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Die Nordwestküste Großbritanniens: Hier an der Irischen See liegt der
größte zivil wie militärisch genutzte Atomkomplex Europas. Wiederaufarbeitungsanlagen,
Brennelementefabrik, Atomreaktoren, Forschungseinrichtungen und das älteste
und erste kommerzielle Atomkraftwerk der westlichen Welt: Calder Hall.
Doch Sellafield ist keineswegs ein Vorzeigeprojekt. Radioaktive Abwässer
werden bedenkenlos in die irische See geleitet und immer wieder kommt es zu
teilweise schweren und skandalösen Zwischenfällen mit unabsehbaren
Folgen für die Umwelt.
Allein die Wiederaufbereitungsanlage THORP leitete vor ihrer Zwangsstillegung
nach Angaben der Betreiber BNFL völlig legal 27,8 Millionen Curie pro Jahr
größten Teils in die irische See. Zum Vergleich: Nach Angaben der
IAEO wurden bei der Tschernobyl Katastrophe 50 Millionen Curie aus dem 30 Kilometer
großen Katastrophengebiet herausgetragen. Die Abfälle aus Sellafield
sind jedoch noch vor Kanadas Küsten und in antarktischen Gewässern,
bis in 200 Meter Tiefe, messbar. Kunden zur Wiederaufarbeitung waren neben Großbritannien:
Japan, Belgien, Spanien, Italien, Schweiz, Deutschland und die Niederlande.
Zu Beginn der 80er Jahre wurde der Komplex - auf Grund seines durch diese zahlreichen
Zwischenfälle geschädigten Rufes - von Windscale in Sellafield umbenannt.
Diese PR-Maßnahme mag durchaus kurzfristig Wirkung in der Bevölkerung
gezeigt haben - doch bald wurde auch der neue Name ein Synonym für Unverantwortlichkeit
und Fahrlässigkeit.
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Zur Geschichte des Standortes: Nach dem Ende des 2. Weltkrieges wurde sehr schnell
deutlich, dass Großbritannien - wollte es seinen Status als Großmacht
nicht verlieren - schnellstmöglich eine eigene Atombombe entwickeln musste.
Man begann im Herbst 1947 eiligst nahe der Ortschaft Windscale mit der Errichtung
von Produktionsanlagen und Reaktoren, um das britische Atombombenprogramm mit
Plutonium zu versorgen. Die Reaktoren wurden einzig zu diesem Zweck konstruiert.
Um das Plutonium zu extrahieren wurde auch die erste Wiederaufbereitungsanlage
(B204) errichtet.
Im Oktober 1950 war der Bau an Reaktor Pile Nr. 1 abgeschlossen, im Juni 1951
ging auch der baugleiche Reaktor Pile Nr. 2 in Betrieb. Diese beiden Reaktoren
produzierten pro Jahr ca. 35 kg waffentaugliches Plutonium-239, welches von September
1956 bis Mai 1961 in den Bomben für die Testreihen Buffalo, Antler und Vixen
in Maralinga / Australien verwendet wurde. Das Gebiet um Maralinga wurde durch
die Atomwaffentests auf Jahrtausende verseucht und unbewohnbar.
Bereits in den ersten sechs Jahren ereigneten sich in Windscale aufgrund mangelnder
Sicherheitsmaßnahmen mehrere Zwischenfälle in verschiedenen Bereichen,
bei denen über hundert Personen teilweise schwer kontaminiert wurden. Daten
über ausgetretene Strahlung und kontaminierte Stoffe existieren aus dieser
Zeit nicht.
1957 kam es dann während einer Routineprozedur
zur größten Atom-Katastrophe in Großbritannien:
Kurz nach Mitternacht, am 7. Oktober 1957, bereitete Chefphysiker Ian Robertson
alles für die sogenannte Wigner-Entladung vor. Diese war mindestens einmal
pro Jahr nötig, da der luftgekühlte Reaktor eine besondere Eigenschaft
hatte:
In den als Moderator dienenden Graphitblöcken im Kern, welche die mit Natururan
bestückten Brennstäbe aufnahmen, wurden im Betrieb Kohlenstoffatome
aus ihrer normalen Position in den Graphitmolekülen geschossen, so das der
Graphit seine Struktur änderte und anfing, Energie zu speichern
(Wigner-Energie).
