Empfehlungen
Fanshop
Letzte Beiträge
!Thread für Hardware Probleme!
Erwerb von Buttersäure
Terror und regulärer Widerstand. Was ist was?
David Icke/Arizona Wilder & Josef Mengele
TV Telemedial
Zukunfts Träume
23.05.08
lustige Links
Amazon Marketplace CDs über Schweiz bestellen
Mr. Andersons... Blog
Was lest Ihr grade?
interessante Links

[ Zum Forum ]
Hauptmenü
Archive

· Reviews
· Redaktions-Artikel
· Blog der Redaktion
· Kriegsarchiv
· Terrorarchiv
· Lexikon
· Periodensystem
· Web Links
Community

· Forum
· Banner
· Ask1-Fan Shop
· Ask1-Amazonshop
· Kalender
· Impressum
Fanshop
DatenAktivist
15,99 EUR
Ask1 WebTip:
www.polygonismus.de

www.weltverschwoerung.de
Ask1-Kalender
<< Mai 2008 >>
M D M D F S S
      1234
567891011
12131415161718
19202122232425
262728293031 
Neues Ereignis übermitteln
06.06
• Ask1 hat Geburtstag
Werbung
Flockdruck 23 Shirt Navy vorn Flockdruck
15,99 EUR
Werbung
Login
Jetzt gratis registrieren

Werden Sie Ask1-Mitglied und diskutieren Sie in unseren Foren.

Log-in für registrierte User
Benutzername
Passwort
(Registrieren)
   
Archiv!
[ Lexikon | Suche | Artikel | Blog | Periodensystem | TerrorArchiv | KriegsArchiv ]
[ UserMap | Ask1.org-Smilics | Reviews | Umfragen | Bilder-Gallery | WebLinks ]
  
 
Der G8-Gipfel in Heiligendamm
Rubrik:Politik

vom: 20.06.2007


Der G8-Gipfel in Heiligendamm"Es ist ganz ungewöhnlich, dass bei einem solchen Medienereignis konkrete Ergebnisse erzielt werden. Das würde mich sehr wundern. Solche Gipfeltreffen sind inzwischen völlig entartet zu Riesen-Versammlungen mit einem großen Tross. Jeder reist an mit Hunderten von Beratern, Bürokraten, Aktentaschenträgern".
Dieses Zitat über das G8-Treffen in Heiligendamm stammt von Helmut Schmidt, der zusammen mit Valéry Giscard d´Estaing, dem damaligen französischen Präsidenten, die G8-Treffen (damals G6-Treffen) 1975 initiiert hatte. Beide waren vor ihrem Amtsantritt als Präsident respektive Bundeskanzler Finanzminister und hatten die informellen Treffen in der Kongressbibliothek in Washington, bekannt als "Library Group", schätzen gelernt und wollten diese auf die Ebene der Staatsoberhäupter übertragen. In vertraulicher Runde sollte vor allem über weltwirtschaftliche Finanz- und Währungsfragen debattiert werden. Folgerichtig waren die ersten Treffen auch als "Kamingespräche" bekannt.

An diesen Gesprächen nahmen neben den Staats- und Regierungschefs von Frankreich und Deutschland auch die Staatsoberhäupter von Großbritannien, Italien, Japan und den USA teil, ab 1976 auf Initiative der Vereinigten Staaten auch der Premierminister Kanadas - diese 7 Staaten stellten (und stellen teilweise immer noch) die stärksten Weltwirtschaftsnationen dar. Seit 1998 gibt es auch ein 8. Mitglied (sieht man einmal von der Europäischen Union ab, die seit 1977 ein ständiger Gast bei den Treffen ist): die Russische Föderation. Bis dahin war es allerdings ein weiter Weg und die Treffen der stärksten Industrienationen wurden immer aufwendiger und die Themengebiete immer vielfältiger, was den Teilnehmern auch als Kritik angelastet wurde: sie seien ein elitärer Club der Mächtigen und spielten sich als Weltregierung auf.

Quelle
Dementsprechend stieg auch das Interesse an den G7/8-Gipfeln. Aus den vertraulichen Treffen sind megalomane Großveranstaltungen geworden, die dreistellige Millionensummen kosten, eine dreistellige Delegationsgröße und eine vierstellige Zahl an Journalisten erreichen. Ein riesiges Medieninteresse, Protestkundgebungen und zahlreiche Demonstrationen begleiten die Treffen. Dieses Interesse wird ihnen sowohl von den "Mainstream-Medien", als auch den "Alternativen Medien" und verschiedensten Interessengruppen/NGOs entgegengebracht; unabhängig davon, dass es sich dabei um ein informelles Treffen eines nicht beschlussfähigen Gremiums handelt - es gibt keinen eigenen Verwaltungsapparat und die Umsetzung der Beschlüsse kann auch nicht erzwungen werden.

Quelle
Vielleicht ist das Interesse eher auf die geballte wirtschaftliche Macht zurückzuführen, die sich bei diesen Treffen zusammenfindet: Die G8 repräsentieren zwar nur knapp 13,5% der Weltbevölkerung, aber mehr als 50% des Welthandels und ca. 2/3 des weltweiten Nationaleinkommens. Es bleibt allerdings zu erwähnen, dass das relative wirtschaftliche Gewicht der G8-Mitglieder abnimmt. China hat Italien und Kanada beim BNE überholt, Spanien Kanada und Russland hat eine große Zahl an Staaten vor sich, was das BNE betrifft.

Davon unabhängig nehmen die Demonstrationen bei G8-Gipfeln nicht ab. Eine breit gestreute, nicht homogene Szene von Globalisierungskritikern und -gegnern, zwischen denen dennoch Abstimmungen stattfinden können und die sich nicht selten zu internationalen Netzwerken zusammenschließen, versucht Einfluss auf die G-8-Agenda zu nehmen. Diese Szene schließt allerdings auch gewalttätige Gruppen mit ein, welche die Proteste gegen die G8-Gipfel oftmals für Gewaltaktionen nutzen.

Diese Gewalt erreichte schließlich bei dem 2001er Treffen in Genua ihren Höhepunkt. Die italienische Regierung setzte für die Zeit des Gipfels das Schengener Abkommen außer Kraft, zog über 20.000 Polizeibeamte zusammen und griff äußerst hart gegen Demonstranten durch. Am 20. Juli eskalierte die Situation schließlich - die Polizei war gezwungen gegen randalierende und steinwerfende Protestler vorzugehen. Dabei wurde der Demonstrant Carlo Giuliani vom Carabiniere Mario Placanica durch einen Kopfschuss getötet. Während Globalisierungskritiker die Tötung zum Großteil als Mord ansehen, beruft sich der Carabiniere auf Notwehr - Giuliani hätte ihn mit einem Feuerlöscher angegriffen. Placanica wurde frei gesprochen, aber bis heute ist der genaue Tathergang nicht geklärt.

Auch steht der Verdacht im Raum, dass die Polizei Provokateure in die Reihen des Schwarzen Blocks eingeschleust hätte, um so ein härteres Durchgreifen auch gegenüber friedlichen Demonstranten zu rechtfertigen. Unabhängig davon wurden Menschenrechtsverletzungen durch die Sicherheitspolizei belegt und die bürgerkriegsähnlichen Bilder ließen bei einigen Zeitungen die Frage aufkommen, ob Italien überhaupt noch in Europa liege.

Wie bereits angemerkt, sind die Themenbereiche, die auf den Treffen abgehandelt werden, vielfältiger und komplexer geworden und somit auch die Treffen bzw. das ganze G8-System: Nicht nur die Staats- und Regierungschefs treffen sich, auch auf Ministerialebene (Finanz-, Außen-, Arbeits-, Umwelt-, Handelsminister u.a.) kommt es zu Gesprächen. Außerdem begleiten zahlreiche beratende Experten, Sherpas genannt, die Staatsoberhäupter und Minister und bereiten die Treffen vor. Ebenso treffen sich die Parlamentspräsidenten zu informellen Gesprächen und tauschen sich über parlamentarische Angelegenheiten aus. Unabhängig von den Treffen gibt es im Rahmen des G8-Prozesses eine ständige Kommunikation der Mitglieder untereinander.

Erwähnenswert ist daneben noch, dass es die G7 durchaus immer noch gibt. Russland darf an den finanz- und währungspolitischen Beratungen nämlich nicht teilnehmen, der Grund hierfür sei die begrenzte weltwirtschaftliche Integration Russlands. Vor allem von US-amerikanischer Seite scheint der Widerstand gegen eine Vollintegration Russlands zu kommen.


1. Die Agenda: Die Themenspektren damals und heute

Quelle
Das erste Treffen stand im Zeichen der ersten Ölkrise und sollte auch das weitere Vorgehen bzw. die Reaktionen auf den Zusammenbruch des Bretton-Wood-Systems klären. Auch bei den anderen Treffen der 70er Jahre standen fast ausschließlich wirtschafts- und währungspolitische Fragen (z.B.: multilaterale Zollverhandlungen, Bekämpfung des Protektionismus, Förderung des Wirtschaftswachstums) im Vordergrund. Ein erweitertes Themenspektrum setzte im Laufe der 80er Jahre ein: Außen- und sicherheitspolitische Fragen wurden aufgrund der sowjetischen Invasion in Afghanistan und dem Ersten Golfkrieg akut. Auch das Ende des Ostblocks und die resultierenden Umbrüche in Europa sowie die damit verbundenen außenpolitischen Fragen wurden auf den G7-Gipfeln der frühen 90er Jahre erörtert, Umweltfragen standen schließlich seit Mitte der 90er Jahren auf dem Programm, seit dem Treffen 1997 in Denver liegt eines der Hauptaugenmerke auf der entwicklungspolitischen Initiative bezüglich Afrika. Energiepolitische Themen wurden erstmals beim 2006er Treffen in St. Petersburg als zentraler Programmpunkt aufgenommen.

