Das finstere Tal – Eine Filmanalyse

(Für PCL)
Ein moderner Spätwestern (2014) in deutlicher Italowestern-Tradition; Regie: Andreas Prochaska, Drehbuch in Anlehnung an die gleichnamige Romanvorlage von Thomas Willmann; mit Sam Riley (Greider), Tobias Moretti (Hans Brenner) und Paula Beer (Luzi) – ein Vergleich des Filmes mit dem Buch ist an dieser Stelle nicht intendiert, hier steht nur das, worum es im Film geht, im Fokus.

Ein österreichischer Western – auch in Handlungssetting und in der Sprache… Ich war neugierig, inwieweit das funktionieren kann – Doch etwa nach der Hälfte war ich mir sicher, dass dieser Film etwas ganz Großes ist: Weit mehr als nur die Erkenntnis, dass Western-Geschichten auch wunderbar außerhalb des (amerikanischen) Westens funktionieren können und dass der Handlungsort zusammen mit der Sprache hier durchaus einen akzeptierbaren Rahmen erschaffen, handelt es sich auch noch um einen unglaublich vielschichtigen Film, dessen Handlung in ein Spiel mit mehreren symbolischen Ebenen eingebettet ist. Eine (faszinierend gelungene) düstere Atmosphäre wird den ganzen Film über durchgehalten – ohnehin nutzen die Bilder und die Art der Inszenierung viel von dem, was das Medium Film gegenüber Romanen an eigener Formsprache zu bieten hat (Nur ein kleines Beispiel, das mich aber sehr beeindruckte, war die Inszenierung eines Toten als Teil einer Landschaft mit Felsen, Schnee und Gebirgsbach – erst nach wiederholtem Blick entschlüsselt sich die Aussage dieses Bildes – freundlicherweise hat der Zuschauer auch die Zeit dazu, da diese Szene für eine kleine Weile in sich ruht). Wie bei „klassischen“ Italowestern auch spielt sich auch hier ein guter Teil der Handlung außerhalb gesprochener Worte allein in Bildern, Stimmung und Musik (bzw. deren Zusammenspiel) ab.

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Handlung
Allgemeines
Die Handlung in diesem Film vollzieht sich auf verschiedenen Ebenen, die tatsächlichen Handlungen bilden dabei zusammen mit den anderen Sinnebenen eine untrennbare Einheit. Die Vorgeschichte, aus der sich die Handlungen im Grunde aller beteiligter Personen zur Zeit des konkreten Filmgeschehens herleiten, wird weitenteils für den Zuseher erst nach und nach im Filmverlauf erschlossen, und auf diese Weise sozusagen „rückwärts“ erzählt: Erst mit dem Voranschreiten der gegenwärtigen Filmhandlung wird dabei auch das ganze Ausmaß der Geschichte selbst (die gegenwärtige „Gesamtsituation“) deutlich, aber auch, wie sehr Ursachen und Motivationen der Personen in der Vorgeschichte wurzeln.
Von der Storyline wäre dieser Film nach „Italowestern-Maßstäben“ eigentlich ein „klassisches“ Django-Thema (auch wenn hier die Hauptperson nicht so heißt): Das Moment einer tiefen Verletzung der Hauptperson liegt seit Filmbeginn vor und wurde durch ein tiefes Unrecht (hier: die Gewalt gegenüber seiner Mutter, die Ermordung seines Vaters und das an seinen Eltern insgesamt begangene Unrecht) bewirkt. Die Hauptperson verfolgt während des Filmes das Ziel, Gerechtigkeit herzustellen und dieses Unrecht, das in diesem Falle bis heute andauert, aufzulösen. Der spezielle Fokus dieses Filmes liegt dabei auf einer sehr prinzipiellen Ebene des „Bestrafungsfeldzuges“ und auf der auf verschiedene Weisen durchgespielten Thematisierung von Schuld.

