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Herausforderungen in der Schulbildung

Dieses Thema im Forum "Politik, Sozialkritik, Zeitgeschehen & Geschichte" wurde erstellt von streicher, 27. Juli 2017.

  1. streicher

    streicher Ehrenmitglied

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    Fachlehrermangel und nicht gutes Abschneiden bei der Pisa-Studie: beides waren immer wieder Themen rund um die Schulbildung. Wurde davon ausgegangen, dass der Lehrermangel sich teilweise von selbst erledigt, wenn die Schülerzahlen in Zukunft zurückgehen würden? Aktuell zeigt die demographische Entwicklung scheinbar laut einer Studie von Bertelsmann in die andere Richtung: auf stark steigende Schülerzahlen. Dann müssten aber auch neue Räumlichkeiten geschaffen werden. Wird es irgendwann heißen: "Klassenräume und Lehrer verzweifelt gesucht?"

    Mit dem Pisa-Schock werden die aktuellen Reformen in Zusammenhang gebracht (was mir ein wenig einsilbig erscheint), die u.a. einen "kompetenzorientierten Unterricht" fördern sollen. In Bayern zum Beispiel ist der kompetenzorientierte Unterricht (LehrplanPlus) in den Grundschulen schon eingeführt worden. Die FOS folgt im kommenden Schuljahr. Ebenso wird der kompetenzorientierte Unterricht z.B. in der Realschule von der fünften Klassenstufe an eingeführt. Wie sind eigentlich bislang die Erfahrungen, auch in den anderen Bundesländern? Aus Gesprächen mit Lehrern habe ich raushören können, dass den Reformen mit sehr unterschiedlichen Gefühlen begegnet wird. Manche sind total begeistert über neue Formen des Unterrichts, die damit gefördert werden. Andere begegnen den Reformen skeptisch und sehen wenig Anlass, den eigenen Unterrichtsstil mit der Lehrplaneinführung groß zu ändern. Wissensvermittlung würde so schlechter funktionieren. Sind die Reformen eher Chance oder eher Hindernis?
     
  2. haruc

    haruc Ehrenmitglied

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    Als Student habe ich den Post-Pisa-Umbruch an der Uni miterlebt, zumindest die letzten Stadien davon, und im Vorbereitungsdienst hab ich dann hautnah erfahren, was das in der Praxis heißt.

    zum besseren Verständnis: Ich habe in Rheinland-Pfalz studiert und mein Referendariat gemacht. Dort wurde die Kompetenzorientierung bereits vor über zehn Jahren eingeführt.

    Zunächst mal heißt "Kompetenzorientierung", dass bei der schulischen Bildung der Schwerpunkt auf dem "wissen wie [es geht]" und nicht auf dem "wissen, dass..." liegt. In der allgemeinen Didaktik meint man damit also eine stärkere Ausrichtung des Unterrichts auf eine spätere praktische Anwendbarkeit hin. Das klingt zunächst nach einer sinnvollen Sache, ist aber nicht für jedes Fach gleichermaßen sinnvoll.

    Es gibt Fächer in denen sich Kompetenzorientierung sehr gut umsetzen lässt und wo die K-Orientierung den unterricht erheblich verbessert hat. Ein Beispiel wären die Fremdsprachen und Naturwissenschaften. Da ich Fremdsprachenlehrer bin, bleibe ich beim Beispiel Fremdsprache:

    In der Vergangenheit hat man sich beim Fremdsprachenunterricht stark an der Vorgehensweise des Lateinunterrichtes orientiert. Der Zweck des Fremdsprachenlernens war demnach auch weniger die BEfähigung zur Kommunikation in dieser Sprache (etwa im Urlaub) sondern die Befähigung zur passiven Rezeption, wie es etwa beim Lesen eines Buches geschieht. Entsprechend hat man viel Wert auf die Kenntnis grammatischer Strukturen und Formen gelegt, und wenig Wert auf Hörverstehen und mündliche Sprachproduktion.

    Die Kompetenzorientierung dreht den Spieß um nach dem Motto: "Lieber grammatikalisch unsauber aber dafür flüssig reden und verstanden werden".