Diese musste regelmäßig durch eine gezielte Aufheizung entladen werden.
Dieses Problem erkannte man im September 1952: Der Reaktor war glücklicherweise
nicht im Betrieb als es in ihm zu einer unvorhergesehenen, spontanen Energieentladung
kam.

Man hatte diesmal länger als üblich mit der Abführung der Wigner-Energie
gewartet. Drei Tage sollte diese Prozedur planmäßig dauern. Dazu
mußte der Reaktor runter gefahren und die Plutoniumproduktion unterbrochen
werden. Seit Inbetriebnahme im Jahre 1950 wurde diese Prozedur bereits achtmal
erfolgreich durchgeführt worden und war galt als Routinevorgang. Man musste
dabei nur aufpassen, das die Brennelemente beim Hochkochen der Anlage nicht
zu heiß werden und Feuer fingen.
Um 1.13 Uhr Nachts wurden die Steuerstäbe in den Reaktor gefahren, um die
atomare Kettenreaktion zu unterbrechen. Der Reaktor kühlte planmäßig
aus und die 64 Temperaturfühler im Reaktorkern pegelten sich in den folgenden
Stunden im Bereich zwischen 20 und 30 Grad Celsius ein.
Um 19.25 Uhr wurden die Steuerstäbe aus dem Reaktorkern gezogen und die
Ventilatoren der Kühlung abgeschaltet. Die Neutronen konnten wieder ungehindert
durch die Graphitblöcke schießen und heizten den Reaktor so wieder
auf.
Robertsons Assistent, Victor Goodwin, führte im weiteren Verlauf die Prozedur
durch.
Der Reaktor wurde bis auf 250 Grad aufgeheizt, dann drosselte man die atomare
Kettenreaktion mittels der Steuerstäbe wieder. Durch Freisetzung der gespeicherten
Wigner-Energie sollte die Temperatur des Graphitkerns dann weiter bis zur regulären
Spitzentemperatur von 330 Grad klettern. Doch die Temperatur verharrte am Morgen
des 8. Oktober weit unterhalb der 330 Grad.
Die Temperatur wurde von 64 Temperaturfühlern, welche dicht unter der
meterdicken Beton-Außenhaut saßen, gemessen. Das erwies sich nun
als folgenschwerer Konstruktionsfehler: Ein solches Manöver - einer Wigner-Entladung
entsprechend - war natürlich bei der Konstruktion nicht berücksichtigt
worden, denn die Instrumente waren nur auf die Überwachung des Normalbetriebes
ausgelegt. Als die Instrumente noch niedrige 250 Grad anzeigten, wurden an den
Brennelementen im Inneren schon fast 400 Grad erreicht.
Um 10.30 Uhr bemerkte Goodwin, dass 11 der 64 Fühler sogar fallende Werte
anzeigten und heizte den Reaktor darauf hin weiter an. Warum er aber ignorierte,
dass 18 Temperaturfühler steigende Werte meldeten, ist unklar. Entweder
dachte er, das diese Fühler defekt waren oder er stand unter Druck und
ging das Risiko ein, um die wichtige Plutoniumproduktion nicht unnötig
zu verzögern. Victor Goodwin war in der Messwarte jedenfalls sehr erfahren
und so ein Temperaturgefälle war alles andere als normal.
Um 11.05 Uhr wurde in der Messwarte dann ein einzelner, heftiger Temperatursprung
um 8o Grad an einem Messpunkt bemerkt. Vermutlich entzündete sich zu diesem
Zeitpunkt ein Feuer im Reaktor. Nachdem die anderen Fühler die gewünschte
Spitzentemperatur erreicht hatten, wurde der Reaktor dann während des 9.
Oktobers wieder heruntergefahren um danach gekühlt den geregelten Betrieb
der Plutoniumproduktion wieder auf zu nehmen.
Die Temperatur in einem Bereich des Kerns stieg jedoch auch, nachdem die Ventilatoren
des Kühlsystems wieder liefen.
Am Morgen des 10. Oktober um 5.40 Uhr registrierten die Messgeräte in
den Filtern des 150 m hohen Schornsteins der Anlage steigende Radioaktivität.
Schnell kletterte der Wert auf mehr als 30 Curie.
Gegen Mittag schlugen auch Meßgeräte in der Umgebung des Fabrikgeländes
an. Luftproben ergaben, dass die normalen Werte um das Zehnfache überschritten
wurden.
