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Das Lenin-Kraftwerk, das im Allgemeinen mit dem Synonym "Tschernobyl"
umschrieben wird, liegt im Grenzgebiet der Ukraine und Weissrussland. Als Standort
wurde dazu ein sumpfiges Waldgebiet am Fluss "Pripjat" gewählt.
Am
26.4.1986 ereignete sich in Block 4 des Kraftwerkes eine Kastrophe
mit der höchsten Einstufung auf der
INES-Skala:
Stufe 7 -
(Katastrophaler Unfall). Tschernobyl war somit der schwerste
nukleare Unfall bis zum heutigen Tage.
Für die im Lenin-Atomkraftwerk, dem Vorzeigeobjekt der UdSSR beschäftigten
Menschen, wurde die Stadt Pripjat geschaffen, von der aus es lediglich vier
Kilometer Entfernung zum Kernkraftwerk sind. Um das AKW herum befanden sich
zum Zeitpunkt der Katastrophe 76 Siedlungen im Umkreis von 30 km.
Kernreaktoren sind gewissermaßen Abfallprodukte aus der Erzeugung von
waffenfähigem Plutonium.
1944 wurden in den USA die ersten graphitmoderierten
Reaktoren zu diesem Zweck entwickelt, doch erst später kam man auf den
Gedanken, die bei der Plutoniumproduktion enstehende Wärme zu nutzen.
Das Funktionsprinzip des Kernreaktors von Tschernobyl:
Block 4 des AKW bei Tschernobyl wurde nach dem Prinzip eines Siedewasserreaktors
mit Leichtwasser
("normales" Wasser) entworfen. Der Reaktor
wurde so konzipiert, dass er gleichfalls waffenfähiges Plutonium produzieren
kann.
Zum Einsatz kommen in Rohre eingebrachte Pellets, die zu circa 3% mit Uran-235-Oxid
angereichert wurden, wobei beim Zerfall des Uran hochenergetische Neutronen
- im Mittel 2,43 Neutronen je Atomkern - freigesetzt werden. Diese Neutronen
treffen auf zwei oder drei weitere Atomkerne und lösen damit im Prinzip
eine Kettenreaktion aus, wie sie von der Atombombe bekannt ist. Zusätzlich
emittieren die Spaltprodukte des Uran sogenannte "verzögerte Neutronen",
zum Beispiel lässt sich Brom-87 ganze 55,7 Sekunden Zeit dazu und Antimon-135
gibt nach 1,7 Sekunden ein Neutron ab.
Damit es jedoch nicht zu einer unkontrollierbaren Kettenreaktion kommt, werden
die Neutronen unter anderem in Graphitblöcken verlangsamt. Denn die aus
der Uranspaltung entstandenen schnellen Neutronen jagen mit einer Geschwindigkeit
von circa 2000 km/s durch die angrenzenden Brennstäbe. Das Problem ist
nur, dass diese schnellen Elektronen eine geringe Verweildauer in den angrenzenden
Atomkernen aufweisen, womit die Wahrscheinlichkeit einer Spaltung erheblich
sinkt bzw. den Reaktor ohne Wirkung verlässt. Das ist der Grund, weshalb
sie durch den Graphitblock auf etwa 2 km/s gebremst werden. Man spricht daher
auch von einem graphitmoderierten Siedewasserreaktor - in unserem Fall
einem Siedewasser-Druckröhrenreaktor.
Mit der Eintauchtiefe der Steuerstäbe, die einen andersartigen Moderator
( Bor-, Cadmium- oder Gadoliniumverbindungen) zur Absorbtion der Neutronen
besitzen, wird die Reaktion gebremst bzw. "sich selbst überlassen".
Zur Kühlung der Brennstäbe bzw. zur Dampferzeugung in den anzutreibenden
Turbinen sind die Brennstäbe in Wasser gebettet, das durch eine Umwälzpumpe
im Kreislauf bewegt wird.
Im Falle des RBMK
(übersetzt: "Reaktor großer Leistung mit
Kanälen") bedeutet das, dass je zwei Brennelemente mit jeweils
18 Brennstäben in einer Drückröhre untergebracht sind, die als
eine von circa 1600 Druckröhren mit Wasser unter Druck umspült wird.
Dieses komplizierte System hat den Vorteil, dass Brennstäbe im laufenden
Betrieb entnommen und - mittlerweile mit waffenfähigem Plutonium angereichert
- weiter genutzt werden können.
Im Reaktortypen "RBMK", wie er seit 1986 nicht mehr gebaut wird, gibt
es nur einen einteiligen Kühlkreislauf, der zur Dampfturbine hin verzweigt
ist. Der bei der Erhitzung entstehende Dampf wird in einem Dampfabscheider vom
Wasser getrennt und direkt in die Turbine zur Stromerzeugung geleitet. Das Wasser
aus dem Abscheider wird - wie der kondensierte Dampf der Turbinen, wieder
in den Kühlkreislauf eingeleitet.
Dieses Prinzip erzielt eine höhere Effizienz als Siedewasserreaktoren mit
getrennten Kreisläufen und Wärmetauschern, doch das kontaminierte
Kühlwasser verstrahlt damit auch direkt die Turbinen - womit die Wartung
bzw. der Austausch von Aggregaten risikobehafteter ist. Bei anderen Reaktortypen
wird beim Ausfall der Speisewasserpumpen die Reaktion durch den negativen Dampfblasenkoeffizienten
gebremst. Das liegt daran, dass bei anderen Reaktortypen das Wasser als Moderator
fungiert. Der Graphitmoderator erzeugt einen positiven Dampfblasenkoeffizienten
- das bedeutet, dass die Reaktionen nicht abgebremst werden. Statt dessen überhitzen
sich die Brennstäbe und werden unbrauchbar. Das Risiko ist bei 1600 Druckröhren
entsprechend hoch.
Kritisiert wird diese Bauweise durch Kernenergieexperten vor allem, weil eine
innere Schutzhülle
(Containment) fehlt. Die großen Mengen
brennbaren Graphits bergen ebenfalls hohe Risiken bei Eindringen oder Entstehen
von Sauerstoff - genau wie die gleichmäßige Druckverteilung aus den
Speisewasserpumpen eine schwierig zu lösende Aufgabe ist. Zudem herrscht
mangelnde Redundanz an Sicherheitssystemen und das Einfahren der Regelstäbe
im Falle einer Havarie erfolgte viel zu langsam.