    Der Unterricht wird durch die Kompetenzorientierung aktiver (für die Schüler) und führt zu (subjektiv gefühlt) besseren Lernerfolgen in der Sprachbeherrschung.
    Es gilt in der Fachdidaktik Englisch als Grundsatz, dass jeder Schüler pro Unterrichtsstunde mindestens 5 Minuten Englisch geredet haben muss. Das geht natürlich nur durch Gruppen- und Partnerarbeiten. Dadurch werden automatisch viel mehr schüleraktivierende Methoden benutzt, die zugleich den Unterricht unterhaltsamer und damit auch lehrreicher gestalten, da man nicht eine Grammatikregel am Schreibtisch auswendig lernt, sondern sie gleich selbst anwendet (unter umständen sogar, ohne die Regel zu kennen).

    Das ganz große Problem ist aber, dass die Messung des Lernerfolgs durch Tests und KLassenarbeiten nach wie vor die klassischen Fähigkeiten (Grammatik, Vokabular) stark in den Vordergrund rückt und die mündliche Sprachproduktion, die ja eigentlich der Eckpfeiler des kompetenzorientierten Fremdsprachenutnerrichts ist, außen vor bleibt.

    Somit arbeitet man vereinfacht gesagt im Unterricht auf ein Ziel hin, das eigentlich gar nicht zuverlässig im Rahmen einer formalen Prüfung überprüft werden kann.


    Es gibt aber auch Fächer, in denen Kompetenzorientierung eher hinderlich ist. Ein Beispiel dafür sind die Geisteswissenschaften (Mathe, Geschichte, Literatur usw), da diese Fächer ja per Definition schon seit jeher mit kognitiven Operationen arbeiten. Der Fachdidaktik fällt es hier sehr schwer, Kompetenzen zu formulieren, die nicht nur "an der Oberfläche des Faches kratzen".

    Das möchte ich am Beispiel des Faches Geschichte mal etwas näher ausführen:

    Die prä-Bildungsstandard-Geschichtsdidaktik geht von einem subjektiven Geschichtsbewusstsein aus, das sich der Schüler im Laufe der Schule und später im Leben aneignet und ständig ausbaut. Dieses Bewusstsein besteht einerseits aus Faktenwissen, das die Grundlage für die zeitliche Orientierung darstellt (zb. verschiedene Daten, Chronologien, Zusammenhänge), andererseits aus einer Reihe von Einsichten, die aus der Anschauung der Geschichte gewonnen wurden (zb. dass ein Flugzeug nicht Bestandteil von Napoleons Grande Armee gewesen sein kann, weil der erste Flug erst 1903 stattfand; Oder wissen, dass es immer ein Spannungsverhältnis zwischen "arm" und "reich" und "mächtig" und "nicht-mächtig" gab und gibt... Oder: Die Auswirkungen der Geschichte auf die Gegenwart abschätzen).

    Damit kann man im Geschichtsunterricht schon viel machen. Nur sinnvolle Kompetenzen lassen sich daraus nicht entwickeln.

    Die Fachdidaktik Geschichte weiß mit der Kompetenzorientierung nicht sonderlich viel anzufangen, eben weil die didaktische Idee der Kompetenzorientierung nicht gut zum Wesen des Faches Geschichte passt. In Chemie kann ich Experimente ganz toll in "Methodenkompetenz" und "Beobachtungskompetenz" verpacken... Aber welche Kompetenzen formuliere ich, wenn ich in Geschichte eine Quelle befrage? Vor allem: Welche neuen Kompetenzen benutze ich da? Es gibt keine, weil die grundlegende Arbeitsweise mit Quellen in der Schule einem bestimmten Schema der "Befragung" folgt. Meinetwegen kann man das "Analysekompetenz" nennen, aber das bringt dann auch niemanden weiter.

    Damit man aber Kompetenzen vorzeigen kann, behilft man sich durch zweierlei Strategien: Zum einen nimmt man nur alte Aspekte des Faches Geschichte (zb. den Erkenntnisgewinn für die Gegenwart aus der Geschichte) und tauft das in eine Kompetenz um, die dann "Deutungs- und Reflexionskompetenz" heißt. Nichts neues also.

    Oder man erfindet neue Kompetenzen, die mit dem Fach an sich nichts zu tun haben. Eine solche Kompetenz wäre die Medienkompetenz, bei der es vereinfacht gesagt darum geht, Geschichte irgendwie medial zu präsentieren. Die Idee dahinter ist eigentlich, dass sich die Schülerinnen und Schüler verstärkt mit dem Inhalt auseinander setzen um eigene Ergebnisse zu präsentieren. In der Praxis läuft es aber so ab, dass die Schüler - aus Zeitmangel - schnell irgendwas auf ein Plakat malen, damit man was abgeben kann. Da lernt niemand was.