Warnungen an die Bevölkerung wurden nicht ausgerufen. Lediglich die Familie
von Tom Tuohy - dem Vizechef der Plutoniumfabrik, welcher unweit entfernt wohnte
- wurde angewiesen, Fenster und Türen geschlossen zu halten und das Haus
unter keinen Umständen zu verlassen.
In der Messwarte von Windscale vermutete man einen geborstenen Brennstab, jedoch
war das Messgerät, welches diese Vermutung bestätigen konnte, durch
das Feuer schon zerstört worden.
Am Rand des Brennelementekanals Nummer 20/53 herrschte bereits eine Temperatur
von 450 Grad Celsius, die Temperatur der im Kanal befindlichen Brennelemente
lag weit über 600 Grad Celsius.
Also öffneten zwei Mitarbeiter in Strahlenschutzanzügen einen Verschlußstopfen,
um in das Reaktorinnere sehen zu können. Die Vermutung war richtig: Ein
Brennstab war geborsten. Aber das Uran hatte oxidiert, wobei soviel Hitze frei
wurde, dass das Graphit des Kerns in Brand geriet. Der Reaktorkern war rot glühend.
Es musste verhindert werden, dass sich das Feuer weiter durch den Reaktor frisst.
Doch ließe man die Ventilatoren weiter laufen um den Reaktor zu kühlen,
dann würde der Sauerstoff den Graphitbrand weiter anfachen. Würden
die Ventilatorklappen geschlossen, könnten 2000 Tonnen Graphit und 72.324
Brennelemente in Flammen aufgehen.
Der Versuch der Werksfeuerwehr, den Brand mit bereitstehenden 25 t flüssigem
Kohlendioxid zu löschen, schlug fehl. Das Gas zeigte keinerlei Wirkung.
Um 20:30 Uhr wird durch Inspektionsluken im Dach des Reaktorkerns beobachtet,
dass blaue Flammen aus dem Kern lodern.
Am 11. Oktober um 1.38 Uhr wurde eine Temperatur von 1300 Grad im Brennelementkanal
20/53 gemessen. Aus dem Kamin des Reaktorgebäudes stieg schon den ganzen
Tag von den Staubfilter ungehindert gasförmiges radioaktives Jod 131, Plutonium,
Cäsium und Strontium auf.
Die umliegende Bevölkerung wurde jedoch immer noch nicht informiert. Innerhalb
der Anlage rief man allerdings den Notstand aus: Niemand durfte die Gebäude
verlassen, Türen und Fenster waren geschlossen zu halten.
Der Wind wehte zum Glück mit 2 bis 3 Stärken aus Nordnordwest und
trieb die radioaktive Wolke auf die Irische See hinaus. Doch das konnte sich
sehr schnell ändern und dann würden weite Teile des umliegenden Landes
verseucht.
Es gab nun für die Verantwortlichen in Windscale nur noch eine Möglichkeit,
gegen das Feuer vorzugehen - doch diese war riskant. Man beschloss, Wasser
in den Reaktor zu pumpen. Die Gefahr dabei war, dass Wasser - wenn es auf das
geschmolzene und brennende Uran, den anderen Metallen und das Graphit treffen
würde - zu Wasserstoff und Ethin reagieren könnte. Dieses Gemisch
würde mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit eine gewaltige Explosion auslösen.
Die Folgen dieser Reaktion wären verheerend: Durch die in die Atmosphäre
geschleuderten und hoch radioaktiv verseuchten Materialien würde die gesamte
westenglische Küste massiv radioaktiv verseucht werden. Die Britischen
Inseln, das europäische Festland und unter Umständen sogar Teile der
USA wären verstrahlt worden.
Freitag, 11. Oktober 1957 - 8.55 Uhr: 3600 Liter Wasser pro Minute wurden in
den Reaktorkern gepumpt. Doch es gab weder eine Explosion noch eine Wirkung
auf das Feuer. Als man feststellte, dass das Wasser durch die Kanäle im
Reaktorkern am eigentlichen Brandherd vorbei schoss, verringerte man den Wasserdruck.