Solche Gegebenheiten sind in Deutschland nicht zu erwarten. Fünf Siedewasserreaktoren
sind derzeit noch in Deutschland in Betrieb. Als Moderator dient normales Wasser,
so braucht es keine Führungen, in denen sich Steuerstäbe verklemmen
können. Zudem können die Steuerstäbe erheblich schneller
(3
cm/s) eingefahren werden.
Das am schlechtesten gesicherte Siedekraftwerk Brunsbüttel ist "nur"
mit 60 cm Stahlbeton-Containment geschützt, gefolgt vom Siedewasserreaktor
Philippsburg Block 1 und dem Druckwasserreaktor Biblis Block A. Doch bezieht
sich dies auf die gestiegenen Ansprüche an die Reaktorsicherheit im Bezug
auf Terrorangriffe. Sicher sind sie deshalb nicht, der Reaktor Brunsbüttel
z. B. lagert die nicht eingesetzten Brennstäbe oberhalb des Sicherheitsbehälters.
Der RBMK - Typ jedoch wäre in Deutschland nie zugelassen worden, da
er im Normalbetrieb über die Maße unzulässige radioaktive Emissionen
freisetzt.
Im Lenin-Kraftwerk wurden ursprünglich dieselbetriebene Notstromgeneratoren
angeschafft. Sie sind nötig, um die Stromversorgung für das Kraftwerk
selbst zu sichern, falls die externe Grundversorgung abbricht. Da dieser Dieselgeneratortyp
40 - 50 Sekunden Zeit braucht, um gestartet zu werden und den Notstrom bereitzustellen,
fragte man sich entsprechend, ob die auslaufenden Dampfturbinen im Falle eines
Stromausfalles den Reaktorkühlkreis noch so lange in Bewegung halten können,
bis die Dieselgeneratoren angesprungen sind und die Speisewasserpumpen wieder
betrieben werden können.
Dieser Test wurde bereits im Jahre
1985 im Block 3 der Kraftwerksanlage
durchgeführt, doch erst kürzlich installierte, neue Spannungsregler
sollten nun das
1985 negativ ausgefallene Testergebnis durch vorschnellen
Spannungsabfall revidieren.
Als Termin für diesen Test wurde der
25. April 1986 gewählt -
direkt am Beispiel des 925 Megawatt-Reaktors, der am
25. April 1986 um
01:00 Uhr zwecks Revision - dem Austausch gegen frische Brennelemente
- heruntergefahren wurde.
Die nun folgenden Uhrzeitangaben nach Ortszeit sind unter anderem das Resultat
aus Zeugenaussagen, Schätzungen und Versuchsberechnungen. Sie differieren
bei vielen Quellen, weil es auf das Vorgehen des Versuchsszenarios zurückzuführen
ist. Viele der Anzeigen, die der Instrumentierung der gängigen Betriebswerte
dienten, wurden für eine möglichst umfassende Datenaufzeichnung des
Experimentes zweckentfremdet. Es soll dazu auch die
Instrumentierung
der Reaktorparameter massivst eingeschränkt worden sein, was eine eindeutig
wahnsinnige Handlung darstellt.
Man begann das Experiment am
25. April 1986 gegen
13:00 Uhr Ortszeit
am laufenden Reaktor, um bei einem Scheitern den Versuch in kürzester Zeit
erneut starten zu können. Dass das Testszenario unter Betriebsbedingungen
klar gegen die geltenden Sicherheitsvorschriften verstieß, wurde schlicht
ignoriert und auch den zuständigen Behörden gegenüber verschwiegen.
Um dieses Experiment realistisch zu gestalten und vor allem den Probelauf ungestört
zu fahren, wurde der sogenannte "Havarieschutz" umgangen. Diese Schutzmaßnahme
enthält alle wichtigen Sicherheitseinrichtungen, wie die Notkühlung
und das Einfahren der Steuerstäbe zwecks Unterbrechung der Reaktion in
den Graphitmoderator.
Doch das Experiment wurde gegen
14:00 Uhr abgebrochen und um neun Stunden
auf den
26.04.1986 verschoben. Der Lastverteiler aus Kiew hatte einen höheren
Energiebedarf angemeldet und zwang die Mannschaft zur Inbetriebnahme einer Dampfturbine.
Dabei unterlief dem Bedienpersonal bei der Reaktivierung der Havarieeinrichtungen
ein schwerwiegender Fehler:
Die Notkühlung war vergessen worden und würde im Bedarfsfall isoliert
im Kreis fördern, ohne dabei die Druckröhren beschicken zu können.
Um
23:10 Uhr bestand von Seiten des Lastverteilers in Kiew kein weiterer
Energiebedarf durch Block 4, so dass nun mit dem Experiment begonnen werden sollte.
In dieser Nacht des
26. April wurde nun eine unvorbereitete Nachtschicht
mit einer Versuchsanordnung konfrontiert, die den Reaktor schutzlos machen sollte.
Samstag,
26. April 1986:
Vermutlich durch einen Bedienungsfehler des unerfahrenen Reaktoroperators Leonid
Toptunow fiel die Reaktorleistung zur Zeit der Versuchsvorbereitung um
0:28
Uhr nicht auf geplante 25% der Nennleistung des Reaktors - dies entspricht
circa 230 MW - herab. Die Reaktorleistung sank auf unter 1% bis 3%, wobei allein
diese niedrigen Werte zur Sicherheitsabschaltung gezwungen hätten. Ein Betrieb
unter 20% der Nennleistung war nicht zulässig.
Um die urplötzlich abgefallene Leistung wieder auf das Sollniveau zu bringen,
entschieden die Reaktoroperatoren, alle bis auf 6 oder 8 Steuerstäbe langsam
aus dem Graphitblock herauszufahren, bis die gewünschte
Reaktorleistung
erreicht wird. Damit unterschritten sie die empfohlene Grenze von 28 bzw. die
operationale Reaktivitätsreserve von 15 verbleibenden Steuerstäben,
die als Minimum an zu steuernden Absorberstäben in diesem Reaktor einzusetzen
waren und erreichten dazu lediglich 7% der Reaktorleistung. Durch das bestehende
Unterschreiten der 20% Reaktorleistung und der Anzahl der verbleibenden Regelstäbe
- was unter aktiviertem Havarieschutz zur automatischen Abschaltung geführt
hätte - war der Reaktor schwer zu bedienen und befand sich somit kurz vor
einer unbeherrschbaren Kettenreaktion. Doch das Gefahrenpotenzial war den Technikern
nicht bewusst und sollte ihnen später sogar zum Verhängnis werden. Der
immer noch schwer beherrschbare Reaktor erreichte nun eine Leistung von circa
200 MW, die zur Durchführung des Experimentes ausreichen sollte.
Um
0:43 Uhr wird beschlossen, einen Geber zu deaktivieren, der mit seinem
Notsignal zur Abschaltung des Reaktors geführt hätte - eine Maßnahme
zur schnellen Wiederholung des Versuches. Gegen
01:00 Uhr hatte der zuständige
Techniker den Reaktor mit einer konstanten Leistungsabgabe von 7% unter Kontrolle
- allerdings bei zu vielen zur Regelung eingesetzten Steuerstäben.
