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Deutschland hat offenkundig ein Problem.
Zu viele Menschen haben keine Arbeit und müssen vom Staat mit Geldern unterstützt
werden.
Die staatliche Unterstützung ist nicht allzu reichhaltig, denn der Staat
hat in erster Linie gewaltige Schulden; darüber hinaus ist jeder weitere
Arbeitslose ein geschwächter Konsument mehr. Wieder einer weniger, der Steuern
zahlt und einer mehr, der nicht mehr soviel Waren konsumiert.
Doch je mehr Menschen schwere finanzielle Einbußen hinnehmen müssen,
desto mehr Betriebe müssen wegen mangelnder Umsätze schließen
oder Personal abbauen.
Ein Teufelskreis, an dessen Ende immer mehr Arbeitslose, immer weniger Betriebe
und immer weniger Steuereinnahmen stehen.
Der Binnenmarkt ist über Importe und die deutsche Exportindustrie verzahnt
mit den globalen Märkten. Und auf denen verlieren deutsche Produkte an Konkurrenzfähigkeit
durch hohe Personalkosten, die hoch sind, weil zum Einen ein deutscher Arbeitnehmer
- bedingt durch die hohen Lebenshaltungskosten - relativ viel Gehalt braucht,
um überleben und seiner Rolle als Konsument nachgehen zu können. Zum
anderen, weil das deutsche Sozial- und Steuersystem die Entlohnung der Arbeitskraft
relativ stark belastet.
Begünstigt durch die Eingliederung von Billiglohnländern in die EU und
die gewachsene Unabhängigkeit der Exportindustrie vom nationalen Standort
verlegen immer wieder Firmen Arbeitsplätze in Länder mit günstigeren
Lohnbedingungen und so bekommt die teuflische Abwärtsspirale weitere Dynamik.
Der Mechanismus ist zweifelsohne bedrohlich und es ist klar, dass eine Regierung
in irgendeiner Form reagieren will und muss und dies auch tut.
Nun ist die Situation aber delikat und komplex. Das Eine greift ins Andere und
wie bei einem Zauberwürfel kommt man auf der einen Seite dem Ziel näher
während man sich auf der anderen Seite vom Ziel entfernt - und hinsichtlich
des letztlich gewünschten Ergebnisses die Lage vielleicht sogar verschlechtert.
So wirkt so manche Maßnahme gut gemeint aber schlecht durchdacht bis hoffnungslos
naiv und manches Mal sogar durch billige Trickserei und Pfuscherei ruiniert.
Die an und für sich gute Idee, die Unterstützung der Arbeitssuchenden
durch das Arbeitsamt zu intensivieren und Arbeitsunwillige zu motivieren, verkommt
zur teuren Schikane.
Die teuer zur Agentur für Arbeit umgebaute Behörde hat schlicht keine
Jobs zu vergeben, die über die Angebote von Personaldienstleistungsfirmen
hinausgehen - und selbst dieses externe Vermittlungsangebot ist keine Garantie
für einen Job. Die Jobs, die durch Personaldienstleistungsagenturen zu bekommen
sind, zeichnen sich dann aber meist dadurch aus, dass sie mehr schlecht als recht
bezahlt und alles andere als sicher sind. Die Agentur für Arbeit zwingt Arbeitslose
nun förmlich dazu, sich - wenn auch nicht selten vergeblich - bei diesen
Dienstleistern zu bewerben. Natürlich ist der Arbeitslose auch dazu angehalten,
sich bei allen anderen möglichen oder unmöglichen Stellen zu bewerben.
Das führt nicht selten dazu, dass sich Menschen mehrmals über dieselben
Gelben Seiten bewerben, ohne eine Stelle zu bekommen.
Die immer wieder und wieder geschriebenen Bewerbungen erfreuen die Verkäufer
von Druckzubehör und Büromitteln und nicht zuletzt die angeschriebenen
Firmen, die in einem erschreckend hohen Teil der Fälle Mappen und Klarsichtfolien
einbehalten.
Doch unterm Strich scheint das Resultat der massenhaften und erzwungenen Initiativbewerbungen,
die von der Agentur zu einem recht hohen Teil, aber eben nicht komplett gezahlt
werden, vor allem ein großer Haufen Spesen zu sein.
