahre von Moses geführt durch die Wüste wandert und am Ende seinen Bund mit Gott durch die Empfängnis der Gebote erneuert.

Im Gegensatz zu literarischen Passagen, wie beispielsweise der Schöpfungsgeschichte, lässt sich die Wüstenwanderung zum Teil auch historisch belegen, so unter anderem in "Die Bibel hat doch Recht" von Werner Keller.

Handelt es sich bei der Geschichte des Exodus lediglich um einen im Nachhinein aufgebauten Völkerepos? Oder fand der Auszug aus Ägypten tatsächlich statt und wurde nach Überlieferungen - welche verständlicherweise nicht mehr haargenau passen würden - in der Bibel festgehalten?

Was sagt die Bibel:

Nach der Geschichte ziehen die Söhne Jakobs von einer Hungersnot geplagt ins Nildelta, wo sich das jüdische Volk vermehrt, so dass es am Ende auf 600.000 Männer kommt. Wie der Übersetzer betont, sind hier tatsächlich Männer gemeint, auch wenn manche hebräische Worte für Männer auch Menschen heißen können.

Den Ägyptern gefiel dieser Zuwachs laut Bibel überhaupt nicht und sie wollten die Juden beispielsweise durch Fronarbeit, Kindstötung, etc. vergraulen.

Moses überlebt und erhält den Auftrag Gottes, dass jüdische Volk aus Ägypten zu führen. Es folgen die zehn Plagen und die Wanderung nach Sinai. Die Ägypter zeigen sich plötzlich wieder wankelmütig - möchten vermutlich ihre billigen Arbeitskräfte nicht verlieren - und jagen mit Streitwagen hinter den Ausziehenden her. Die wundersame Teilung des Roten Meeres durch Moses, beendet jedoch die weitere Verfolgung. Es folgt eine 40- Jährige Wanderung mit einem unzufriedenen Volk und einem vermittelnden Moses. Die Geschichte schließt mit seiner Abschlussrede.

Folgende Punkte gelten also als historisch bestätigt:

- Einwanderungswellen aus Kanaan
- Landlose Bauern in Ägypten mussten arbeiten
- Kriegsgefangene mussten Arbeit verrichten
- Anwesenheit semitischer Flüchtlingsstämme im Nildelta

Was sagen Skeptiker? Wie lässt sich der Exodus zeitlich einordnen?


Wie immer wollen wir verschiedene Stimmen zu Wort kommen lassen, damit sich jeder Leser sein eigenes Bild machen kann.

Betrachten wir zunächst einmal die Schriften des Manethos, wobei erwähnt sein sollte, dass es sich hierbei um einen anti-jüdischen Schriftsteller handelte. Manethos spricht von der Hyksos, wobei es sich um "Fürsten der Fremdländer" handelt. Er beschreibt die Besiedlung Ägyptens durch die jüdischen Stämme als Invasion von Einwanderern, welche dann 500 Jahre im Lande herrschten und den Rest des Landes unterdrückten.

Die Archäologie allerdings beweist uns, dass die semitische Einwanderung nur langsam (ab 1800 v. Chr.) vor sich ging, von einer Invasion kann demnach kaum die Rede sein. Allerdings soll es ab 1650 v. Chr. tatsächlich eine Übermacht aus Kanaan in den Einwanderungsgebieten gegeben haben, jedoch nicht in ganz Ägypten.
Ägyptische Schriften berichten darüber, dass Ahmose die Hyksos im Jahre 1600 v. Chr. besiegte. Aufgrund dieser Niederlage soll nun der Exodus erfolgt sein. Rechnet man nach biblischer Theologie, ist der Exodus eher in Zeit um 1440 v. Chr. zu datieren.

Hinzu kommt, dass andere ägyptische Schriften von jüdischen Zwangsarbeiten an der Ra´amses (Stadt) berichten. Der Pharao, welcher diese Arbeiten aber hätte durchführen lassen, nämlich Ramses II, lebte erst 1279 - 1213 v. Chr.