Nun befahl der stellvertretende Chefingenieur, Anatolij Djatlow, den Start
des Experimentes.
Bei Beginn um
01:03 Uhr schalteten die Operatoren jedoch alle verfügbaren
Speisewasserpumpen zu, so dass der auf niedriger Leistung arbeitende Reaktor das
ihn umfließende Wasser nicht mehr verdampfen konnte. Die operationale Reaktivitätsreserve
wurde dabei weiter unterschritten. Die automatischen Regelsysteme sorgten nun
für das weitere Ausfahren von Regelstäben aus dem Moderator heraus,
um auf Temperatur zu kommen - durch die Havarieabschaltung konnte dies auch mit
weniger als 15 Steuerstäben geschehen. Das Wasser begann nun zu kochen und
erste hydraulische Schläge waren zu hören, doch dies waren die Auswirkungen
aus steten Druckschwankungen und einem schwankenden Wasserspiegel. Der Schichtleiter
Akimow und sein Kollege Toptunow wollten das Experiment stoppen, doch Djatlow
ließ es gegen
1:19 Uhr unter Abschaltung der Wasserstands- und Drucküberwachung
fortsetzen. Der Speisewasserdurchsatz lag immer noch ein Drittel unter dem Minimum
als es drei Minuten später gelang, die Kühlwasserspeisung konstant zu
halten.
Nun gibt es zwei Versionen zum Unfallhergang:
Nach der ersten Version schaltete die Bedienungsmannschaft gegen
1:23 Uhr
den Strom der Speisewasserpumpen ab. Nur die Auslaufenergie der Dampfturbinen
trieb die Speisewasserpumpen noch an und es floss entsprechend weniger Kühlwasser
durch die Druckwasserrohre. Das Wasser wurde besser aufgeheizt, nun aber bildeten
sich zusätzliche Dampfblasen, mit denen nach dem Prinzip des RBMK und seines
positiven Voidkoeffizienten die Aktivität des Reaktorkerns zusätzlich
gesteigert wird. Innerhalb von 30 Sekunden schnellte die Reaktorleistung durch
die Dampfblasenbildung von 200 MW auf etwas mehr als 500 MW hoch.
Die zweite Version des Unfallherganges nennt eine Schließung der Turbinenschnellschlussventile.
Mit der Schließung stieg der Druck in den Brennstoffkanälen an und
löste damit das Ausfahren einer Gruppe von Steuerstäben aus. Der erhöhte
Druck führte gleichfalls zur Minderung der Kühlwasserdurchflussmenge,
womit die Temperatur zu sehr ansteigt. Um die Temperatur zu senken, wurde eine
Gruppe von Regelstäben eingebracht. Innerhalb von 30 Sekunden schnellte
die Reaktorleistung durch die Dampfblasenbildung von 200 MW auf etwas mehr als
500 MW hoch.
Nach dem verfahrenstechnischen Verständnis der Ask1-Redaktion sind beide
Versionen schlüssig, wobei unserer Ansicht nach die erste Schilderung des
Ablaufs am ehesten im Einklang mit dem Versuchsziel steht, welches auch in der
zweiten Version genannt worden ist.
Zu diesem Zeitpunkt wäre der "Havarieschutz" in beiden Versionen
angelaufen und hätte die Katastrophe verhindert. Aber der war komplett
abgeschaltet bzw. für den Versuch bewusst manipuliert worden. Da auch die
Regelung der Steuerstäbe nicht angemessen schnell reagierte, befahl Schichtleiter
Akimov nur 36 Sekunden nach Beginn des Experimentes die manuelle Notabschaltung
des Reaktors.
Sofort werden die über 200 neutronenabsorbierenden Steuerstäbe, die
nicht in der aktiven Zone sind, in dem Graphitmoderator eingefahren. An diesem
Punkt entblößt der Reaktor vom Typ RBMK seine gravierenden Konstruktionsfehler.
Die Geschwindigkeit, mit der die Brennstäbe eingefahren werden ist deutlich
niedriger, als in westlichen AKWs. Erst nach bis zu 20 Sekunden ist ein Steuerstab
in diesem Reaktortyp völlig eingefahren. Zusätzlich befinden sich
an der unteren Spitze der Steuerstäbe Graphitköpfe, die die Kettenreaktion
nochmals kurzzeitig beschleunigen. Dieser Konstruktionsmangel des RBMK führte
nun genau zum gegenteilig gewünschten Effekt. Da die Graphitspitzen zuerst
eingeführt wurden, stieg die Leistung des Reaktors für einen Moment
sprungartig an und damit war dies der letzte Hieb für den Reaktor.
Nun hatten sich durch die extreme Hitze im Reaktorkern die Führungskanäle
der Steuerstäbe verformt, so dass sie verklemmt und nicht mehr in den Graphitblock
zu versenken waren. Beinahe alle reaktionsbeschleunigenden Graphitköpfe
waren direkt im Graphitmoderator des Reaktorkerns positioniert.
Die Katastrophe war nicht mehr aufzuhalten. In nur vier Sekunden stieg die Reaktorleistung
auf geschätzte 100.000 Megawatt an. Die weit überschrittene Belastungsgrenze
brachte die Brennstäbe wie Druckrohre zum Bersten, das Kühlwasser kann
seinen Zweck nicht mehr erfüllen. In der sogenannten "aktiven Zone"
entstanden nun durch eine chemische Reaktion des Zirkoniums
(umhüllt die
Brennstoffkammern, die mittlerweile gebrochen waren) mit dem Wasserdampf die
Gase Wasserstoff und Sauerstoff, die in dieser Mischung ideal explosionsfähig
sind. Zusätzlich liefert der frei gewordene Sauerstoff auch gleich die Nahrung
für das glühend heiße Graphit.
Dieser Vorgang nahm gleichfalls nur wenige Sekunden in Anspruch, jetzt wurde
der Reaktor und alles was ihn umgab, durch zwei riesige Explosionen im Abstand
von geschätzten drei Sekunden zerrissen. Reste des Graphitblockes gingen
sofort in Flammen auf, die Brennstäbe schmolzen in der Hitze über
2.000 °C. Glühende, umherfliegende Teile entzünden die Teerdachpappe
des benachbarten dritten Kraftwerkblocks.