Weder bekommt der Arbeitssuchende Unterstützung für Computer oder Datentarife,
noch kann man mit Unterstützung rechnen, wenn Produkte, die eigentlich gezahlt
werden sollten, vom Verkäufer zu pauschal als Büromaterial ausgezeichnet
wurden.
Der Umbau vom Amt zur Agentur sollte den Arbeitssuchenden zum Kunden machen und
den Vorgang der Arbeitsvermittlung irgendwie professioneller, ja effizienter und
vorteilhafter für den
"Kunden" gestalten.
Doch wie ein Erfahrungsbericht zeigt, scheint es damit nicht weit her zu sein:
Unterschiede im Umgang mit Arbeitslosen gibt
es bereits zwischen dem Land Brandenburg und Berlin. Im Land Brandenburg, genauer
gesagt in Oranienburg, wird man zunächst an einer Rezeption empfangen,
danach werden die Daten aus dem Fragebogen eingegeben und basta. Manche Mitarbeiter
schienen nicht besonders motiviert, aber ein Mindestmaß an Höflichkeit
war stets gegeben. Schon im Wartebereich finden sich zahllose Informationsschriften
von der Bewerbung bis hin zu Infos für Existenzgründer. Berlin Mitte.
Unser Weg führt zu einer Adresse, die uns der Vermieter mit einem Merkblatt
beim Einzug gab. Wir gingen dort gleich morgens hin und suchten nach Einlass
nach der Information. Es standen nur zwei "Kunden" vor uns, doch das
Flair vom "Kundenservicecenter" verblasste spätestens mit dem
Gesichtsausdruck des Mitarbeiters hinter dem Empfangstresen. Dieses Gesicht
ließ vieles erahnen: Dass ihn sein Job anwidert, dass ihn die ganzen Proleten
vor seinem Tresen anwidern - oder dass ihn seine Frau vergangenen Abend nicht
an sich heranließ. In jedem Fall ein Gesicht wie ein Feuermelder. Man
muss sich ja nichts anmerken lassen, so grüßte ich den Mann höflich.
Der erwiderte den Gruß zwar, jedoch ohne in mein Gesicht zu sehen oder
auch nur den Hauch von Höflichkeit in seine Stimme zu legen. Ich bat um
Information bezüglich der Antragstellung für ALGII, woraufhin mir
der Mensch mit einem kurzen Griff die notwendigen Formulare übergab. Wir
bedankten uns und fragten, wie es nach Ausfüllen des Antrages weiter ginge
- vor allem: Wo? Auf einem Notizzettel schrieb er die Anschrift der Leistungsstelle,
bei der der Antrag eingereicht werden soll. Er betonte dazu, dass dieses ausschließlich
persönlich geschehen könne.
Wir gingen nach Hause und begannen mit dem Antrag. Die Fülle der Fragen
würde jeden zunächst erschaudern lassen, beinahe gewinnt man den Eindruck
des Big Brother, der hier mit einer Fülle von Daten gefüttert werden
will. Wir füllen den Antrag aus und kopieren entsprechend die vielen Unterlagen,
welche die BA im Original vorgelegt und in Kopie von Seiten des Hilfesuchenden
übergeben wissen will. An einem anderen Tag suchten wir nun die Leistungsstelle
der BA. Wir sahen die Blechcontainer, verziert mit dem Logo der BA und suchten
nach dem Eingang. Doch es war nur der Weg zum Jobcenter - nicht für ALGII-Antragsteller
gedacht. Über den Hof um die Ecke des Gebäudes in Haus 1 sollte es
sein. Die Leute standen bereits kurz hinter dem Eingang an. Drei Personen -
offensichtlich Pförtner - stehen beim Ende der Schlange. Was wir bis dahin
nicht wussten: Die Schlange verlief zunächst geradezu in das Gebäude,
schlängelte sich nach links bis zum Ende des nächsten Ganges um dort
in die entgegen gesetzte Richtung zu dem Zimmer zu führen, in das alle
wollten. Da es in der Schlange kaum voran ging, die ganze Zeit zog und für
meine hochschwangere Frau kein Sitzplatz zu sehen war, gingen wir. Auf dem kurzen
Weg nach draußen fragten wir den Pförtner, ob das hier der Normalzustand
sei, doch der beruhigte uns. Wir sollen besser zur Mitte des Monats vorbei kommen,
da viele zum Anfang wie zum Ende des Monats hier wegen des Geldes stünden,
dass sie benötigen und noch nicht erhalten haben. Wir bedankten uns für
den Hinweis und gingen zunächst - nach einer solchen Auskunft jedoch nicht
ohne ein mulmiges Gefühl.