Die G8-Agenda für den Gipfel in Heiligendamm umfasste zahlreiche Punkte. Die wichtigsten seien hier kurz angeschnitten mit den jeweiligen Ergebnissen dazu - eine Umsetzung ist, wie bereits angemerkt, nicht wirklich garantiert (1):

Agenda
Ergebnisse
Afrika Staaten, die demokratische und marktwirtschaftliche Reformen vorantreiben, sollen vermehrt Unterstützung und Hilfe erhalten. Des Weiteren sollte es Beratungen über die Bekämpfung von AIDS, Malaria und Tuberkulose geben. Nigeria, Ägypten, Südafrika, Algerien, Senegal und Ghana nahmen als Vertreter der NEPAD, also der New Partnership for Africa's Development ebenfalls am Gipfel teil. Die beim 2005er Treffen beschlossene Zusage zur Entwicklung Afrikas wurde bekräftigt, was im wesentlichen Schuldenerlass, erhöhte Entwicklungshilfe (jährliche ca. 60 Mrd. US-Dollar) und vermehrte medizinische Hilfe bedeutet. Zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria sollen in den nächsten Jahren 60. Mrd. US-Dollar bereitgestellt werden.
Außenpolitik Hierbei standen vor allem der Nahe und Mittlere Osten auf dem Programm (Gaza, Israel, Iran, Libanon), aber auch der Kosovo und der Sudan. Der Iran wurde aufgefordert im Atomstreit einzulenken, auch unter Androhung weiterer Sanktionen. Maßnahmen des UN-Sicherheitsrates bzgl. der Darfur-Krise sollen unterstützt werden, wobei eine militärische Lösung weitestgehend abgelehnt wird. Über die Unabhängigkeit des Kosovo gab es keine Einigung.
Klimaschutz Eines der strittigsten Themen: vor allem Gastgeber Deutschland bestand vor dem Gipfel darauf, an allen quantitativen Zielen festzuhalten, d.h. an dem 2-Grad-Ziel und der 50%-Reduzierung des CO2-Ausstoßes bis 2050 auf Basis von 1990. Die USA hingegen wollten eher auf eigenständige Entscheidungen der Unternehmen und Verbraucher bauen, die selber entscheiden sollen, was sie für den Klimaschutz tun wollen. Die G8 streben an, die weltweiten Kohlendioxid-Emissionen bis 2050 um mindestens 50% zu reduzieren, wobei der Prozess im UNO-Rahmen erfolgen soll. Ein konkreter Maßnahmenkatalog zur Erreichung dieser Ziele wurde allerdings nicht erarbeitet.
Schwellenländer China, Indien, Mexiko und Südafrika sollen stärker in die G8 eingebunden werden, daher nahmen auch Vertreter dieser sog. Outreach-Partner am Gipfel in Heiligendamm teil. Beschlossen wurde, dass es im OECD-Rahmen zu einer Etablierung geregelter Dialoge mit den genannten Schwellenländern kommen soll, um globale Probleme zusammen anzugehen.
Hedgefonds Von zahlreichen Seiten wurde mehr Transparenz im Bereich der Hedgefonds gefordert. Im Grunde gaben die G8-Teilnehmer nur bekannt, dass sie den wachsenden Markt der Hedgefonds weiterhin beobachten wollen.
Produktpiraterie Ein gemeinsames Vorgehen der G8 und der Schwellenländer beim Thema Produktpiraterie sollte erörtert werden. Auf die Wichtigkeit eines international abgestimmten Patentsystems wurde ebenso hingewiesen, wie auf die Wichtigkeit der Zusammenarbeit zwischen den G8-Ländern und den Schwellenländern.
Terrorismusbekämpfung Beratungen über Abstimmungen beim internationalen Kampf gegen den Terror. Die Staats- und Regierungschefs verpflichten sich, Terroristen vom Nuklearwaffenkauf abzuhalten, Infrastruktur zu schützen und gegen den Bargeldschmuggel vorzugehen.

Quelle
Nicht in der Agenda aufgeführt, aber dennoch Gesprächsthema war auch der Streit über das geplante Raketenabwehrsystem der Amerikaner. Zweck dieses SDI-Nachfolgeprogramms ist es, mit Hilfe von satellitengestützten Waffen anfliegende Atomraketen noch in der Erdatmosphäre zu zerstören. Die USA lassen zwar regelmäßig verlauten, dass das System weniger vor russischen oder chinesischen Waffen schützen solle, als vielmehr vor terroristischen Angriffen oder sog. Schurkenstaaten. Nichts desto trotz fühlen sich die Russen durch das System an Zeiten des Kalten Krieges erinnert - die Kündigung des ABM-Vertrages und Stationierungspläne in Tschechien und Polen nähren diese Befürchtungen. Verschärft wurde die Debatte auch dadurch, dass Russland im Vorfeld des G8-Gipfels neue Raketensysteme testete. Auf dem G8-Gipfel selber machte Putin dann überraschend den Vorschlag ein gemeinsames Raketenverteidigungsprojekt in Aserbaidschan zu installieren. Bush nahm den Vorschlag interessiert auf, was aber eher als Zeichen seiner Überraschung über diesen Vorschlag interpretiert wurde. Eine endgültige Entscheidung steht noch aus, die Chancen für ein russisch-amerikanisches Abwehrsystem in Aserbaidschan stehen aber eher schlecht.

Damit zeigt sich aber wieder, dass der G8-Gipfel nicht nur ein Forum für Wirtschafts- und Währungsfragen ist, sondern auch für sonstige weltpolitische Themen. Ein verschärftes politisches Klima (als Beispiele seien hier die Atomstreits mit dem Iran und Nordkorea sowie der Nahostkonflikt genannt) erfordert, aus Sicht der G8-Staaten, ein gemeinsam abgestimmtes Vorgehen und der Gipfel bietet dafür eine geeignete Plattform.


2. Die Kritiker und Gegner: Der Schwarze Block und eine Armee von Clowns

Die Masse der Gegner des G8-Gipfels in Heiligendamm war, wie zu erwarten, keineswegs homogen. Tausende Menschen reisten aus ganz Deutschland und aller Welt an, um gemeinsam eine Gegenstimme gegen die weltpolitische Hegemonie der acht wirtschaftlich stärksten Staaten zu erheben.

Auch wenn sich unter anderem die Organisationen Attac, VENRO, Gerechtigkeit jetzt! und noch viele andere zu einem Aktionsbündnis formierten und einen Alternativgipfel ins Leben riefen, war wohl die Mehrheit der Demonstranten nicht in diesen Verbänden organisiert. All diese Organisationen haben einige Dinge gemeinsam, unterscheiden sich jedoch in wichtigen Grundtendenzen. Zudem mischten sich einige gewaltbereite Gruppen unter die ansonsten zumeist friedlichen Demonstranten.

Quelle
Der Schwarze Block:
Schlagwort Nummer eins in den Medien war dazu der Begriff der "Autonomen Szene". Dabei muss erwähnt werden, dass nicht jeder "Autonome" ein gewaltbereiter Vermummter ist. Zunächst einmal bezeichnet der Begriff "Autonome Szene" eine subkulturelle Bewegung von Gruppen, die zumeist im links-radikalen oder anarchistischen Gesinnungsfeld beheimatet sind und sich gegen die aus ihrer Sicht starren und das Individuum zermürbenden Grundzüge und Regeln von Staat und Gesellschaft wenden. Ursprünge dieser Bewegung gehen bis auf die Außerparlamentarische Opposition (APO) zurück. Ihr Aktionismus ist weit gefächert: Von noch als künstlerisch anzusehenden Aktionen, Demonstrationen und Sitzblockaden bis hin zu Hausbesetzungen, dem Festketten an Bahngleisen und auch gewalttätigen Ausschreitungen gegen die Polizei oder Rechtsradikale führen sie eine Reihe von Handlungen durch, die teils im und teils außerhalb des rechtlichen Rahmens liegen und deshalb gegebenenfalls von den staatlichen Sicherheitskräften geahndet werden müssen. Hier tut sich immer wieder besonders der "Schwarze Block" hervor: Bei der Eröffnungsdemonstration zum G8-Gipfel verwandelte er die friedliche Kundgebung in eine einzige Straßenschlacht, bei der Steine und sogar Feuerwerkskörper durch die Luft flogen. (2)

Wie die gesamte Anti-G8-Protestbewegung, ist auch er keine homogene Gruppe: Gemein ist den dort versammelten Menschen nur die schwarze Kleidung und die Masken, um nicht von der Polizei identifiziert werden zu können, und die hohe Gewaltbereitschaft. Die gleichförmige Kleidung und der Wille zu Gewalt umwehen den Schwarzen Block mit dem Hauch des Paramilitärischen. Doch unter den Skimasken und Kapuzen stecken Menschen mit individuellen politischen und sozialen Idealvorstellungen mit jedoch meist weltanschaulichem Charakter. Andere freuen sich nur auf neue Gewaltexzesse, sind nicht tief ideologisch verwurzelt; die Polizei bezeichnet sie euphemistisch als "erlebnisorientierte Jugendliche". (3) Die Maskerade bringt jedoch auch einen Nachteil mit sich: Da sie sich auch untereinander nicht identifizieren können und oft in anonymen Verbänden sammeln, sind ihre illegalen Handlungen kaum organisiert. Das mindert jedoch nicht ihr Gefahren- und Gewaltpotenzial.

Die friedlichen Demonstranten sind geteilter Meinung über ihre streitsüchtigen Mitdemonstranten: Während sich die meisten klar von ihnen abgrenzen, sehen manche sie als logische und nötige Steigerungsform des eigenen Protestes, um ihren Forderungen Gehör zu verschaffen.

Wie bereits angesprochen, eröffneten verschiedene Organisationen (4) einen Alternativgipfel, der vom 5.-7. Juni in Rostock stattfand. Er beinhaltete zahlreiche Podiumsdiskussionen, Workshops und andere Veranstaltungen zu globalisierungsrelevanten Themen wie Umwelt, Klima, Energie, Militarisierung und Sozialstrategien. Eine Reihe von Nichtregierungsorganisationen hatte dazu ein eigenes Positionspapier verfasst. (5)

Am 7. Juni fand schließlich ein großes Konzert in Rostock statt, welches unter dem Motto "Music & Messages" stand. Herbert Grönemeyer, einer der Initiatoren des Konzertes, sagte dazu: "Wir haben die Aufgabe, jetzt gegen die soziale Schieflage der Welt anzugehen. Wir können das, denn wir sind laut genug und werden gehört". Außerdem traten die Toten Hosen, Seeed, 2Raumwohnung und zahlreiche andere deutsche und ausländische Bands auf, die sich als Botschafter der Entwicklungsländer präsentierten. (6)

Der Mythos Attac:
Quelle
Von allen Organisationen, unter denen sich die Globalisierungsgegner vereint haben, ist Attac die wohl bekannteste. 1998 gegründet, verfügt Attac inzwischen über 90.000 Mitglieder in 50 Ländern. Die Organisation ist prinzipiell nicht gegen den Prozess der Globalisierung, sondern nur gegen die Art und Weise, wie er bis jetzt vonstatten geht. Die Organisation über sich selbst:

"Demgegenüber tritt Attac für eine demokratische Kontrolle und Regulierung der internationalen Märkte für Kapital, Güter und Dienstleistungen ein. Wir sind davon überzeugt, dass die Wirtschaft den Menschen dienen muss und nicht umgekehrt. Politik muss sich an den Leitlinien von Gerechtigkeit, Demokratie und ökologisch verantwortbarer Entwicklung ausrichten. Nur so kann die durch die kapitalistische Wirtschaftsweise entstehende gesellschaftliche Ungleichheit ausgeglichen werden. [...] Die Behauptung, Globalisierung in ihrer jetzt herrschenden, neoliberalen Form sei ein alternativloser Sachzwang, ist reine Ideologie. Wir setzen dem unsere Vorstellung von Globalisierung entgegen: internationale Solidarität von unten. Eine andere Welt ist möglich." (7)

Attac Deutschland rief 2001 einen wissenschaftlichen Beirat ins Leben, ein Gremium von Wissenschaftlern und Experten, welche die Organisation in verschiedenen Fragen beraten. So könne man laut Attac differenzierter auf die Problemstellungen der Globalisierung eingehen und realpolitische Lösungsansätze finden. (8) Attac ist in Arbeitskreisen bzw. -gruppen organisiert, die teils auf regionaler, teils auf nationaler Ebene liegen. Als höchste Instanz in Deutschland fungiert der Attac-Ratschlag, eine Versammlung, auf der zweimal jährlich Erfahrungen ausgetauscht, bzw. wichtige Entscheidungen getroffen werden.

