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Interview: Altägyptische Religion

Dieses Thema im Forum "Ask1 Redaktion" wurde erstellt von Ask1 Redaktion, 11. März 2018.

  1. Ask1 Redaktion

    Ask1 Redaktion Geselle

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    Registriert seit:
    11. März 2018
    Das alte Ägypten ist eine Kultur, die viele Jahrtausende überspannte. Noch heute stehen Menschen bewundernd vor Pyramiden, Mumien, Gräbern, Tempeln, dem Einzigartigen der ägyptischen Kunst. Seine sichtbaren Hinterlassenschaften ziehen zahlreiche Touristen nach Ägypten und Besucher in Museen und Ausstellungen der ganzen Welt. Vielleicht fasziniert gerade das Fremde, vielleicht ahnen sie, dass diese Kultur so ganz anders als die unsere funktionierte. Die kulturellen Hinterlassenschaften wurden aus einer Weltsicht heraus geschaffen, aus einem bestimmten Verständnis der Menschen von sich selbst und ihrer Rolle in der Welt, aus einer bestimmten Vorstellung von der Welt und ihrem Lauf heraus. Dieses Gedankengebäude, das hinter den Monumenten steht, mag man, in Ermangelung eines besseren Begriffes als "Altägyptische Religion" bezeichnen. Dies ist nicht Religion in unserem Sinne, es bestand dort keine Trennung zwischen Gesellschaft/Staat und Religion, weder realweltlich noch gedanklich. Das hier als "Religion der Ägypter" bezeichnete Weltbild der Ägypter bewirkte ihre Jenseitsvorstellungen ebenso wie ihre Gesellschaftsordnung. Ein paar wichtige Elemente dieses Weltbildes wurden im nachfolgenden Gespräch, das in lockerer Runde zwischen den Ask1-Usern Ein Liberaler, Malakim und Semiramis stattfand, angesprochen.

    Um den Einstieg zu erleichtern, seien noch einige Worte darüber verloren, welches Thema unausgesprochen hinter der Detailfrage steht, die den Gesprächsanlass bildete. In der Blütezeit der altägyptischen Kultur ist eine komplexe Vorstellung vom Jenseits greifbar. Je nach den jeweiligen finanziellen Möglichkeiten fiel die Ausstattung unterschiedlich groß aus, um die sich jeder Ägypter zu Lebzeiten schon für das Jenseits kümmerte. Man ließ sich einen Grabbau anlegen, bestimmte die Dekoration der Wände, kaufte die Objekte der Grabausstattung - Amulette, Schutzbringende Objekte, Stelen, Nahrung, Möbel, Särge usw. Wenn der Tod dann eintrat, kümmerten sich die Hinterbliebenen um eine ordentliche Einbalsamierung des Verstorbenen durch eine der dafür zuständigen Werkstätten, um die Grablegung sowie - wenn es die finanziellen Möglichkeiten erlaubten - die Einstellung eines Priesters, der die täglichen Riten am Grab abhielt und den Verstorbenen dadurch jeden Tag mit Nahrung versorgte. Der Verstorbene selbst war in ein Jenseits übergegangen - seine Mumie lag wohlverwahrt im Grab, sein Ba nahm die Speisen des Priesters (oder der Verwandtschaft) entgegen, doch er selbst lebte nun als Ach in einem Jenseits, zusammen mit den anderen Verstorbenen im Reich des (Totengottes) Osiris und bei den Göttern.