    Und ein ganz zentraler Aspekt des Faches Geschichte, ohne den das Denken über Geschichte nicht möglich ist, fehlt in der Kompetenzorientierung völlig: Das Faktenwissen.

    Die Kritik hat am reinen Faktenwissen schon seit langem kein gutes Haar mehr gelassen, und in Teilen war und ist das auch nicht unberechtigt. Denn nur Wissen ohne Verknüpfung und Deutung bringt nicht viel. Damit erschafft man nur Enzyklopädien auf zwei Beinen. Das Fach Geschichte kann viel mehr zur Bildung des Menschen beitragen. Aber wenn ein Abiturient nicht weiß, wann der erste Weltkrieg ausgebrochen ist, wie soll er dann beispielsweise einen Zeitungsartikel vom 30.07.1914 richtig einordnen und damit überhaupt erst verstehen können?

    Ein strikt und konsequent angelegter kompetenzorientierter Unterricht im Fach Geschichte ist meiner Ansicht nach kaum möglich und auch nicht sinnvoll. Die Kompetenzorientierung kann vielleicht den ein oder anderen Impuls für die Unterrichtsentwicklung liefern, aber von einem Paradigmenwechsel im Fach Geschichte kann man nicht sprechen.

    Im Moment ist es so, dass die Kompetenzorientierung in der Fachdidaktik des Faches Geschichte wie ein Klotz im Raum steht, an dem irgendwie niemand vorbei kommt, mit dem aber auch niemand was anfangen kann. Es muss sich in der Zukunft zeigen, ob sich da noch etwas entwickelt. Ich gehe davon aus.

    Fazit: Der Kompetenzorientierung alleine kann man nicht die Schuld in die Schuhe schieben, dass die Bildungsqualität beobachtbar abnimmt. Kompetenzorientierung hat sich meiner Ansicht nach nicht in allen Fächern als eine segensreiche Neuerung gezeigt.
     
  3. gaia

    gaia Meister

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    Ich kann gerade nicht allzu viel zu dem Thema beitragen, da ich zu wenig darüber weiß, finde es aber ungemein interessant.
    Gerade weil mein Sohn in der Grundschule mit "schreiben nach Gehör" konfrontiert war, was ich von Anfang an für blöde gehalten habe.
    Also da ging es darum, dass er Buchstaben aneinander reiht und es erst erstmal egal war ob das korrekt war. "Ein Igl frist gärn Schnägn"( wir haben damals in Franken gelebt) Erst später musste er dann Rechteschreibregeln auswenig lernen und als Hausaufgabe seitenweise Satzbeispiele aufschreiben. ( was ihm die Schule verleidet hat, und einen Streit zwischen seiner Lehrerin und mir herbeigeführt habe, da ich nicht zulasse, das ein acht/ neun Jähriger unter Tränen stundenlang ein Heft vollschreibt)
    Ich weiß nicht genau ob das jetzt zum Thema Kompetenzorientierung passt, finde jedoch das schlichtes Lernen von Anfang an( und dafür langsamer) der bessere Weg sein kann.
    Englisch: da ist dann natürlich was dran. Ich habe merkwürdigerweise über Englisch(und Deutsch) meinen Abschluß (BAS) hinbekommen ohne einen Strich lernen zu müssen. Ich hatte das grammatikalische im Griff und konnte einen englischen Aufsatz mt vorhandenen Wortschatz hinbekommen.
    Im Urlaub kann ich mich meistens auf Englisch ausdrücken. Aber ich habe Probleme zu verstehen oder zu lesen. Bei meinem Sohn ist das genau anders herum. Inzwischen übersetzt er mir gesprochenes Englisch.
    Also....ich sehe da Vor und Nachteile in der Praxis.
    Bei Naturwisschenschaften glaube ich, dass es ene Mischung sein muss. Naturgesetze kennen und anwenden können. Das ist aber imo auch mit auswendig lernen verbunden.
    Mathe( Allgebra) geht gar nicht ohne auswenig lernen.
    Geschichte: also, das ist natürlich schon heftig wenn selbst ein Gymnasiast nichts mit 1914 anfangen kann und mir ist auch nicht klar wie da "wissen wie [es geht]" funktionieren soll.
    Wobei ich generell ankreide, dass Geschichte, ebenso wie zB Sozialkunde viele nicht interessiert( während meiner letzten Ausbildung konnten Leute ü30 größtenteils mit dem Begriff Koalition nichts anfangen)
    Und ich finde es sehr schade, dass tieferes Wissen nur Schülern der höheren Schulen angeboten wird, während es sich in den "Unterrängen" nur um 1914, 1933 und hier bei uns um oberflächliches Wissen über die Römer dreht(e).Das mal am Rande....
    Das schriftlich nicht wirklich geprüft werden kann, was man durch "wissen wies geht" vermittelt finde ich problematisch.
    Zum einem, weil meines Wissens bisher schriftlich höher gewertet wird, als mündlich- Zum anderen weil sich viele nicht in eine mündlich Prüfung begeben möchten( und hierbei dann auch auf den Mund fallen würden)
    Naja.... ich hoffe ich konnte etwas Sinnvolles zu dem Thema beitragen....
     