Die Organisation beruft sich selbst auf eine breite gesellschaftliche Basis und begrüßt Mitglieder jedweder politischen und philosophischen Strömung, sofern diese mit den demokratischen und toleranten Grundsätzen von Attac vereinbar ist. Berühmte Mitglieder sind zum Beispiel der frühere SPD-Politiker Oskar Lafontaine und der CDU-Politiker Heiner Geißler.

Attac kritisierte schon im Vorfeld des G8-Gipfels die Bundesregierung aufgrund der Beschränkung von Demonstrations- und Versammlungsrecht und kündigte an, eine Klage gegen diese "russischen Verhältnisse" einzureichen, (9) und gegen die Errichtung des Sicherheitszauns um Heiligendamm rechtlich vorzugehen. (10) Weiterhin zweifelte Attac-Sprecher Peter Wahl die Zweckmäßigkeit des Gipfels an: Die Handlungsfähigkeit der G8 tendiere gegen Null, da die G8-Staaten zu viele Interessenkonflikte zwischen sich ausfechten würden, um wirklich wirkungsvolle Maßnahmen ergreifen zu können. (11)

Quelle
Zudem wolle Attac beim Alternativgipfel in Rostock Gegenvorschläge zur desolaten G8-Politik aufweisen, um Problemquellen wie Armut und Umweltzerstörung entgegenzuwirken. Wahl forderte den zerstörerischen "Raubtierkapitalismus" auf eine sozialverträgliche Geschwindigkeit abzubremsen und insbesondere von Deutschland eine Vorreiterrolle beim Klimaschutz. (12)

In einem Interview mit der Tagesschau sprach er sich ausdrücklich für friedliche Demonstrationen und gegen Gewalt während des G8-Gipfels aus. Zu ersten Gewalttaten militanter Demonstranten der Gruppe "Make Capitalism History" äußerte sich Attac klar ablehnend und grenzte sie scharf von den übrigen friedlichen Teilnehmern der Demonstration ab. (13)

Um die Masse der Demonstranten zu den verschiedenen Großkundgebungen nach Rostock zu bringen, organisierte Attac mehrere Sonderzüge und Busse. (14) Der von Attac mitorganisierte Alternativkongress wurde zudem von Oxfam, der IG Metall, Misereor, VENRO, Greenpeace und Verdi unterstützt (15) und von zahlreichen teilweise sehr kreativen Aktionen begleitet. So mietete Attac am 4. Juni 2007 zum Beispiel ein Boot, welches den Schriftzug "G8" trug und im Rostocker Hafen symbolisch die Weltkugel im Schleppnetz hinterher zog. Unter dem Motto "Stoppt den Raubzug der G8" sprangen mehr als 100 Aktivisten ins Wasser und befreiten die Erde aus dem Netz. So wurde die laut Attac rücksichtslose Politik der G8-Staaten zumindest symbolisch gestoppt. (16)

Dabei hatte unter anderem die Märkische Zeitung den "Mythos Attac" schon fast für tot erklärt: Noch im Mai 2007 attestierte die Zeitung der Homepage der Organisation eine "spürbare Staubschicht", meldete, dass viele Ortsgruppen, die nach den letzten G8-Gipfeln so zahlreich aus dem Boden geschossen waren, "den Betrieb vorübergehend oder dauerhaft eingestellt" hätten. Grund dafür war laut Dieter Rucht, einem Experten für soziale Bewegungen am Wissenschaftszentrum Berlin, das abnehmende Interesse der Medien. Diese hätten Attac zum richtigen Zeitpunkt gepuscht, und so zu einer weltweit bekannten Organisation gemacht, vom kleinen Zwerg zum großen Riesen. (17) Dass ihr der eigene Erfolg jedoch zum Verhängnis wurde, ist leicht verständlich: Nachdem man seiner Stimme nach einer gerechteren Welt Gehör verschafft hatte und die Gesellschaft diese Forderungen weitestgehend übernahm, fiel die Vorreiterrolle von Attac weg. Ohne eine Neuorientierung ging die Organisation also im allgemeinen Gerede über sozialere Wirtschaftsordnungen und faireren Handel langsam aber sicher unter. Im Zuge des G8-Gipfels erlebte die Organisation jedoch definitiv wieder einen Aufschwung; schon die scharfen Polizeiaktionen gegen linksradikale Gruppierungen im Vorfeld der Konferenz hatten Attac wieder steigende Mitgliederzahlen und Spendenbeiträge beschert - und das, obwohl die NGO dabei überhaupt nicht behelligt worden war.

Abschließend lässt sich sagen: Attac lebt und blüht vielleicht wieder zu alter Größe auf. Bleibt nur abzuwarten, ob mit der sinkenden Zweckmäßigkeit der G8-Gipfel nicht auch die Bedeutsamkeit von Attac leiden wird.

"Gerechtigkeit Jetzt":
Eine weitere wichtige NGO im Lager der Globalisierungsgegner stellt "Gerechtigkeit jetzt!" dar. Sie setzt sich für einen gerechten Welthandel ein und fordert die Sicherung des Wasserzugangs für alle Menschen (und damit ein Ende der Betrachtung dieses kostbaren Guts unter hauptsächlich wirtschaftlichen Gesichtspunkten), eine demokratische Kontrolle der deutschen Handelspolitik, die Sicherstellung der weltweiten Ernährung und eine nachhaltige und vorrangig umweltfreundliche Freihandelspolitik. (18) Zum G8-Gipfel startete "Gerechtigkeit jetzt!" die Aktion "WTO - Weltweit taube Ohren". (19) Innerhalb dieser Aktion gab es mehrere Aktivitäten: Zum einen wurde ein Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel formuliert, der ihr die Ziele einer gerechteren Welthandelspolitik nahe legen sollte, zum anderen rief man zum Bau einiger großer Puppen auf, die für spielerische Proteste genutzt werden sollten.

Quelle
Auch eine Reihe anderer Organisationen wie VENRO (Verband Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen e. V.) nahm am Alternativkongress teil. Er endete ohne Abschlussappell an die G8-Staaten, da man der Meinung war, dass diese nicht dazu legitimiert seien, für den Rest der Welt zu sprechen. (20)

Friedliche Protestaktionen - Konzerte, Clowns und Ballonangriffe:
Am besten besucht unter den Veranstaltungen für Gipfelgegner war das von einigen Künstlern und Aktivisten kritisierte Grönemeyer-Konzert (21) mit etwa 100.000 Besuchern. Die internationale Großdemonstration am 9. Juni hatte den Veranstaltern zufolge rund 80.000 Teilnehmer; (22), die Kampagne "Block G8" zählte bei ihren Massenblockaden angeblich mehr als 10.000 Partizipanten. Auch die Veranstalter des Alternativgipfels waren mit den 1500 bis 2000 Beteiligten zufrieden. Die Demonstrationen und Blockaden wurden von Trommlern, Clowns, Tänzern, Kostümierten sowie Theater- und Sambagruppen begleitet und ergaben somit - abseits des Schwarzen Blocks - ein sehr farbenfrohes Bild.

Insbesondere die vereinzelt als gewalttätig diffamierte "Clown Army" (23) hatte es vielen Beobachtern angetan. In einem Abschlussbericht der taz (24) war von "Hundertschaften unerschrockener Pappnasen" zu lesen, die den Polizisten "lustige Seifenblasen" ins Gesicht pusteten und sich beim Versuch, ihnen die "kindische Weltsicht mit Gewalt abzuschminken" in Jongleure und barfüßige Bongotrommlerinnen verwandelten. Auch bei der FAZ (25) klangen die Berichte über die Clown Army wohlwollend:

Quelle
"Und wer da loszog, das waren keine Autonomen. Es waren bunt gekleidete Clowns, die "Rebel Clown Army", mit alten Uniformmänteln, Schwimmflügeln an den Oberarmen, grellen Perücken, Klatschmohn in der Hand und Sprüchen wie "komm wir clown den Castor". Es waren Männer, gekleidet in Frauenröcke, mit Besen in der Hand. Und es waren Tänzer, "denkende Tänzer", wie sich einer bezeichnete, und Musikanten mit Didgeridoos."

Peter Bürger veröffentlichte bei Telepolis gar eine "Liebeserklärung an die buntesten Sympathieträger der Proteste von Heiligendamm" (26) und bezeichnete Gelassenheit sowie Heiterkeit als "Grundvoraussetzungen für einen aussichtsreichen Widerstand" und Heilmittel gegen die "Philosophie der Vergeblichkeit".

In Großbritannien sind die Clowns unter der Bezeichnung "Clandestine Insurgent Rebel Clown Army" oder CIRCA bekannt und beteiligten sich u.a. bei Demonstrationen gegen den Irakkrieg. Besondere Berühmtheit erreichten sie durch ihre Aktionen während des G8-Treffens 2005 im schottischen Gleneagles. Der Hamburger Verfassungsschützer Manfred Murck bezeichnete die Clowns als Teil der "seit längerem zu beobachtenden Tendenz, Demonstrationen bunter zu machen" und bescheinigte ihnen eine grundsätzlich friedliche Gesinnung. Auf Vorbereitungstreffen zu den G8-Demos waren Workshops zum "Clowning" angeboten worden, bei denen Interessierte auch den angstfreien Umgang mit der Polizei lernen sollten.

In der Süddeutschen Zeitung (27) wurden die Provokationen der Clowns aus Sicht der Polizei hinterfragt:
"Polizisten, die bei den Demonstrationen ebenso unter Stress stehen wie manche Demonstranten, könnten sich von den blasenden Clowns leicht provoziert fühlen. Am Checkpoint Rennbahn, der seit Mittwoch blockierten Hauptzufahrt nach Heiligendamm, haben einige Clowns vor den Augen der Polizei und unter dem Beifall der Blockierer pantomimisch Knüppelszenen nachgespielt. Der darin enthaltene Vorwurf: Die Polizisten prügelten aus Spaß. Die bunten Klamotten mögen auf den ersten Blick Heiterkeit vermitteln - wirklich lustig sind solche Aktionen für die meisten Polizisten wohl nicht. Und eine richtige fröhliche Antwort haben sie auch nicht."