Ein paar Tage später galt es, den zweiten Anlauf zu starten. Um 7:30 Uhr
erschienen wir vor der Tür der BA zwecks Abgabe unseres ALGII-Antrages.
Es wurde zwar erst um 8:00 Uhr geöffnet, doch die Schlange der Wartenden
war geschätzt 50 - 70 Meter lang und war kurz vor Einlass beinahe doppelt
so lang geworden.
8:00 Uhr: Die Pforten öffneten sich, alle marschierten fair hintereinander
in das Gebäude. Einige - auch wir - begrüßten den Pförtner
im Vorbeigehen mit einem "Guten Morgen", welcher stets von ihm erwidert
wurde.
Der Gang zu Zimmer 170 mit unserem zweiten Versuch, der Anlaufstelle für
Antragsteller, schien nun nicht so strapaziös zu werden. Wir standen diesmal
nicht hinter der Eingangstür des Gebäudes, sondern gute 10 m dahinter.
Und die Schlange machte keinen Knick nach links, sie bog direkt nach rechts
in Richtung Zimmer 170 ab.
Es war mittlerweile 8:30 Uhr, als wir das ominöse Zimmer erreichen. Im
Inneren vier Damen hinter einem Tresen sitzend, um die Anliegen der "Kunden"
zu koordinieren. Unser Gegenüber sandte uns sofort zu Zimmer 173, von dem
aus wir aufgerufen werden würden.
Zehn Minuten später rief eine Mitarbeiterin der BA unseren Namen, in der
Zwischenzeit warteten wir in mitten derer, die noch für das Zimmer 170
anstanden. Bereits jetzt musste die Schlange doppelt so lang gewesen sein.
In diesem Zimmer 173 wurden wir nun freundlich empfangen, überreichten
erste Unterlagen und beantworteten die Fragen zur beruflichen Qualifikation.
Ich füllte die Formulare im Stehen an der Fensterbank aus, da es nur einen
Stuhl in dem Zimmer gab. Dieser stand natürlich meiner schwangeren Frau
zu. Doch dies war erst die Zwischenstation, um 9:10 Uhr wurden wir in einen
Warteraum in der 3. Etage geschickt.
Die ersten Prospektständer, die wir dort zu sehen bekamen, waren leer.
Offensichtlich halten die Berliner Mitarbeiter der BA nicht viel von Autodidaktik.
Nun kam eine Dame in den Wartebereich und fragte zunächst nach Neuankömmlingen,
um einen Zettel einzusammeln, den wir zuvor in Zimmer 173 erhielten. Kurze Zeit
später wurden wir aufgerufen und zum Zimmer 368 zu Frau Fisch (Name geändert,
der Red. bekannt) geschickt.
Zwei Damen waren dort mit der Antragsaufnahme beschäftigt, ich nahm auf
der linken Seite Platz, wobei meine Frau stehen musste. Wieder einmal nur ein
Stuhl zur Verfügung. Frau Fisch prüfte nun den Antrag auf ALGII und
begann, den Antrag durchzusprechen. Dabei wiederholte sie permanent die Fragen
und unsere angekreuzten Antworten bis ich ihr leicht genervt zu verstehen gab,
dass wir den Antrag bewusst ausgefüllt hätten und unsere Angaben entsprechend
korrekt sind.
Nach und nach forderte sie die erwünschten Kopien ein. Obwohl Frau Fisch
die Gehaltsabrechnung meiner Frau vor Augen hat, bittet sie um Vorlage der Krankenversichertenkarte
wie des Sozialversicherungsausweises meiner Frau. Wozu? Alle Kranken- und Sozialversicherungsangaben
stehen deutlich auf der Abrechnung?