    Der Übergang vom Diesseits zum Jenseits, der für den Verstorbenen mit dem Tod beginnt und mit dem neuerlichen Leben im Jenseits als Ach endet, ist ein heikler Prozeß, um den die Ägypter sich ungeheuerlich sorgten. Eine prominente Gestaltung dieses Schwellenbereiches ist die Vorstellung vom Toten- oder Jenseitsgericht, dem sich der Verstorbene stellen muss. Hier erhält der Verstorbene vor dem Gott Osiris und ideellen 42 Richtern in einer Gerichtshalle gegen den Tod Recht und wird als Ach anerkannt. Ein gerechter Lebenswandel schien den Ägyptern die Chancen des Verstorbenen auf einen für ihn guten Ausgang vor dem Göttergericht zu erhöhen - versinnbildlicht ist dies durch eine Waage, auf der das Herz des Verstorbenen gegen die Feder der Gerechtigkeit (Ma’at) abgewogen wird. Nichts war schlimmer, als von diesem Gericht schuldig gesprochen zu werden, da dies den zweiten (und damit endgültigen) Tod des Verstorbenen bedeutet hätte. Bildlich dargestellt wird dies durch Ammit, ein Mischwesen mit Krokodilskopf, das bei ungünstigem Ausgange der Gerichtsverhandlung das Herz des Verstorbenen verspeist hätte.

    Ein Liberaler: Drüben auf WV hat 20-1-30-40 die Frage gestellt, welche Seele es eigentlich war, die nach ägyptischem Glauben von dem Ungeheuer Ammit verschlungen wurde, wenn ein Mensch sich nicht vor dem Totengericht rechtfertigen konnte - das Ba oder das Ka? Dabei ist mir aufgefallen, daß ich das ganze Konzept nie wirklich verstanden habe. Ba und Ka, und auch das Ach, schienen mir immer mehr oder weniger vom eigentlichen Menschen getrennt gedacht zu sein - der auch nach dem Tode im "Land des Westens" weiterlebte.

    Malakim: Das Ach kann´s doch nicht sein Liberaler oder? Das ist doch das Endergebnis oder täusche ich mich? Ka ist soweit ich es verstanden habe eine körperliche Komponente, also etwa das was bei einer Wiedergeburt zu Ähnlichkeiten führt.

    Semiramis: Nun, der Verstorbene zerfällt nach seinem Tod in seine einzelnen Bestandteile - Ka (verkürzt gesagt das, was Nahrung aufnimmt und durch die Nahrung lebt), Ba (das, was sich vom Körper trennen kann, um durch die Gegend zu schweifen), Schatten, Mumie, Name und so weiter. Durch spezielle Riten wird aber eine neuerliche Einheit hergestellt, der Verstorbene wird insgesamt zu einem Ach (einem "Verklärten"), das ist die Gesamtheit seiner jenseitigen ewigen Existenz (die die anderen Aspekte wiederum, aber diesmal in lockerer Einheit, in sich vereint).

    Malakim: So hatte ich das auch verstanden. Ach ist das Resultat und liegt hinter der (bestandenen) Prüfung. Ka ist doch auch vom Körper trennbar, oder?

    Semiramis: Nicht nur hinter der Prüfung allein, aber ja.

    Ein Liberaler: Welcher Aspekt oder welche "Seele" ist es denn, die verschlungen wird, wenn das Totengericht zu einem Schuldspruch kommt? Oder ist es der Mensch an sich? Ist das Ka nicht, laienhaft gesagt, eine Art Wächtergeist?

    Semiramis: Im Leben sind alle Bestandteile im Menschen vereint und können sich nicht trennen, nach dem Tode oder vor der Geburt hat man es schon mit eigenständigen Einheiten zu tun. Ka wird als Dublette dargestellt, und nach allem, was man bislang weiß, ist Ka etwas, das die Nahrung aufnimmt, andererseits aber auch stark mit der Ahnenlinie verbunden. Der Ka wird vom Vater vererbt (die Hände des Ka-Symbols stehen für eine Umarmung des Vaters zum Kind), in genealogischer Sicht ist der Ka mit unseren Nachnamen verwandt - interessant, dass für die Ägypter auch die Nahrungsaufnahme damit verbunden ist. Das, was der Mensch hat, wenn er Nahrung bekommt (und nicht verhungert), das ist auch der Ka.