Innerhalb kurzer Zeit gab es viele weitere, dicht aufeinander folgende Explosionen.
Durch die Explosionen wurde fast das gesamte Reaktorinventar herausgeschleudert.
Als mit der ersten Explosion das circa 1.000 t schwere Dach der Reaktorhalle weggerissen
wurde, konnten die Menschen in der Nähe rötlich braune Flammen bei starker
Rußentwicklung beobachten. Die Rauchsäule war beinahe 100 Meter hoch.
An den umliegenden Gebäuden entstanden zahlreiche Brände, hervorgerufen
durch Trümmer, Graphit aus dem
Reaktor
und anderen Brennstofffragmenten. Im Umkreis von mehreren 100 Metern fielen schwere
Maschinenteile durch die Explosion zu Boden.
In dieser Nacht hielten sich gleich neben dem Kraftwerk am Kühlkanal Angler
auf. Sie waren nur wenige 100 m von Katastrophenort entfernt und erlitten kurze
Zeit später schwere innere als auch äußere Verbrennungen durch
die freigesetzte Gammastrahlung. Radioaktive Gase begannen sich auszubreiten,
die auch von den Anglern eingeatmet wurden.
Die gesamte umliegende Luft war gefüllt mit radioaktiven Gasen - in den ersten
Tagen vor allem
(Halbwertszeit in Klammern) Jod-131
(8,2d) und -132
(2,3h), Cäsium-134
(2,06a) und -137
(30,17a) , Strontium-90
(28,5a) sowie Tellur-127
(9,35h).
Die verantwortliche Schicht stand zunächst unter Schock, begann aber schnell
nach den Ursachen zu forschen. Einige Techniker begaben sich in den zentralen
Teil des Reaktors, um dort die Strahlendosis zu messen. Doch die Messbereiche
der Geräte waren für die enormen Strahlungsbelastungen nicht ausgelegt.
Foto : Der zerstörte Reaktor wird bereits mit einer Schutzhülle
versehen (Quelle)
|
Den Technikern war zwar nicht klar, was passiert war aber sie ahnten noch nicht,
dass der Reaktor bereits völlig zerstört war. Die Bedeutung der Tatsache,
dass überall Graphitstücke, Teile der Brennstoffkanäle
(in denen
die Brennstäbe sitzen) und Druckrohre herumlagen, war den Technikern
ebenfalls nicht bewusst. Ihnen war einzig klar, dass gewaltige Mengen radioaktiver
Substanzen in die Umwelt gelangt sein mussten.
Auf dem Werksgelände des Lenin Kraftwerks lag die radioaktive Dosisleistung
bei mehreren 100 Millisievert pro Stunde.
Dieser Wert ist also 1.000.000 mal größer im Vergleich zur natürlichen
Strahlung.
Die Strahlenwerte entstanden durch eine radioaktive Wolke, die sich über
dem havarierten Reaktorblock gebildet hatte. Die heiße radioaktive Rauchwolke
war inzwischen beinahe einen Kilometer hoch in den windstillen Nachthimmel gestiegen.
Die Auswirkungen dieser radioaktiven Wolke waren nun auch in der 3 km entfernten
Stadt Pripjat mit mehreren Millisievert pro Stunde nachweisbar.
Mittlerweile waren die Feuerwehrmänner auf dem Dach und dem Gerüst
des Schornsteins darum bemüht, den Reaktorbrand zu löschen. Doch die
radioaktive Strahlung war immens hoch, so dass selbst ein kräftig ausgebildeter
Organismus derart hohe Dosen nur für kurze Zeit verkraften kann.
Die Dosisleistung über dem Reaktor betrug zum Teil beinahe 200 Sievert
pro Stunde, aufgeteilt auf 20 Personen bedeutete diese Dosis den Tod innerhalb
einer Stunde. Bei 200 Sievert pro Stunde hat ein erwachsener Mensch die tödliche
Strahlendosis bereits nach 3 Minuten erreicht und so war es nicht verwunderlich,
dass einige Feuerwehrmänner oder zu Hilfe geeilte Techniker nach wenigen
Minuten unter Krämpfen zusammenbrachen.
Währenddessen versuchten die Feuerwehrmänner weiter, circa 1700 t
rot glühendes Graphit im Reaktor durch Unmengen von Wasser zu löschen.
Was die Helfer vor Ort nicht bemerkten, war das auslaufende Speisewasser aus
abgerissenen Verbindungen, das zusammen mit dem Löschwasser in die Kellersysteme
floss. Doch das Kellersystem war direkt mit den anderen Reaktorblöcken
verbunden und so gefährdete das hochradioaktive Wasser zudem die elektrischen
Systeme der anderen Reaktorblöcke. Es gelang den Feuerwehrleuten nicht,
das gigantische mit radioaktiven Spaltprodukten durchsetzte "Kohlebrikett"
zu löschen. In dieser Nacht bedeutete das Reaktorunglück für
31 Menschen den sicheren Tod.
Von den insgesamt 600 eingesetzten Hilfskräfte wurden innerhalb von 24
Stunden 237 Menschen nachweisbar mit akuten Beschwerden infolge der radioaktiven
Einwirkung im Krankenhaus behandelt. Sie litten unter schwerer Übelkeit
und Erbrechen und ihre verbrannte Haut infolge der radioaktiven Strahlung war
rotbraun gefärbt.
Die durch das Reaktorunglück entfachten Brände der angrenzenden Gebäude
waren am Morgen des
26. April 1986 gelöscht worden, als Experten aus
der gesamten Sowjetunion den Unglücksort erreichten. Die Kettenreaktion im
Reaktor geriet zwar zum Erliegen, doch die Nachzerfallswärme erhitzte den
Reaktor immer noch derart, dass angrenzende Betonträger und Teile des biologischen
Schildes
(äußerer Stahlbetonmantel) inzwischen weiß glühten.
Nun wurde allmählich die Tragweite der Katastrophe erfasst, der Notstand
ausgerufen und ein Koordinationszentrum gebildet. Die enormen Werte, die durch
die Radioaktivität hervorgerufen wurden, zwangen zur Aufgabe des Koordinationszentrums
in der Notstandswarte in den Kellerräumen am anderen Ende des Reaktors.
Zunächst nach Pripjat, wurde das Koordinationszentrum zuletzt in das 15
km entfernte Tschernobyl verlegt. Nun waren Spezialtruppen des Militär,
das KGB, wissenschaftliche Experten und Sanitätshelfer herbeigerufen. Das
Gebiet rund um das Kernkraftwerk wurde weiträumig abgeriegelt.