Sie widmet sich nun dem Mutterpass, der bei Antragstellung vorgezeigt werden
soll und fragt weiter nach den Bescheiden, die ich mit Ende einer ALGI-Leistung
und Beginn einer ALGII-Leistung erhielt. Anhand der Unterlagen, die ich dabei
hatte, war nun klar ersichtlich, dass KEIN Anspruch auf Arbeitslosengeld 1 besteht.
Dennoch kündigte sie an, dass ich mich um einen entsprechenden Bescheid
beim Jobcenter bemühen solle. Nun ging es weiter: Sie forderte das Zusatzblatt
3 ein, auf dem weitergehende Vermögensverhältnisse erfasst werden
sollten. Doch im Antrag steht klar:
1. Frage:
"Ich (Antragsteller) und/oder mein/e Partner/in (vgl. Abschnitt 2) haben
Vermögen, das den Wert von 4850 Euro je Person (also bei Partnern insgesamt
9700 Euro) übersteigt."
2. Frage:
"Die in Abschnitt 3 aufgeführten weiteren Angehörigen haben Vermögen,
das den Wert von 750 Euro übersteigt."
Und der Nachsatz:
"Wenn eine der beiden Fragen mit "ja" beantwortet wurde, ist
Zusatzblatt 3 auszufüllen."
Doch wir haben weder so viel Vermögen noch weitere Angehörige gem.
Abschnitt 2. Dennoch fordert Frau Fisch dieses Zusatzblatt ein. Ich zitiere
den Text im Antrag und bitte um Erklärung, da wir beide Fragen verneinen
konnten. Doch Frau Fisch beharrt schlicht auf dieser Forderung und begründet
sie damit, dass das üblich sei. Auf meine Frage, welche Unterlagen sie
weiter benötige, antwortete Frau Fisch: "Geben Sie alles her, was
sie dabei haben." Sie prüfte die Unterlagen nicht, legte sie nach
Sichtung auf den Papierstapel.
Nun bat sie uns, vor dem Zimmer zu warten, während sie ein paar Kopien
anfertigen wollte. Wir gingen hinaus, Frau Fisch verschwand.
Als sie wieder zurück kam und uns hinein bat, fiel uns auf, dass sie auch
eine Kopie des Mutterpasses angefertigt hatte. Wir wiesen Frau Fisch darauf
hin, dass dies nicht statthaft sei. Zum Einen steht im Antragsformular, dass
der Mutterpass vorgezeigt werden soll (wegen des Entbindungstermins), zum Anderen
finden sich rundherum Angaben zu Therapie, Krankheiten und Medikation, die diese
Frau nichts angehen. Ein klarer Verstoß gegen den Datenschutz.
Frau Fisch ignorierte unseren Einwand und lenkte unsere Aufmerksamkeit auf ein
Formular, mit dessen Übergabe wir nun gehen dürften. Dort forderte
sie schriftlich das Zusatzblatt 3, einen zusätzlichen Arbeitslosengeldbescheid
sowie Kontoauszüge des letzten Monats mit aktuellem Stand. Zusätzlich
- obwohl auf mehreren Kopien vermerkt - erwartete sie eine Kopie meines Sozialversicherungsausweises
wie auch dem meiner Frau. Der Kontostand des letzten Monats sollte Frau Fisch
eben sowenig interessieren - da war ich ja noch selbständig berufstätig.
Mir kam das Ganze seltsam vor. Diese Frau schien keine Ahnung vom Inhalt der
Antragsformulare zu haben und nicht des Lesens mächtig zu sein, was die
eingereichten Kopien betrifft. Ich ging vor die Tür, sah auf das Zimmerschild
und fragte: "Sind sie Frau Käferowski oder Frau Fisch?"
Plötzlich entglitt ihr reservierter Gesichtsausdruck, ihre Augen weiteten
sich. Frau Fisch erkundigt sich nach meinem Interesse für ihren Namen.
Ich sage, dass ich lediglich wissen möchte, ob sie nun Frau Käferowski
(Name frei erfunden, Anm. d. Red.) oder Frau Fisch sei. Sie gab nun endlich
ihren Namen preis, stand von ihrem Platz auf und ging auf uns zu. Sie fragte
abermals nach meiner Motivation, ihren Namen zu erfragen. Ich antwortete, dass
ich lediglich ihren Namen erfahren wolle, ich generell gerne weiß, mit
wem ich rede und vor allem prüfen wolle, ob denn hier alles korrekt ablief.