Im Feuilleton der Berliner Zeitung (28) hingegen wurde der "demonstrativ harmlose Dadaismus" der Clownsarmee beschrieben und der friedliche Protest insgesamt verteidigt: "Es wurde in den letzten Tagen oft kritisiert, dass die Gipfelgegner inhaltlich-argumentativ sehr zu wünschen übrig ließen. Als ungebildete, rohe Steindummköpfe wurden sie auch in unserer Zeitung abgeurteilt. Abgesehen davon, dass ungeheuer viele engagierte, gutinformierte und diskurserprobte junge Leute im G8-Block zusammenkamen, wird dabei übersehen, dass sich gerade in der Verweigerung scheinpolitischer Worthülsen eine neue Rhetorik der Protestkultur artikuliert."

Zu den Aktionen der Gipfelgegner zählte auch die wiederholte Aufführung eines kurzen Puppentheaters unter Verwendung der erwähnten Großpuppen, in dessen Verlauf ein eigens dafür aufgebauter 10 Meter breiter Zaun durchbrochen wurde, der einem Aktivisten von Indymedia zufolge "symbolisch für den Zaun um Heiligendamm und die vielen anderen Zäune und Mauern dieser Welt" stehen sollte. Bei Indymedia wurde von insgesamt "über Hundert Großpuppen" berichtet, die seit Frühjahr 2006 u.a. vom Aktionsbündnis "Gerechtigkeit Jetzt!" in Workshops gebaut wurden. (29)

Greenpeace lieferte sich unterdessen zu See und Luft Verfolgungsjagden mit den Sicherheitskräften, um in die Nähe des Tagungsortes zu gelangen. Die 11 Greenpeace-Schlauchboote wurden jedoch ebenso wie ein Ballon aufgehalten. In einigen Medien war ironisch von "Schlauchboot-Invasion" und "Ballon-Angriff" die Rede. (30)

Solidaritätsaktionen mit sehr unterschiedlichen Beteiligungszahlen fanden in Großstädten rund um die Welt statt, u.a. in Australien, Brasilien, Amerika, Russland, Korea, Chile und Neuseeland. Während die meisten Proteste friedlich blieben, kam es in einigen Städten wie etwa Sao Paolo zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Aktivisten und Polizei.


3. Die Berichterstattung

Quelle
Der G8-Gipfel in Heiligendamm ist nicht zuletzt ein riesiges Medienereignis: Mehr als 3.500 angemeldete Journalisten wurden erwartet, für die in Kühlungsborn eigens ein 15,4 Millionen Euro teures Pressezentrum eingerichtet wurde. Mehr als 900 verschiedene Zeitungen, Fernseh- und Radioanstalten aus 73 Ländern entsandten ihre Vertreter an die Ostsee. (31) Eine Dampflok, die sonst als Touristenattraktion genutzt wird, sollte die Journalisten nach Heiligendamm bringen, was jedoch durch Demonstranten unterbunden wurde. In die Sperrzone durften die meisten Reporter allerdings nicht, nur ausgewählten Berichterstattern wurde Zutritt gewährt, stets begleitet von Betreuern des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung. Ohne entsprechende Ausweise ging verständlicherweise nichts, da die hohen Sicherheitsbestimmungen auch und erst recht von der Presse eingehalten werden mussten. (32) Die Berichterstattung war durch das sogenannte Pooling gekennzeichnet. Die ARD beschreibt dieses System folgendermaßen: "Verschiedene Medien tun sich zu einem Pool zusammen und schicken zu einem Termin mit Teilnahmebeschränkung nur einen gemeinsamen Vertreter. Unter Federführung des NDR stellen ZDF, Phoenix, n-tv und N24 den internationalen Kollegen Bilder und Technik zur Verfügung." (33) Erst mit der Abschlusskonferenz wurde einer breiteren Masse von Journalisten der Zugang nach Heiligendamm gestattet.

Schon im Vorfeld des G8-Gipfels gab es einen Eklat um 20 Journalisten, denen die benötigte Akkreditierung für eine Teilnahme am Pressegeschehen um Heiligendamm wegen Sicherheitsbedenken verweigert worden war. Laut Ulrich Wilhelm, einem Regierungssprecher, treffe jedoch der Vorwurf, insbesondere kritische Berichterstatter vom Gipfel abhalten zu wollen, nicht zu. (34) Von 4.700 Anträgen waren eben nur diese 20 abgelehnt worden. Viele Tageszeitungen beurteilten diesen Vorfall als eine Metamorphose zu "russischen Verhältnissen", auch der Deutsche Journalistenverband (DJV) kritisierte das Vorgehen der Bundesregierung. (35) Das Bundespresseamt beugte sich jedoch schließlich dem öffentlichen Druck und einem Entscheid des Berliner Verwaltungsgerichtes und beschloss die Anträge erneut zu prüfen.

Pressestimmen - Von der Methode Merkel bis zur "Rückkehr des deutschen Stils":
Die deutsche und internationale Presse blickt zwiespältig auf die letzten Wochen zurück; die einen loben das diplomatische Geschick der deutschen Powerfrau, die selbst die ewig streitenden amerikanischen und russischen Adler zu gemeinsamen Kompromissen zwang, andere kritisieren das rigorose Eingreifen der Polizei und den Staub der letzten G8-Treffen, der inzwischen auf alte, nicht erfüllte Zusagen der acht größten Industrienationen für die Dritte Welt gefallen ist, brandmarkt Heiligendamm als weiteres wirkungsloses Geschwätz selbstzufriedener Lobbyisten.

Pressestimmen in Deutschland:
"Die Welt" wähnt Angela Merkel "auf dem Gipfel ihrer Macht", mit "Bush und Blair als machtschmückendem Beiwerk an der Seite". (36) Weiter mutmaßt das Zugpferd des Axel-Springer-Verlages: "Von hier, dem Doppelgipfel, kann es eigentlich nur bergab gehen", da sie sich nach den erfolgreichen außenpolitischen Gefechten der letzten Monate nun bald wieder der leidigen Innenpolitik zuwenden müsse.

Mit ironisch-bitteren Worten spricht die "Thüringische Landeszeitung" von Verhältnissen wie noch zu Honeckers Zeiten ( "Eng, unfrei, verbissen") und behauptet, Merkel handele so, "wie sie es aus jungen Jahren kennt", mit Anspielung auf Angela Merkel als Kind der DDR, das vielleicht noch immer der Meinung sei, dass nur wer sich einsperre, auf der sicheren Seite sei. Die Märkische Allgemeine hingegen sieht Merkel "weiter in außenpolitischer Erfolgsspur". (37)

Quelle
Der Kölner Stadt-Anzeiger titelte gar: "Die Regisseurin - Die Gipfel-Präsidentin führte die Verhandlungen nach "Methode Merkel": Langsam, aber gründlich" und lobt unsere Bundeskanzlerin, wenn auch nicht ganz unkritisch weiter: "International tut diese Frau das, was man innenpolitisch noch immer von ihr einfordert: Sie führt." (38)

Internationale Pressestimmen:
Die französische Tageszeitung Le Figaro fragt sich: "Hat die Bewegung der Globalisierungsgegner noch eine Existenzberechtigung? Die Ausschreitungen in Rostock haben diese nebulöse Protestbewegung wieder in den Mittelpunkt der Aktualität gerückt, wie jedes Mal vor einem G-8-Gipfel. Doch die Zeiten, in denen einige Beobachter sie für die neue politische Kraft des 21. Jahrhunderts hielten, sind vorbei. [...] Die Bewegung der Globalisierungsgegner ist den Attentaten vom 11. September 2001 zum Opfer gefallen, die die Aufmerksamkeit und Ängste auf den Terrorismus gelenkt haben." (39)

Von London aus kritisiert der britische "Independent" eine "Polizeistrategie der harten Hand" sowie die "alten, deutschen Tölpelei, die so erfolgreich während der Fußball-Weltmeisterschaft verbannt war" und hofft, dass die Polizeiaktionen gegen Demonstranten in Rostock "eher eine Verirrung als eine Rückkehr des deutschen Stils" waren. (40)

Der Schweizer "Tages-Anzeiger" spricht von einem klaffenden Abgrund zwischen dem immer größer werdenden "Gipfel-Brimborium" auf der einen Seite und den immer nichtiger werdenden Ergebnissen und zitiert Altkanzler Helmut Schmidt, der kritisiert, dass die Gipfel zu reinen Medienereignissen verkommen seien. (41)

Die russische "Gaseta" sieht den G8-Gipfel eher eine Schwächung der Position Merkels. "Nach den jüngsten Ereignissen braucht die Kanzlerin nicht mehr zu fürchten, dass man ihr den Beinamen 'Eiserne Lady' anhängt", sinniert sie etwas spöttisch über die Bundeskanzlerin, die es ihrer Meinung nach nicht ausreichend geschafft habe die G8-Gegner, welche "wie erfahrene Partisanen" agiert hätten, in Zaum zu halten. (42) Gänzlich gegenteilig urteilt die italienische "Corriere della Sera": Die Bundeskanzlerin habe "mutige Vorschläge" gemacht und durch ihren Willen einen "europäisch-amerikanischen Kompromiss" erzielt. (43)

Mehrere internationale Zeitungen attestieren dem Gipfel in Heiligendamm jedoch ein "ziemlich schlechtes" ("Quest-France, Frankreich") bzw. "gespannte[s] und vergiftete[s] Klima" ("La Rebubblica", Italien), was unter anderem auf die zunehmende Vereisung des russisch-amerikanischen Verhältnisses zurückzuführen sei. (44)

Im Gegensatz zu Europa, wo der Gipfel das Top-Thema des Jahres darstellt, liegt die Themengewichtung in den Vereinigten Staaten von Amerika gänzlich anders. In der "Washington Post" zum Beispiel erscheint der G8-Gipfel nicht einmal auf der Titelseite, sondern kurz zusammengefasst auf Seite 21. Dies entspricht laut einem Redakteur des Kölner Stadt-Anzeigers jedoch auch dem Nerv der dortigen Bevölkerung. Denn das Misstrauen in internationale multilaterale Verträge sei sehr groß, da man sich als "Weltmacht" nicht zu sehr an die Interessen von kleineren Staaten binden wolle. (45)

"Alternative Berichterstattung" - Die Macht des World Wide Web:
Globalisierungskritiker stehen den etablierten Medien traditionell eher kritisch gegenüber. Und so blieben auch sie nicht tatenlos, ließen nicht zu, wie die "manipulierenden und obrigkeitshörigen" Zeitungen und TV-Sender die Wirklichkeit angeblich verzerren.

