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Gerade in der heutigen Zeit darf man wieder Eines: Gegen Menschen
anderer Länder wettern; Parolen brüllen, die so flach gehalten werden,
dass sich auch ein jeder damit identifizieren kann und das Beste daran:
Man scheint nicht mal unbedingt falsch zu liegen.
Aber wird eine falsche Sache denn richtig, nur weil es alle machen?
Sollten
wir nicht mit genauso peinlich genauen Begründungen unsere eigene
Toleranz ständig in Frage stellen, wie wir es ständig von anderen
fordern?
Behaupten wir nicht alle von uns, dass wir absolut
humanistisch aufgeklärt sind und entzaubern wir uns nicht mit
Behauptungen, dass andere es nicht sind?
Nationalismus herrscht in unserem Land in ebenso hohem Maße, wie in
anderen Nationen auch. Genauso bestehen immer noch veraltete Stereotypen, welche
die Schaffung von Feindbildern begünstigen.
Im Folgenden soll geklärt werden, wie es zu solchen Dingen kommen kann,
was sie bedeuten und als Folge auch, was man dagegen unternehmen kann.
Nationalismus: Der Begriff "Nation", der vom
lateinischen "nasci" (geboren werden) kommt, hat im Verlauf der
Geschichte einen erheblichen Bedeutungswandel erlebt. In der
Antike bedeutete er soviel wie "Stamm" (z.B. der Germanen), also eine
Abstammungsgemeinschaft von einem fiktiven Ahnen.
Im Mittelalter taucht der Begriff "nation" wieder als (grobe)
Herkunftsbezeichnung für Studenten und Professoren der Universitäten
auf sowie für Teilnehmer kirchlicher Konzilien, die nach ihren
verschiedenen Nationen abstimmten.
Die Gesamtheit der Abstimmungs- und damit (Mit-)
Entscheidungsberechtigten bei politischen Angelegenheiten einer Region
bedeutet der Begriff "Nation" im späten Mittelalter und in der frühen
Neuzeit: Ständische Vertretungen werden so benannt; im Gegensatz zur
großen Masse der Bevölkerung, die solche Mitbestimmungsrechte nicht
hatte.
Also die Menschen, welche Entscheidungsrechte inne hatten, wurden als
"nation" bezeichnet. Da in der damaligen Zeit meist nur höhere Schichten
dieses Privileg besaßen, setzte sich der Begriff "Nation" als
Bezeichnung der jeweils herrschenden Schicht eines Landes durch, z.B.
der "Adelsnation" in Polen, Ungarn und (unter Einschluss der
Geistlichkeit) auch in Frankreich. Diese Schichten bezahlten allerdings
oft keine Steuern (bestimmten aber über diese) und so verbreiterte sich der
Wunsch, dass diejenigen, welche die Steuern bezahlten, auch mit
über diese entscheiden sollten. In Frankreich erhielt der 3. Stand
dieses Recht. Bauern, unterbäuerliche Gruppen sowie Frauen durften
sich allerdings noch nicht zur "Nation" zählen.
Mit der politischen Mitbestimmung weitete sich aber auch der
Begriff der "Nation" nach und nach aus. Er wuchs sozusagen in die
unteren Schichten hinein.
Dann begann allerdings der Begriff einen immer größeren Rahmen zu
ziehen. Was einst mit politischer Mitbestimmung zu tun hatte, wurde zur
nationalen Zugehörigkeit, welche einer gemeinsamen Vergangenheit zugrunde lag. Dazu Ernest Joseph Renan (1823-1892):
"Eine Nation ist eine Seele, ein geistiges Prinzip. Zwei Dinge, die
in Wahrheit nur eins sind, machen diese Seele, dieses geistige Prinzip
aus. Eines davon gehört der Vergangenheit an, das andere der Gegenwart.
Das eine ist der gemeinsame Besitz eines reichen Erbes an Erinnerungen,
das andere ist das gegenwärtige Einvernehmen, der Wunsch,
zusammenzuleben, der Wille, das Erbe hochzuhalten, welches man
ungeteilt empfangen hat..."
Eben dieses versteht man auch noch heutzutage als Nation. Es handelt sich
um einen Verbund von Menschen, welcher sekundär durch die Sprache,
Religion, Tradition, aber immer noch primär durch die Vergangenheit
der Nation erwächst.
Was klar zu den Vorteilen einer Nation gehört wird einem schnell
bewusst: Man ist ein Verband, man gehört zusammen. Schicksalsschläge,
welche geschehen, werden gemeinsam ausgestanden. Dazu wäre als derzeitiges
Beispiel die Flutkatastrophe im Oderbruch zu zählen. Weiter zurück - dennoch nicht
außerhalb des Kontext stehend - war die Angst vor den französischen
Truppen, welche so gewaltig waren, dass sich der damalige Flickenteppich
Deutschland überhaupt erst begann, sich zu vereinigen, um gemeinsam ein größeres
Stärkepotenzial zu bieten. Schlicht gesagt: Nationalismus stärkt das
Empfinden einer Gemeinschaft. Wissenschaftlich erwiesen sind die
Vorteile einer Gemeinschaft für den Einzelnen; dieser kann sich selbst
mit der Gemeinschaft identifizieren: Er überträgt praktisch alle
Belange einer Gemeinschaft auf sich selbst. Er agiert, als würde ihm
ein Ereignis der Gemeinschaft persönlich zustoßen.