Frau Fisch schien wie umgewandelt: Ihr Gesicht ließ eine zunehmende Röte
erkennen; ihr Gesichtsausdruck schien besorgt und erstaunt zugleich.
Wir verabschiedeten uns höflich mit den Worten: "So, Frau Fisch, dann
wünschen wir Ihnen noch einen schönen Tag." Frau Fisch erwiderte
unsere Worte des Abschieds, wobei sie urplötzlich überfreundlich schien.
Es war nun 10:15 Uhr.
Wir verließen das Gebäude und gingen zu den Containern, in denen
das Jobcenter untergebracht war. Schließlich musste ich nach Willen von
Frau Fisch einen weiteren Nachweis erbringen, dass ich keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld
I habe. Nach meiner Zigarette auf dem Weg dorthin betraten wir das Jobcenter,
sprachen eine der Damen auf unser
Anliegen an und nahmen Platz im Wartebereich - es war nun 10:30 Uhr.
Der Wartebereich war deutlich freundlicher gestaltet, die "Kunden"
sahen rein äußerlich genauso aus, wie jene, die wir zuvor in der
ALGII-Stelle gesehen hatten. Doch hier wurden wir mit einem freundlichen Lächeln
begrüßt, als wir gegen 11:00 Uhr zur Sacharbeiterin gebeten wurden.
Wir trugen unser Anliegen vor. Eine Bescheinigung der ALGI-Stelle, dass kein
Anspruch auf Arbeitslosengeld bestünde. Wir wurden verdutzt angesehen,
als wir der Sachbearbeiterin erklärten, dass die ALGII-Stelle vom Leistungsende,
der Selbständigkeit und der 11 Monate alten ALGII-Bescheinigung Kenntnis
erlangte und dennoch auf dieser Bescheinigung bestand. Andere Mitarbeiterinnen,
die dieses ebenfalls hörten, schüttelten verständnislos den Kopf
und äußerten sich abfällig gegenüber dieser Frau Fisch.
Unsere Sachbearbeiterin füllte das Formular sogar für uns aus und
legte es uns zur Unterschrift vor. Es war 11:10 Uhr, als wir nun gehen konnten
- mit dem ersten geforderten Schriftstück für Frau Fisch.
(Erlebnisbericht eines Betroffenen. Name der Redaktion bekannt.)
Eine solche Ungleichbehandlung will nicht ganz zusammengehen mit einem auf
festen Regeln fußenden Vermittlungs- und Betreuungsprozess.
Aus gewissen Regeln jedoch resultiert offenbar massive Schikane. Wie der
Report
Mainz berichtet, existieren Dienstanweisungen, nach denen etwa Termine so
gelegt werden sollen, dass die Wahrscheinlichkeit eines Nichteinhaltens durch
den Arbeitslosen steigt, was zu einer Kürzung bzw. Sperrung der Leistung
berechtigt und somit eine Einsparung bedeutet.
Schikane und Diffamierung wirken systematisch und wie der Versuch, die katastrophale
Situation klein zu reden.
Auch in diversen sogenanten
"Reportagen" und Talk-Shows unserer
"unabhängig" genannten Medien werden Arbeitslose nur allzu
gern als faule, heruntergekommene Sozialschmarotzer dargestellt - und in genau
diese Kerbe haut man auch von staatlicher Stelle schon seit geraumer Zeit, wie
die Ask1-Redaktion in ihrem
Blog
bereits berichtete
(Das Papier, auf das sich der Redakteur dabei bezieht, ist
übrigens schon wieder aus dem Netz genommen worden ... offenbar ist man nicht
bereit, wirklich dazu zu stehen, was auch im Zusammenhang mit entsprechenden Beschwerden
und Klagen stehen könnte, die im Zuge der Aussagen des damaligen Wirtschaftsministers
Clement auftraten). Und das spiegelt sich wie selbstverständlich im Verhalten
vieler Mitarbeiter der Agentur für Arbeit wieder. Dieses Verhalten mag dazu
beitragen, die Ursache des Problems etwas zu verschleiern - doch im Sinne einer
wirklichen Problemlösung ist diese zur Schau getragene Haltung lediglich
kontraproduktiv.