    Gefressen werden die "Feinde", die das Gericht moralisch nicht bestehen, de facto sind das aber nur "die anderen" und eigentlich wird keiner gefressen, da die Umwandlungsrituale die Formung eines Ach gewährleisten, nur potentiell besteht die Möglichkeit.

    Malakim: Meine Fragen und Mutmaßungen kommen übrigens eher aus einem Vergleich mit der im Okkultismus bekannten Teilung der menschlichen Seele in mehrere Teile, davon verstehe ich mehr als von den Ägyptern. So habe ich das mit dem Ka aber auch verstanden. Körperliche Ähnlichkeit würde ich im Ka suchen sozusagen.

    Wird also nicht das ganze Ba oder Ka gefressen sondern nur die Teile davon die nicht durch die Prüfung kommen?

    Ein Liberaler: Verstehe ich das richtig - der Mensch wird entweder verschlungen, oder er wird gerechtfertigt und zum Ach?

    Semiramis:
    @Malakim:
    Nein, normalerweise tritt der Mensch als ganze Einheit auf, so auch im Totengericht. Folglich wird er gefressen, sein Ka verhungert und sein Ba wird von seinem Körper getrennt. Der Mensch stirbt nach ägyptischer Auffassung erst dann richtig, wenn die vereinten Komponenten getrennt sind - deswegen ist es so wichtig, den Verstorbenen erneut zu vereinen.

    @Liberaler:
    Ja.

    Malakim: Ich dachte, die Geschichte mit dem Ach wäre eher unabhängig vom Gericht und hinge an magischen Riten? Was meinst Du mit vereinen? Die Ägypter haben den Verstorbenen in Komponenten bestattet und ganz und gar nicht vereint ... oder nicht?

    Ein Liberaler: Vereinen bezieht sich auf den Leib und seine Seelen, wenn ich das recht verstehe, nicht auf die Eingeweide. Was mich überrascht: Das Ka verhungert? Werden dem Ka nicht am Grab die Speiseopfer gebracht?

    Semiramis: Das lässt sich nicht trennen, Riten und Gericht. Das Gericht ist nach neuerer Auffassung einer Prüfung nachgebildet, aber eigentlich mehr ein Umwandlungsritus selbst! Dadurch, dass der Verstorbene beschwört, die Sünden nicht begangen zu haben, WIRD er rein - das ist so der neueste Stand in der Diskussion um das Totengericht.

    Normalerweise verhungert der Ka nicht, das würde den (endgültigen) Tod des Verstorbenen bedeuten. Ja, dem Ka werden Speiseopfer am Grab dargebracht - wohl real, aber zusätzlich wird dies auch in Wort und Bild festgehalten, um eine echte Kontinuität zu gewährleisten, die nicht abbricht.

    Eine Trennung zwischen Leib und Seele(n) trifft ägyptisches Denken nicht, wie es scheint. Ein Mensch besteht aus zahlreichen Komponenten, stoffliche wie (in unserem Verständnis) eher immaterielle. Das Einbalsamieren des Toten dient der Erhaltung des Körpers, dazu mussten auch die Eingeweide aus dem Körper entfernt werden, wahrscheinlich wegen der Gefahr der Verwesung, wenn sie drin geblieben wären. Gerade das ist aber für ägyptisches Verständnis ungeheuer problematisch, weil hier eben einen Trennung einzelner Komponenten vorliegt, der Mensch jedoch "ganz" sein muß, um leben bzw. wieder leben zu können.

    Daher hat man die Eingeweide konserviert und mit viel Aufwand der Mumie an die Seite gestellt, damit zumindest ideell die Komponenten wieder vereint sind. Diese Vereinigung erfolgt magisch - es gibt Sprüche, dass der Ba seinen Körper verlässt, um für den Ka die Opfer abzuholen, dass er aber auf jeden Fall wieder zurückkehren muss - die physische Trennung ließ sich nicht vermeiden, und es wird viel Rituelles getan, damit da auf der rituellen Ebene doch wieder eine dauerhafte Einheit hergestellt ist.