Überblick (ab hier: Spoiler)
Ein Fremder kommt in ein von aller Welt abgeschnittenes Dorf weit oben in den Alpen. Diese bäuerliche Gesellschaft wird von einem Hof beherrscht, dem Brenner-Bauern und dessen sechs Söhnen, die hier Recht, Gesetz und Schutz in ihren Händen vereinen. Auch wenn Greider, der Fremde, misstrauisch beäugt wird, kann er die wichtigen Leute des Dorfes doch davon überzeugen, ihn für einen Winter zu beherbergen: Geld liefert den finanziellen Anreiz; das Vorhaben, Bilder zu machen, liefert einen Grund für seine Anwesenheit und macht ihn unverdächtig.
Mit einer sehr abstrusen Regelung terrorisiert der Brenner-Bauer die Bewohner des Tales, bzw. diejenigen, die sich in dieses Tal verirrt haben, um hier zu leben: die Auflage, dass die Bräute die Hochzeitsnacht (und alle weiteren bis zu den Anzeichen eines ersten Kindes) bei ihm verbringen müssen. Aus Angst und aus Hilflosigkeit lassen die Bewohner das mit sich – bzw. mit ihren Töchtern – machen. Dieses durch Gewalt und Schweigen relativ stabile Unrechtssystem wurde jedoch einmal gebrochen: Greiders Vater weigerte sich vor langer Zeit, seine Braut herzugeben, was eine ungemein brutale Bestrafung (buchstäblich Geißelung und Kreuzigung) nach sich zog; Greiders Mutter konnte fliehen, woraufhin auch ihre Eltern von den Brenner-Söhnen (materiell und physisch) vernichtet wurden.
Im Heute wird Greider bei Luzi und ihrer Mutter einquartiert, man erfährt, dass ihre Hochzeit mit Lukas bald bevorsteht – das hier geltende Unrecht droht sich konkret abermals zu wiederholen. Greiders eigene Defensivität und Schwachheit entlarvt sich bald als gespielt – er erträgt Hohn und Spott durch die Brenner-Söhne, um sich unauffällig zu bewegen und beim Photographieren die Lage zu sondieren. Seinen eigenen Bezug zu der alten Schuld erfahren die Bewohner des Dorfes über weite Strecke nicht – weitgehend im Verborgenen seiner persönlichen Motivation arbeitet sich Greider nach und nach durch eine Liste derer, die an der damaligen Schuld Anteil hatten, was in den meisten Fällen eine Bestrafung durch Ermordung bedeutet, und zwar danach, wie schwer er deren persönliche Schuld einschätzt:
1. der Verrückte (der harmloseste Sohn, im Grunde), wird beim Holzfällen erschlagen,
2. Rudolf, der Jäger (2. Sohn), wird beim Jagen getötet (mit einem nagelbesetzten Ast attackiert und ertrinkt),
3. der Priester (wird in der Kirche erschossen),
4. die Wirtin (wird gedemütigt, aber am Leben gelassen),
5. der Sohn mit dem Zylinder (wird mit einem Schuss getötet),
6. der bärtige Sohn (Greider verwundet ihn und lässt ihn leidend als letzten langsam sterben),
7. der Sohn mit der Augenklappe (ein einzelner Kopfschuss),
8. Hans, der Anführer unter den Söhnen (auch bei ihm lässt sich Greider mit zwei Schüssen Zeit; wobei er durch den zweiten Schuss dessen Sterben abkürzt),
[9. der Schmied: Mit dem Schmied greift ein Unbeteiligter ein, und auch auf Greiders Seite greift hier dann ein anderer ein und tötet den Schmied: Lukas],
10. der Vater, der Brenner-Bauer (Greider erschießt ihn, der Vater hält ihm das Gewehr dabei).
Erst nach dem zweiten Mord gerät Greider in den Fokus der Brenner-Söhne als Verursacher; von nun an sind die Fronten abgesteckt, Greider flieht in eine (vorbereitete) Hütte im Wald. Dennoch greift er von hier aus in die Hochzeit von Luzi und Lukas ein; er befreit Luzi aus der Gewalt der Brenner-Söhne, als diese sie zu deren Vater bringen wollen und bringt sie zusammen mit ihrer Mutter bei Lukas und seinen Eltern unter. Aus Angst vor der Bestrafung durch die Brenner-Söhne ist Greiders Eingreifen nicht wirklich willkommen; nur eine sehr alte Verwandte dankt ihm, als er die Braut im großen Kreise einer ziemlich eingeschüchterten Verwandtschaft zurücklässt. Er verspricht ihnen, sich den Söhnen entgegenzustellen (und damit den Kreislauf des Unrechtsystems zu brechen), aber er geht alleine. In einem Shootout erschießt Greider, waffentechnisch weit überlegen, die vier Söhne und begibt sich dann zum Brennerhof, um auch den Vater zu töten. Hier greifen zwei Außenstehende ein: Der Schmied (vielleicht ein Halbbruder der Söhne?) überwältigt Greider, der durch das Eingreifen Lukas gerettet wird: Hier hat zum ersten und einzigen Male ein Bewohner des Tales seinen Mut zusammengenommen und greift aktiv gegen die Brenner-Familie ein. Während Greider zum Brenner-Vater geht, steht Lukas draußen Wache. Greider trifft auf einen alten, körperlich schwachen Mann im Bett, dem er sich als Sohn der damals geflohenen Braut zu erkennen gibt. Vom Brenner-Vater erfährt Greider, was zu befürchten war: Er selbst ist ein Ergebnis des Unrechtsystems im Tal, ein (Halb-)Bruder der getöteten Söhne und ein Sohn des Brenner-Vaters. Unter Tränen erschießt Greider ihn und bricht dann zusammen. Nach drei Wochen mit hohem Fieber zwischen Leben und Tod bricht Greider aus dem Tal auf und hinterlässt eine von Lukas schwangere Luzi.

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Ausgangssituation des Filmes
Pervertierung der Gerechtigkeit
Die Brenner-Familie repräsentiert den Staat in diesem Tal: Gerichtsbarkeit und ausführende Gewalt sowie das Machtmonopol („die einzigen, die Waffen tragen dürfen“) liegen in den Händen des Vaters und seiner Söhne (- ein Vater und sechs Söhne = immerhin eine halbe Anzahl von Jüngern? bei den ganzen christlichen Anspielungen und Motiven in diesem Film ist das nicht unwahrscheinlich, s. u.). Diktatorisch willkürlich können sie – ohne jegliche Kontrolle – herrschen, und den Bewohnern des Tales die Regeln vorschreiben. Die Isolation nach Außen (ein bekanntes Motiv, nebenbei) und auch in der Zeit (in der Zeit stehengeblieben: die veralteten Waffen und die Unkenntnis von Photoapparaten) macht aus dieser Diktatur einen ungestörten Mikrokosmos. In diesem System gefangen erdulden die Menschen auch die größten Ungerechtigkeiten – ein bezeichnender Grund für die Maßnahme der „staatlichen“ Brautentführungen mag dabei einfach sein: weil die Brenner es können – es legt in dieser Gewalt gegen die Schwächsten die ganze Perversion dieses Machtsystems eindrücklich offen.
Aber nicht nur Gewalt hält dieses System aufrecht – auch die Religion ist zur Aufrechterhaltung eingespannt worden. Mit Gewalt werden die Menschen eingeschüchtert, mittels christlich verbrämter Propaganda wird zudem noch versucht, das Unrecht als – sogar göttlich gewolltes – Recht zu erklären, wie die Maria-Josef-Predigt des Priesters zeigt: Mit dem Brenner-Vater als Gott und den Bräuten als Maria propagiert er den Bräutigamen sich wie bzw. als Josef zu fügen, mehr noch, sie sollten das Unrecht mit Freuden ertragen und noch dankbar sein dafür…

Es ist ein Machtsystem, dem es nicht genügt, die Körper der Menschen durch Gewalt zu besitzen, es schafft auch einen eigenen Kosmos von in ihm geltenden Recht und Unrecht, der dem postuliert übergeordneten und allgemeinmenschlichen Gerechtigkeitsempfinden diametral entgegensteht. Bezeichnenderweise kann dieses Machtsystem es aber dennoch nicht verhindern, dass allen, wirklich allen, beteiligten Personen die tatsächlichen Verhältnisse von Recht und Unrecht durchaus bewusst sind und bleiben, trotz aller Anstrengungen. Dieser an sich unhaltbare Zustand des Bruches von Gerechtigkeit muss aktiv aufrecht erhalten bleiben, um nicht zusammenzufallen; und wir begegnen hier einem System aus Gewalt / Angst und psychologischer Manipulation, das es schafft, die Perversion des Rechtes tatsächlich in einer statische Situation zu erhalten.
Dabei sind auch alle einzelnen Bewohner des Tales, die diese offizielle Pervertierung von Recht und Unrecht ertragen, nicht unschuldig – und zwar dadurch, dass sie sich auf die eine oder andere Weise arrangieren.