So genannte
"Sozialsheriffs" streifen durch die Lande und sollen
helfen, Leistungsmissbrauch aufzudecken. Dabei benehmen sich diese Leute weit
über ihre tatsächlichen Befugnisse hinaus. Ohne gültigen Durchsuchungsbefehl
gebärden sich diese Leute, als hätten sie ein verbrieftes Recht, die
Persönlichkeitsrechte eines Langzeitarbeitslosen zu brechen, weil jener sich
eben der lang anhaltenden Arbeitslosigkeit schuldig gemacht hat. Viele glauben
wohl tatsächlich, dass diese
"Sozialsheriffs" solche Befugnisse
hätten - doch dem ist wohl ganz sicher nicht so. Ohne akute Gefahr im Verzug
oder einen gültigen Durchsuchungsbefehl darf selbst die Polizei nicht einfach
in eine Wohnung - und schon gar nicht ein Mitarbeiter einer ARGE.
Es wird mit den Hilfsbedürftigen regelrecht umgegangen, als hätte man
es mit kriminellen
"Untermenschen" zu tun. Diese Haltung seitens
der ausführenden Organe könnte auf unangenehme Weise zurückprallen.
Dass die Situation aber von einer breiten Front von Unternehmern ausgenutzt wird,
scheint auf der anderen Seite den
"Sheriffs" nur allzugern
zu entgehen.
Immer häufiger tauchen Jobs auf, die nur dann zu haben sind, wenn man Umschüler
ist oder sonstige Förderungen durch die Arbeitsagentur mitbringt.
Immer häufiger werden Teilzeitjobs angeboten, die letztlich aber zu Vollzeitjobs
ausarten müssen, wie im Falle eines Kölner Kfz-Mechatronikers, der im
Rahmen viel zu niedriger Zeitkontingente Leistung erbringen soll und für
sein bisschen Geld deutlich überdurchschnittlich mehr arbeitet, weil er seine Arbeit nicht unvollendet
lassen kann.
Immer seltener werden Stellenangebote, die nicht irgendwie einen eklatanten Haken
zu haben scheinen.
Verunsichernd und eher auch konsumhemmend dürften die Versuche sein, Menschen
zu zwingen, ihre Heimatorte zu verlassen, um irgendwo in Deutschland einen meist
kurzfristigen oder zumindest unsicheren Job anzunehmen. Wer wird in solchen Zeiten
schon noch in Familie und Wohnungseinrichtung investieren?
Ebenfalls Kontraproduktiv wirkt die Masse an Änderungen in der Sozialgesetzgebung.
"ich weiß manchmal gar nicht, wie ich das meinen
Vermittlern noch Erklären soll" sagte etwa ein der Redaktion
bekannter Leiter einer Arbeitsagentur. Chaos und Fehlinformationen sind programmiert.
Die einst als modernes Hilfsmittel für Arbeitssuchende gedachte Jobbörse
der Agentur für Arbeit wirkt unterm Strich wenig motivierend. Eine Abfrage
nach einem Jobangebot in einem bestimmten Bereich zeigt meist zwei eher frustrierende
Wahrheiten.
1.) es haben sich schon über hundert Arbeitssuchende dieses Angebot angesehen
und 2.) es handelt sich wieder einmal mehr um eine Personaldienstleistungsagentur,
die diese Stelle anbietet.
Die Unterstützung der Zeitarbeitsfirmen durch den Staat schien eine gute
Idee zu sein, hat sich aber wie schon so manch andere Förderung (vom Arbeitsamt
geförderte und bezahlte Praktikanten oder Umschüler) zunehmend zum Instrument
des Lohndumpings entwickelt. Immer mehr Firmen bevorzugen die verhältnismäßig
billigen und leicht zu kündigenden Leiharbeiter und besetzen offene Stellen
nicht mit regulären Angestellten. Im Gespräch mit einer Firma im fränkischen
Wunsiedel wurde ausdrücklich klar gestellt, dass offene Stellen vorhanden
seien, dass man Facharbeiter für Arbeit im Dreischichtbetrieb suche, aber
nur noch mit Zeitarbeitsfirmen zusammen arbeiten würde. Man solle sich doch
bei einer regionalen Personaldienstleistungsagentur mit seinen Qualifikationen
bewerben; man würde dann mit einiger Wahrscheinlichkeit in die freie Stelle
vermittelt. Die Anstellung, so ergaben weitere Recherchen, wäre dann eine
als Hilfsarbeiter gewesen. Anstatt im Dreischichtbetrieb zu arbeiten würde
man auf eine Schicht festgelegt und wäre mit 7 Euro in der Stunde entlohnt.