Der erste archäologische Fund, welcher den Namen Israel bestätigt, stammt aus den Jahren 1209 - 1207 v. Chr. Aus diesen Darlegungen resultiert, dass eine exakte Datierung meist problematisch ist. Skeptiker folgern nun, dass ein Exodus niemals stattgefunden hat. Hinzu kommen für sie noch folgende Punkte:

1.) Seit Hyksos wurden strenge Überwachungen der Grenzen durchgeführt (Festungen etc.). Es gibt dabei keine Berichte - zum Beispiel von Patrouillen - über eine derartige Flucht. Ein Entkommen einer größeren Gruppe ist auch sehr unwahrscheinlich
2.) Es gibt in Sinai keine einzige archäologische Spur von Lagerplätzen (das Klima hätte den Erhalt von Funden allerdings sicherstellen müssen)
3.) Alle relevanten Orte den Exodus betreffend, welche die Bibel erwähnt, waren zu damaligen Zeiten nicht besiedelt. Es handelt sich um Ortsangaben von 700 v. Chr.

Was sagen gemäßigte Kritiker?

Weniger skeptische Stimmen sagen, dass alle Städte, an denen Juden arbeiten mussten, ausgegraben wurden (Pi-Ramesse, Pithom, Sukkoth) und sich die anderen erwähnten Städte nicht lokalisieren lassen, da die Auswahl an Ausgrabungen einfach zu groß ist. Das erwähnte Pi-Ramesse florierte bis zu Ramses II und wird unter Pharao Tanis schließlich zur Hauptstadt des Ostdeltas. In Psalm 78 gar wird der Exodus nicht mit Ramses, sondern mit Tanis verknüpft, was also auf eine Zeit um 1312 v. Chr. schließen ließe. Es ist also möglich, dass alle biblisch erwähnten Orte und Namen im Nachhinein falsch notiert wurden, was verständlich ist, wenn man bedenkt, dass es sich um einige hundert Jahre alte mündliche Überlieferungen handelt.

Skeptiker wenden weiterhin ein, dass es keine ägyptischen Quellen über den Exodus gibt. Hier gilt es zu bedenken, dass kein ägyptischer Herrscher gerne über Niederlagen schrieb. Historiker kennen Parallelen zu anderen Pharaonen, welche nicht über wichtige Ereignisse berichteten, obwohl diese historisch eindeutig belegt sind. Zudem gingen alle Archive aus Pi-Ramesse verloren.

Ein weiteres Argument gegen die Behauptung, dass der Exodus ein im Nachhinein geschriebenes Märchen ist, ist die Person Moses selber. So ist Moses ein ägyptischer Name, was darauf schließen lässt, dass er tatsächlich dort war. Auch der auftauchende Gottesname Jhwh lässt sich zu keinem vorherigen Zeitpunkt in Kanaan nachweisen.
Man kann auch nicht davon ausgehen, dass es sich tatsächlich um 600.000 Auswanderer handelte. Viel mehr ist es wohl eine symbolische Zahl, denn auch 800 n. Chr. sind die Bevölkerungszahlen in der Region Israels deutlich geringer. Wenn man davon ausgeht, dass es sich um kleinere Gruppen von Flüchtlingen und Kriegsgefangenen handelte, ist eine Flucht auch nicht mehr so unwahrscheinlich.

Um noch einmal auf Moses zurückzukommen, so besaß dieser wie bereits erwähnt einen ägyptischen Namen, hatte eine ägyptische Frau und stirbt sogar noch vor Vollendung seines Werkes (Führung des Volkes in das verheißene Land Israel; wie prophezeit sieht es Moses lediglich von weitem). Dies passt alles nicht zu einem im Nachhinein erfundenen literarischen Helden, welcher gar seine eigenen Gesetze verletzt.