    Malakim: Gibt es Inschriften aus denen man schließen kann, dass der Mumienleib im Jenseits tatsächlich eine Rolle spielt?

    Semiramis: Es gibt Abbildungen (nicht so oft, zugegeben, aber immerhin), die den Leib darstellen - als schwarzen menschlichen Umriss, über dem der Ba schwebt. Insbesondere bei manchen Totenbuchsprüchen findet sich eine solche Abbildung.
    Vieles ist Annahme, und wird diskutiert - gerade das mit dem Jenseitsgericht las sich vor 50 Jahren (was in unserem Fach nicht viel ist) noch ganz anders, wie gesagt, das ist so der Stand der Dinge momentan - und natürlich auch meine Sichtweise …

    Malakim: Wie haben sich die Ägypter vorgestellt, daß die Magie funktioniert?

    Semiramis: Auf vielerlei Weise - das ist auch eine Weltbildfrage: indem man sich an das Beispiel des Gottes Osiris anhängt, sich mit ihm gleicht, hofft man auf ein ähnliches Schicksal - Götter werden zur Unterstützung gerufen, und nicht zu vergessen, die Bedeutung des Wortes (das gesagte, wenn es Riten begleitet) tritt auch in Kraft.

    Malakim: Interessant dazu ist wohl das Crata Repoa ?
    Macht sich da an den Universitäten jemand Gedanken, wie die Magie funktionieren sollte? Oder sagte man "Abrakadabra Magie" und das war es dann?

    Semiramis: Ach, Herr Ebelings Seminar, ja ... er hat seine Dissertation. über Alchemie geschrieben und letztens ein Buch veröffentlicht:"Das Geheimnis des Hermes Trismegistos" - kennst du das?

    Malakim: Jo, das Buch habe ich. Ich kann es als Einstieg in die hermetischen Texte empfehlen …

    Semiramis: Da bist du dann an der ersten Adresse, was die Thematik betrifft, momentan. So gut kenne ich mich da nicht mehr aus, was die späteren Zeiten angeht.

    Malakim: Aber ich meinte eine tiefere Theorie. Hinter Magie steckt ja etwas. Gerade der berühmte Satz des Hermes Trismegistos ("Wie innen, so außen") aus den Smaragdtafeln stellt ja Magie auf theoretische Füße.

    Kennst Du auch den Colpe und den Holzhausen?

    Semiramis: Nope, um wen handelt es sich dabei?

    Malakim: " Das Corpus Hermeticum: Die griechischen Traktate und der lateinische 'Asclepius'"
    Übrigens, warum Osiris?

    Semiramis: Oh, interessant, eine neue Übersetzung! Danke, Malakim! Wenn ich mal irgendwann 'n bissel Zeit habe, wollte ich mich in den Hermetismus auch mal reinknien …

    Osiris ist gestorben und wiederhergestellt worden, als erster Ach, sozusagen. Der Präzedenzfall, an den sich alle dranhängen.

    Malakim: War Osiris nicht vor dem Tod Horus und ist erst DANN Osiris geworden?

    Semiramis: Nope, der mythische Fall ist ein König Osiris, der stirbt und sein Sohn Horus wird von den Göttern in einem Gericht zum Erben bestimmt, letztlich. Damit arbeitet ägyptische Anschauung ganz oft - mit mythischen Präzedenzfällen. Für jeden einzelnen Verstorbenen liest sich das so: der Mensch stirbt, und wird in dem Totengericht gegen den Tod gerechtfertigt; der Tod war ein Unrecht, das im Gericht ausgeräumt wird, und der Verstorbene erhält gegen den Tod Recht, indem er nun als Ach weiterleben darf.

    Malakim: Ja, das ist der Mythos, aber in den Darstellungen ist Osiris doch der auf der Nachtbarke oder irre ich mich?

