Die Welt ist in Ordnung - Eine sarkastische Betrachtung von Maic Gofreck

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Wer kennt sie nicht, die Talkshows und ähnlich leichten Unterhaltungssendungen, die uns so wundersame Einblicke in so manch entlegenen Winkel unserer Gesellschaft gewähren.
Sie laufen schon am Vormittag als Wiederholung, begleiten uns über die Mittagszeit und auch danach bis zum beginn des Abendprogramms haben wir noch was davon.

Liebevoll detailiert wird da schmutzige Beziehungswäsche ausgebreitet und schaumig gewaschen. Arbeitslose, die stolz verkünden, sie hätten ja eh keine Lust zum Arbeiten streiten mit verständnislosen Musterbürgern und -bürgerinnen. Das Publikum schüttelt mal hier, mal dort den Kopf und es darf auch gerne mal verächtlich in die Diskussion eingegriffen werden:

"Also was du asozialer Typ da links aussen von dir gibst find ich ja nun echt nicht mehr korrekt"


Jawoll das ist nicht gut, das ist nicht korrekt, sowas sagt man nicht, so denkt man nicht und schon gar nicht sagt man es laut auch wenn man dafür vielleicht sogar Geld bekommen haben mag.
Die Frau, die kaum einen einzigen Satz einigermaßen grammatikalisch korrekt über die Lippen bekommt, aber braungebrannt erklärt, dass sie als Partyluder und Hobbyprostituierte ganz gut über die Runden kommt im angeregten Dialog mit der Hausfrau und liebenden Mutter von nebenan und irgendwie mit dem Rest der Fernsehnation.

Psychologisch "bestens" geschulte Experten mit Geheimdienstlich organisierten Investigationstrupps (zumindest entsteht der Eindruck bisweilen) dringen abseits der Talkshows in die tiefsten Abgründe der pseudo Gästeseele, die fachgerecht auseinander genommen und neu zusammengesetzt wird. Nun ja, wenn die psychologische Prostitiution vor Millionenpublikum mal nicht zu neuen Schwierigkeiten führt. Wohl bekomms. Heilung ist alles und immerhin, der Patient vor dem Fernsehgerät hat es so gewollt. Tröstlich, dass die armen Leidenden (zumindest die im Studio) nicht mehr als schlechte Laienschauspieler sind und wir somit nicht mit Heerscharen öffentlich psychologisch destabilisierter Psychopathen rechnen müssen. Mit dem Willen zu "brutalstmöglicher" Aufklärung werden intimste Intimitäten ans versengende Licht der Öffentlichkeit gezerrt von angehenden Juristen mit medial wertvoller und einschlägiger Erfahrung. Wie gut, dass wir so umfassend informiert werden und das auch noch so kompetent.

Juristen im Fernsehen kommen ja immer gut. In endlos spannenden und täuschend echt nachgestellten Gerichtsverhandlungen, die klarmachen weshalb es um die deutsche Justiz nicht unbedingt zum Besten steht, da doch in der Realität eher selten im letzten Moment noch räuige Geständige auftauchen, die doch dringend nötig sind im Zuge eines solchen Prozesses der kompetenten Wahrheitsfindung.
Tröstlich jedoch die Darstellung knallharter Staatsanwälte, die, wenn sie nicht gerade mit der GSG9 Geiseln befreien und höchstselbst finale Rettungsschüsse abgeben, offenbar dem Gott der Vergeltung ein Lämmlein opfern.
Ja zumindest die Darstellung solch engagierter Staatsanwälte lässt hoffen, dass die Verbrechensrate bald gen null sinken wird.

Von so viel nervenzerfetzender Spannung und Realitätsnähe kommt einem die Pause sehr gelegen. Einmal kann man sie nutzen um die überlastete Blase zu entleeren zum anderen wird man über die Möglichkeit auf dem laufenden gehalten musikalische Kleinode für nur schlappe und runde zwei Euro zu ergattern. Ein Schnäppchen kann man da nur sagen. Vielleicht noch ein Handygame für 2.88? Na hoffentlich sitzen auch die lieben Kleinen vor dem Gerät, die ja Hauptzielgruppe solcher Werbung sind. Doch darum muss man sich nicht wirklich sorgen. Was wollen die Kids schon auch gross machen in unseren kinderunfreundlichen Städten.
Gelangweilt und reizübersättigt mangelt es ihnen ja ohnehin inzwischen an Fantasie und Motivation für solch anstrengenden Unsinn wie ihn einst die Vorfahren in den dunklen Tagen, (wir erinnern uns, damals als die Welt noch schwarzweiss war oder zumindest eine ziemlich schlechte Farbqualität aufwies, wie gelegentliche Sendungen aus diesen Tagen ja belegen) bevor das strahlende Licht des Privatfernsehens in unsere Katakomben strahlte, als Unterhaltung ansahen.