Das beste Beispiel: Wenn ein Familienmitglied beleidigt wird,
nimmt man das auch selbst (je nach dem Verhältnis zur Familie) sehr
persönlich. Andererseits freut man sich über Erfolge der Mitmenschen.
Dieser Gemeinschaftssinn lässt sich chronologisch nach oben legen und
gilt somit für Familie, Verein, Gemeinde und Nation. Wenn jemand
nationalistisch denkt, so empfindet er eine tiefe Verbundenheit mit
seiner Nation, welche oft dem Land, in dem er lebt, gleich steht. Wenn
eine Fußballmannschaft verliert, so wird es als persönliches Versagen -
sollte sie gewinnen, als persönliche Leistung aufgenommen. Stärkung der
Gemeinschaft steht auf der einen Seite, welche man auch wohl als
positiv titulieren darf; die Kehrseite der Medaille ist jedoch eine
Abgrenzung zu einer anderen Gemeinschaft, welcher man nicht angehört.
Global übertragen bedeutet dies, dass, wenn eine Person sich emotional
an ihr Land bindet, damit in Kauf nimmt, sich von anderen Ländern zu
entfernen. Das war früher zwar in Kauf zu nehmen, in der heutigen
globalisierten Welt und mit humanistischem Denken sollten
nationalistische Gedanken allerdings nicht weiter ausgeprägt werden. In
diesem Fall kann man jeder Regierung aller Länder vorwerfen, nicht genug
zur Aufklärung der Massen beizutragen, und man kann den Massen wiederum
vorwerfen keine Aufklärung zu verlangen.
Der Patriotismus, welcher im ursprünglichen Sprachgebrauch die Liebe zu
einer Landschaft beschrieb, sollte hier nicht mit Nationalismus
verwechselt werden, obgleich der Begriff besonders im 20. Jahrhundert
arg missbraucht und mit Nationalismus gleichgesetzt wurde. Man sollte
daher auch diesen Begriff nicht überspannen.
Nun behaupten viele Individuen einer Nation, dass die Ihre doch die beste
Nation wäre; dass sie aufgeklärt und tolerant sei. Doch wenn man sich
selbst in den Mittelpunkt der geistigen Kultur stellt, dann ist dies
alles Andere als tolerant - dies sollte eigentlich logisch sein und
jedem einleuchten. Wenn man allerdings seine bisher immer verkündete
Perfektion der Nation aufgeben muss, so kommt dies einem persönlichen
Verlust gleich. Man muss einen Fehler eingestehen, da - wie bereits
angesprochen wurde - Fehler der eigenen Gemeinschaft als persönliche
Fehler betrachtet werden. Und Fehler machen oder eingestehen mag
niemand gern. Zu dieser Meinung des modernen Nationalismus, welcher
jedem von uns inne wohnt und den wir in erster Linie nicht wahrnehmen
(wollen?), gibt es eine interessante Stellungnahme von
Karl Otto Hondrich (geb. 1937):
"...Der wirkliche, von Tag zu Tag sich neu
erhebende Nationalismus fragt nicht nach den alten Schlachten. Seine
Träger sind keine Fahnenträger, sondern Ökonomen, die die harte Mark
nicht einer europäischen Währung opfern wollen; Gewerkschaftler, denen
das deutsche Modell der paritätischen Mitbestimmung wichtiger ist als
eine europäische Lösung; die Verteidiger des deutschen Asylrechts; die
Grünen, denen der Umweltschutz nicht schnell genug vorankommt; die
Friedfertigen, die um keinen Preis deutsche Soldaten bei
UN-Interventionen mitkämpfen und sterben sehen wollen...
Am Netz dieses neuen, diesmal progressiven Nationalismus, knüpfen alle
mit, die bei der Öffnung zur Europäischen Union und zur Welt entdecken,
dass sie etwas zu verlieren haben. Als ewig Gestrige verstehen sie sich
nicht, eher als Speerspitzen sozialstaatlicher, ökologischer,
liberaler und pazifistischer Lebensformen, die ihrer Meinung nach anderenorts
nicht so fortgeschritten sind, wie in der Bundesrepublik. Mögen wir noch
so sehr beteuern, dass wir alle Kulturen als gleichwertig ansehen: Die
eigenen Lebensformen ziehen wir vor...
Wollen wir wirklich verstehen, wie Nationalismus entsteht? Dann schauen
wir nicht in die Geschichte, auf den Balkan oder auf die Reaktionäre
mit der Reichskriegsflagge! Hier und heute entsteht er, in den
fortschrittlichsten Teilen der fortschrittlichsten Gesellschaften. Sie
sind zwar dominant, aber doch nicht mächtig genug, aller Welt ihren
Fortschritt aufzudrücken. So müssen sie ihn denn dagegen schützen, dass
er in der offenen Weltgesellschaft überfordert, verwässert, eingeebnet
wird."