Reaktionen der ‚Normalen Leute‘ im Dorf
Grundsätzlich treten alle Bewohner des Dorfes als Schwache und Unterdrückte in Erscheinung, in denen jedoch verschiedene Arten des Umganges mit dem Machtsystem vorgeführt werden. Immer wieder begegnen Verdrängungsmechanismen: Wer nicht selbst direkt betroffen ist, hat es leichter, seine Augen vor dem Unrecht zu verschließen (eine wahrscheinlich generelle Erkenntnis über diese Filmsituation hinaus) – Für alle Männer ist es einfacher zu verdrängen, es betrifft sie ja nicht direkt; zwar sind auch unter diesen Väter und Ehemänner, aber ihr eigenes Leben ist nicht betroffen – so ist es einfacher, die Schwächeren zu unterdrücken, wenn alle Stärkeren wegschauen.
Eine Auflehnung würden das eigene Leben gefährden – hier wird eine der stärksten menschlichen Bindungen, der Beschützerinstinkt der Eltern, überwunden durch die Angst um das eigene Leben, als letzte, existentielle und größte menschliche Angst. Auch mit vorgeschobenen Gründen wird der eigentlich unhaltbare Zustand gerechtfertigt („hoffnungslos“, „eigentlich haben wir es doch ganz gut“, „aber er sorgt auch für uns“ (Luzis Mutter)) und die eigene Verdrängung des Unrechtes überspielt.
Es ist die Passivität der meisten Dorfbewohner, die das Unrecht unbehelligt geschehen lässt und es dadurch weiter aufrecht erhält. Sie laden eine Mitschuld auf sich, an der sie durchaus leiden, die sie jedoch überwiegend ihrerseits wieder verdrängen – das System erhält sich selbst. Sogar Überwachungsmechanismen untereinander haben sich herausgebildet, und ein gegenseitiges Misstrauen herrscht auch unter den Unterdrückten. Würde einer von ihnen versuchen sich aufzulehnen, würde er nicht mehr nur sein Leben riskieren, sondern müsste sich auch der Gewissheit stellen, dass auch sein eigenes Verhalten dieses Unrecht bislang unterstützt hatte.
Wie weit diese moralische „Selbst-Vergewaltigung“ bei den Menschen reicht, offenbart sich, als sie bei der Hochzeitsfeier von den Brenner-Söhnen vorgeführt werden – die Menschen retten ihr Leben durch das Arrangieren und verlieren ihre Selbstachtung. Einige der Bewohner bewahren sich allerdings zumindest einen Rest Unschuld, indem sie im Stillen an ihrem Wissen darum, dass es Unrecht ist, festhalten (die Tränen von Luzis Mutter, die Trauerstimmung auf der Hochzeitsfeier als stummer Protest der Unterdrückten) und zumindest ihre Meinung nicht aufgeben, auch wenn sie aus Hilflosigkeit tatenlos und stumm bleiben.
Andere Handlungsmodelle treten mit der Wirtin und dem Priester in Erscheinung: Die Wirtin hat sich arrangiert, indem sie aktiv hilft und sich dadurch aktiv zur Mittäterin macht. Als Greider sie bestrafen will, wird ihm (und den Zusehern) allerdings deutlich: Es geschieht aus Angst und Feigheit, nicht aus völliger Bosheit, wenn durchaus auch etwas Egoismus. Ihm wird die unendliche Angst dieser Frau und ihre Schwäche bewusst – was sie getan hat, könnte jeder gewesen sein, der nicht einmal den Mut zum stummen Protest besitzt. Der Priester (und eventuell auch die nur nebenbei erwähnte erzwungene Verwandtschaft des Brenner-Bauern in den meisten Familien) kollaborieren mit dem herrschenden Unrechtssystem; auch er hat Angst, seine eigene Feigheit und seine daraus resultierte Mittäterschaft wiegt in seiner Machtposition, die die Gefühle und Gedanken der Menschen beeinflusst, aber besonders schwer.
Letztlich wird dieses in sich geschlossene System von allen Beteiligten aufrechterhalten: durch Gewalt, durch aktive Teilnahme, durch Erdulden und durch passives Nicht-Eingreifen hat sich hier ein System kollektiver Schuld aufgebaut, das den Schwachen der Gesellschaft (den Frauen, Bräuten) unbehelligt Unrecht antut.

Obwohl die Bewohner des Tals wissen, dass es außerhalb eine Welt gibt, wo andere Menschen leben, stellt sich die Frage des Weggehens nicht – Obwohl sie nicht gezwungen sind zu bleiben, mag auf einer praktischen Ebene der ungewisse Weg hin zu anderen Siedlungen als Grund herhalten und die ungewisse Zukunft, in die man dann aufbräche. (Es ist ein allgemeinmenschliches Phänomen, dass man es an einem bekannten Ort mit bekannten Menschen, Sprache und Regeln sehr lange aushält, und ein Weggang – insbesondere in eine gänzlich ungewisse Zukunft – alles andere als ein leichter ist.) Die Isolation des Tales bildet aber auch schon die erste Verbindung zu der Metaebene, die die Filmhandlung begleitet: Hier ist dieser kleine Kosmos, dieses Tal, eine ganze Welt – ein Außen existiert nur genauso nebulös wie Vorstellungen eines Himmels oder Paradieses. Um so bemerkenswerter ist es auf dieser Metaebene dann, dass doch einer von außen kommt: Greider kommt am Beginn des Filmes hinein „in die Welt“.

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Greiders Motivation: Einzelne Aspekte
In die Ausgangssituation des Dorfes im Tal mit seinem verdrehten System von Recht und Unrecht tritt Greider von außen ein, mit dem Ziel, dieses System zu zerstören, gegen das damals seinen Eltern angetane Unrecht Gerechtigkeit herzustellen. Diese Gerechtigkeit versucht er mit einer Bestrafungswelle durchzusetzen, die die aktiven Personen dieses Unrechtsystems nach und nach buchstäblich eliminiert. Es wird kein Versuch unternommen, die Menschen dieses Dorfes bzw. die aktiven Täter auf andere Weise zur Vernunft zu bringen – allerdings scheint dieser Weg in diesem exzessiven Gefüge, das im Dorf herrscht, auch gar nicht möglich: Die Täter und Menschen durch eine genauere Sicht der Dinge auf das Unrecht aufmerksam zu machen, hätte keinerlei Effekt und würde zu keiner Änderung im Verhalten führen – schon aus dem Grunde, weil alle (Täter wie Mittäter) ganz genau wissen, was hier geschieht, und unter der Oberfläche durchaus ein realistisches Unrechtsbewusstsein besitzen. Von Beginn an ist damit die Frage aufgeworfen: Was kann man tun gegen Menschen, die ganz bewusst Unrecht tun, unter dem andere leiden? Eine fundamentale, moralisch letztlich unlösbare Frage, die hier eine der wichtigen Kernfragen auch dieses Filmes stellt.
Ein „Aufstand der Aufrichtigen“ wird in diesem Dorf unterbunden, indem das Unrecht gewaltsam aufrecht erhalten wird, mit einem System aus Schrecken und Angst. Kein irdisches Gericht kann den Tätern beikommen, was hier aus der vollständig von außen isolierten Situation herrührt: Es ist kein rechtsfreier Raum, aber die hier herrschende Gerichtsbarkeit (in Person der Brenner-Familie) ist selbst der Kern des Problems und dadurch keine Hilfe. Wenn keine übergeordnete Gerechtigkeitsinstanz zu Hilfe kommen kann, wer sichert dann das Recht der Schwachen und Unterdrückten?