    Semiramis: Osiris ist ein statischer Gott, der sich in seinem Reich aufhält, und andere Götter handeln für ihn. Der Sonnengott kommt auf der Nachtbarke zu Osiris. Das ist eine andere Konstellation: Re kommt nach Sonnenuntergang in die Welt der Verstorbenen - wie ein Ba(Re) zu seinem Körper (Osiris) - der Verstorbene hofft, er würde im Boot des Re mitfahren (wie ein Ba oder als Ba ist unklar) und seine Mumie des Nachts besuchen (damit die Einheit nicht zerfällt) - aufgrund solcher Konstellationen ergeben die Riten überhaupt Sinn ... das sind auch eher Rituale denn Magie.

    Malakim: Plutarch überliefert die Legende und eine ganze Reihe von Interpretationen davon, oder?

    Semiramis: Ja - das tückische ist, diese Konstellationen stehen in Ägypten selbst weitgehend nebeneinander, werden in den Riten mal kurz angesprochen, weil sie die Grundlage bilden, aber in Ägypten selbst selten länger ausgeführt ... würde man das tun, würden sich nach unserer monokausalen Denkweise auch Widersprüche ergeben.

    Erst hieß es lange Zeit, Plutarch habe da einiges auch missverstanden, neuerdings scheinen sich aber Belege zu häufen, die manche Details bei ihm auch in ägyptischen Quellen auftun - aus späterer Zeit, denn auch diese ganzen Ansichten haben sich ja natürlich im Laufe der Jahrtausende gewandelt.

    Malakim: Auf Weltverschwoerung.de gab es dazu mal nen Faden , diese Theorie fand ich ganz interessant.

    Semiramis: Osiris als Sonnengott, das ist eine Interpretation, die ich - bislang - nicht wirklich teile ... wenn überhaupt, ist das ein sehr untergeordneter Aspekt an Osiris, und imho nur durch die Ba-Körper/Re-Osiris-Konstellation hervorgerufen.
    Andere Forscher sehen das wahrscheinlich n bissel anders, aber mal schauen ... in 30 Jahren weiß ich auch mehr über Osiris.

    Malakim: Ich persönlich glaube, dass Plutarch zwar durchaus gängige und richtige Interpretationen bietet, aber ... sagen wir, etwas Wesentliches verschweigt.

    Semiramis: Nun ja, Plutarch erzählt den Mythos, wie ihn ein Grieche erzählen würde. Es ist kein Überlieferungszufall imho, dass wir aus Ägypten derartige Zusammenstellungen nicht haben. Der ewige Streit über den Vorrang von Mythos oder Ritus ist noch immer nicht geklärt; ich tendiere momentan eher dazu, dass sich der Mythos durch die Riten z. T. gebildet hat - das erklärt die unterschiedlichen Todesursachen des Osiris, beispielsweise.

    Malakim: Plutarch müsste nach allem was ich weiß an einen Eid gebunden gewesen sein und musste daher drumherumreden.

    Ein Liberaler: Ritus vor Mythos, das ist eine faszinierende Idee, die werde ich mir merken.

    Semiramis: Manche Konstellationen sind ja auch 1:1 übernommen worden: Isis mit dem Horuskind auf dem Schoß als Maria mit Jesus; Osiris, der sterbende Gott, der wieder aufersteht; die Monotheismen sind nicht aus dem Nichts entstanden.

    Malakim: Welchen Sinn haben denn Ritus bzw. Mythos?

    Semiramis: Ich weiß, worauf du schon in den letzten beiden Fragen bei Plutarch hinauswolltest: die Sache mit der Mystik und den Geheimnissen - das ist ganz späte ägyptische Anschauung. Auch die griechischen Philosophen wurden in Ägypten ja gelesen, da hat sich die alte Religion z. T. auch gewandelt, schon als Plutarch über sie schrieb.

    Malakim: Meine persönliche Meinung ist, dass die Religionen einen "Sachverhalt" beschreiben und sich daher notwendig Überschneidungen finden lassen. Ich glaube ich kann´s nicht sinnvoll ausdrücken.