  4. streicher

    streicher Ehrenmitglied

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    Die Sprechfertigkeitsprüfungen haben hier in Bayern in dem vergangenen Jahrzehnt in den Fremdsprachen wirklich an Bedeutung gewonnen. Ich habe hier mein Abitur gemacht und damals war mein Abitur in Englisch komplett schriftlich. Ehrlich gesagt hat es mich damals schon gewundert, denn auf den Reisen ins englischsprachige Ausland wurde "Sprechkompetenz" gefordert, und nicht grammatikalisches Detailwissen. Aber nun verstehe ich es besser: wenn sich der Sprachunterricht anfangs am Lateinunterricht orientiert hat, konnte sich der Unterricht einer lebenden Sprache erst allmählich lösen. An dem Lateinunterricht ist damals meine Schwester gescheitert (+ Faktor alte Lehrerin mit verstaubtem Drill...). Meine Mutter hat den alten Französischunterricht gehabt und mir die französischen Verben (F habe ich auch genommen) wie die lateinischen (L habe ich bewusst gelassen) vorkonjugiert. Das freie Reden ist mit der Zeit also wichtiger geworden, was vielleicht auch daran ersichtlich wurde, dass ein Unterricht tatsächlich teilweise in der jeweiligen Fremdsprache gehalten wurde.
    Lange Rede, kurzer Sinn: hier in Bayern halten die Schüler durchaus in der Mittelstufe ihre ersten Referate auf Englisch, in meinem Jahrgang war das eher in der Oberstufe der Fall.

    Zur späteren Anwendbarkeit: da müsste man doch eigentlich gerade in einem Fach wie "Wirtschaft und Recht" die große Chance sehen, denn dort könnte der "lebensnahe" Unterricht doch recht einfach den Eingang in den Unterricht finden. Zum Beispiel kann eine "Schülerfirma" gegründet und betrieben werden. Oder: die Schüler könnten ab der 10.ten Klasse nach der Vermittlung von grundsätzlichem Wissen tatsächlich mal eine (Übungs-)Steuererklärung in die Hand bekommen und ausfüllen.

    Ich sehe auch noch ein Problem in der Notengebung und Prüfbarkeit. Eine Schülerfirma könnte als "Projektarbeit" geprüft werden, mit "Bericht", "Beobachtung" und "Präsentation". Aber die Vergleichbarkeit wird schwierig. Wenn mehrere Schüler an einem Projekt gearbeitet haben, ist es auch schwerer, gerecht zu werten, würde ich vermuten. Solche Größen wie "Arbeit im Team" fallen dann allerdings ins Notengewicht.

    Und: vor den Abschlussprüfungen scheint es alle noch ein wenig zu grauen. Allerdings wird man an den Früchten der Abschlussprüfungen messen können...
     
  5. haruc

    haruc Ehrenmitglied

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    Ich habe schon von mehreren Leuten Vorschläge in diese Richtung gehört, und tatsächlich scheint es auf den ersten Blick verwunderlich, dass es ein solches Fach an den meisten Schulen nicht als verbindliches Kernfach gibt.


    Allerdings ist zu bedenken:

    Eine ganze Reihe wirtschaftlicher und rechtlicher Themen wird bereits immanent in anderen Fächern (Mathematik, Deutsch, Geschichte, SOzialkunde, Politik, Religion, Geographie...) vermittelt. Die Frage ist, welche relevanten wirtschaftlichen und rechtlichen Inhalte noch zusätzlich (das heißt: Anstatt anderer Fächer) unterrichtet werden könnten, die für die Schüler einerseits verständlich sind, andererseits Bedeutung haben, sodass es gerechtfertigt erscheint, deswegen ein zusätzliches Fach einzurichten. Müssen Schüler wirklich Prinzipien der Rechtsprechung kennen? Müssen Schüler wissen, wie man den Break-Even Point anhand einer PAF berechnet?

    Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der oft missverstanden wird: Schule ist nicht dazu da, um Fachspezialisten auszubilden, die ein abgeschlossenes Fachwissen erworben haben. Das kann selbst das Gymnasium nicht leisten. Was Schule leisten kann ist den Schüler mit dem nötigen kognitiven und handwerklichen Rüstzeug auszustatten, um sich später selbstständig Fachwissen anzueignen und bereits bestehendes Wissen zu erweitern und zu vertiefen.

    Diese Tatsache gewinnt vor dem Hintergrund, dass reines Wissen immer schneller an Aktualität verliert, an Relevanz.

    Im Prinzip liegt der Auswahl schulischer Inhalte die Frage zugrunde, welche überzeitlichen (also über den Wert in der Gegenwart hinaus gehenden) Wert ein Inhalt hat, und welche kognitiven und "handwerklichen" Fähigkeiten anhand dieses Inhaltes erworben werden können. In vielen Fächern ist der Unterrichtsinhalt das "Beispiel" an dem das eigentliche Lernziel geübt wird. Deswegen ist schulische Bildung aus fachlicher Sicht auch immer Lückenhaft, da in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht alles geübt werden kann.


    Da hast du völlig recht. Diese Ideen gibt es ja schon seit über einem Jahrhundert, und man hat immer wieder versucht, sie umzusetzen. Wirklich durchgesetzt (im Sinne als "Standard der schulischen Bildung" ) haben sie sich bis heute nicht. Projekte fristen ein Nischendasein, unter anderem aus ebenjenen Gründen, die du angesprochen hast.

    Je Umfangreicher ein Projekt wird (im Sinne von: Zeitlicher Rahmen, Inhalt,Fragestellungen, Anzahl der Teilnehmer, Materialgrundlage, Art der Dokumentation, Art der Präsentation) umso schwieriger wird es, die Leistungen des Einzelnen gerecht bewerten zu können.

    In allen Schulgesetzen steht ausdrücklich, dass es für solche Gruppenarbeiten keine pauschale Note für alle geben darf, sondern nur individuelle Einzelnoten. Die Grundlage, auf der die Bewertung der Leistung festgemacht wird, muss also eine wie auch immer geartete Arbeitsleistung sein, die sich eindeutig und nachprüfbar einem bestimmten Schüler zuordnen lässt. Dies steht im krassen Gegensatz zu der Kultur, die eigentlich in solchen Projektarbeiten praktiziert werden soll, und ist somit mit echter "Teamarbeit" kaum vereinbar. Und dann kommt die Frage der Gewichtung: In der Praxis sieht es so aus, dass bei Teamarbeiten nicht alle Gruppenmitglieder den gleichen Zeitlichen Aufwand betreiben, dabei aber höchst unterschiedliche Qualitäten im Ergebnis erreichen (gemeint ist: Es kann vorkommen, dass jemand, der 5 Stunden investiert mehr Arbeit leistet, als jemand, der 20 Stunden investiert). Wie soll das fair gewichtet werden?
     
  6. streicher

    streicher Ehrenmitglied

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    So habe ich den neuen LehrplanPlus, der in Bayern eingeführt wird, auch verstanden: die Schüler sollen dahin geführt werden, dass sie sich vermehrt selbst Wissen erarbeiten und aneignen können. Das Wissen soll nicht mehr in erster Linie frontal vermittelt werden, sondern der Lehrkraft kommt vermehrt die Aufgabe zu, das Lernen und Erarbeiten der Schüler, in Einzelarbeit, Zweierteams oder Gruppenarbeit, zu moderieren.

    Letztendlich läuft es auf eine Umstellung des Unterrichts hinaus, die nicht nur die Art und die Inhalte betrifft, sondern auch die Methoden, die angewendet werden und die Mittel, die den Schülern zur Verfügung gestellt werden. Und was zum Beispiel ein Fach wie "Sozialkunde" betrifft: für die Methoden, die gerne gesehen werden (für die Medienkompetenz...) braucht es eine gute mediale Ausstattung. Und sollten Online-Klassenzimmer eingerichtet werden, braucht es eigentlich vermehrt Klassenzimmer mit Computereinzelplätzen (Fachraumprinzip?!).