Nun konnte das Wasser seinen Weg zum Brandherd finden. Zehntausende Liter verdampfendes
Wasser setzten in einer riesige Dampfwolke weitere Mengen an Radioaktivität
frei. Jetzt sahen auch die Menschen der Umgebung, dass in der Atomfabrik scheinbar
etwas nicht stimmte. Doch sie wurden immer noch nicht gewarnt und gingen in
einer radioaktiven Wolke wie jeden Tag ihren Tätigkeiten nach - von
der Familie Tuohy einmal abgesehen.
Das Wasser dämmte das Feuer zwar ein, konnte es jedoch nicht löschen.
Erst als man um 10.10 Uhr die Luftzufuhr stoppte, indem man die Ventilatoren
des Kühlsystems abschaltete, erlosch das Feuer nach drei Tagen allmählich.
Um 15.10 Uhr konnten die Löscharbeiten beendet werden. Ca 9.000 m³
Löschwasser bildeten einen radioaktiver See um den Reaktorkomplex. Die
Menge an Wasser entspräche dem Tagesbedarf von ungefähr 25 000 Haushalten
je Tag.
Erst am folgenden Tag wurde die Bevölkerung über die Katastrophe
informiert und es wurde mit Jod 131 verseuchte Milch von den umliegenden Bauernhöfen
eingesammelt und vernichtet.
Am 12. Oktober sammelt man dann auf einem 500 km² großen Gebiet,
in dem 3.700 Bq Strahlung überschritten wurde, die Milch zur Vernichtung
ein. Zwar wurde auch ausserhalb dieses Gebietes eine extrem hohe Belastung der
Milch mit Jod 131 festgestellt, doch man wollte die Bevölkerung nicht "unnötig"
beunruhigen. Die Unterlagen über den Vorfall blieben unter Verschluss.
Insgesamt wurden ca. 2 Millionen Liter mit Jod 131 verseuchte Milch in Flüsse
oder in das Meer verklappt.
Die bei dem Brand freigesetzte Wolke zog indes über Großbritannien
hinweg und gelangte von dort aus auch auf das europäische Festland bis über
die Schweiz.
Bei der Katastrophe von Windscale wurden schätzungsweise feigesetzt:
Strontium 90: 200 GBq
Polonium 210: 1.4 TBq
Cäsium 137: 20-45 TBq
Tellur 132: 450-600 TBq
Jod 131: 600-1000 TBq
Offiziell beziffert man die Anzahl der Menschen, die in Folge der durch den
Brand ausgetretenen Strahlung gestorben sind, auf 100 Personen. Doch es ist
Jahre später fast unmöglich nachzuweisen, dass eine Erkrankung auf
die Folgen dieser Katastrophe zurück zu führen ist. Experten gehen
dagegen eher von mindestens 1000 Toten im direkten Zusammenhang mit dem Unglück
aus.
Die IAEA stuft diese Katastrophe auf der
INES-Skala
mit 5
(ernster Unfall) ein.
Der Reaktor Pile 1 wird versiegelt und die nähere Umgebung bestmöglich
dekontaminiert. Auch Reaktor Pile 2 wurde kurze Zeit später aus Sicherheitsgründen
still gelegt. Der derzeit erfolgende Abbau und das Einlagern der Reaktoren und
ihrer zugehörigen Anlagen wird mindestens bis zum Jahr 2012 andauern.
Auch aus den folgenden Jahren sind viele Zwischenfälle bekannt, bei denen
Radioaktivität freigesetzt wurde und auch Menschen zu Schaden kamen.
1973 ereignete sich dann am 24. September ein weiterer,
sehr schwerer Zwischenfall:
Wegen Reparaturarbeiten war die erste Wiederaufbereitungsanlage B204 für
ein Jahr stillgelegt worden.
In einem Becken, in dem der chemische Prozess zur Auflösung der Brennelemente
statt fand, hatten sich unlösliche radioaktive Elemente angesammelt. Diese
hatten den Boden des Beckens sehr stark erhitzt, so dass es - als das Becken
bei der Wiederinbetriebnahme mit Wasser gefüllt werden sollte - zu einer
gewaltigen Dampfexplosion kam. 35 Arbeiter wurden kontaminiert und eine große
Wolke radioaktiver Gase gelangte ins Freie. Das Gebäude konnte nie wieder
benutzt werden und die Anlage B204 wurde stillgelegt.