    Semiramis: Zu Ritus und Mythos: Das sind zwei Ebenen - die Menschen und die Götter, und beide werden mit den Riten verlinkt; ich denke da z.B. an magische Sprüche zur Unterstützung bei der Krankenheilung. Der Krankheitsverursacher wird als Feind des Menschen betrachtet, der Mensch wird zu Horus, der von Isis von einer Krankheit geheilt wurde, der Arzt selbst wird zu Isis (oder Thot) und legitimiert damit seine Macht, und da das schon einmal geklappt hat (damals, mythisch), klappt es heute auch wieder.

    Das in Ägypten ist mehr als eine Religion, eine Weltanschauung eher, denn das ganze Konzept der Welt, wie sie eingerichtet ist und funktioniert, spielt eine Rolle dabei.

    Malakim: Hältst Du die Magie der Ägypter für reinen und überholten Aberglauben? Es klingt so als wäre es ein Rollenspiel das aus heutiger Sicht ein wenig lächerlich und brotlos war.

    Semiramis: Nun, ich bin in der glücklichen Lage, als Forscher keine Entscheidung über wahr oder falsch treffen zu müssen. Das ist ein Studienobjekt, das ich von außen betrachte und über das ich mehr wissen will, dem Original mich nähern und Erkenntnis darüber suche. Wenn man sich länger damit beschäftigt, ich glaube in meinem Fall zumindest, relativiert sich die heutige Sicht als eben doch nicht allein wahre. Ich finde, dieses System besteht parallel zur "heutigen" Anschauung.

    Malakim: Ich frag mich halt immer wo der Zusammenhang zwischen einem Ritual, Mythos, Magie und der Realität ist?

    Semiramis: Ich denke, in Ägypten waren Ritual, Mythos und Magie auf jeden Fall Teil der Realität ... die Ägyptischen Götter sind in diesem Sinne keine Glaubens-, sondern eine Wissensfrage.

    Malakim: Wenn man annehmen darf, dass die Realität den gleichen Gesetzen wie die unsere folgte, so wird das nicht viel gebracht haben, sich in Osiris hinein zu fühlen oder wenn doch, warum?

    Semiramis: Hm. Naja, gerade Osiris betrifft einen Bereich - die Frage nach der Form des Jenseitigen Lebens - den wir heute ausklammern oder über den wir nicht viel wissen. Vieles andere ist Interpretationsfrage, das System der Ägypter hat auch funktioniert, auf anderer Grundlage …

    Meistens, so scheint es mir, betreffen die Riten in Ägypten Bereiche, die für uns gar nicht existieren - somit ist der Welt dort etwas hinzugefügt. So gesehen wäre auch ein Überprüfen in unserem System schwierig.

    Malakim: Meinst Du die Welt und das Unterbewusstsein ist seitdem so verändert?

    Semiramis: Nein, ich meine deren Welt hatte noch eine ganz andere Ebene zusätzlich, die uns (weitgehend) fehlt. Wenn man z.B. eine Krone hat, ist das ein realweltliches Objekt, das jemand hergestellt hat. In einem Ritual wird aber die Krone Ägyptens daraus, mit allen Implikationen, die das mit sich bringt. Durch das Ritual ist eine Neue Bedeutungsebene geöffnet worden, diese Krone ist jetzt nicht mehr einfach ein Gegenstand sondern ein magisch aufgeladenes Objekt.

    Malakim: Ja und dieses Objekt repräsentiert einen Sachverhalt oder etwas. Das FM-Ritual beispielsweise kann man sowohl nach außen als auch nach innen (psychologisch) interpretieren.

    Semiramis: Was genau meinst du mit außen und innen? Also, speziell mit dem nach außen? (Nach innen scheint mir so etwas wie die Aktivierung von Selbstheilungskräften durch Überzeugung, dass es besser geht, zu sein?)