Quelle
Kurzum: die G8-Gegner nutzten die Medien einfach selbst für ihre Zwecke - so gut organisiert und auf so breiter Basis wie noch nie zuvor. Getreu dem Motto "Don't hate the media - become the media!" setzten sie sich und ihre Ziele diesmal selbst in Szene - vor allem im Internet war und ist die Präsenz der G8-Gegner sehr hoch. Sie haben erkannt, dass es als freies und internationales Massenmedium mit schneller Informationsverbreitungsrate ideal ist, um ihre Inhalte wirksam und flächendeckend zu verbreiten. Entgegen den von ihnen größtenteils kritisch betrachteten öffentlichen Medien kann und soll jeder die Gelegenheit haben, die persönlichen Erfahrungen in Form von Webblogs, Videostreams und Radiobeiträgen zu veröffentlichen. Videos zu Protesten und Kundgebungen werden - ganz international - mit Untertiteln in mehreren Sprachen im Netz zum Anschauen dargeboten (46). Ebenso gab es eine Reihe von stets aktuellen Live-Tickern, Newslettern und Zeitungen, Online-Nachrichtensendungen und WAP-Ticker. Doch abgesehen von Informationen zu den stattgefundenen Demonstrationen und Blockadeaktionen finden sich auch Bilder und Videos zu illegalen Aktionen, wie dem Besprühen von Eisenbahnwaggons mit Graffitis. (47)

Wichtig für die Globalisierungskritiker ist, wenn es auch im ersten Moment paradox erscheinen mag, eine international vereinigte Front im Kampf gegen die Hegemonialstellung der G8-Staaten und die Globalisierung zu präsentieren; so legte man großen Wert darauf, während der aktuellen Geschehnisse in und um Heiligendamm auch auf Partneraktionen aus San Francisco oder Ecuador hinzuweisen.

In einer ehemaligen Schule im Rostocker Stadtteil Evershagen, wo als eine Art Koordinationspunkt der Demonstrationen das "Convergence Center Ostseestrand" eingerichtet wurde, befand sich auch ein gut ausgerüstetes "Unabhängiges Informationszentrum", in dem sich G8-Aktivisten über die neuesten Geschehnisse rund um Heiligendamm austauschen und selber Nachrichten verfassen konnten.

Der Widerstand gegen den Gipfel selbst wird auch von den Kritikern der G8 propagandistisch ausgeschlachtet:

Die deutsche Seite von www.indymedia.org zum Beispiel beschreibt die Sicherheits- und Hotelanlagen von Heiligendamm als "Merkels Guantanamo", die Polizei als "20.000-köpfige Bürgerkriegsarmee, die zu keinem Zeitpunkt in der Lage war, effektiv irgendwelche Sperrzonen oder Demonstrationsverbote durchzusetzen." So wird der Spieß umgedreht: Die Sicherheitsmaßnahmen der Bundesregierung (bezeichnet als "BRD-Regime") und ihre Bemühungen, die Protestler vom Gipfel fernzuhalten, werden in einen Erfolg der Globalisierungskritiker verwandelt, die es ihrer Meinung nach geschafft haben, die führenden Personen der Weltpolitik "einzuschließen". Polizeimaßnahmen jedweder Art sind - ob im jeweiligen Falle berechtigt oder nicht - fast nur als "Repressionen" von den Protestlern bezeichnet worden. Den Staatlichen Exekutiven totalitäre oder faschistoide Maßnahmen vorzuwerfen schien fast schon zum guten Ton zu gehören; man warf ihnen Kriminalisierung der Protestler und eine Verletzung des Meinungs- und Demonstrationsrechts vor.

Die alternative Berichterstattung klagt die öffentlichen Medien der "Hofberichterstattung" an, die durch die "boulevareske [sic!] Aufbereitung" der wirklichen Fakten und Ereignisse ein verzerrtes Bild von den G8-Gegnern entwerfe und Deutschland als neutral vermittelnde Instanz ohne eigennützige Interessen beschreibe, was es in Wirklichkeit aber nicht sei. Dem "Staatsfernsehen", womit nicht nur ARD und ZDF gemeint sind, wird die bewusste Fälschung von Berichten vorgeworfen, unter anderem in Verbindung mit Zivilpolizisten, die sich unter die Protestierenden gemischt haben. (48) So wird diese "Meinungsmanipulation" von Indymedia als "gezielte Desinformation des Bürgers" klassifiziert.

Überhaupt sehen sich die öffentlichen Medien einer harschen Kritik ausgesetzt, vor allem ihre Berichterstattung wurde und wird ins Lächerliche gezogen und sie selbst als Marionetten der Politik beschimpft. Da werden Journalisten als Teil der internationalen Lobby der "Reichen und Mächtigen" (49) angesehen und bezichtigt, Polizeimeldungen unkritisch zu übernehmen; die objektive Berichterstattung der Presse sei "materiellen Interessen" zum Opfer gefallen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass sich die alternative Berichterstattung oft genau jener Anklagepunkte schuldig macht, die sie an den öffentlichen Medien kritisiert: eine objektive und offene Informationsauswertung sucht man dort häufig vergeblich, wodurch die bewusste eigene Abgrenzung ihrer Berichterstattung von den öffentlichen Medien schon fast als ironisch anzusehen ist.

4. Die Sicherheitslage: Ausschreitungen, Fehlinformationen und Provokationen

Quelle
Spannungsaufbau und Deeskalationsstrategie:
Von den eigentlichen Ergebnissen abgesehen gehören zu den umstrittensten Aspekten des Gipfels zweifellos die Ausschreitungen und die Polizeistrategie. Bereits im Vorfeld sorgten großangelegte Razzien bei Globalisierungsgegnern sowie Diskussionen um präventive Festnahmen, den Sicherheitszaun und Geruchsprobensammlung für eine gespannte Grundstimmung. Regierung und Polizei gaben sich alle Mühe, zumindest die Diskussion über Geruchsproben zu entschärfen, und die Vorgehensweise in den Kontext gewöhnlicher Strafverfolgung zu stellen. Viele Medien folgten dieser Sichtweise und berichteten vom erfolgreichen Einsatz der Methode bei der Aufdeckung von Verbrechen, bspw. der Überführung eines Taxifahrers mithilfe von Spürhunden. (50) Innenminister Schäuble distanzierte sich von den Schnüffelproben und verwies auf "strafrechtliche Ermittlungsverfahren". (51)

Ungeachtet dessen wurde die Maßnahme von zahlreichen Globalisierungskritikern und auch einigen Volksvertretern im Kontext präventiver Überwachung kritisiert. Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele beklagte den "Schnüffelstaat in Perfektion", SPD-Innenexperte Dieter Wüfelspitz sprach etwas zurückhaltender von einer "bizarren Ermittlungsmethode". Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Thierse fühlte sich an "Stasi-Methoden" erinnert und merkte an: "Es ist schon schlimm genug, dass ich rund um das Tagungsgelände einen kilometerlangen Metallzaun ertragen muss, der mir die Mauer aus DDR-Zeiten zurück ins Gedächtnis bringt."

Wiederholt wurde versichert, dass man die Proben nicht präventiv, sondern nur im Kontext von Ermittlungsverfahren entnehme. Allerdings wurde die Frage, ob der Verfassungsschutz Geruchsproben sammele, von einem Sprecher des Innenministeriums nicht beantwortet. (52)

Heinz Fromm, Präsident des deutschen Bundesamts für Verfassungsschutz, erklärte in einem Interview mit dem Tagesanzeiger, dass die von staatlicher Seite durchgeführten Maßnahmen von Globalisierungskritikern für Mobilisierungszwecke genutzt würden und der "Erregungspegel in der Szene" gestiegen sei. (53)

Zu einem schlechten Klima bei der Polizei trugen nicht zuletzt die problematischen Rahmenbedingungen bei. Gewerkschaftschef Freiberg beklagte fehlende Unterstützung durch das Innenministerium und sprach von "übermenschlicher Kraftanstrengung" sowie "kaum vertretbaren Belastungen" aufseiten der Polizei. Die Beamten seien teilweise über 30 Stunden ununterbrochen im Einsatz gewesen und hätten "nicht zu akzeptierende Mängel" bei Unterbringung und Essensversorgung hinnehmen müssen. (54)

Für die Gesamteinsatzführung zum G8-Gipfel war die Polizei-Sondereinheit "Kavala" zuständig, eine "Besondere Aufbauorganisation" (BAO) der Polizeidirektion Rostock, die bereits Ende 2005 ihre Tätigkeit aufnahm. Der BAO waren während der Haupteinsatzphase etwa 900 Beamte zugeordnet, insgesamt wurden 17.800 Polizistinnen und Polizisten zur Absicherung des Gipfeltreffens eingesetzt. Polizeiführer Knut Abramowski sprach von einer "Deeskalationsstrategie" und verkündete, dass allein 60 Beamte in 20 Teams als Konfliktmanager im Einsatz seien, um Kontakt zu Demonstranten aufzunehmen und zu vermitteln. Mani Stenner, Geschäftsführer vom "Netzwerk Friedenskooperative", begrüßte die Strategie und betonte, dass es sich um eine gemeinsame Anstrengung handele. Auch Vertreter der Kampagne "Block G8" gaben bekannt, dass man keine Eskalation wolle und die Polizisten nicht als Gegner betrachte. Kritik gab es jedoch in Bezug auf den Einsatz der Bundespolizei (ehemals Bundesgrenzschutz), die im Gegensatz zur Landespolizei dem Bundesinnenministerium untersteht. In einer Veröffentlichung von Attac hieß es dazu:

Quelle: indymedia.org
"Die Bundespolizei droht, die gemeinsame Deeskalationsstrategie der Landespolizei in Mecklenburg-Vorpommern und der Organisatoren der internationalen Großdemonstration am 2. Juni in Rostock zu torpedieren. Wie das globalisierungskritische Netzwerk Attac erst am gestrigen Mittwoch erfahren hat, sollen in den drei Attac-Sonderzügen nach Rostock jeweils 15 Beamte der Bundespolizei mitfahren. 'Das ist eine unglaubliche Provokation und mit einem Ansatz, der auf Deeskalation setzt, nicht zu vereinbaren', sagte Sabine Leidig, Geschäftsführerin von Attac Deutschland. 'Wir fordern Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble auf, die Bundespolizei umgehend anzuweisen, von ihrem Vorhaben Abstand zu nehmen.' Attac stehe eindeutig für das demokratische, friedliche Prostestspektrum, das zuletzt auch von Schäuble willkommen geheißen wurde."

Attac-Vertreter befürchteten weiterhin, dass die Bundespolizei ein "weniger friedliches Verhalten gegenüber ankommenden Demo-Teilnehmern an den Tag legen wird, als mit der örtlichen Polizei verabredet".
Immerhin konnte man sich schließlich in Sachen Zugbegleitung auf jeweils zwei Zivilbeamte einigen. Die Fahrt verlief erwartungsgemäß friedlich. (55)

Ausschreitungen und Schuldzuweisungen - Warum Schwerverletzte nicht gleich Schwerverletzte sind:
Zu den befürchteten gewalttätigen Auseinandersetzungen kam es bereits am 2. Juni auf der Abschlusskundgebung einer Demonstration in Rostock. Die Polizei beschrieb den Beginn der Ausschreitungen (56) folgendermaßen:

"Am Stadthafen eskalierte die Lage. Aus dem ´Schwarzen Block´ heraus griffen militante Autonome massiv Polizeibeamte in ihrem Dienstfahrzeug an. Das Fahrzeug wurde schwer beschädigt, die Beamten konnten sich dem Angriff entziehen, wurden dabei aber erheblich verletzt. Parkende Fahrzeuge von Anwohnern wurden in der weiteren Folge umgestürzt und teilweise in Brand gesetzt."