Der Racheengel
Umgekehrt ist damit die Frage aufgeworfen, ob sich die Mittel wirklich dem Zweck unterordnen: Wäre es in einer solchen Situation und aus den besten und gutgemeintesten Motiven heraus gerechtfertigt, selbst Gewalt anzuwenden, um anderen zu helfen? Diese völlig prinzipielle Frage verkörpert die Greider-Figur, die von Beginn an eine zweite, prinzipielle und sogar über-irdische Ebene besitzt. Wo schon der ganze Film so voller christlicher Symbolik steckt, müsste man dem entgegenhalten: Eine wirklich christliche Antwort wäre vielleicht, dass es besser ist, alles zu erleiden (was keine Selbstverleugnung einschließt: das Unrecht anprangern, auch wenn man dabei sein Leben verlieren könnte) als sich selbst schuldig zu machen; nichts rechtfertigt es, selbst Gewalt als Mittel einzusetzen. Der sozial-psychologische (und durchaus berechtigte) Grund dahinter, mag die Einsicht sein, dass sich Gewalt ohnehin nicht durch Gewalt verbessern lässt, stattdessen erzeugt sie nur neue Wunden, eine sich immer weiter drehende Spirale… Es wäre auch die einzige Lösung, die das System des Unrechtes auf Dauer wirkungslos machen könnte: Ein Aufstand der Anständigen, die „einfach nicht mehr mitmachen“ – unter Riskierens ihres Lebens, wären sie in der Menge erfolgreich. Ihnen fehlt der Mut dazu, allerdings. Und was kann ein Einzelner sonst tun, wenn er alleine bleibt, und keiner seinem Beispiel folgt?
Im 1966er Django-Film darf die dortige Hauptperson zwischendurch einmal eine Rechtfertigung seines (überaus gewaltsamen Tuns) sagen: „… dann muss man mit den Verrückten und Fanatikern kurzen Prozess machen, damit nicht alle anderen dabei kaputtgehen“. Diese Lösung des Problems, der auch Greider hier anhängt, funktioniert allenfalls, wenn die Gewalt, die man selber einbringt, so umfassend ist, dass danach keiner mehr da ist, der dann noch den Kreislauf der Gewalt weiter aufrecht erhalten kann. Das kommt im Grunde einer Bankrotterklärung des sozialen Miteinanders gleich, wenn hier eine völlige Vernichtung als letzter Ausweg eingeschlagen wird: Durch – von vorneherein eingeplanten – zahllosen Toten wird eine Zerschlagung des ganzen sozialen Gefüges bewirkt, das sich danach wieder neu (und dann hoffentlich gerechter) wieder aufbauen kann. Diese prinzipiell exzessive Lösung, Gerechtigkeit durch Gewalt wiederherzustellen, wird hier mit der Greiderfigur durchgespielt; eine Lösung, deren absoluter Endpunkt ein völlig friedlicher, allerdings auch menschenleerer Raum wäre…
Neue Wunden werden aufgerissen, die die am Ende des Films tatsächlich erreichte Zerschlagung des Herrschaftssystems in diesem Tal wieder gefährden: In vielen Familien finden sich – dank des Systems – Halbbrüder der getöteten Brenner-Söhne; ob der fragile Frieden am Ende hält und sich wirklich ein gerechteres Miteinander ausbildet, bleibt offen.

Zweimalig verdrehtes Recht und Unrecht
Greider will Gerechtigkeit herstellen. Aber was ist gerecht? Von Beginn an ist ein tiefer Fall der Hauptperson angelegt, die sich wie ein wütender Racheengel, sozusagen mit Feuer und Schwert, gegen das Unrecht auflehnt, und sich dabei selbst immer mehr in Schuld verstrickt. Seine Taten sind nachvollziehbar, in dem Sinne, dass man als Zuseher in dieser Figur noch am ehesten den Fixpunkt von Gerechtigkeit finden kann; und doch kann man die Wahl der Mittel in keiner Weise gutheißen. Wird Greiders eigenes Unrecht gerechter, weil es sich gegen das Unrecht der anderen richtet? Wie bei einem guten Italowestern bleibt kein Fixpunkt der moralisch oder ethisch „richtigen“ Seite mehr übrig. Stattdessen nimmt der Ausschnitt aus der Geschichte der Hauptperson in der im Film gezeigten Handlung den Zuseher mit inneren Schmerzen mit auf einen tiefen Fall derjenigen Figur, die noch am ehesten als Identifikationsfigur herhalten könnte, und lässt ihn Greiders Anhäufung furchtbarer Taten mit-erleiden.