    Die Fachlehrer werden sich natürlich fragen, ob letztendlich durch den neuen Lehrplan und neuen Methoden ein Mehr an Arbeit auf sie zukommt. Aber vielleicht ist es auch wieder wie man es sonst auch erwartet: die ersten Jahre sind die schwersten - und dann ist der (Reform-)Unterricht eingespielt...
     
  7. Rivale-von-Nogar

    Rivale-von-Nogar Meister

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    Bei den einst sinkenden Schülerzahlen handelte es sich nur um eine vorübergehende Erscheinung. Die Schülerzahlen steigen wieder. Es kommen immer mehr Migranten zu uns und eine Migrantenfamilie zeugt nicht selten 5 oder sogar noch mehr Kinder. Anders bei einer deutschen Familie, wo durchschnittlich nur 1,3 Kinder gezeugt werden.

    Der Durchschnittsschüler wird (bei immer mehr hinzukommenden Migrantenschülern) demzufolge immer Leistungsschwächer. Der Schulstoff muss demzufolge von der Qualität b.z.w. vom Niveau her oder wie auch immer man in so einen Fall sagt, nach unten korrigiert werden.
     
  8. gaia

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    Hmm....da käme wohl erweiteter Deutsch Unterricht in Frage, oder aber Schulbeleitung, ähnlich wie es bei Behinderten der Fall ist, nur das es ums Übersetzen in Deutsch geht.
    Ansonsten wären ja Kinder von Migranten nicht automatisch dümmer als deutsche Kinder, oder?
    Es ist aber schon de Frage, wie man damit umgehen wird. Also ob Lehrer mit den Problemen die Kinder zu integrieren und ihnen Bildung zu veritteln allein gelassen werden.
    Und ob sie mit sowas wie Schulbegleitung überhaupt einverstanden sind.
     
  9. Rivale-von-Nogar

    Rivale-von-Nogar Meister

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    Die meisten Migrantenkinder kommen zur Zeit immerhin aus den arabischen und afrikanischen Raum.
     
  10. gaia

    gaia Meister

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    Schon klar. Aber weswegen sollten sie deswegen leistungsschwächer sein?
     
  11. Rivale-von-Nogar

    Rivale-von-Nogar Meister

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  12. gaia

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    Und das sagst Du weil ein Thomas Barnett das behauptet?
    Wie wärs, wenn Du das selbst erklärst- also ohne einen Youtube link?
    Also nochmal: warum sollten sie leistungsschwächer sein?
    Liegts an den Genen, sind Menschen mit anderer Hautfarbe weniger intelligent, als Weiße?
    ( und was ist das für eine seltsame VT, zu glauben, man würde Europa "dümmer" machen wollen?)
     
  13. Rivale-von-Nogar

    Rivale-von-Nogar Meister

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    Nun Michael Vogt hat es im Grunde genommen recht gut erklärt. Dem gibt es nichts hinzuzufügen. Das Video ist übrigens im Jahre 2013 hochgeladen worden. 2 Jahre bevor die eigentliche Flüchtlingswelle losgebrochen ist.
     
  14. haruc

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    Genau das wird schon seit Jahren gemacht, sofern es geht und die Mittel da sind (dafür sind Mittel da. Für kaputte Fenster oder völlig veraltete technische Ausstattung ist kein Geld da)

    So wie ich es kenne gehen die Flüchtlingskinder normal in die Schule um Deutsch, Mathe, Sport usw zu machen, haben daneben aber auch bis zu 20 Stunden extra Deutsch in einer Woche.

    das wird ebenfalls gemacht. Die Flüchtlingskinder werden sogar von einer paritätischen Wohlfahrtsorganisation in die Schule gebracht, abgeholt, nachmittags betreut und bekocht.

    Richtig, Flüchtlingskinder sind nicht per se dümmer. Zumindest kann ich das aus meiner eigenen anekdotischen Erfahrung so nicht feststellen. Und auch empirisch gibt die Bildungsforschung bislang keine Belege, dass Migrantenkinder "dümmer" seien.

