Lasst uns die Fnords suchen

sercador

Meister
Mitglied seit
2. Januar 2011
Beiträge
204
Hallo liebe Leute und Nicht-Leute,

ein Diskussionsforum hat einige Ähnlichkeit mit einem
Raucherraum im Krankenhaus: hier treffen Leute aufeinander,
die sich im wirklichen Leben nie begegnen, den Kontakt
zueinander sogar meiden würden und sie arrangieren sich.
Der Hauptunterschied ist die Freiwilligkeit der Anwesenheit.

Damit die Diskussionen dann ungestört ihrem natürlichem Ende,
dem infiniten Nazi-Vergleich, entgegenschwurbeln können,
gibt es Forenregeln und Moderatoren, die über Einhaltung selbiger
wachen.
Inhalt, Stil und Logik der Diskussionsbeiträge ist von Forum zu Forum
unterschiedlich. Das eine Forum legt Wert auf wissenschaftliche
Begründungen, andere empfinden das als kontraproduktiv.
Gebräuchliche Mittel in den Diskussionen sind,
neben den smileys und Beweis-links ,
natürlich die vier Fremdsprachen, die jeder beherrscht:
Rhetorik, Ironie, Sarkasmus und Polemik.

Und die Fnords.
Sie tummeln sich in fast jeder Diskussion.
Eine grobe Zählung meinerseits ergab, dass spätestens im
13. post (sic!) ein Fnord auftaucht.

Was ist ein Fnord?
Gehen wir weg von der Definition des unsichtbaren Kunstwortes
und betrachten die Realität.

Beispiel Nr. 1
Das Wort „national“ hat eine recht simple Bedeutung und heutzutage
nur noch geringe Wirkung auf den menschlichen Blutdruck.
Ebenso das Wort „sozialistisch“. Nähern sich diese beide Wörter
innerhalb eines Textes unter eine kritische Distanz von mindestens
einem Satzzeichen, entwickeln sie eine enorme vasopressorische Wirkung.
Was für ein kräftiger Fnord.

Beispiel Nr. 2
Anarchie bedeutet wortgemäß die Abwesenheit von Herrschaft.
Taucht dieses Wort in Texten auf, ist eigentlich Chaos,
Ungerechtigkeit und sinnlose Gewalt gemeint.
Wenn wir singen „Alle Menschen werden Brüder“
beschreiben wir eine anarchistische Utopie.
Es bedurfte langer und hartnäckiger Indoktrination,
um diese Wortbedeutung umzukehren.
Das Wort Anarchie ist inzwischen Synonym für
allerschlimmste Zustände.
Ein Fnord eben.

Beispiel Nr. 3
„Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir.“
Jeder Schüler bekommt diesen Satz irgendwann zu hören.
Gerne auch auf Latein.
Gerne auch mit Hinweis auf den Philosophen Seneca.
Und genau der hat damals über die theorie-verquasten
Philosophen-Schulen gemeckert mit dem Satz:
Non vitae, sed scholae discimus.
Also exakt umgekehrt.
Ein klassischer Fnord.

Beispiel Nr.4
Es gehört zum Lehrstoff, den Kindern
die Herkunft des Wortes ÖKOLOGIE zu erklären.
Mitnichten soll es die Lehre vom Haushalt sein,
vielmehr eine Synthese aus der Ökonomie
und der Biologie.
Ernstzunehmende Wissenschaftler geben zu,
daß sie nicht alle Zusammenhänge in so einem
komplexen System wie z.Bsp. einem Gartenteich
entschlüsselt, geschweige denn verstanden haben.
Alle anderen erklären uns immer wieder,
dieses oder jenes sei nicht "ökologisch".
Ökologie, das Diazepam unter
den Fnords.

Lasst uns die Fnords sammeln und demaskieren,
auf dass sie niemanden mehr fressen können.

LG
sercador
 

Telepathetic

Großmeister
Mitglied seit
16. Oktober 2010
Beiträge
763
Mir fällt dazu noch Harrison Fnord ein.


Edit: Ist "Schlagwort" ein anderer Begriff für "Fnord"?
 
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