Der Richter und die Archetypen
Als einziger, der außerhalb des Tales existiert, treten wir mit Greider ein in eine völlig in sich abgeschlossene, archetypische Welt – wie dieses System ist auch Greiders Figur von individuellen Eigenschaften fast völlig bereinigt, auf das Absolute reduzierbar, auf ein Prinzip. Mit festem Plan tritt hier ein (selbsternannter?) Richter in dieses System hinein, und kommt selbst von einer Gerechtigkeit außerhalb dieses Systems – jedoch einer übergeordneten bzw. tieferliegenden, weil allgemeingültigen Gerechtigkeit, von der auch sämtliche Bewohner des Tales eine ahnende Vorstellung besitzen und deren eigentliche Gültigkeit nicht anzweifeln. Die kollektive Urschuld (das Unrechtssystem, zu dessen Aufrechterhaltung alle mehr oder weniger aktiv beitragen) zu zerstören und Gerechtigkeit zu schaffen, scheint das Ziel; es geht nicht um persönliche Ressentiments gegenüber einzelnen individuellen Menschen, es geht aber auch nicht primär darum, den Menschen von Heute im Tal zu helfen. Stattdessen sondiert Greider beim Photographieren (ausgerechnet – die Bilder haben ohnehin eine konservierende, Zeit-einfrierende Bedeutung hier: das Photo der Mutter, das Photo von Luzi und Lukas vor der Hochzeit) die Lage und sortiert für sich die Menschen dabei in Schuldige und Unschuldige (weil Harmlose) – seine Bestrafung (eher das als Rache) trifft sodann die als hauptsächlich schuldig Erkannten – Menschen, die er vor seinem Aufenthalt im Tal noch nie gesehen hat und auch nicht direkt kannte (die Frage an Luzi: „Wer sind die Männer?“).
Die Bestrafung orientiert sich sehr exakt an der jeweiligen Schuldverstrickung der einzelnen identifizierten Schuldigen: Aktive Mittäter werden durch eine einzelne Kugel schnell getötet; den drangsalierenden Sohn (der Bärtige) lässt er langsam verbluten; für den Hauptakteur, den ersten Sohn, lässt er sich mit zwei Kugeln Zeit, tötet ihn dann jedoch aus Respekt vor dessen noch relativer Anständigkeit.
Die Bestrafungen, überwiegend Morde, haben keinen situativen Auslöser, sie geschehen nicht in einem Moment des Zornes oder generell aus Affekt – mehr noch reagiert Greider auf seine eigenen Taten die meiste Zeit emotionslos – es sind kalte, berechnete Morde, von einem Richter/Strafvollzieher ausgeführt, der sich im Recht wähnt, als Bestrafung. Im Laufe des Bestrafungsfeldzuges bekommt diese Unemotionalität des Richters/Strafvollziehers allerdings Risse: Bei der Bestrafung der Wirtin gerät er in Wut und hält danach inne: Er hat sich gehen lassen, wo ihn doch die Unemotionalität von einem persönlichen Rächer unterscheiden sollte – doch ihre Verzweiflung hat sein Mitleid geweckt. Einen gänzlichen Zusammenbruch erleidet seine kalte Fassade dann bei dem Vater: Greiders eigene Verbindung zum Unrechtssystem (in Form (ungewollter) Verwandtschaft) war bis dahin überdeckt und bricht nun seine Fassade zusammen; nun doch auch persönlich betroffen zerbricht er an der ihm selbst gestellten Aufgabe eines unemotionalen Henkers, was aber psychisch die immer stärker gewordenen inneren Spannungen Greiders endlich befreit: Endlich können seine eigenen Emotionen, sein eigenes Leiden durchbrechen, was man (auch Greider) nur bedingt ausschalten kann.

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Kreuzigungs-Thematik auf Drei Ebenen
Wenn auch die Handlung und vor allem die Vorgeschichte, aus der sich die Filmhandlung insgesamt entzündet – die „Urschuld“ -, zunächst etwas ‚überkonstruiert‘ erscheint, ergibt sie doch ein schönes Muster, indem verschiedene Varianten einer Opfer-Erlösungs-Kreuzigungsgeschichte gegeneinander ausgespielt werden.
Bekanntermaßen bildet die Kreuzigung in der christlichen Geschichte den Kulminationspunkt eines Leidensweges: Ein Unschuldiger nimmt die Schuld der ganzen Welt auf sich, indem er das Unrecht erträgt, bis zur unschuldigen Aufopferung seines eigenen Lebens; dieses absolute Opfer dient – weil für andere erbracht – zu nichts weniger als zur Erlösung derjenigen wirklich Schuldigen, die bereuen. Dieses Prinzip wird in der hiesigen Geschichte mehrfach verwendet und neu interpretiert, es dient – auch explizit – als Vorlage für zwei weitere „Kreuzigungskonstellationen“:
Kreuzigung 2: Greiders Vater erleidet unschuldig Unrecht, das in seinem buchstäblichen Tod am Kreuz endet, als endgültiges und tiefstes Unrecht, das ihm widerfahren kann, eine Art Opferlamm. Ergebnis ist allerdings keine Erlösung der anderen beteiligten Personen, die sich aktiv oder passiv an seinem Tod schuldig gemacht haben. Einzig die eigene ‚Reinheit‘ des Vaters bleibt durch sein Erleiden bewahrt. Für die anderen Beteiligten, denen man im Filmgeschehen dann wiederbegegnet, bildet diese erste Kreuzigung eine Art „Ursünde“, eine Schuld, die sie auf sich geladen haben (vermutlich auch nicht nur in diesem einen Fall) und die weiterhin über ihnen verhängnisvoll hängt. Die Schuld ist nicht gesühnt, die Täter nicht erlöst – nichts hat sich am grundsätzlichen System geändert, ein Fall wie der von Greiders Vater kann sich jederzeit wieder ereignen.
Kreuzigung 3: Mit Greider kommt nicht weniger als ein „Erlöser“ in die Welt, die das Tal darstellt. Er selbst nimmt die „Schuld der ganzen Welt“, genauer gesagt, aller Menschen in diesem Ort auf sich – allerdings nicht, indem er für sie leidet, sondern als Richter und Henker, der strafend einschreitet – und sich dabei immer mehr selbst in Schuld verstrickt. Seine eigene „Kreuzigungsszene“, in der seine Handlungen kulminieren, ist der symbolische Fiebertod im Bett nach getaner Rache. Auch dieser ‚Tod‘ beeinflusst das System von Schuld und Erlösung im Ort: Die Schuld der anderen ist gerächt und dadurch aufgehoben – Greiders Taten haben tatsächlich die anderen durch deren Befreiung erlöst; sowohl eine Befreiung von der vergangenen Schuld als auch eine Befreiung von der Unterdrückung. Der Preis dafür ist allerdings seine eigene, fast absolute Schuldverstrickung und ein eigener, innerlich-moralischer Tod. Und die Befreiung der anderen ist langfristig ungewiss: Für den Moment ist das System gebrochen, indem seine wichtigsten Akteure buchstäblich eliminiert wurden – eine moralische Erlösung ist auch für die übriggebliebenen Bewohner nicht erreicht.

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Schuldverstrickung und Erlösung
Auf vier Einzelszenen, in denen Greider seine Bestrafung durchführt, möchte ich hier genauer eingehen, da es m. E. „Schlüsselmomente“ des Filmes darstellen.