Lotta Kemper von der "Campinski Pressegruppe" hingegen sah die Taktik der Polizei als Auslöser der eigentlichen Eskalation. Die Beamten seien "mit erhobenen Schlagstöcken auf den noch ankommenden Demonstrationszug losgerannt" und hätten "um sich geschlagen". Gegen die Kundgebung und das Konzert am Stadthafen seien massiv Wasserwerfer eingesetzt worden und Polizisten hätten Demonstranten willkürlich mit Pfefferspray angegriffen.

Viele Augenzeugen berichteten, dass die Provokationen von beiden Seiten ausgingen. Polizisten - und vereinzelt auch Leute auf der Gegenseite - wurden von Steinen aus dem schwarzen Block getroffen, während friedliche Demonstranten Wasserwerfer, Reizgas oder Schlagstöcke zu spüren bekamen. Eine Gruppe Tübinger berichtete von Faust- und Stockschlägen durch die Polizei, weil sie eine Kette gebildet hatten; ein später zeitweise festgenommener Student bekam angeblich einen Schlag ins Gesicht und Pfefferspray in die Augen, als er einem Verletzten helfen wollte. (57)

Quelle: indymedia.org
Nach Beendigung der Konflikte setzte die wiederholte Korrektur der Verletztenzahlen aufseiten der Polizei ein. Zunächst wurde von 146 verletzten Beamten, darunter 25 mit schweren Verletzungen berichtet. Am folgenden Tag wurde verkündet, dass insgesamt 304 Polizeibeamte verletzt wurden, davon 27 schwer. Eine weitere Korrektur brachte die Anzahl der insgesamt verletzten Polizisten auf 433. Die als "Schwerverletzte" eingestuften Beamten hatten Prellungen, Knochenbrüche und Bänderdehnungen erlitten, ein Beamter musste stationär behandelt werden. In der "Jungen Welt" (58) war zu diesem Thema zu lesen: "Normalerweise gibt es eine klare Definition dafür, welche Personenschäden im Polizeibericht als »schwere Verletzungen« bezeichnet werden. Die findet sich im Straßenverkehrsunfallstatistikgesetz (StVUnfStatG). Danach gelten Personen, die aufgrund einer Verletzung stationär behandelt werden müssen, als "Schwerverletzte". Warum diese Richtlinie am Wochenende von der Rostocker Polizei außer Kraft gesetzt wurde, konnte deren Sprecher gestern nicht plausibel erklären. Man habe die Verletzungen zunächst für schlimmer gehalten, hieß es, dann sei man bei den einmal veröffentlichten Zahlen geblieben."

Die Mehrheit der leichten Verletzungen ging offenbar auf Augenreizungen infolge von Reizstoffen zurück. Ob die Polizisten dabei ausschließlich von Demonstranten besprüht wurden, oder ob sie gelegentlich auch das eigene Reizgas zu spüren bekamen ist umstritten. (59) Lotta Kemper betonte, dass sie sich nicht über die hohe Zahl an Augenverletzungen unter den Polizisten wundere: "Die waren ja genau dort vor Ort, wo es zu massivem Einsatz von Tränengas kam." Einige Augenzeugenberichte beschrieben "Reizgaswolken", die über den Menschen hingen.

Aufseiten der Demonstranten wurde von 156 Verletzten berichtet, unter denen einige Personen mit Platzwunden und Zerrungen als "Schwerverletzte" eingestuft und vereinzelt ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Zudem seien 532 Fälle von Augen- und Gesichtsverletzungen durch Tränengas und Pfefferspray registriert worden.

Am folgenden Montag verkündeten die Klinik Südstadt, die Universitätsklinik in Rostock und der Katastrophenhilfsstab, dass von den rund 519 eingelieferten Patienten kein einziger schwer verletzt wurde und inzwischen auch keiner der G8-Patienten mehr in den Krankenhäusern versorgt wird. (60)

Die Verbreitung falscher Verletztenzahlen wurde insbesondere von der Linkspartei scharf kritisiert. Die innenpolitische Sprecherin Ulla Jelpke sprach von "maßloser Übertreibung" und glaubte eine Strategie auszumachen: "Wir kennen diese Methodik. Vor 40 Jahren, am 2. Juni 1967, ließ die Berliner Polizei das Gerücht verbreiten, ein Polizist sei von einem Demonstranten erstochen wurden. In dem so geschaffenen Klima fielen die tödlichen Schüsse auf den Studenten Benno Ohnesorg." (61)

In Regierungskreisen und von Teilen der Polizei wurden die "brutalen und zum Teil lebensbedrohlichen Angriffe von linksradikalen Gruppen" zum Anlass genommen diverse Verschärfungen des Polizeieinsatzes zu fordern. Der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Sebastian Edathy (SPD), schlug vor, den Einsatz von Gummigeschossen zum "Selbstschutz von Polizisten in besonderen Gefahrensituationen" zu prüfen und reagierte damit auf Forderungen der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), die Polizei mit wirksamen Distanzwaffen auszustatten. (62) Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg, hingegen lehnte Gummigeschosse bei Demo-Einsätzen grundsätzlich ab, da die Gefahr, Unbeteiligte zu treffen, bei Menschenmassen zu groß sei. Außerdem wolle man "ran an die Täter und sie festnehmen und sie nicht auf Distanz halten".

Quelle
Der innenpolitische Sprecher der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag, Stephan Mayer, forderte den Einsatz der Antiterrorismuseinheit der deutschen Bundespolizei: "Es reicht! Die GSG 9 muss sich aus dem schwarzen Block gezielt die Gewalttäter greifen." Der CDU-Bundestagsabgeordnete Ole Schröder schloss sich seinem Kollegen an, da das Gesetz "ausdrücklich den Einsatz der GSG 9 bei schwerster Gewaltkriminalität" vorsehe und einige Randalierer in Rostock den Tod von Polizeibeamten in Kauf genommen hätten. Der Einsatz der GSG9 wurde jedoch von den meisten Abgeordneten und auch von Vertretern der GdP abgelehnt. Unbemerkt von großen Teilen der Öffentlichkeit wurde die GSG9 jedoch ohnehin in Heiligendamm eingesetzt, allerdings nicht zur Demonstrationsbefriedung, sondern vorsorglich zum direkten Schutz der Gipfelteilnehmer. (63)

Weiterhin standen gepanzerte Fahrzeuge der Bundeswehr auf Brücken entlang der Autobahn A19 bereit, was scharfe Kritik in Teilen der Opposition auslöste. Ulrich Maurer, Parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktion "Die Linke", fühlte sich durch die militärische Präsenz an "bürgerkriegsähnliche Zustände" erinnert:

"Innenminister Schäuble und Verteidigungsminister Jung haben den G8-Gipfel zum Anlass genommen, um ihre Vorstellungen für einen Bundeswehreinsatz im Inneren am Bundestag vorbei in die Tat umzusetzen. Mit militärischen Mitteln wird eine Drohkulisse aufgebaut, unter der die Grundrechte verkümmern. Es stellt sich die Frage, welche Rolle diese Panzerfahrzeuge unter polizeilichen Gesichtspunkten eigentlich spielen sollen - Fluchtwege freischießen, Barrikaden niederwalzen, Demonstranten mit militärischer Gewalt abwehren? Schäuble und Jung treiben ein verantwortungsloses Spiel mit dem Feuer." (64)

Einige Tage nach dem Gipfeltreffen kamen zudem Berichte über den Einsatz von zwei Tornados in die Medien. Bewohner von Protest-Camps hatten dem Juristen und Grünen-Abgeordneten Hans-Christian Ströbele berichtet, dass die Maschinen der Bundeswehr die Protest-Camps ausspionierten. Ströbele fragte beim Verteidigungsministerium nach, das den Vorfall bestätigte. Die Tornados wären im Aufklärungseinsatz unterwegs gewesen und hätten Luftaufnahmen gemacht. In der Erklärung hieß es, dass die Flüge "im Rahmen der technischen Amtshilfe auf Antrag des Organisationsstabes G8-Gipfel des Landes Mecklenburg-Vorpommern" durchgeführt wurden. Ströbele bewertete den Einsatz der Tornados als verfassungswidrig, da er "alle Grenzen zulässiger technischer Amtshilfe für die Polizei" überschreite. SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz wies den Vorwurf der Verfassungswidrigkeit zurück, stellte jedoch die Frage, ob man möglicherweise austesten wollte, "was die Öffentlichkeit so alles zu ertragen bereit ist, oder was der Koalitionspartner gerade noch so mitzumachen bereit ist." Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) verteidigte die Amtshilfe als angemessen. (65)

Die CDU forderte nach den Vorkommnissen einen verstärkten Kampf gegen linke Gewalt, während FDP-Parteichef Guido Westerwelle vor einer "Fundamentalisierung" der Linken und einem Linksruck in ganz Deutschland warnte: "Es gibt einen Linksdrift des Denkens, und daran hat die Union leider auch erheblichen Anteil." CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla wiederum drängte die SPD, "entschiedener" als bisher gegen linke Gewalt aufzutreten, SPD-Generalsekretär Hubertus Heil stellte ähnliche Forderungen an die Linkspartei. (66)

Einige Medien, u.a. auch DER SPIEGEL, wandten ihre Vorwürfe wiederum an Attac: "Heiner Geißlers neue Freunde" würden "als Biedermänner der Bewegung" auftreten und "gezielte Verharmlosung" betreiben. Als Beleg wurde ein Zitat aufgeführt, in dem ein Attac-Verteter äußerte, dass die Gewalt von "den staatlichen Behörden" ausgehe. (67)

DPolG-Chef Wolfgang Speck kündigte nach den ersten Auseinandersetzungen an, die Strategie zu ändern, und schloss bei einer Zunahme der Gewalt auch einen Schusswaffeneinsatz nicht aus: "Wenn ein Kollege in Lebensgefahr gerät, kann es zu einer solchen Situation kommen." (68) Polizeisprecher Axel Falkenberg vom Planungsstab "Kavala" betonte das Festhalten der Sondereinheit an der Deeskalationsstrategie, berichtete jedoch von einer niedrigen "Eintrittsschwelle", wenn es um Gewaltstraftaten gehe.