So verdrängt die vom Staat quasi unterstützte Zeitarbeit reguläre
Arbeitskräfte. Vom Gesetzgeber war das so nicht gedacht. Leiharbeiter sollten
nie qualifizierte reguläre Facharbeiterstellen ersetzen. Doch die derzeitige
Arbeitsmarktsituation begünstigt derartigen Missbrauch.
Die Ein-Euro-Jobber sollten Menschen kleinste Erwerbsmöglichkeiten neben
dem Bezug von staatlichen Regelleistungen bieten. Doch immer häufiger arbeiten
etwa Sozialarbeiter, Kranken- oder Altenpfleger und Stadtreiniger auf Basis des
Ein-Euro-Tarifs in Stellen, die eigentlich tariflich bezahlte Fachpersonalstellen
sein sollten - oder einmal solche waren.
Eigentlich ist das ganz klarer Missbrauch der Regelung, doch die teils schlecht
informierten
"Arbeitnehmer" wissen oft nicht einmal, dass sie
solchen Missbrauch anzeigen könnten und im Falle des juristischen
"Kräftemessens"
sogar einen vom Staat garantierten Rechtsschutz hätten.
Dabei ist so eine Arbeitskraft für einen Euro die Stunde nicht einmal eine
Investition des Anbieters einer solchen Stelle.
Im VDK (einer der großen Sozialverbände Deutschlands) etwa arbeiten
ALGII-Empfänger für 1,5 Euro in der Stunde und 6 Stunden am Tag als
Mobilitätshelfer für Senioren.
Dabei bekommt der VDK pro Helfer 500 Euro im Monat gezahlt und Schüttet ca.
180 Euro an die einzelnen Helfer im Monat aus.
Der Sozialverband bekommt also nicht nur kostenlose Helfer sondern auch noch indirekte
Geldwerte als Subvention.
Hier erscheint besonders unerfreulich, dass gerade in einem Sozialverband (zumindest
in dem der Redaktion vorliegenden Fall) der Umgang mit den billigen Hilfskräften
mehr als nur verächtlich scheint.
Herabwürdigung durch fachliches Anleitungspersonal scheint dabei an der Tagesordnung
zu sein.
Projekte, bei denen zu Ein-Euro-Konditionen eingestellte gezwungen werden sollen,
auch noch
spezielle
Kennzeichen zu tragen, werden als zynische Diskriminierung verstanden - und
dabei ist es wohl den Betroffenen egal, ob das auch so gemeint war.
Beschwerden bei den zuständigen Arbeitsgemeinschaften verlaufen offenbar
meist im Sande.
Die Erhöhung der Lebensarbeitszeit durch ein späteres Renteneintrittsalter
soll - ähnlich wie unbezahlte Mehrarbeit - die Produktivität erhöhen
und auf diesem Weg die letztendlichen Produktionskosten senken. Doch unterm Strich
werden lediglich immer mehr Menschen überflüssig; verlieren Ihre Jobs
oder bekommen gar nicht erst welche.
So mancher mutmaßt zynisch, dass ein höheres Renteneintrittalter die
Zahl der Rentner reduzieren soll, weil ja viele Menschen noch vor dem Erreichen
des Rentenalters an Überarbeitung sterben. Eine solchermaßen herbeigeführte
Entlastung der leeren Rentenkassen wäre Menschenverachtend und man will das
den Verantwortlichen gar nicht zutrauen - und dennoch ist der böse Verdacht
nicht ganz von der Hand zu weisen, denn ganz sicher wird gerade mit Hilfe der
Gesundheitsreform ein solcher Effekt wahrscheinlich.