    Allerdings gibt es einige "Auffälligkeiten", die ich bei Flüchtlingskindern/jugendlichen an mehreren Schulen beobachtet habe (und die ich auch von Bekannten, die im sozialen/pädagogischen Bereich tätig sind so erzählt bekommen habe)

    1. Kinder aus dem Nordafrikanischen-Arabischen Raum sind vergleichsweise Schwach was räumliches Denken und kreatives Gestalten anbelangt.
    2. Diese Kinder sind relativ unselbstständig und haben oft kein Interesse, etwas daran zu ändern.
    3. Gerade männliche Flüchtlingskinder (schon im Alter von 5-7 Jahren) sind auffällig faul und unhöflich bis respektlos (vor allem Lehrerinnen/Betreuerinnen gegenüber).


    Es ist offensichtlich, dass diese "Devianzen" nicht genetisch, sondern kulturell bedingt sind, man also durch tüchtige Erziehung vielleicht in dem einen oder anderen Fall noch das Schlimmste abwenden kann.

    Das hängt ganz von der Schulform ab. Grundschulen sind normalerweise personell gut ausgestattet und in ein Netz von professioneller Betreuung eingebunden. Realschulen und Gesamtschulen sind ebenfalls personell sehr gut ausgestattet und haben Zugriff auf professionelle Unterstützung in pädagogischen/sozialen Fragen. Gymnasien werden allerdings (aber das ist ein allgemeiner Trend der schon seit Jahren gilt) ausgetrocknet, für die ist kein Geld da. Vereinfacht gesagt: An Gymnasien soll der Lehrer selbst gucken wie das läuft, an allen anderen Schulformen kann man meist auf bereits existierende Förder- und Integrationskonzepte zurückgreifen sowie auf Expertenrat.[/quote]
     
  15. Rivale-von-Nogar

    Rivale-von-Nogar Meister

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    Nun wenn jemand zu faul ist, etwas zu lernen, bekommt er schlechte Noten und gilt damit auch als dümmer. Meine Aussage dass Migrantenkinder Leistungsschwächer sind, als die Einheimischen ist daher absolut richtig.

    Ob diese Leistungsschwäche jetzt auf Dummheit oder Unwilligkeit zurückzuführen ist, spielt daher keine Rolle. Sie sind und bleiben nun mal leistungsschwächer.
     
  16. gaia

    gaia Meister

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    Ich bin natürlich nicht up to date, deswegen danke für Deine Antwort.
    Ich höre immer mal, dass es in Schulen Bayerns anders ausschaut- und als ich vor ca 5 Jahren das letzte Mal eine Schule betreten habe, konnte ich da auch keine schlimmen Zustände feststellen. Das war allerdings kein Gymnasium.
    Also erweiterter Deutsch Untericht findet ziemlich umfangreich statt, dass finde ich schon mal sehr gut.
    Mein Ag bietet ja Schulbegleitung bei Behinderten an und auch sowas wie Begleitung in die Uni...um Behinderungen "auszgleichen".
    Die Kollegen habe da immer mal Probleme mit Lehren die ihnen verbieten den Klassenraum zu betreten.
    Ansich ist eine Art Privatübersetzer natürlich eine teure Angelegenheit, für die es auch erforderlich, dass ein Schüler überhaupt Interesse hat einen Schulabschluß zu erwerben.
    Die Nachmittagsbetreuung/den Hort gibts ja auch für deutsche Kinder- das ist jetzt eine Gelegenheit Integration zu unterstützen....

    Es kommt halt sehr schräg bei mir an, sowas zu lesen, deswegen hätte ich gerne eine nähere Erläuterung in eigenen Worten gehabt, anstelle mich seltsamen Leuten beschäftigen zu müssen.

    Das sehe ich als ein Grundproblem bei der Integration, denn wie soll man zB. einem Jungen Respekt vor Frauen beibrigen, der das von zu Hause nicht vermittelt bekommt?
    Grundsätzlich denke ich, dass man versuchen muss zu vermeiden. dass sich von frühester Kindheit an Grüppchen bilden. ( wobei mir klar ist, dass man den passenden Umgang nicht wirklich vorschreiben kann)
    Ich fand da aber zum Beispiel den Ethik Unterricht den mein Sohn besucht hat toll. Bzw wurde der vom entsprechendem Lehrer super gestaltet...
    Wir haben da einfach eine Riesen- Aufgabe.
    Umso schlimmer, wenn man Lehrer selbst kucken muss wie er zurecht kommt. Es scheint so, als ob man glaubt, aufs Gymnasium gehen grundsätzlich nur ganz pflegeleichte Schüler
     
  17. gaia

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    Davon hast Du aber kein Wort gesagt, ich wollte eine Erklärung von Dir, keine Verweise auf Aussagen anderer.
    Du verallgemeinert und behauptest sie seinen es grundsätzlich und würden es auch bleiben.
    Und das ist falsch.
     