Einzelszene: Die Beichte
Greider sucht den Priester in der Kirche auf, und tritt diesem ziemlich „unorthodox“ mit geladener, wenn auch gesenkter Waffe entgegen. Eingekesselt zwischen Christus am Kreuz und Greider steht der Priester, dessen Verstrickung in die Ur-Schuld des Filmes in dieser Beichtszene nachgereicht wird. Seine aktive Teilnahme an diesem Verbrechen und seine Rechtfertigungen des unrechten Systems wiegen in seiner Position, wo er zuallererst Gott und den Menschen dienen sollte und den Menschen mit religiöser Autorität begegnet und sie beeinflusst, umso schwerer. Bezeichnenderweise blickt der Priester in all seinen Szenen kein einziges Mal dem Christus am Kreuz ins Gesicht: Er ist sich seiner Schuld bewusst, kann sich zu einer Reue allerdings nicht durchringen.
Vor dem Gang in den Beichtstuhl blickt Greider dagegen Christus direkt an – im mythisch überlagerten Bild seiner Eltern als Maria und Josef (ein Konzept, dass der Priester selber ja zuvor bei der Hochzeit beispielsweise propagiert hat), wäre Greider als Sohn nicht weniger als mit Jesus zu identifizieren – eine Identifikation, die in dieser Szene auf die Weise aufrecht erhalten wird, dass Greider zumindest mehr als nur ein Mensch ist, eher ein Racheprinzip, das Gerechtigkeit wiederherstellen will. Im Bild seines Vaters, der buchstäblich gekreuzigt wurde, als Jesus, ist es nicht weniger als das Unrecht an Gott, das er hier rächen will und dessen sich der Priester versündigt hat. Über die beiden Personen als Menschen hinaus sind es auch mythische Konstellationen, die hier aufeinander treffen. Und mehr noch als nur in einer Kirche – von der man in religiösem Sinne annehmen könnte: „vor Gott“ – wird diese Gottesgegenwart in der nachfolgenden Beichte noch umso konkreter beschworen – alles, was dabei geschieht, findet auf einer ganz fundamentalen Ebene statt.
Greider: „Im Namen des Vaters, und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“
Priester: „Gott, der unser Herz erleuchtet, schenke Dir wahre Erkenntnis Deiner Sünden und seine Barmherzigkeit.“
Greider: „Amen.“
Mit den Eingangsworten der Beichte transformieren sich beide in eine Ebene, in der das eigene Gewissen direkt vor Gott offen liegt – durch die Aussprache der Formeln bekennen sich beide, Greider und der Priester, zu dem christlichen Rahmen. Unter normalen Umständen wäre eine solche Beichte ein einseitiger Vorgang: Über den Priester als Hilfsmittel erschließt sich eine Ebene des Beichtenden direkt zu Gott, der seine Taten vor diesem (also Gott selbst in erster Linie, nicht dem Priester) offen legt und im Falle seiner ernstgemeinten Reue eine Begnadigung zugesprochen bekäme (als Mechanismus, nicht willkürlich durch den individuellen Priester). Hier jedoch treffen in Greider und dem Priester zwei aufeinander, die beide unsagbare Schuld auf sich geladen haben – Der Priester eröffnet die Ebene zu Gott, aber Greider verkörpert ein Wesen, dass in den ganzen konstellativen Ausdeutungen mit Gott oder Vergleichbarem gleichgesetzt wird; es bleibt offen, wer eigentlich bei wem beichtet bzw. beichten müsste.
Ohne Reue, aber in diesem Rahmen der Schwere seiner Taten vollkommen bewusst, bekennt Greider die beiden Morde an zwei der sechs Söhne des Brenner-Bauern. Der Priester bleibt stumm, was seine eigene Schuld betrifft, obwohl diese durch Greiders Eröffnung, wessen Sohn er sei, unausgesprochen angesprochen wird.
Die Frage des Priesters „Wer bist Du?“ nach dem Bekenntnis der Morde zielt einmal, in der Handlungsebene, auf einen Grund für die Taten hin; auf einer viel metaphysischeren Ebene ist dies an dieser Stelle aber auch die Grundfrage – nicht weniger als ein über-irdischer Racheengel scheint ihm gegenüberzusitzen, nicht weniger als Jesus selbst ans Kreuz zu schlagen hat der Priester auf dieser Ebene mitgeholfen. Hier dreht sich die Beichte: Ob Greider seine Taten bereut, erfahren wir hier nicht; vielleicht bereut er sie vor Gott, aber der ist hier für ihn zuallerletzt im Priester ansprechbar. Schuldig und stumm bleibt der Priester einer Erlösung verschlossen – Greider wartet auf ein Wort der ernstgemeinten und tiefen Reue; anders als die Wirtin, die Greider daraufhin verschont, bleibt dies beim Priester aus – er erschießt ihn, als Zerrbild einer verweigerten Lossprechung von der Sünde in einer Beichte, und begeht dabei einen weiteren Rachemord, nicht nur auf der menschlichen Ebene, sondern direkt vor Gott (durch die Beichtsituation, vor dem Christus am Kreuz hinter ihm, in einer Kirche).

Einzelszene: Die Mittäterin
Die größten Zweifel an der eigenen Gerechtigkeit treffen Greider bei der Szene mit der Wirtin – Greider, ohne individuelle Eigenschaften, scheint die allgemeinmenschliche und „über-weltliche“ (das Tal als Welt) Gerechtigkeit geradezu zu verkörpern, als er in die Welt, das Tal, eintritt; keine andere, vor allem keine höhere Gerechtigkeitsinstanz scheint zu existieren. Die Wirtin will Greider für ihre aktive Teilnahme an der „Urschuld“ bestrafen, für ihre Habgier, die sie zu der Tat getrieben haben soll, wie Greider annimmt. Erst in den Tränen und der Todesangst der Wirtin, die er in ihr ausgelöst hat, erkennt er ihre tatsächliche Motivation für den damaligen Verrat: pure Feigheit und ein bisschen Egoismus – vor allem aber sieht Greider eine tiefe Reue und eine vor allem ganz normale Frau mit den Sünden eines ganz normalen Menschen. Nicht einmal zu ihrem Verrat kann sie stehen, sie bricht unter seinem Zorn zusammen und gibt alles auf, ihre Selbstachtung, ihren Stolz, bis nur noch reine Todesangst übrig bleibt. Greider erkennt ihre absolute Hilflosigkeit und schreckt zurück.
Er zieht sich daraufhin zu seinem eigenen „Golgatha“, dem Kreuz des Vaters, zurück – es ist ein Moment des Nachdenkens, und der erste Moment, in dem er seine eigene Gerechtigkeit in Frage stellt: In Wut geraten über ihre – auf den ersten Augenblick hin für ihn unverständliche – Reaktion hat er für den Moment seine Unemotionalität aufgegeben, die ihn als objektiven Richter/Strafvollzieher kennzeichnen sollte. Dadurch, dass sich die Wirtin als hilflos und harmlos herausgestellt hat, ist Greiders Tat nun selbst nichts anderes mehr als ein Vergreifen an Schwachen, was ihn für den Moment ununterscheidbar von den Söhnen des Brenner-Bauern gemacht hat.