Derweil und zur Abwechslung diskutiert die Prominenz der Partymeile ob es denn Schicklich sei für den etwas beleibteren oder nicht ganz so "normschönen" Menschen überhaupt noch vor die Tür zu gehen, weil das doch "echt voll scheisse aussieht so wie du da sitzt, dass muss ich dir jetzt schon mal so sagen, also find halt ich" und man fragt sich warum der nicht ganz so Normgerechte sich das eigentlich antut und welche Motivation die Genormten wohl haben mögen ihre blöde Klappe öffentlich aufzureissen.
Es drängt sich die Frage auf, ob die beteiligten dieser heiteren Meinungsbildungs-Selbsthilfegruppe nicht vielleicht allesamt ein bisschen eingeschränkt sind in ihrer Intelligenz.
Doch diese Frage ist per se gemein wie man schnell ahnt.

"Asoziale" denkt man hin und wieder und schämt sich pflichtbewusst sogleich schon wieder dafür, weil es ja politisch nicht korrekt ist so zu denken. Nein diese Menschen sind nur anders. Sie pflegen ihren individuellen Stil und man muss sie tolerieren, ja fast schon gern haben.
Irgendwie jedoch bestehen berechtigte Zweifel, ob die meisten Leute das so schaffen, das mit dem gern haben und dem tolerieren. Viel eher beschleicht einem das ungute Gefühl, dass bei so manchem, wenn nicht bei der Mehrzahl der Zuschauer, ein eher deftiges "Dummes Pack" übrig bleibt als liebevolle Erinnerung an das Gesehene.

Eigentlich ist das vermutlich auch gar nicht mal so fern von der Intention der Macher dieser Sendungen.
Wollen die uns am Ende genau das Zeigen? Wollen die uns (um Himmels willen, darf man das überhaupt so schreiben?) den "Abschaum" der Gesellschaft vor Augen führen um uns in dem schönen Gefühl zu wiegen, dass wir ja nicht dazu gehören?

Fördern diese Shows am Ende die Vorstellung vom arbeitsscheuen, unwillig, faul und schmarotzend in der sozialen Hängematte sich suhlenden Arbeitslosen oder Sozialhilfeempfänger, der überdies noch ungebildet, ja geradezu barbarisch ist?
Haben da unsere Politiker ihre merkwürdigen Ansichten her? Oder verhält es sich umgekehrt?

Da beklagt man den Verfall der Werte und betrachtet sich diesen voyeuristisch via Massenmedium, wo dieser Wunsch sich am Niedergang zu ergötzen gerne mit entsprechendem Material bedient wird. Böse Menschen könnten soweit gehen zu behaupten der Niedergang selbst würde durch die Massenmedien geradezu gefördert. Das böse Wort von der "Volksverblödung" macht immer wieder mal die Runde.

Liegt dem eine schlimme Absicht zugrunde? Ist das eine Verschwörung? Sind wir leichter zu handhaben, wenn wir medial lobotomiert sind?

Nein. Das kann und will man nicht glauben. Das ist doch alles nur Marktwirtschaft. Das feine und gerechte, ja gute Spiel von Angebot und Nachfrage. Jenes Spiel, dass auch die Gladiatorenkämpfe im alten Rom schon gerechtfertigt hatte.

Ob nun Proleten in der Konserve (gemeint sind natürlich, junge und dynamische Bürger im Container) oder im ganzen Dorf, ob nun abgehalfterte Stars auf der Insel beim Ekeltest oder halb prominente auf der Alm bei dem Versuch sich in amüsanten, manchmal sogar ein bisschen infantilen spielen zu messen und sich in kleinlichen Menscheleien gegenseitig zu zerfleischen, all das ist da weil der mündige Konsument das so will.

Nun ja. Der mündige Bürger ist zugegebenermaßen nicht immer ganz so mündig. Eben gerade wenn es um die Kinder geht, die mit bluttriefenden Animes, merkwürdig zusammenhangslosen Dialogen und weitgehend sinnfreien Stories, aber eben hübschen Bildern vor der Kiste gehalten werden wo man ihnen auch gleich die Möglichkeit bietet ihr bisschen Taschengeld für beispielsweise billige Spielkarten oder schlichte Plastikfigürchen auszugeben.
Auch die in den Siebzigern geborenen sind schon häufig vom Fernseher mit erzogen und haben zusammen mit ihren etwas jüngeren Mitmenschen wohl nicht selten eine Art "Fernsehmeditation" erlernt. Eine Psychotechnik deren nicht unwesentlicher Bestandteil es wohl ist widerspruchslos jede auch noch so hirnerweichende Übertragung gleichgültig und zufrieden wie ein Buddha auszuhalten und allenfalls einmal, einem blinzeln des Göttlichen gleich umzuschalten in den nächsten Kanal des Leidens und Ertragens.
Das Leben ist Leiden und wir haben hier die Gelegenheit uns für den Alltag zu stählen indem wir lernen auszuhalten.

Den Versuch einer Alternative bieten noch die öffentlich rechtlichen Sender, die jedoch mit Ihren teils sehr informativen Reportagen den inzwischen tief in seinen Übungen verstrickten und in seiner Meditation versunkenen Buddha Couchpotato nicht mehr zu bewegen vermögen.

Die Welt ist in Ordnung.
Alles wird gut.
 
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