  18. Rivale-von-Nogar

    Rivale-von-Nogar Meister

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    Machen wir uns nichts vor. Wenn man innerhalb eines Jahres 1,5 Mio Deutsche in Schwarzafrika ansiedeln würde, gäbe es dort in etwa dieselben Integrationsprobleme.
     
  19. haruc

    haruc Ehrenmitglied

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    Das hängt halt davon ab, wie groß die Bereitschaft ist, sich zu integrieren. Das kann von "fast reibungslos" bis "katastrophal" ablaufen. Und im schlimmsten Fall gibt es schlichtweg keine Integration - die Resultate sehen wir dann gegenwärtig in Frankreich, Belgien, Holland, Schweden, England...


    Ganz so einfach ist das nicht.

    Man kann aus Noten alleine keinen Rückschluss auf die Leistungsfähigkeit eines Kindes ziehen. Noten haben vor allem eine Disziplinierungs- und Rückmeldefunktion, und sind eigentlich nicht als Urteil über einen Schüler gedacht (auch wenn sie oft so verstanden werden).

    Es gibt heute wohl kaum noch Lehrer, die auf die Idee kommen würden zu sagen, dass ein Kind "dumm" ist, weil es schlechte Noten schreibt, denn die Leistung, die ein Schüler in einem Test zeigt, ist immer nur eine Momentaufnahme und vielen Faktoren unterworfen. Die eigentliche, individuelle Leistungsfähigkeit, d.h. das Maximum dessen, was der Schüler unter Idealbedingungen leisten kann, ist nur für einen Bruchteil der Note verantwortlich.

    Bei jedem Test gilt es zunächst sich zu fragen, welches Merkmal man eigentlich messen will. Ein Beispiel: Wenn ich einen Mathetest schreibe und ein Ausländerkind in der Klasse habe, das nicht vernünftig Deutsch kann, und stelle alle Aufgaben auf Deutsch, dann messe ich bei diesem Kind nicht die Fähigkeiten in Mathe, sondern seine Leseverstehenskompetenz in Deutsch.
    Das heißt: Der Test misst nicht, was er messen soll. Wenn ich den Test trotzdem werte, bekommt das Kind eine schlechte Note in Mathe (weil es nicht verstanden hat worum es geht) obwohl ich eigentlich seine Deutschkenntnisse getestet habe (und sonst nichts). Über die Mathekenntnisse sagt der Test nichts aus.

    Das Sprachproblem zieht sich auch durch andere Bereiche: Wer schlecht Deutsch spricht, nimmt weniger aus dem Unterricht mit und kann sich zuhause weniger gut vorbereiten.

    Erst dann kommen Faktoren wie der individuelle Arbeitswille und die Intelligenz. Diese beiden kann man als Multiplikator für das vorangegangene sehen: Der Input, den das Kind im Unterricht und bei den Hausaufgaben bekommt, muss durch Lernen und Üben verfestigt werden, was in den Bereich des Arbeitswillens fällt, und er muss auch entsprechend kognitiv verfügbar gemacht werden, was in den Bereich der Intelligenz fällt.

    Also: Gezeigte Leistung ist beeinflusst durch die Umstände, unter denen der Test stattfindet, durch den Test an sich, seine Auswertung, die Vorbereitung, die in den Test investiert wurde, den Grad, in dem das Wissen überhaupt erfasst wurde (was durch Sprache beeinflusst werden kann), die Intensität der Übung und letztlich die individuelle kognitive Leistungsfähigkeit.
     
  20. Rivale-von-Nogar

    Rivale-von-Nogar Meister

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    Das selbe gilt aber nicht nur für Mathe, sondern auch für andere Fächer, aber auch für IQ-Tests. Damit wären wir wieder bei dem Video, indem von einer künftigen europäischen hellbraunen Mischrasse ausgegangen wird mit einem durchschnitts-IQ von 80.

    Wie man auf den Faktor „IQ 80“ kommt, weiß ich selber nicht. Aber vielleicht geht man hier von genau dieser Lernunwilligkeit und diesen mangelnden Deutschkenntnissen aus und kommt deshalb auf diesen niedrigen IQ.