Eine Untersuchung im Jahr 1979 ergab, dass sich zwischen 1950 und 1977 in Windscale
194 größere Unfälle ereigneten. Bei 11 dieser Zwischenfälle
waren Feuer oder Explosionen im Spiel, in 45 Fällen wurde Plutonium freigesetzt.
Doch statt die Anlage zu schließen, wurde sie ausgebaut. Statt die Sicherheit
zu erhöhen, wurde der Komplex 1981 von Windscale in Sellafield umbenannt,
damit der negativ konnotierte Name in der Presse nicht weitere Projekte in Misskredit
bringen konnte. Doch die Liste der Zwischenfälle wuchs weiter an. Hier
eine Auswahl jener, die größere Mengen Strahlung in die Umwelt freisetzten:
1981: Weil nicht ausreichend abgekühlte Brennelemente verarbeitet
wurden, gelangt radioaktives Jod 131 in die Umgebung. Die Milch in der Umgebung
wird wiedermal verseucht.
1983: Große Strandabschnitte müssen abgesperrt werden, weil
hochgradig radioaktive Lösungsmittel und Chemikalien in die Irische See geleitet
wurden. Jahre später wird die Betreiberfirma vor Gericht verurteilt: Zu 10.000
Pfund Geldstrafe wegen Verletzung der Informationspflicht!
1986: Bei einer Unfallserie gelangen u.a. 250 Kilogramm Uran ins Meer.
Plutonium entweicht in die Atmosphäre und 11 Personen werden verstrahlt.
1993: Eine weitere Reihe von Zwischenfällen: Plutoniumverseuchte Flüssigkeit
tritt aus, Radioaktivität gelangt in die Umwelt und die Wiederaufarbeitungsanlage
muss zum Teil evakuiert werden. Ein Arbeiter erhält eine Strahlendosis über
dem Jahresgrenzwert und im Abfallager läuft eine alpha-Teilchen emittierende
Flüssigkeit aus einem Fass aus.
1997: Sechs Arbeiter werden bei Umbauarbeiten in der Wiederaufarbeitungsanlage
verstrahlt. Radioaktive Stoffe treten durch ein defektes Ventil aus und gelangen
ins Freie, wo sie durch den Regen auf die Straße gespült werden.
1999 Erhielt ein Arbeiter in der Verglasungsanlage eine
Strahlendosis weit über dem Jahresgrenzwert, weil sein Arbeitsplatz kontaminiert
war. Später werden noch in anderen Anlagenteilen radioaktiv verseuchte Stellen
entdeckt.
Greenpeace entnimmt Meeresproben am Abflußrohr der Atomanlage in Sellafield.
Diese wurden in Deutschland aufgrund der hohen Strahlenwerte beschlagnahmt und
als "Atommüll" entsorgt.
Die Macht der Medien war in den letzten Jahren massiv gewachsen. Immer weniger
Zwischenfälle ließen sich in den letzten Jahren vertuschen. So wurde
von der britischen Atomaufsichtsbehörde NII eine grundsätzliche Überprüfung
der Sicherheitsstandards in Sellafield eingeleitet.
Japanische Atomtechniker stellten unterdessen auffällige Zahlenübereinstimmungen
bei Meßprotokollen verschiedener Lieferchargen von in Sellafield aufbereiteten
MOX-Brennelemente fest.
Im September 1999 veröffentlichte die Londoner Zeitung 'Independent' den
Skandal. Der Betreiber BNFL ( British Nuclear Fuels plc ) versucht jedoch das
Ganze als eine harmlose "Panne" herunterzuspielen. Die Atomaufsichtsbehörde
leitet jedoch eine zweite Untersuchung ein. Auch als ein japanischer Kunde im
Dezember 1999 bei einer Lieferung auf klare Auskünfte bestand, stritt der
Betreiber ab, dass die fraglichen Lieferungen von der "Panne" mit
den Messprotokollen betroffen seien.
Die Berichte der Atomaufsichtsbehörde sind vernichtend: Sie stellen eine
absolut mangelhafte Sicherheitskultur seitens des Betreibers BNFL fest. Auch
gibt es keine ausreichende interne Kontrolle um sicher zu stellen, dass Sicherheitsstandards,
soweit vorhanden, auch eingehalten werden. Der Chef-Inspektor der Atomaufsichtsbehörde
stellte weiterhin fest, dass seit 1996 Messprotokolle "systematisch gefälscht"
wurden.