Die Reformen des Gesundheitssystems sollten dazu beitragen, die Lohnnebenkosten
etwas zu senken und so Arbeitnehmer billiger zu machen - was dazu animieren sollte,
dass mehr Menschen Arbeit finden. Die Krankenkassen sollten entlastet werden,
sich sanieren und deswegen in die Lage versetzt werden, ihre Beiträge zu
senken. In erster Linie schien die Pharmaindustrie die Gelegenheit genutzt zu
haben, ihre Gewinne zu vergrößern; die Krankenkassen schrieben relativ
rasch schwarze Zahlen und errichteten prächtige Paläste aus Glas. Der
Bürger fand sich in einer Welt aus Zuzahlungen und gestrichenen Leistungen
wieder. Die Beiträge sanken nicht
(Ganz im Gegenteil: Die Kassen kündigten
bei gesunkener Leistung sogar Erhöhungen an.) und somit sanken auch nicht
die Lohnnebenkosten - und natürlich blieben die erhofften Effekte auf dem
Arbeitsmarkt aus.
Die politischen Verantwortlichen der Reform sahen sich ganz offenbar nicht in
der Lage, die von Ihnen erwünschten Effekte herbeizuführen. Die Reform
wirkt wohl in erster Linie verunsichernd und schröpfend auf die Mehrzahl
der Bürger. Anstatt auf einen Urlaub spart man jetzt auf neue Zähne
oder eine Brille.
Die enormen Einschnitte im sozialen Netz sorgen nicht nur für Verunsicherung
sondern für schiere Frustration.
Ich möchte gar nicht älter werden,
wenn ich jetzt sterben würde, dann würde mir das gar nichts ausmachen,
denn Rente bekomm ich ohnehin nie eine und wer weiß schon wie das weitergeht.
Ich will nicht im Alter in einer kalten Behausung verhungern.
erklärte eine 19-jährige Zeitarbeiterin und ist damit genausowenig
ein Einzelfall wie die ältere Dame, die Ihre Jugend während des Krieges
verbrachte und selbst dazu sagt:
Ich beneide euch junge Leute nicht. Ich möchte
heutzutage nicht mehr jung sein und bin froh, dass ich das alles schon soweit
hinter mir habe.
Immer mehr Menschen sehen die Zukunft als katastrophal an. Sie sind weder in der
Lage noch motiviert, zu investieren oder etwa Kinder in die Welt zu setzen.
Kinder? In diesen Zeiten? Das kann ich doch
nicht verantworten? Ich weiß doch überhaupt nicht, wie das bei mir
läuft, was in zwei Jahren ist, wie ich sie versorgen soll, von was sie
mal leben sollen.
Kinder werden von Entscheidungsträgern gern als eine Art
"Allheilmittel"
gesehen. Man bräuchte nur mehr Kinder, dann könnte man auch die Renten
sichern. Doch Kinder, die keine vernünftige Ausbildung bekommen und keine
Jobs haben werden, tragen genauso wenig zur Stabilisierung des Rentensystems bei
wie schikanierte Bürger helfen, die wirtschaftliche Misere zu lösen.
Neuere Reformen - wie etwa die Anhebung der Mehrwertsteuer - sollen nach Vorstellung
der Regierung zu Mehreinnahmen durch einen erhöhten Konsum vor der Einführung
und durch mehr Anteil am Wirtschaftskreislauf nach der Einführung der Steuererhöhung
führen.
Doch es ist nicht wirklich zu erwarten, dass eine von ständigen Preiserhöhungen
gebeutelte Bevölkerung wirklich in einen Konsumrausch verfallen wird, um
noch
"Schnäppchen" zu ergattern. Es ist wohl eher stark anzunehmen,
dass nach der Erhöhung der Mehrwertsteuer der Konsum eher eingeschränkt wird.
Auch diese Reform dürfte so naiv sein wie die Annahme, man könne mit
teuren Durchhalteparolen in den Medien den Bürgern ein anderes Gefühl
geben als:
"Es geht abwärts!"
Den Reformen ist meist eines gemein:
Sie sind nicht geeignet, die komplexe Spirale des Niedergangs in eine andere Richtung
zu beeinflussen.
Immer wieder wird von den unteren Schichten der Gesellschaft gefordert, Opfer
zu bringen und den Gürtel enger zu schnallen - während anderswo kaum
gefördert wird.
Das kann und wird nicht funktionieren.