Einzelszene: Die Brudermorde
Nicht mehr um persönliche Motivation der einzelnen zu Bestrafenden geht es in der Auseinandersetzung mit den Brüdern: Diese (übriggebliebenen) Vier stellen mehr als jeder andere Bewohner des Tals das System selbst dar, das es rein gewaltsam zu brechen gilt. Greider stellt ihre Macht in Frage, ein für die Söhne unhaltbarer Zustand. (Mit einer christlichen Lesart kann man sich fragen, ob die jetzige Vierzahl derjenigen, die das Rechtssystem und die ordnende Macht innehaben, mit den „kanonischen“ vier Evangelisten nur rein zufällig ist…) Greider gefährdet das System, indem er ein eigenes Recht und eine eigene Exekutive in die Welt hineinträgt. In einem „finalen“ Kampf ausschließlich zwischen diesen beiden Parteien spielen dann beide Seiten ihre Stärken gegeneinander aus: Greiders waffenbedingte Überlegenheit gegen die zahlenmäßige Übermacht und das Anschleichen an den schlafenden und auf diese Weise hilflosen Greider. Es ist bezeichnend, dass bei diesem Kampf allein die Stärke der Gewalt entscheidet und keinerlei moralische Überlegenheit auf irgendeiner Ebene mehr eine Rolle spielt. Mehr noch: Die Art des Tötens (langsam vs. schnell) scheint hier auch bei Greider keinem anderen Mechanismus mehr zu folgen als persönliche Ressentiments: Den bärtige Sohn, der ihn im Wortshaus gedemütigt hatte, lässt er langsam und schmerzhaft verbluten – dieser hat in den Filmszenen nicht einmal die Gnade eines gezeigten Todes, was seinen Todeskampf vielleicht sogar in eine unaufgelöste „Dauerschleife“ setzt. Den Anführer hebt Greider sich dagegen bis zum Schluss auf und kostet sein Sterben aus, bevor er ihn denn doch mit einem zweiten Schuss erlöst. Beide erkennen sich am ehesten selbst im Anderen, ein Umstand, den beide auch jeweils im Gegenüber anerkennen.

Einzelszene: Der Vatermord
Der Brenner-Bauer gab seinen Söhnen den Auftrag, Greider lebend zu ihm zu bringen – nun kommt Greider nach den Morden an allen Söhnen selbst zu ihm. So oder so steht diese Begegnung am Ende bereits von Anfang an fest: der Kern des Unrechtssystems und das bestrafende Prinzip von Außen. Der Brenner-Bauer will sich mit Greider messen und ihn mit seinem Willen überwinden – es ist ein letzter Kampf um die Macht und das Gerechtigkeitsmonopol.
Greider trifft auf den Über-Vater, nicht weniger als Gott-Vater im konstellativen Bild der Maria-Josefs-Uminterpretation. Dessen Macht ist keine physische (als schwacher alter Mann), es ist keine Präsenz im Tal (abgeschottet von Außen und auch kaum je außerhalb des Bettes bzw. eines „mobilen Bettes“ (im Schlitten) anzutreffen, eingemantelt in einen zweiten Kokon aus wärmenden Fellen in dieser kalten Welt). Auch Greider steht hilflos vor dem eigentlich hilflos scheinenden Mann im Bett, ist vor diesem nicht mehr als nur ein Kind, das dessen Anordnungen gehorcht – die völlige Abwesenheit von Furcht irritiert ihn. Die Abwesenheit jeglicher Angst vor Greider, was eine Anerkennung seines Status als Racheprinzip wäre, macht ihn hilflos vor dem unbeugsamen Willen des Vaters: Greider kann ihn töten, aber nicht brechen. Greider gibt sich dem Vater zu erkennen, wer er ist, doch auch jetzt bleibt eine angstvolle Reaktion des Vaters aus. Mehr noch, dessen Gegenschlag ist eine explizite Offenlegung der tatsächlichen Familienverhältnisse, deren Tragweite Greider nicht kalt lässt und ihn so „verwundet“. Angeschlagen, aber nicht überwunden bringt Greider seinen Bestrafungsfeldzug zu Ende; der Über-Vater dirigiert das Gewehr und hält es in Position und behält so auch noch jetzt die Zügel in der Hand – doch am Ende ist er tot: Ein etwas schaler Sieg der Gewalt über den Willen, und legt so noch einmal überdeutlich offen, dass Greiders „Bestrafungszug“ von Beginn an in erster Linie eher ein gewaltsamer denn ein moralischer Vorgang war – selbst wenn dieser der ‚richtigeren‘ Gerechtigkeit dient.
Greiders Verwundung durch die Offenlegung der tatsächlichen Familienverhältnisse ist in erster Linie eine emotionale und verändert den unemotionalen Richter/Strafvollstrecker, der er den Film über war. Erst hier wird der Brenner-Bauer zum Vater, die Söhne nachträglich zu Brüdern – Greider erkennt die ganze Tragweite seiner persönlichen Verstrickung; die Diskrepanz zwischen dem unemotional-sein-müssenden Richter/Vollstrecker und seinen eigenen emotionalen Reaktionen ist schlagartig ins Unerträgliche gesteigert. Er zögert, als er den eigenen (biologischen) Vater als Urheber des ganzen Übels erkennt, bringt trotz der inneren Zerissenheit jedoch seine Aufgabe zu Ende – im Bewusstsein allerdings, nun so viel Schuld wie fast nur irgend möglich auf sich geladen zu haben. Die Tränen verraten seine kaum noch unterdrückbaren inneren Emotionen; nach dem Vatermord bricht seine Richterrolle zusammen, die Emotionen sind frei.