Militärhubschrauber wurden eingesetzt, um den Brand mit Sand und anderen
brandhemmenden Mineralien zu ersticken und mit dem zusätzlich abgeworfenen
Blei die Strahlung abzuschirmen. Zu diesem Zweck wurden unvorstellbare 2400
t Blei und 1800 t Sand in den Reaktorkern geschüttet. Außerdem wurden
800 t Dolomit 40t Borkarbid zur Erzielung einer endothermen Reaktion über
dem havarierten Reaktor abgeworfen. Doch der Effekt, den man zu erzielen hoffte,
blieb aus. Die radioaktive Strahlung nahm zu. Der verschüttete Reaktorkern
erhitzte sich, da sich unter den abgeworfenen Löschmitteln ein Stau gebildet
hatte - zuletzt wurde versucht, den Reaktorkern mit Stickstoff zu kühlen.
Erst zwei Wochen nach dem Reaktorunglück bekam man die radioaktiven Emissionen
und die Wärmeentwicklung unter Kontrolle.
uebersichtkl.jpg) |
Die ca. 60.000 Einwohner Pripjats wurden erst 36 Stunden nach dem Unglück
informiert. Es wurde eine Ausgangssperre verhängt und neben dem Schließen
von Fenstern und Türen aufgefordert, sich in das Innere seiner Wohnung zu
begeben. Mit dieser Maßnahme sollte die Strahlenbelastung verringert werden.
Es erfolgten Aufrufe über den Rundfunk sowie über Lautsprecherdurchsagen,
nach denen die Menschen das Nötigste bereit legen und sich bis zum Zeitpunkt
der Evakuierung abfahrtbereit bereit halten sollen. Da sämtliche Haustiere
zurück bleiben mussten, beruhigte man die Menschen unter dem Vorwand, dass
die Evakuierung nur für drei Tage Bestand haben sollte.
Um einer Panik vorzubeugen, wurde der Beginn der Evakuierungen zur Nachtzeit geplant.
In nur drei Stunden wurden mehr als 50.000 Einwohner - darunter 17.000 Kinder
- mit 1200 Bussen aus der Stadt gebracht. Vor dem nächsten Kontrollpunkt
stauten sich die Busse auf einer Länge von 15 km, während unaufhörlich
Kettenfahrzeuge, Spezialtransporter sowie Lastwagen und Busse mitten in der Nacht
in die entgegengesetzte Richtung fuhren.
Kaum jemand wusste um die Katastrophe - auch in Europa war darüber
nichts bekannt gewesen.
In einem Umkreis von 30 km um das Lenin-Atomkraftwerk herum wurden in der Nacht
vom
4. bis zum
5. Mai 1986 über 115.000 Menschen in drei Etappen
evakuiert. Allerdings war diese Verzögerung eine Entscheidung der Parteifunktionäre,
nach deren Willen die Feierlichkeiten zum 1. Mai nicht gestört werden sollten
Insgesamt wurden 76 Ortschaften geräumt und unter die Kontrolle des Militär
gestellt. Die mit dem
1. Mai 1986 begonnenen Kontrollen des Trinkwassers
und der Milch führten erst am
23. Mai 1986 zu einer offiziellen Verteilung
von Jod-Präparaten zum Schutz der menschlichen Schilddrüsen. Doch der
Großteil der radioaktiven Jod-Isotope wurde in den ersten 10 Tagen des Reaktorzwischenfalls
freigesetzt, so dass diese Maßnahme eher als unwirksam betrachtet werden
kann. Abgesehen davon, dass die Medikation aus medizinischer Sicht zu spät
eingesetzt und die Schilddrüsen schon längst mit radioaktivem Jod gesättigt
werden konnten, beträgt die Halbwertszeit von Jod-131 durchschnittlich acht
Tage. Nach soviel vergeudeteter Zeit hatte das Jod ausreichend Zeit, seine Wirkung
zu entfalten und dürfte bis dahin beinahe abgebaut worden sein.
Für die vielen evakuierten Menschen mussten nun zusätzliche Gebäude
errichtet werden. Zwischen
1986 und
1987 wurden allein 23.000 Häuser,
800 Gebäude für soziale Einrichtungen und Polizeistationen gebaut sowie
weitere 15.000 Wohnungen zur Verfügung gestellt. Die Stadt Slavutch wurde
gegründet, in der zumeist die Bevölkerung von Pripjat untergebracht
wurde.
Foto : Kontrollpunkt in die Todeszone. Zutritt nur mit Sondergenehmigung
(Quelle)
|
Im Sommer
1986 wurde im Radius von 10 km eine Sperrzone errichtet, die
Kontrollzone wurde mit einem Radius von 30 km eingerichtet. Heiße Stellen
- Terrain mit einer Strahlenbelastung von mehr als 15 Curie - wurden
außerhalb der Kontrollzone gesondert umzäunt.
Anfangs scheute die sowjetische Regierung keine Anstrengung, den Reaktorunfall
und seine Auswirkungen herunterzuspielen. Insgesamt wurden bis
1989 circa
800.000 Hilfskräfte bei den Aufräumarbeiten eingesetzt. Die Arbeiten
mussten dabei in radioaktiver Umgebung durchgeführt werden.
Im Jahre
1983 machten Techniker des Kernkraftwerks Ignalina 1 - einem Reaktor
des gleichen Typs mit 1500 MW Leistung, der in diesem Jahr ans Netz ging -
sie selbe Beobachtung beim gleichzeitigen Einfahren zu vieler Steuerstäbe
auf einmal. Diese Erfahrung war jedoch nicht an die Betriebsmannschaft in Tschernobyl
weitergegeben worden. Der Schichtleiter konnte von dieser Besonderheit und Konstruktionsschwäche
nicht wissen. Die Behörden leugneten lange Zeit die Unterlassung der Weitergabe
dieser Information und verurteilten Schichtleiter Akimov auf dieser Grundlage
zu einer Haftstrafe.
Nachdem das Ausmaß des Reaktorunglücks bekannt war, wurde der sowjetischen
Regierung technisches Gerät aus Deutschland zur Verfügung gestellt.
Es handelt sich dabei zum Beispiel um ferngesteuerte Roboter, die beim havarierten
Reaktor eingesetzt wurden. Doch die enorme Strahlenbelastung zerstörte
die Elektronik der Hilfsroboter, so dass diese in kurzer Zeit als verstrahlter
Schrott endeten. Insgesamt wurden durch das Reaktorunglück mehr als 600.000
t Metall kontaminiert - dazu gehört ebenfalls das schwere Gerät,
das bei den Aufräumarbeiten eingesetzt wurde.