Feindbilder, Vorurteile, Stereotypen:
Wie kann man Vorurteile definieren? Als Vorurteile erscheinen soziale
Urteile, die gegen anerkannte menschliche Wertvorstellungen verstoßen,
nämlich gegen:
Die Normen der Rationalität, das heisst, sie verletzen
das Gebot, über andere Menschen nur auf der Basis eines möglichst
sicheren und geprüften Wissens zu urteilen. Vorurteile verletzen diese
Rationalitätsnorm durch vorschnelles Urteilen ohne genauere Kenntnis
des Sachverhaltes (lat.: praeiudicium = voreilige Entscheidung), durch starres,
dogmatisches Festhalten an Fehlurteilen, indem triftige Gegenargumente nicht
anerkannt werden und durch falsche Verallgemeinerungen von Einzelfällen
auf allgemeine Gültigkeit schließen.
-
Die Normen der Gerechtigkeit (Gleichbehandlung), das heisst,
sie behandeln Menschen oder Menschengruppen ungleich; die eigene Gruppe
wird nach anderen Maßstäben beurteilt als andere Gruppen. Vorurteile
lassen eine faire Abwägung der jeweils besonderen Umstände vermissen,
unter denen Mitglieder anderer Gruppen bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen
zeigen.
-
Die Normen der Mitmenschlichkeit, das heisst, sie sind durch Intoleranz
und Ablehnung des Anderen als eines Mitmenschen und Individuums gekennzeichnet;
ihnen fehlt das Moment der Empathie, ein positives Hineinversetzen
in andere Menschen. Unsere Definition, die diese Aspekte der "sozialen
Unerwünschtheit" einbezieht, schränkt den Vorurteilsbegriff
in doppelter Weise ein: Er steht hier nur für negative Einstellungen
(obwohl positive Verallgemeinerungen wie "Die Juden sind intelligent"
auch falsch sein können) und ist nur auf Einstellungen zu Menschen,
genauer: Menschengruppen bezogen:
Vorurteile sind demnach stabile und
konsistent negative Einstellungen gegenüber einer anderen Gruppe bzw.
einem Individuum, weil es zu dieser Gruppe gerechnet wird.
Wir empfinden oftmals gerade die extremen Beispiele einer Nation als
typisch; was in der Hinsicht logisch ist, da wir uns für normale
Begebenheiten wenig bis gar nicht interessieren. Leider entsteht gerade
hierdurch eine negative Kluft zwischen den verschiedenen Gruppen,
welche auch von beiden Seiten angetrieben wird.
Übertragung in gegenwärtige gesellschaftliche Diskussionen:
Wenn nun wieder über bestimmte Gemeinschaften, Nationen, Länder, ... hergezogen wird, so sollte sich der Einzelne fragen, ob:
die genannten Behauptungen richtig sind oder vielleicht auch
falsch sein könnten
-
sie objektiv oder subjektiv sind
-
es sich vielleicht um ein bestehendes Vorurteil handelt. Man
erkennt das daran, dass man eigentlich nicht genau weiß, woher die
Meinung kommt, sie aber schon irgendwo gehört hat
-
es Personen der anderen Partei gibt, welche vielleicht genauso
über einen selbst denken
-
er die Dinge vom Standpunkt der anderen Partei
betrachten kann
-
die Behauptungen nicht unterhalb der Gürtellinie sind
und man sich auf die vermeitlich niedrigere Stufe der anderen Partei stellt
-
er mit seinen Behauptungen wirklich zur Lösung und Aufklärung
des Problems beiträgt
Gerade wenn man für sich selbst den Anspruch des "Aufgeklärten" erhebt, sollte
man doch diese Punkte ernst nehmen und beachten, dass einmal erzeugte
Vorurteile nicht mehr so schnell aus der Welt zu schaffen sind; auch
wenn der ursprüngliche Streitpunkt schon lange verblichen ist.
Hoffentlich gehen auch Sie demnächst objektiver an Diskussionen und
Unterhaltungen heran; schlafen vielleicht noch mal darüber, bevor sie
eine Behauptung aufstellen, welche Sie vielleicht gar nicht so gemeint
haben und es doch eigentlich besser wissen. Und wenn ihre Freunde oder
Gesprächspartner schnell mal einen Witz auf Kosten einer anderen
Gemeinschaft machen wollen, dann stoppen Sie sie und fordern sie auf,
diese Diffamierungen zu unterlassen. Oder wollen Sie wirklich, dass das
Zitat von oben Wirklichkeit wird/bleibt?:
"Wollen wir wirklich verstehen, wie Nationalismus entsteht? Dann
schauen wir nicht in die Geschichte[...]! Hier und heute entsteht er!"
Quellen:
Kontrovers - Nation, Nationalismus, Nationale Identität
Vorurteile - Stereotypen - Feindbilder
Beides (meistens) umsonst zu erhalten in der Bundeszentrale für politische Bildung