Über lange Zeit wurden Messprotokolle von früheren Messungen kopiert
und erfundenen Zahlen in die Computer eingeben, statt die vorgeschriebenen Tests
an den wiederaufgearbeiteten Brennelementen durchzuführen. Dies kann bei
Verwendung der letzteren zu Störfällen im Atomkraftwerk führen.
In Deutschland wurde darauf hin vom Bundesumweltminister ein Import-Stop für
MOX-Brennelemente aus Sellafield verhängt. Aus dem AKW Unterweser wurden
bereits in Betrieb befindliche Brennelemente aus Sellafield zur Sicherheit wieder
entfernt. Einige europäische Kunden sowie Japan kündigten ihre Verträge
mit Sellafield.
Die britische Regierung erwog kurzzeitig die Schließung der Anlage, beließ
es jedoch beim Austausch der Geschäftsführung. Schließlich ist
die Wiederaufbereitung ein Milliardengeschäft: Pro Kilo Atommüll bezahlen
die Betreiber von Atomkraftwerken etwa 1200 Euro.
Und so geht der Betrieb weiter - auf Kosten der Umwelt und der Gesundheit
vieler Menschen.
2001: Im Januar reagiert die Betriebsmannschaft zweieinhalb Stunden lang
nicht auf das Alarmsignal, welches eine ausgefallene Lüftung in den Lagertanks
für hochaktive Lösungen meldete. In den Tanks bildet sich explosiver
Wasserstoff, dessen Entzünden katastrophale Folgen gehabt hätte.
2005: Am 19. April wurde ein Leck in der Wiederaubereitungsanlage
entdeckt, durch das bereits seit August 2004 ca. 83.000 Liter einer hoch radioaktiven
Flüssigkeit, bestehend aus Schwefelsäure, Uran und Plutonium, unentdeckt
austraten. Die Flüssigkeit sammelte sich glücklicherweise in einem Tank
aus rostfreiem Stahl unter der Anlage, der zwar nicht dafür konstruiert wurde,
den Belastungen aber zum Glück standhielt.
Dieser jüngste Vorfall bestätigt, das sich nichts in Sellafield geändert
hat. Gut neun Monate lang konnte es in einer hoch sensiblen Anlage unbemerkt vor
sich hin triefen. Der Verlust von 83.000 Litern hochgefährlicher Flüssigkeit
- der Plutonium-Anteil der ausgelaufenen Säure beträgt nach Informationen
der "Times" ca. 200 Kilogramm, was für 20 Atombomben ausreichen
würde - wurde nur zufällig entdeckt. Auch die Schwefelsäure -
eine anorganische Säure mit zum Teil hohem Dissoziationsgrad - könnte
seiner "Fracht" Plutonium durchaus weitere Wege bahnen. Wieder einmal
kündigte die britische Regierung Konsequenzen an. Aber vermutlich wird die
Atom-Lobby ihre Interessen wieder einmal durchsetzen.
Die Halle ist hochgradig verstrahlt - die Entsorgung der Flüssigkeit
muss ferngesteuert mit Maschinen durchgeführt werden. Die IAEA stuft diesen
Vorfall auf der
INES-Skala
mit 3
(Ernster Störfall) ein. Doch bereits Ende 2006 / Anfang 2007
könnte der Betrieb wieder aufgenommen werden.......
Anstelle von Sicherheit investiert man lieber in die Manipulation. Seit den Neunzigern
wurde eine Art
"Atomwunderland" ,
Visitors
Centre genannt, in der Umgebung ausgebaut. Dort können sich Besucher,
Schulklassen oder Jugendgruppen über die Notwendigkeit und Harmlosigkeit
der Atomkraft informieren, die Schäden in der Umwelt klein rechnen und die
Zwischenfälle in der Anlage von Sellafield vorenthalten lassen. Sehr günstig
werden dort auch organisierte Feiern für
Kindergeburtstage
angeboten. Strahlende Kindergesichter liegen der BNFL scheinbar am Herzen.
Eine Untersuchung stellt bereits 1984 fest, dass in Sellafield zehnmal mehr
Leukämiefälle auftreten als im Landesdurchschnitt.
"Wir haben alles im Griff, es bestand zu keiner Zeit Gefahr...." Weitere Artikel zum Thema:
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