Zwei Meldungen über die Beteiligung der USA am Sicherheitskonzept für den G8-Gipfel sorgten zeitweise für Aufregung. Zunächst wurde berichtet, dass GdP-Chef Konrad Freiberg die Einmischung von US-Sicherheitskräften in die Planung kritisiere. Gegenüber den Stuttgarter Nachrichten äußerte Freiberg: "Das US-Maß an Sicherheitsanforderungen ist schwierig zu erfüllen. Wir sind also nicht frei in unseren Handlungsweisen, das ist sicher wahr." Der Gewerkschaftschef bedauerte, "dass hier Fronten entstehen, dass die deutsche Öffentlichkeit den Eindruck gewinnt, Polizisten und Demonstranten seien Gegner". (69)

Die zweite Meldunge betraf einen vermutlichen Test der Gipfelkontrollen durch US-Sicherheitskräfte. (70) Diese hatten dpa-Meldungen zufolge in einem Koffer Plastiksprengstoff vom Typ C4 versteckt, was jedoch von deutschen Beamten an einer Kontrollstelle entdeckt wurde. Die Sondereinheit Kavala wollte den Vorfall nicht direkt bestätigen, verwies jedoch auf ein "engmaschiges Sicherheitsnetz". Auf einigen Internetseiten wurde schließlich die verschwörungstheoretische Frage aufgeworfen, ob US-Sicherheitskräfte C4-Anschläge unter falscher Flagge geplant hatten. (71)

Quelle: indymedia.org
Desinformation und Deutungshoheit - Wie der Irakkrieg eine Falschmeldung hervorrief:
An den folgenden Tagen wurden offenbar auch friedliche Demonstrationen unter Wasserwerfereinsatz behindert, wie etwa eine Veranstaltung zum Aktionstag Migration am 4. Juni. Das "Netzwerk Friedenskooperative" beklagte "einen Wechsel zu martialischem Auftreten und rigoroser Einschränkung der Versammlungsfreiheit". Die von der Polizei berichteten Steinwürfe aus der Menge und massenhaften Verstöße gegen das Vermummungsverbot, die als Begründung für Gegenaktionen aufgeführt wurden, konnten weder von Demonstranten, noch von unabhängigen Journalisten oder den 15 anwesenden dpa-Mitarbeitern bestätigt werden. Dennoch übernahmen dpa und AP die Darstellung durch die Polizei und verbreiteten sie weiter. Im Nachhinein wurde jedoch die unkommentierte Weitergabe von Polizeiberichten angeblich intern kontrovers diskutiert. (72)

Eine eindeutige Fehlinformation in Bezug auf die Rede des philippinischen Soziologen Walden Bello, Globalisierungskritiker und Träger des Alternativen Nobelpreises, wurde inzwischen von der dpa konzediert. Bello äußerte im Kontext des Irakkrieges folgende Aufforderung:
"We have to bring the war right into this meeting - because without peace there can be no justice."
("Wir müssen den Krieg in dieses Treffen hineinbringen - denn ohne Frieden gibt es keine Gerechtigkeit.")

In der von zahlreichen deutschen Medien weiterverbreiteten dpa-Meldung las sich das folgendermaßen:
"Wir müssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts."

Diese vermeintliche Äußerung wurde wiederum als Aufforderung zur Gewalt interpretiert. Auch als bereits bekannt war, dass es sich um einen Übersetzungsfehler handelte, wurde in einigen Veröffentlichungen weiterhin der dpa-Fehler als maßgeblich für die Auffassung der Demonstranten gewertet und die Story der - nun immerhin ungewollten - Aufstachelung weiter verbreitet. Etwas unverständlich bleibt, wie es überhaupt zu der falschen Übersetzung hatte kommen können. Im Kontext erklärte Bello:

"Two years ago they said: Do not bring the war into the discussions. Just focus on poverty reduction. Well, we say: We have to bring the war right into this meeting - because without peace there can be no justice."
("Vor zwei Jahren haben sie gesagt: Bringt den Krieg nicht in diese Diskussionen hinein. Beschränkt euch auf die Reduktion der Armut. Nun, wir sagen: Wir müssen den Krieg in dieses Treffen hineinbringen - denn ohne Frieden gibt es keine Gerechtigkeit.")

Quelle: indymedia.org
Für Aufregung sorgte auch die Behauptung von Kavala-Sprecher Axel Falkenberg, Mitglieder der Spaß-Guerilla "Clowns Army" hätten ihre Spritzpistolen mit ätzender Flüssigkeit geladen. "Es ist inzwischen bekannt, dass diese Clowns gar nicht so friedlich sind", verkündete Falkenberg. Die Krankenhäuser konnten die Vorwürfe allerdings nicht bestätigen. Zwei Beamte seien nach dem Kontakt mit einer unbekannten Flüssigkeit untersucht und umgehend wieder entlassen wurden. Auch Beamte aus dem Anti-Konflikt-Team, die an der Spitze der Demonstrationszüge häufigen Kontakt zu den Clowns hatten, wussten von einer Gefahr durch eben diese nichts zu berichten. Ein Pressesprecher der Polizei bemerkte, dass er die Erklärungen von Falkenberg nicht nachvollziehen könne. SPIEGEL ONLINE recherchierte weiter zur "unbekannten Flüssigkeit":
"Aus der Kavala-Pressestelle war am späten Nachmittag zu erfahren, dass die Flüssigkeit zurzeit in einem Berliner Labor analysiert werde. Nach ersten Erkenntnissen handle es sich nicht um eine Säure, sondern eine alkalische Lösung, sagte ein Sprecher SPIEGEL ONLINE. Ist die Lauge, mit der die Clowns während der Demo Seifenblasen in die aufgeheizte Luft pusten, Schuld an den Sorgen der Polizei?" (73)

Eine weitere verstörende Meldung, die jedoch im Indymedia-Netz auftauchte, betraf die vermutete Instrumentalisierung von Krankenwagen, um Blockaden zu durchbrechen. (74) Ein User beschreibt die Vorkommnisse:

"Wir alle, trotz der netten Erfahrungen der letzten Tage mit der Polizei, dachten nicht, dass die Polizei in so einem Fall lügen würde, denn man forderte uns auf, soviel Platz zu machen, dass die Polizei den Krankenwagen rauslassen kann. Es gab zwar vereinzelte Gegenstimmen in der Blockade, aber die meisten meinten, dass man Platz machen sollte. Nachdem die ersten beiden Sixpacks durch waren, konnte der Krankenwagen losfahren, dass habe ich selber gesehn, also riefen andere mit mir alle auf die Straße zurück, doch von dort wurden wir weggeknüppelt."

Obwohl die Gewalt im Verlauf des Gipfels eher abnahm, und mit der Zeit auch in vielen Medien den bunten Bildern kreativerer Protestaktionen ein gebührender Platz eingeräumt wurde, gab es Veröffentlichungen, in denen die gesamten Anstrengungen zur Deeskalation verurteilt wurden. So war etwa in einem Kommentar der FAZ zu lesen, dass die Polizei ihre Deeskalationsstrategie "mit hohen Verletzungsraten bezahlt" habe und "ihren Beamten eine solche Taktik nicht ein zweites Mal zumuten" dürfe. (75)

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) würdigte die Leistungen der Polizisten und konstatierte einen "ruhigen und ungestörten Ablauf des Gipfels in entspannter Atmosphäre". Attac hingegen warf der Bundesregierung vor, ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu missachten, in dem die Richter den Demonstranten ausdrücklich zugestanden, dass die Adressaten der Demonstration auch die Proteste spüren müssten.

Mögliche Nachwirkungen des Gipfels und der Proteste:
Als Folge der diesjährigen Ausschreitungen ist vor allem eine verstärkte Verfolgung von Autonomen und Globalisierungsgegnern zu erwarten, wie auch die jüngst erhobenen Forderungen nach einer zentralen "Autonomen-Datei" nahe legen. August Hanning, Staatssekretär im Bundesinnenministerium, kündigte die zunehmende Überwachung an: "Das gilt besonders für den Verfassungsschutz, der mehr operativ in diese Strukturen eindringen muss, mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen - seien es V-Leute, Observationen oder abgehörte Telefonate." Bei Attac spielt man unterdessen mit dem Gedanken, sich für künftige Veranstaltungen einen eigenen Ordnungsdienst zuzulegen, um die Demonstrationen im Notfall selbst befrieden zu können.

Anwälte vom Notdienst "Legal Team" des Republikanischen Anwältevereins (RAV), die in Rostock festgehaltene Globalisierungskritiker vertreten haben, stellten unterdessen Strafanzeige wegen den Haftbedingungen der Demonstranten, die sich in speziellen Käfigzellen 25 Quadratmeter mit bis zu 19 Mitgefangenen teilen mussten. Nur einigen der Gefangenen wurden Gummimatten zur Verfügung gestellt, Decken gab es keine. Die Halle wurde ununterbrochen beleuchtet und gefilmt. "Menschen auf diese Weise in Käfigen unterzubringen, verstößt eklatant gegen die Menschenwürde. Sie zusätzlich dabei zu filmen, ist unerträglicher Voyeurismus", äußerte die Juristin Undine Meyers. (76)

Der Jurist und Ackermann-Verteidiger Eberhard Kempf fühlte sich durch die Käfige an Guantanamo Bay erinnert und bemerkte, dass es Möglichkeiten gegeben hätte, Hafträume in leeren Fabrikgebäuden oder in Schulen zu schaffen. Rostocks Polizeiführer Knut Abramowski erklärte, dass die Unterbringung den gesetzlichen deutschen Standards entspreche. Die Strafanzeige durch das "Legal Team" richtet sich gegen die verantwortlichen Richter, die im Vorfeld des Gipfels über die Angemessenheit der Käfigzellen urteilten. (77)

Bei Indymedia wurde u.a. berichtet, dass Anwälte vom "Legal Team" durch Polizisten teilweise gewaltsam an der Arbeit gehindert wurden und ein Teil der Userschaft versuchte die Übergriffe durch Polizisten zu rekonstruieren und zu sammeln. (78) Heike Hänsel, entwicklungspolitische Sprecherin der Fraktion "Die Linke" und Anmelderin des Camps von G8-Gegnerinnen und Gegnern in Wichmannsdorf kritisierte angebliche Schikanen durch die Polizei. Bei 1.200 Teilnehmerinnen und Teilnehmern sei es in wenigen Tagen zu 1.500 polizeilichen Maßnahmen gekommen. "Der Eindruck drängt sich auf, dass es sich nicht um gezielte Einzelmaßnahmen der Polizei handelt, sondern um eine systematische vorgelagerte Repression, mit der den Camp-Bewohnerinnen und Bewohner[n] das Gefühl vermittelt werden soll, einer illegalen Aktion beizuwohnen", verkündete Hänsel. (79)

Quelle: indymedia.org
Für Diskussionsstoff sorgt weiterhin die Enttarnung eines Bremer Zivilpolizisten bei einer Blockadeaktion. Augenzeugen zufolge versuchte der Beamte zusammen mit weiteren szenetypisch gekleideten Männern, die Demonstranten zu Gewaltaktionen zu verleiten, hatte jedoch keinen Erfolg bei der Menge. Anwesende erkannten den vermeintlichen Demonstranten schließlich als Polizisten, worauf er festgehalten und niedergerungen wurde, während seine Begleiter flohen. In Kavala-Kreisen wurde zunächst nichts bestätigt, doch die Polizei musste letztendlich den Einsatz von Zivilpolizisten und speziell die Enttarnung des Bremer Beamten eingestehen, betonte jedoch, dass derartige Methoden einzig und allein der Feststellung von Straftätern dienten und die Polizisten keinesfalls selbst zu Straftaten verleiten würden:

"Am Mittwoch, den 06.06.2007, wurde gegen 19:00 Uhr innerhalb der Blockade vor der Kontrollstelle Galopprennbahn ein in Zivil eingesetzter Beamter aus der Hansestadt Bremen von anderen Blockadeteilnehmern aus derselben Region erkannt, angegriffen und gewaltsam aus der Menschenmenge gedrängt. Dabei wurde der Beamte leicht verletzt. Nur dem beherzten Eingreifen friedlicher Globalisierungskritiker ist es zu verdanken, dass es nicht zu schwereren Verletzungen kam.
Behauptungen, der Zivilbeamte habe den Auftrag gehabt, andere Blockadeteilnehmer zur Begehung von Straftaten und Störungen anzustiften, entbehren jeglicher Grundlage. Seine einzige Aufgabe bestand darin, Informationen über die Planung und Begehung von Straftaten und Störungen zu erheben. Der Einsatz solcher zivilen Kräfte ist Bestandteil der Deeskalationsstrategie und dient ausschließlich der beweiskräftigen Feststellung von Gewalttätern."
(80)

Bei Indymedia wurden die Vorfälle folgendermaßen beschrieben:
"Die beiden Personen auf der Wiese vermummten sich und begannen, gezielt DemonstrantInnen zu einem Angriff auf den Zaun aufzustacheln. Mit Sätzen wie: "Los jetzt, rauf auf die Bullen!" versuchten sie andere Gruppen dazu zu animieren, sich ihnen anzuschließen. Begleitet wurde diese Aufforderung von einem Steinwurf in Richtung der Polizeikette.
In diesem Moment entschlossen sich einige der Anwesenden dazu, die Zivilpolizisten zu enttarnen, da ihr Handeln offensichtlich nur einem Zweck diente: Der Polizei sollte ein Vorwand geliefert werden, die Blockade zu räumen. Die Vermummten wurden lautstark als "Zivis" geoutet und geschubst. Die beiden am Rande stehenden Beamten und einer der Zweiergruppe auf dem Feld konnten flüchten, eine Person blieb zurück und wurde festgehalten. Er drohte den ihn umri[n]genden Personen Gewalt an ("Nenn mich noch einmal Zivi und ich hau dir aufs Maul") und vermummte sich dann komplett, so dass sein Gesicht nicht mehr zu erkennen war. Was folgte sind die bekannten Fernsehaufnahmen."
(81)

Polizeiführer Knut Abramowski erklärte auf einer Pressekonferenz in Rostock, dass der enttarnte Bremer Beamte nicht der einzige Zivilpolizist im Einsatz war, eine genaue Zahl jedoch nicht bekannt gegeben werde. Der Vorwurf, Zivilpolizisten hätten zu Straftaten angestiftet, wird inzwischen von der Staatsanwaltschaft geprüft. Ob die Zeugenberichte bei Indymedia eine Rolle spielen werden, ist zumindest fraglich.

Die Thematik fiel bei Verschwörungstheoretikern auf fruchtbaren Boden und zeugte einige interessante Ableger, die sich unter anderem mit vermuteten geheimen Strategien der Polizei (82) und vermeintlichen Handzeichen zur Verständigung von gewöhnlichen Polizisten und Lockspitzeln (83) beschäftigten.

Zudem gab es Gerüchte, dass sich gewaltbereite Rechtsradikale und Hooligans unter die Demonstranten gemischt hatten. In der linksalternativen Zeitung für Aachen hieß es dazu: "Das ist plausibel, da zum einen deren Demo in Schwerin nicht genehmigt wurde und sie sich daher dezentral formiert haben, zum anderen wurde in Nazi-Foren schon im Vorfeld zu G8 angekündigt, dass man sich als "Linke verkleidet" unter die Demo mischen wolle." (84)

Beide Möglichkeiten können jedoch nicht von der durchaus existenten Problematik radikaler Extremisten und Gewalttouristen innerhalb der globalisierungskritischen Bewegung ablenken. Lockspitzel können Aktionen kanalisieren, lenken, initiieren - aber nicht Gewaltbereitschaft erwirken, wo vorher nur Pazifismus zu finden war. Auf der World Socialist Web Site wurden mehrere abschließende Fragen u.a. zu den Aktionen des Schwarzen Blocks gestellt, die den Eindruck erwecken, die Polizei hätte so manches verhindern können:

"Wie ist es zu erklären, dass die Polizei seit Wochen vor "autonomen Krawallmachern" warnt, aber dann auf einem der beiden Demonstrationszüge eine geschlossene Formation des "Schwarzen Blocks" unbehelligt aufmarschieren kann? Warum wurde dieser "Schwarze Block" nicht, wie sonst üblich, durch erfahrene Polizeieinheiten begleitet? Warum wurde ein Polizeifahrzeug demonstrativ und provokativ mitten auf dem Kundgebungsplatz abgestellt? [...] Warum wurde nicht auf die Versammlungsleitung gehört, die von der Veranstaltungsbühne aus die Einsatzkräfte mehrmals und nachdrücklich aufforderte, das Fahrzeug vom Kundgebungsplatz zu entfernen?" (85)

Quelle: indymedia.org
Viele Vertreter der G8-Proteste zeigten sich jedoch im Nachhinein grundsätzlich zufrieden. "Wir haben es geschafft, den Gipfel die ganze Zeit über auf der Straße lahm zu legen", sagte bspw. Lea Voigt von der Kampagne "Block G8". An den Blockaden rund um Heiligendamm hatten sich angeblich insgesamt bis zu 10.000 Menschen beteiligt, die teilweise von Anwohnern versorgt wurden. Die Polizei wiederum gab bekannt, dass ihr Deeskalationsprinzip "aufgegangen" sei. Polizeiführer Abramowski sprach zwar von einem "Gewaltpotenzial, das nicht zu überbieten war", dankte jedoch den friedlichen Demonstranten, die in vielen Fällen versucht hätten, "deeskalierend zu wirken" und Polizeibeamte vor Gewalttätern beschützten.

Epilog: G8 vs. Bilderberg - Die Geschichte von der Mücke und dem Elefanten:

In den konspirologischen Weiten der Blogosphäre wurde den G8-Demonstranten teilweise vorgeworfen, zur falschen Zeit am falschen Ort zu demonstrieren. (86) Die alljährliche Bilderbergkonferenz, auf der sich regelmäßig hohe Funktionäre der westlichen Wirtschaftskonzerne, Finanzinstitutionen, Medien und Parteien treffen, hatte wenige Tage zuvor in Istanbul stattgefunden (87) und wurde von Indy-Medien und Aktivisten weitgehend ignoriert.

Langjährige externe Beobachter der Treffen wie etwa Daniel Estulin weisen auf die Bedeutung der Verbindungen zwischen Politik, Wirtschaft und Medien hin, beklagen die Diskretion der Teilnehmer und versuchen, die Bilderbergkonferenzen durch eigene Publikationen bekannt zu machen. In einem seiner Artikel stellte Estulin die exemplarische Frage, ob die Öffentlichkeit nicht ein Recht habe "zu wissen, über was ihre politischen Führer sprechen, wenn sie die reichsten Wirtschaftsführer ihrer jeweiligen Länder treffen". (88)

Im Blog von Politika Berlin wurde schließlich ansatzweise ein Vergleich zwischen G8-Gipfel und Bilderbergkonferenz angestellt. Nach der Aufzählung einiger Bilderberg-Partizipanten von Alogoskoufis und Burda bis Zoellick und Zumwinkel folgert der Autor: "Alleine die bisher genannten Namen reichen aus, um den G8-Gipfel verblassen zu lassen. Es ist völlig klar, dass Politiker alleine, die kommen und gehen wie es der Wähler entscheidet, längst nicht so viel Macht bündeln können, wie diese Ansammlung von Wirtschaftsmagnaten, Bankiers, Politikern, militärischen Entscheidungsträgern und Managern. Unabhängig davon, was in Heiligendamm für Abkommen getroffen werden, die Entscheidung darüber, was davon überhaupt umgesetzt werden kann, wird von den Menschen getroffen, die sich in Istanbul getroffen haben." (89)

Die Abgeschlossenheit der Konferenzen bildet zunächst einen bemerkenswerten Gegensatz zu den ausgiebigen Photo-Ops der G8-Gipfeltreffen, doch es fällt auf, dass die VIPs beider Events den direkten Kontakt mit ihren Kritikern tendenziell eher meiden. So antworten Staatsoberhäupter zwar regelmäßig und routiniert auf ausgewählte Kritik, doch von der Masse an Demonstranten wurde die kleine Gipfelrunde weiträumig abgeschnitten. Auch Vertraulichkeit spielt bei beiden Veranstaltungen eine wichtige Rolle. In einer Meldung des Deutschen Depeschendienstes (ddp) wurde zum diesjährigen G8-Gipfel vermerkt, dass aus eben diesem Grund "der kleine, runde Gipfeltisch für die Acht plus den EU-Kommissionspräsidenten [...] bewusst klein gehalten war". (90)

Einigen Beobachtern, wie etwa dem ZEIT-Redakteur Joseph Joffe, geht jedoch die Intimität der G8-Treffen offenbar nicht weit genug. Als mehrfacher Bilderberg-Partizipant hat Joffe in diesem Punkt durchaus interessante Vergleichsmaßstäbe, finden die entsprechenden Treffen doch in der Regel - von vereinzelten Erwähnungen abgesehen - unbeachtet von der internationalen Presse statt, auch wenn regelmäßig diverse Redakteure wichtiger Zeitungen vertreten sind. Im Artikel "G8 abschaffen" schreibt Joffe:

"Was zum dritten Grund führt, weshalb die G8 in dieser Form abgeschafft werden muss: Schon lange ist dieser Auftrieb für die Chefs eine unwiderstehliche Versuchung zum Posieren geworden, weil Regieren (oder wenigstens Konsultieren) in diesem Rahmen unmöglich ist. Seit vielen Jahren steht das Kommuniqué schon fest, bevor sich die Prinzipale überhaupt getroffen habe. [...] Einst ging es um globale Konjunktursteuerung, dann weitete sich das Themenfeld aus: Globalisierung, Entwicklungshilfe, Klimapolitik.

Lauter richtige Ziele, aber vor allem sollte das Gebot der Vertraulichkeit die Regie führen, der ruhige Gedankenaustausch, die informelle Verständigung. Das ist vorbei und perdu. Der Tross ist immer größer geworden, die Journalistenschar geht in die Tausende. Die sorgfältig inszenierten photo opportunities verstellen die Sache selber - und erst recht sorgt dafür der Kampf um globale Aufmerksamkeit zwischen Regierenden und Protestierenden."
(91)

Der FDP-Politiker Guido Westerwelle, eigenen Aussagen zufolge Teilnehmer des diesjährigen Bilderberg-Treffens, scheint sich ebenfalls etwas mehr Vertraulichkeit für künftige Gipfeltreffen zu wünschen. In einem Interview bedauerte er, dass "nicht mehr der Aufbau persönlicher Kontakte unter den Regierungsspitzen, sondern die Inszenierung möglichst glatter Abschlusserklärungen im Mittelpunkt der G8-Gipfel" stehe, und fo