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Greider: Tiefer Fall, Zusammenbruch und Endsituation
Nach diesem Ende der Bestrafungen verlässt der Rächer das jetzt bildlich und symbolisch leere Haus: Auch de facto stehen alle anderen draußen Spalier – sie wagen es nicht, ihn anzusprechen oder gegen ihn vorzugehen. Sie stehen da als stumme Mahner: Dass Greider spätestens jetzt jemand ist, vor dem man Angst haben kann, vielleicht auch sollte, wird an dieser Stelle so deutlich wie nie zuvor: eine über-menschliche Urgewalt, vor der die Menschen zurückschrecken, die „die Schuld der ganzen Welt“ auf sich geladen hat – nur in Form eigener tiefster Schuldaufladung. Greider selbst ist am Ende seines Bestrafungsfeldzuges angekommen – und das heißt: ganz unten. Stück für Stück hat er seine eigene Unschuld geopfert und ein Sammelsurium der furchtbarsten Dinge als Schuld auf sich gehäuft: Mord, Gewalt gegen Schwache, Priestermord, Brudermord, Vatermord. Durch den ganzen Film hindurch bleibt das Töten auch für ihn eine ernste Angelegenheit; das Gerechtigkeitsgefühl speist diese Kaltblütigkeit, in der er die Morde begeht – und dieses Gerechtigkeitsgefühl ist so stark und durchdringend bei ihm, dass er selbst dem Christus am Kreuz in der Kirche reinen Herzens ins Gesicht sehen konnte. Könnte er es am Ende immer noch? Der starke Glaube, das Richtige zu tun, lässt ihn um Längen Schlimmeres tun, als es die Menschen getan haben, die er um ihrer Schuld und Sühne wegen richtet. Wie lange kann er das eigene Gewissen noch unterdrücken und aus seinem Glauben, für das Richtige einzustehen (objektiv gesehen hat er damit sogar recht), seine eigenen Taten rechtfertigen (die man objektiv und selbst in Greiders eigenem Gerechtigkeitsempfinden absolut nicht gutheißen kann)? Seine eigene Schuldaufladung wird von Mal zu Mal größer und kulminiert unausweichlich am Ende im Zusammenbruch seines objektiven Richterdaseins. Greider ist eben doch ein Mensch und kein reines Racheprinzip; seine Tränen vergießt er nicht um die Ermordeten, sondern um sich selbst. Seinen ganz eigenen Leidensweg hat er selbst verursacht, nicht andere: Stück für Stück hat er sich innerlich mehr zerrissen, die eigene emotionale Reaktion auf seine eigenen Taten unterdrückt. Er bereut nicht, und doch: mit dem erfolgreichen Ende seiner Bestrafungen erreicht er gleichzeitig den absoluten Tiefpunkt seiner Schuld – nichts läge an diesem Punkt ferner als Freude oder Erleichterung. Die bis zum Schluss unterdrückte eigene emotionale Reaktion auf die eigenen Taten bricht nun durch, mit Tränen wie Risse beginnend, und trifft ihn dann mit voller Wucht:
Im Fieber kulminiert die eigene Schuld, das eigene Gewissen, das ihn vollständig außer Gefecht setzt – die Wochen, in denen Greider zwischen Leben und Tod schwebt, sind ein symbolischer Tod.

Nach drei Wochen (= drei Tage bis zur Auferstehung, ein Zahlenspiel?) des todesähnlichen Zusammenbruchs und des Fiebers (auch mitbewirkt durch die physische Verletzung durch den Schürhaken = ein Stich in die Seite?) als reinigendes Feuer hat sich nichts an seinen Taten geändert und doch ist alles anders: Da ist keine Reue, nach wie vor erscheint ihm die Gerechtigkeit, die er durchsetzen wollte, richtig, und die Mittel dazu unausweichlich – und doch hat das bis in den Tod führende Leiden an den eigenen Taten ihm die Möglichkeit wiedergegeben, das Leben neu zu erringen. Gefasst verlässt Greider diese Welt – die Erlösung durch Sühne, die er in die Welt bringen wollte, ist abgeschlossen.

Die „Urschuld“ des Dorfes – Greiders eigene Familientragödie als Ausgangspunkt – ist einer Lösung zugeführt; und auch im Kleinen hat Greider die Dinge im Tal tatsächlich verändert: das Glück von Luzi und Lukas, denen nun Gerechtigkeit widerfahren ist, ihre Freiheit. – Aber „die Freiheit“, wie Luzi am Ende resümiert, „ist ein Geschenk, dass sich nicht jeder gern machen lässt“: Das Spalierstehen der Frauen vom Brennerhof zeigt auch mahnend, welche neuen Wunden Greiders Vorgehen gerissen hat; die Männer im Dorf, die den stummen und passiven Spießrutenlauf fortsetzen, zeigen versteckten Hass; Greider selbst muss im Zustand eigener völliger Hilflosigkeit im Fieber durch andere geschützt werden vor manchen von denen, die er „befreit“ hat. Für den Moment wagt keiner, sich aufzulehnen, solange Greider noch da ist, aber was wird sein, wenn er weg ist? Das alte System ist gebrochen – oberflächlich; nicht nur allein durch die erzwungene Verwandtschaft der Brenner in so gut wie jeder Familie im Tal könnte die Zahl der Anhänger des „alten Systems“ größer sein als gedacht. Und wie wird das nun entstandene Machtvakuum gefüllt: Es besteht die Chance, dass die Menschen des Dorfes aus eigener Kraft ein gerechteres System aufbauen – aber das ist etwas, was die Leute selbst angehen müssen, das Über-irdische Eingreifen ist beendet. Sie haben alles, was sie dafür bräuchten (eine sehr genaue Vorstellung von dem, was wirklich gut und richtig ist, besaßen sie von Anfang an) – aber ein unfehlbarer Garant für eine wirklich gerechtere Ordnung ist das nicht.

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Sinnerman (Nina Simone)
(aus der Originalversion, auf die das Titellied aufbaut)

„Sinnerman – where you gonna run to? – all on that day.
Well I run to the rock: ‚Please hide me!‘ – all on that day.
But the rock cried out: ‚I can’t hide you!‘

So I run to the river – it was bleedin‘,
I run to the sea – it was bleedin‘, all on that day.

So I run to the Lord: ‚Please hide me, Lord!
Don’t you see me prayin‘?‘
But the Lord said: ‚Go to the Devil!‘ – all on that day.

So I run to the Devil – he was waitin‘, all on that day.

Sinnerman, you oughta be prayin‘ – all on that day.

Comments (1)

streicherDezember 26th, 2016 at 17:40

Eine ganz großartige Filmanalyse. Mir kam es fast schon so vor, als würdest du damit gleichzeitig die Romanvorlage analysieren. Den Film habe ich selbst noch nicht gesehen, aber er hält sich ziemlich eng an die Vorlage, und scheint als Alpenwestern sehr zu lohnen.

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