    Die Nachtfahrt der Sonne hat mal Hornung tiefenpsychologisch so auszudeuten versucht, dass die Ägypter da in Bereiche eingestiegen seien, die tief im Unterbewusstsein verankert sind, und auf dieser Ebene "Wahrheit" beanspruchen, reale echte Wahrheit - ich mag das nicht so, weil ich finde, dass ist zu sehr von uns heute aus, zu sehr von außen gedacht ... aber ich bin mir da meiner Haltung nicht sicher, aus Mangel an Ahnung.

    Malakim: Also mit psychologisch meine ich z.B., dass die Loge eine kleine Welt ist, also ich. Der Arbeitsteppich kann von mir als Zustände meines Bewussten und Unterbewussten identifiziert werden, Handlungen im Ritual entsprechen Vorgängen in meiner Psyche. Nach außen ist die Loge ein Bauplan der Welt (Makrokosmos). Der Arbeitsteppich zeigt Vorgänge/Sachverhalte in der Welt, Handlungen im Ritual zeigen ebenfalls sowas wie den Sonnenlauf.

    Semiramis: Aha, aber innen UND außen sind beide der symbolischen Ebene verhaftet und stehen der Realität gegenüber?

    Malakim: Letztlich ist es dasselbe und eben das wird damit fühlbar gemacht. Darum ist der olle hermetische Satz ja auch so beliebt.

    Erst durch die Symbolik wird das ganze von der limitierten und allgemeinen Sprache genommen und individualisiert.

    Semiramis: Hm, verstehe, glaube ich. Aber es wird zweifach symbolisch ausgedeutet: für ein innen und für ein außen? Das würde ich für Ägypten jetzt auch mal annehmen. Ich höre mich auch öfters sagen "so einfach ist das nicht!"

    Malakim: Symbol ist Sprache und Gefühl. ICH deute das zweifach aus. Die meisten Freimaurer deuten gar nichts aus. Aber in den diversen magischen Systemen kann man meine Interpretation finden, wenn man möchte.
    So wie Tanz mehr ausdrückt als nur Musik, so drückt ein Symbol mehr aus als Sprache.

    Semiramis: Der große Unterschied im Ägypten der Vorantike ist hierbei jedoch die Bürokratie, mit der das Weltbild verwaltet, Riten und Magie festgelegt wurden, möchte ich jetzt noch anmerken.

    Malakim: Bürokratie?

    Semiramis: Das ist ein Weltbild, keine Religion. Alles ist durch das Weltbild bedingt: die Gesellschaftsordnung, das Staatsmodell, das die Anknüpfung an die Götterwelt in den Tempeln gewährleistet - ägyptische Religion ist nicht ohne das Staatsmodell dahinter denkbar und umgekehrt - und Magie und Riten sind Herrschaftswissen. Das bricht mehr und mehr weg in der Zeit, als die Griechen nach Ägypten kamen und in dieser Zeit kommen die Mysterienkulte für Privatpersonen, die sich nach Glauben dafür entscheiden, auf - sind imho auch erst dann denkbar geworden. Aber das werden vielleicht irgendwann weitere Forschungen ein bisschen mehr beleuchtet haben.

    Malakim: Und der Pharao ist der Häuptling von Gottesgnaden, oder?

    Semiramis: Pharao ist letztlich der einzige Priester, der den Kontakt hält zwischen Menschen und Göttern, und nur diese Verbindung erhält die Welt der Menschen, indem sie dieser Sinn und Ausdeutung verleiht. (Jetzt mal allgemein gesprochen, im Laufe der Zeit ändert sich das natürlich. In der Antike, die dich mehr interessieren wird, übernehmen Götter z. T. die Aufgaben des Pharaos, wird die Religion so von der Staatsform unabhängiger).

    Nun aber genug für heute.

    Malakim: Nochmals Danke, dass Du meine Fragen beantwortet hast! Sehr spannend und ich muss mich damit nochmal etwas eingehender befassen!