Der neue Gott Jhwh:

Biblische Belege für Jhwh:
1.) 1. Offenbarung Gottes an Mose - "Ich bin, der ich bin"
2.) Buch der Richter: Wieder im Midian Gebiet
3.) Dtn, 33,2
4.) Hab 3,3

Archäologische Belege:
In ägyptischen Schriften wurden kartografische Listen gefunden. In diesen Listen beziehen sich sechs Angaben auf nomadische Gebiete (wörtliche Übersetzung der ägyptischen Gebietsnamen: "Das Land der Nomaden von...[Gebietsname]"). Eins dieser Gebiete heißt Jhwh, was zur Annahme führt, dass Jhwh ursprünglich ein Gebiet des Gottes war.

Die Verbindung mit dem Jhwh-Berg entstanden dann wohl durch die Umformung eines alten semitischen Berggottes (Wettergötter, Donnergötter) zu einem Allmachtsgott.
Die Jhwh-Religion entstand also nicht in Kanaan und entwickelte sich noch vor jeder Staatsgründung (wichtig, siehe Teil 1)

Geschehnisse am Berg Sinai:

Biblisch:

Einige Flüchtlingsgruppen treffen sich am Berge Sinai um dort die Gebote, die ihr Zusammenleben regeln sollen, vom Gotte Jhwh zu empfangen. Dabei schließen sie einen Bund mit Gott, welcher aber auch gleich durch einen Vertragsbruch, hervorgerufen durch das Goldene Kalb, begleitet wird. Gleichzeitig erhalten sie durch die Bundeslade ein transportables Heiligtum.

Historisch:

1.) Die Gebote passen eher zu Monarchen
2.) Die Bundeslade passt zur vorstaatlichen Zeit
3.) Gefühl der Befreiungsbewegung, dabei eine personale Bindung mit Gott und Moses und das Gefühl sozialer Gleichheit (-> da die personale Bindung höher ist als die Ortbindung wird der Gott "mitgenommen", er verweilt nicht, wie in manchen frühen Religionen nur an einem bestimmten Ort)
4.) Gott als Helfer dieses Volkes
5.) Jhwh ist kompatibel mit der Väterreligion (siehe Teil 1), dabei nimmt Moses die Väterrolle ein.
6.) Die neue Religion ist eher herrschaftsdestabilisierend (es bildet sich kein Kult zur Unterstützung eines monarchischen Führers heraus)
7.) Solidarität wird erwartet (erste ethische Ansätze)
8.) Am Ende zeigt sich die Tendenz zu einem (gemeinsamen) Gott und sowie zur Bildlosigkeit


Fazit:

Motiviert durch Hungersnöte im eigenen Land, zogen diverse Nomadenstämme aus Kanaan nach Ägypten. Im Handgepäck haben sie immer ihren bereits seit Generation anerkannten Vätergott dabei. Aufrund unmenschlicher Frohnarbeiten wagen einige Nomaden dann einen erneuten Auszug, diesmal aus Ägypten heraus. Gemeinsam schaffen sie es und verbunden durch das Gefühl einer eigenen Bewegung folgen sie nun alle einem Gott: Jhwh.
Wie dies alles genau geschah, davon mag sich jeder selber sein eigenes Bild machen. Dass es in etwa so geschehen sein muss steht für den Verfasser außer Frage. Schließlich bildet die Wanderung durch die Wüste und hier ganz besonders die Einführung der Zehn Gebote einen Grundpfeiler der Jüdische Religion und damit auch für das Christentum und den Islam.
Weitere prägende Ereignisse folgen in den nächsten Teilen der Informationsreihe "Jüdische Geschichte"



Weitere Artikel zum Thema:
Jüdische Geschichte - Teil I: Die Zeit der Erzväter
Jüdische Geschichte - Teil III: Die Landnahme
Jüdische Geschichte - Teil IV: Die frühe Königszeit
 
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