Es wurden Unmengen von Beton unter den Reaktor gepumpt. So sollte verhindert
werden, dass die radioaktive Mischung aus 200 t Uran, Plutonium und geschmolzenem
Graphit nach dem Prinzip des China-Syndroms durch den Reaktorboden schmelzen
konnte.
Foto : Isoliert mit dem bereits zerfallenden Sarkophag (Quelle)
|
Im Zeitraum von Mai bis Oktober
1986 wurden unter anderem ferngesteuerte
Bagger, Planierraupen, Schwerlastkräne und große Transporthubschrauber
zur Errichtung des sogenannten Sarkophages eingesetzt. Der Sarkophag ist eine
Schutzhülle aus Schutt, Beton und Stahl, die den Reaktorkern umschließen
soll. Es handelt sich dabei jedoch um ein Provisorium mit einer damals geschätzten
Haltbarkeit von 20 bis 30 Jahren. Die Stabilität des Sarkophages wird vor
allem durch das mögliche Durchrosten der eingesetzten Stahlträger gefährdet.
Dadurch, dass der Sarkophag in großer Eile errichtet wurde, steigt noch
einmal mehr das Risiko der Instabilität.
Im Jahre
1997 wurde von den G7-Staaten, der EU, Russland und der Ukraine
gemeinsam mit der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung
ein Plan entwickelt, nachdem der Reaktor von einer neuen, 20.000 t schweren Schutzhülle
überdeckt werden soll. Mit der geschätzten Fertigstellung des neuen
Sarkophages im Jahr
2008 werden ungefähr 768 Millionen € ausgegeben
worden sein.
1989 wurde der Bau zur Erweiterung des Lenin-Kraftwerkes durch die Reaktorblöcke
fünf und sechs eingestellt. Langwierigen internationalen Verhandlungen ist
es zu verdanken, dass die russische Regierung den gesamten Reaktorkomplex von
Tschernobyl am
12.12.2000 stillgelegt hat. Mit der Abschaltung des letzten
Reaktors wurden Konzepte vorgestellt, nach denen die längst überfällige
Sanierung des größten atomar verstrahlten Gebietes der Erde eingeleitet
werden soll. Denn der Sarkophag wurde schneller instabil als erwartet. Umwelteinflüsse
haben schon lange dafür gesorgt, dass mehr als 1000 m² der bestehenden
Schutzhülle löchrig sind. Im Dachbereich drang bereits im Jahr
2000
Regenwasser durch die Schutzhülle. Die auf der Außenverkleidung angebrachten
Metallplatten rosten bereits, wobei damit auch gleichfalls eine Wand einzustürzen
droht. Bereits im Jahr
2000 trat aus dem Bereich der Decke derart viel
Gammastrahlung aus, dass ein Arbeiten auf dem Dach nicht möglich war. So
wurde damit begonnen, mit der Überbauung einer der größten Hallen
der Welt einem drohenden Zusammenbruch des Sarkophages entgegenzutreten. 240 m
Breite, 180 m Länge und beinahe 85 m Höhe - das sind die Dimensionen
der Halle, mit deren Hilfe der Rückbau des Katastrophenreaktors mit dem Jahr
2005 begonnen werden soll.
In einem in Deutschland entwickelten Verfahren, das bereits von den russischen
Behörden genehmigt wurde, soll der kontaminierte Stahl geschmolzen werden.
Die dabei entstehende Schlacke wird abgezogen, so dass circa 95% des übrig
gebliebenen Stahls wieder verwertet werden können. Heikel dürfte die
Entsorgung der mittlerweile keramikartigen Massen im Inneren des Reaktors sein.
Eingeschlossene Brennstofffragmente bilden sogenannte Hot-Spots, deren Strahlendosis
immer noch mehrere Sievert pro Stunde beträgt.
Die kontaminierten Landschaftsflächen werden bis heute regelmäßig
auf ihre Strahlenwerte untersucht. Bei Erreichen von unkritischen Werten erfolgt
eine schrittweise Freigabe ehemals gesperrter Flächen. Nach und nach wird
die Region wieder nutzbar gemacht, doch eine Wiederbesiedlung im Nahbereich
des ehemaligen Kraftwerks ist in absehbarer Zeit nicht zu erwarten.
Innerhalb der kontaminierten Gebiete wurde stark verseuchtes Erdreich schichtweise
abgetragen oder mit Sand und Schotter abgedeckt. Schwach kontaminiertes Erdreich
wurde umgepflügt, die Biomasse abgeholzter Wälder vergraben. Das Ziel
war die Bindung radioaktiver Stoffe, damit eine Ausbreitung von der Erdoberfläche
verhindert werden kann.
Zahlreiche Deponien beherbergen verseuchtes Erdreich, kontaminierte Fahrzeuge,
Baumaschinen und Hubschrauber sowie flüssige Betriebsabfälle aus den
übrig gebliebenen Kernkraftwerksblöcken.
Foto : Kontaminierte Fahrzeuge der Feuerwehr bei Pripjat (Quelle)
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1,1 Millionen Kubikmeter kontaminierter Abfall wurde auf Grabendeponien geschafft,
die zum Teil in Grundwassertiefe angelegt wurden. Nur hatte man die Standorte
in der Eile unzureichend dokumentiert, womit bis zum Auffinden verschollener
Deponien vor allem Strontium-90 unkontrolliert durch das dort befindliche Grundwasser
ausgewaschen wird.
Pripjat ist heute immer noch verlassen und wird von der dortigen Miliz bewacht.
Straßen und Gebäude der Geisterstadt sind zum Teil verfallen und
werden allmählich durch Gras und Büsche überwuchert.
Als Zeugnis der Helden, die unter Einsatz ihres Lebens eine größere
Katastrophe verhinderten, errichtete man ein
Ehrendenkmal
für die Opfer.
Die Auswirkungen des Tschernobyl-Unfalls sind enorm. Zwar war die Explosion
deutlich kleiner als bei einer Atombombe, doch wurde deutlich mehr Strahlung
freigesetzt. Es wird davon ausgegangen, dass während des Unglücks
mehr als 10 Tonnen Kernbrennstoff in die Atmosphäre gelangt sind. Dabei
gehen die Meinungen der Experten auseinander. Einige gehen davon aus, dass nur
ein geringer Anteil des gesamten Brennstoffs entfesselt wurde, die anderen,
dass nur ein verschwindender Teil zurückgeblieben ist.
Schwer gezeichnet wurde die Region durch die notwendige Umsiedlung von 115.000
Personen unmittelbar nach dem Unfall und weiteren 240.000 Personen drei Jahre
nach dem Unfall. In dem Distrikt Khoiniki, der weissrussischen Region Gomel,
löste der Unfall eine Migrationswelle aus, so dass er 43 Prozent seiner
Bevölkerung verlor. Hauptsächlich junge Menschen und Familien der
drei Länder Russland, Belarus und Ukraine haben die schwerkontaminierten
Gebiete verlassen während ältere Leute geblieben sind. Im Kerngebiet
in unmittelbarer Nähe des Unglücksortes leben derzeit etwa 800 Personen
auf gesondert ausgewiesenen Flächen am Stadtrand, in Baracken oder Kasernen.
Dabei handelt es sich hauptsächlich um Armeeangehörige und Wissenschaftler,
aber auch um illegal zurückgekehrte Bewohner - vor allem alte Menschen
-, die von der dortigen Miliz zum Teil geduldet werden.
Die wirtschaftlichen Folgen sind für die Region naheliegend: Firmen müssen
schließen, da die entsprechenden Facharbeiter fehlen. Es mangelt zudem
an Medizinern und Lehrern, wodurch Versorgung und Bildung schwerlich gewährleistet
sind. Der Belarus und die Ukraine versuchen durch Wirtschaftsprogramme genau
diesen negativen Entwicklungen entgegenzuwirken.
Über 200000 km² Landfläche sind durch den Unfall kontaminiert
worden. In der Ukraine sind 40 Prozent der Wälder radioaktiv belastet.
Im Belarus wurden knapp über 20 Prozent der Wälder und der landwirtschaftlichen
Nutzfläche verstrahlt. Fast 7000 km² Waldfläche und fast 8000
km² Agrarfläche wurden absolut stillgelegt. Erst in den Zonen, in
denen weniger als 15 Curie gemessen werden, wird noch Landwirtschaft betrieben,
allerdings mit geändertem Prozedere. Gezielte Pflugmethoden und spezielles
Düngen verringern das Eindringen radioaktiver Nuklide in den Boden. Die
Weidezeit wurde eingeschränkt. Unbelastetes Zusatzfutter für die Tiere
wird in der Ukraine sogar kostenlos verteilt. Die Landschaftsprodukte werden
bei Weiterverkauf strengstens kontrolliert, sind aber nur noch schwer absetzbar.
Viele Betriebe mussten aufgrund dessen stillgelegt werden, wobei die Hersteller
von Holzprodukten am härtesten betroffen sind. Mit zeitlicher Verzögerung
macht sich die Verstrahlung im Holz bemerkbar und zieht von den Wurzeln in das
Stammholz hinauf.
Bezüglich des Energiehaushaltes ist der Belarus am gravierendsten betroffen.
Zu 80 Prozent ist der Belarus auf die von Nachbarländern eingespeiste Energie
angewiesen. Die Energieerzeugung mit Kernenergie hat der Belarus völlig
aufgegeben. Er versucht, den Energieverbrauch ständig zu drosseln und arbeitet
in Zukunft mit alternativen Energien. Die Ukraine hatte von je her auf fossilie
Ressourcen gesetzt und das Standbein der Kernenergie war deshalb noch nicht
sehr stark ausgeprägt. 15 Kernkraftanlagen sind in der Ukraine noch in
Betrieb: Doch der Druck, auf regenerative Energien umzusteigen, wächst.
Der Umgang der Sowjetunion mit der Katastrophe ist im Nachhinein scharf kritisiert
worden. Insbesondere wurde die Langzeitwirkung der Strahlung unterschätzt,
so dass es zu Beginn der 90er Jahre eine zweite Evakuierungswelle gab. Direkt
nach der Katastrophe wurden Jodpräpärate mit erheblicher Verzögerung
verteilt, wodurch die Krebserkrankungen hätten gedrosselt werden können.
Zudem hat die Regierung die Bevölkerung unmittelbar nach dem Unfall nur wenig
über die tatsächlichen Ausmaße und Folgen informiert, wodurch
das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung nachhaltig geschädigt
wurde. Bis
1988 war der Gebrauch von Dosimetern verboten, wodurch eine
Gegenkontrolle der staatlichen Informationen unmöglich war. Auf dem Reaktorgelände
wurden Soldaten eingesetzt, die nur unverhältnismäßig mit Schutzbekleidung
ausgestattet waren. Der Staat muss sich dafür den Vorwurf der Menschenverachtung
gefallen lassen.
Ab dem Jahr
1989 wird der Öffentlichkeit das tatsächliche Ausmaß
der Katastrophe bewusst, worauf leider erst die zweite, oben bereits erwähnte
Evakuierungswelle folgte. Nach wie vor besteht von offizieller Seite der Trend,
den Unfall zu verharmlosen. Der weissrussische Präsident erklärte jüngst
die verstrahlten Gebiete sogar für "sauber" und steht mit seiner
Aussage im krassen Widerspruch zu einem Oppositionellen, der Weissrussland als
"das größte radioaktive Versuchslabor" bezeichnete. Die Verunsicherung
der Bevölkerung durch widersprüchliche Informationen und Verharmlosung
von offiziellen Stellen ist nicht zu unterschätzen. Experten gehen davon
aus, dass beides nicht unerheblich zu psychischen Schäden zahlreicher Bewohner
geführt hat. Das zeige sich in der negativen Selbsteinschätzung des
Gesundheitszustandes, in der Überzeugung, dass die Lebenserwartung verkürzt
sei, im Fehlen von Initiative und in der Abhängigkeit von der staatlichen
Unterstützung.
Der kulturelle Impakt ist groß. Die Region verlor seine traditionellen
Strukturen, die in den abgelegenen ländlichen Regionen vertreten waren.
Die Bevölkerung hat eigene Wege gefunden, um mit dem Unglück fertig
zu werden und verarbeitet die Auswirkungen in der Malerei, der Kunst und über
das Internet.
Initiativen, die von der EU mitfinanziert werden zielen darauf ab, mit der Bevölkerung
pragmatische Strategien für das Alltagsleben in den betroffenen Regionen
zu entwickeln. Bezeichnend ist die hohe Anzahl der Erholungsaufenthalte von
über 100.000 Kindern der betroffenen Region bei ausländischen Gastfamilien.
Manche Kinder werden jährlich mehrere Wochen in Gastfamilien untergebracht.
Viele von ihnen erlernen die jeweilige Sprache und halten den Kontakt über
Jahre hinweg.
Streitpunkt der Experten sind noch immer die konkreten Gesundheitsfolgen in der
betroffenen Region. Während die Atomenergiebehörde IAEA und sechs weitere
große UN-Behörden - die Weltgesundheitsorganisation
(WHO), UNDP
(United Nations Development Programme), FAO
(Food and Agriculture Organization),
UNEP
(United Nations Environment Programme), UN-OCHA
(United Nations
Office for the Coordination of Humanitarian Affairs), und UNSCEAR
(United
Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiation) - in einer
Studie die bisherige Einstufung des Unfalls tendenziell als harmloser einstuft,
sprechen andere Einrichtungen wie das "Umweltinstitut München"
oder die "Vereinigung von Ärzten für die Verhinderung eines Atomkrieges"
von gänzlich anderen Zahlen. Nach der UN-Studie konnten 4000 Todesopfer mit
dem Kernkraftwerksunfall in Zusammenhang gebracht werden. Ukrainische Behörden
sprachen bereits im Jahr
2002 von bis zu 15.000 Todesopfern. Laut UN-Studie
besteht insbesondere die Gefahr von Armut und Geisteskrankheiten aufgrund des
"Lebensstils" der Bewohner in den betroffenen Regionen - weniger eklatant
sei hingegen die Gefahr der überdosierten Bestrahlung. Sicher ist: Die Anzahl
der Opfer von Schilddrüsenkrebs stieg bei Kindern besonders in den Jahren
1990 bis
1995 um das 30-fache an und fiel danach allmählich.
Die Heilungschancen im Kindesalter sind groß. Unter den Jugendlichen nahm
die Zahl der Erkrankungen in den 90-er Jahren stetig zu. Stark betroffen sind
Erwachsene, die zu der Zeit des Unfalls zwischen Kindesalter oder Adoleszenz waren.
Die Lebenserwartung ist deutlich gesunken. In der Region Gomel überholte
die Sterberate die Geburtenrate - die Lebenserwartung sank um fünf Jahre
auf knapp über 67 Jahre.
In besonderem Maße betroffen sind die geschätzten 800.000 Aufräumarbeiter
(sogenannte "Liquiditoren", allerdings wurden nur 200.000 offiziell
registriert), die unmittelbar nach dem Unfall bis
1987 und in der Folgezeit
der Strahlung stark ausgesetzt wurden und leider nicht ausreichend geschützt
waren. Der enorme Zeitdruck dürfte dazu geführt haben, dass die Arbeitssicherheit
an vielen Stellen missachtet wurde. Die Trümmer wurden zum Teil mit der Hand
beseitigt und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass diese Menschen unter
den Folgen bis heute leiden. 300.000 Menschen erhielten eine Strahlendosis von
mehr als 500 Millisievert. Das ist so viel, wie ein Astronaut außerhalb
des Van-Allen-Gürtels - dem Schutzschild unserer Erde vor kosmischer Strahlung
- innerhalb eines halben Jahres ausgesetzt wäre.
Über das Risiko wurden diese freiwilligen oder auch verpflichteten Helfer
nicht informiert. Dutzende der Liquiditoren starben in den ersten Wochen nach
dem Unfall, denn zu den ersten Aufgaben gehörte die Errichtung des Beton-Sarkophags
über dem explodierten Reaktor. Zahlreiche Helfer waren nur wenige Jahre
nach ihrem Einsatz Vollinvalide. In der öffentlichen Diskussion wird davon
ausgegangen, dass 100.000 Liquiditoren schwerwiegende Spätfolgen erlitten
haben. Offiziellen Angaben zufolge starben ungefähr 25.000 Menschen durch
die Strahlendosen, denen sie bei den Aufräumarbeiten ausgesetzt waren,
doch der mangelnde Einsatz von Dosimetern lässt Zweifel an der Schätzung
aufkommen. Inoffizielle Quellen schätzen die Anzahl der Opfer erheblich
höher ein, zudem existieren keine einheitlichen Erhebungsmethoden, nach
denen der Grad der Körperschädigung durch Radioaktivität definiert
ist.
Weit entfernt von der Region ist eine ansteigende Zahl von Fehlbildungen beobachtet
worden. Neun Monate nach dem Unfall hatte sich die Anzahl der Trisomie-21-Fälle
(Down-Syndrom) in Deutschland mindestens verdoppelt. Stärker betroffen
war der südliche Raum Deutschlands, in dem entsprechend eine höhere
Anzahl von Fehlbildungen festgestellt wurde. In einer zweiten Analyse wurden die
Befunde aus Januar
1987 bestätigt: Das Ansteigen der Fehlbildungen
konnte eindeutig auf den Unfall zurückgeführt werden. Eine Korrelation
von Fehlbildungshäufigkeit und der Bodenkontamination durch Cäsium konnte
ebenfalls in Bayern nachgewiesen werden.
Die "Internationale Vereinigung von Ärzten zur Verhütung eines
Atomkrieges" hält in ihrer Studie fest, dass der Unfall circa 10.000
ernsthafte Fehlbildungen und 5.000 Todesfälle von Säuglingen in Europa
zur Folge haben würde. Untersuchungen des Umweltministeriums in München
haben ebenfalls gezeigt, dass die Säuglingssterblichkeit zum Zeitpunkt
des Unfalls stark angestiegen ist. In Polen wirkte sich der Unfall auf die Säuglingssterblichkeit
dreimal höher aus als im Gebiet der damaligen BRD.
Die Langzeitwirkung des Unfalls ist keinesfalls zu unterschätzen. Die freigesetzten,
radioaktiven Isotope Jod-131 und Cäsium-137 zerfallen unter Freisetzung von
Beta- und Gammastrahlung. Jod-131 hat eine Halbwertszeit von knapp acht Tagen
und lagert sich in der Schilddrüse an. Cäsium-137 hat eine Halbwertszeit
von 30,2 Jahren und sammelt sich beim Menschen überwiegend in den Knochen
an. Ein weiteres Produkt entsteht in einem Kernreaktor unter Elektronenbeschuss
von Uran: Pu-241
(Plutonium),
ein Betastrahler mit einer Halbwertszeit von 14,6 Jahren. Plutonium-241 zerfällt
weiter zu Am-241
(Americium),
welches ein gefährlicher Alphastrahler mit einer Halbwertszeit von 432,6
Jahren ist. Heute ist die Alphastrahlung in Weissrussland im Vergleich zu den
Jahren vor dem Unfall um ein Vielfaches gestiegen. Die durch diese Zerfallskette
freigesetzte Alpha-Strahlung wird bis in das Jahr 2300 die doppelte Intensität
im Vergleich zum Zeitpunkt unmittelbar nach dem Unfall erreicht haben!
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