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Wer kennt sie nicht, die Talkshows und ähnlich leichten Unterhaltungssendungen,
die uns so wundersame Einblicke in so manch entlegenen Winkel unserer Gesellschaft
gewähren.
Sie laufen schon am Vormittag als Wiederholung, begleiten uns über die
Mittagszeit und auch danach bis zum beginn des Abendprogramms haben wir noch
was davon.
Liebevoll detailiert wird da schmutzige Beziehungswäsche ausgebreitet und
schaumig gewaschen. Arbeitslose, die stolz verkünden, sie hätten ja
eh keine Lust zum Arbeiten streiten mit verständnislosen Musterbürgern
und -bürgerinnen. Das Publikum schüttelt mal hier, mal dort den Kopf
und es darf auch gerne mal verächtlich in die Diskussion eingegriffen werden:
"Also was du asozialer Typ da links aussen von dir gibst find ich ja nun
echt nicht mehr korrekt"
Jawoll das ist nicht gut, das ist nicht korrekt, sowas sagt man nicht, so denkt
man nicht und schon gar nicht sagt man es laut auch wenn man dafür vielleicht
sogar Geld bekommen haben mag.
Die Frau, die kaum einen einzigen Satz einigermaßen grammatikalisch korrekt
über die Lippen bekommt, aber braungebrannt erklärt, dass sie als
Partyluder und Hobbyprostituierte ganz gut über die Runden kommt im angeregten
Dialog mit der Hausfrau und liebenden Mutter von nebenan und irgendwie mit dem
Rest der Fernsehnation.
Psychologisch "
bestens" geschulte Experten mit Geheimdienstlich
organisierten Investigationstrupps
(zumindest entsteht der Eindruck bisweilen)
dringen abseits der Talkshows in die tiefsten Abgründe der pseudo Gästeseele,
die fachgerecht auseinander genommen und neu zusammengesetzt wird. Nun ja, wenn
die psychologische Prostitiution vor Millionenpublikum mal nicht zu neuen Schwierigkeiten
führt. Wohl bekomms. Heilung ist alles und immerhin, der Patient vor dem
Fernsehgerät hat es so gewollt. Tröstlich, dass die armen Leidenden
(zumindest die im Studio) nicht mehr als schlechte Laienschauspieler
sind und wir somit nicht mit Heerscharen öffentlich psychologisch destabilisierter
Psychopathen rechnen müssen. Mit dem Willen zu "
brutalstmöglicher"
Aufklärung werden intimste Intimitäten ans versengende Licht der Öffentlichkeit
gezerrt von angehenden Juristen mit medial wertvoller und einschlägiger
Erfahrung. Wie gut, dass wir so umfassend informiert werden und das auch noch
so kompetent.
Juristen im Fernsehen kommen ja immer gut. In endlos spannenden und täuschend
echt nachgestellten Gerichtsverhandlungen, die klarmachen weshalb es um die
deutsche Justiz nicht unbedingt zum Besten steht, da doch in der Realität
eher selten im letzten Moment noch räuige Geständige auftauchen, die
doch dringend nötig sind im Zuge eines solchen Prozesses der kompetenten
Wahrheitsfindung.
Tröstlich jedoch die Darstellung knallharter Staatsanwälte, die, wenn
sie nicht gerade mit der GSG9 Geiseln befreien und höchstselbst finale
Rettungsschüsse abgeben, offenbar dem Gott der Vergeltung ein Lämmlein
opfern.
Ja zumindest die Darstellung solch engagierter Staatsanwälte lässt
hoffen, dass die Verbrechensrate bald gen null sinken wird.
Von so viel nervenzerfetzender Spannung und Realitätsnähe kommt einem
die Pause sehr gelegen. Einmal kann man sie nutzen um die überlastete Blase
zu entleeren zum anderen wird man über die Möglichkeit auf dem laufenden
gehalten musikalische Kleinode für nur schlappe und runde zwei Euro zu
ergattern. Ein Schnäppchen kann man da nur sagen. Vielleicht noch ein Handygame
für 2.88? Na hoffentlich sitzen auch die lieben Kleinen vor dem Gerät,
die ja Hauptzielgruppe solcher Werbung sind. Doch darum muss man sich nicht
wirklich sorgen. Was wollen die Kids schon auch gross machen in unseren kinderunfreundlichen
Städten.
Gelangweilt und reizübersättigt mangelt es ihnen ja ohnehin inzwischen
an Fantasie und Motivation für solch anstrengenden Unsinn wie ihn einst
die Vorfahren in den dunklen Tagen,
(wir erinnern uns, damals als die Welt
noch schwarzweiss war oder zumindest eine ziemlich schlechte Farbqualität
aufwies, wie gelegentliche Sendungen aus diesen Tagen ja belegen) bevor
das strahlende Licht des Privatfernsehens in unsere Katakomben strahlte, als
Unterhaltung ansahen.
Derweil und zur Abwechslung diskutiert die Prominenz der Partymeile ob es denn
Schicklich sei für den etwas beleibteren oder nicht ganz so "
normschönen"
Menschen überhaupt noch vor die Tür zu gehen, weil das doch
"echt
voll scheisse aussieht so wie du da sitzt, dass muss ich dir jetzt schon mal
so sagen, also find halt ich" und man fragt sich warum der nicht
ganz so Normgerechte sich das eigentlich antut und welche Motivation die Genormten
wohl haben mögen ihre blöde Klappe öffentlich aufzureissen.
Es drängt sich die Frage auf, ob die beteiligten dieser heiteren Meinungsbildungs-Selbsthilfegruppe
nicht vielleicht allesamt ein bisschen eingeschränkt sind in ihrer Intelligenz.
Doch diese Frage ist per se gemein wie man schnell ahnt.
"
Asoziale" denkt man hin und wieder und schämt sich pflichtbewusst
sogleich schon wieder dafür, weil es ja politisch nicht korrekt ist so
zu denken. Nein diese Menschen sind nur anders. Sie pflegen ihren individuellen
Stil und man muss sie tolerieren, ja fast schon gern haben.
Irgendwie jedoch bestehen berechtigte Zweifel, ob die meisten Leute das so schaffen,
das mit dem gern haben und dem tolerieren. Viel eher beschleicht einem das ungute
Gefühl, dass bei so manchem, wenn nicht bei der Mehrzahl der Zuschauer,
ein eher deftiges "
Dummes Pack" übrig bleibt als liebevolle
Erinnerung an das Gesehene.
Eigentlich ist das vermutlich auch gar nicht mal so fern von der Intention der
Macher dieser Sendungen.
Wollen die uns am Ende genau das Zeigen? Wollen die uns
(um Himmels willen,
darf man das überhaupt so schreiben?) den "
Abschaum"
der Gesellschaft vor Augen führen um uns in dem schönen Gefühl
zu wiegen, dass wir ja nicht dazu gehören?
Fördern diese Shows am Ende die Vorstellung vom arbeitsscheuen, unwillig,
faul und schmarotzend in der sozialen Hängematte sich suhlenden Arbeitslosen
oder Sozialhilfeempfänger, der überdies noch ungebildet, ja geradezu
barbarisch ist?
Haben da unsere Politiker ihre merkwürdigen Ansichten her? Oder verhält
es sich umgekehrt?
Da beklagt man den Verfall der Werte und betrachtet sich diesen voyeuristisch
via Massenmedium, wo dieser Wunsch sich am Niedergang zu ergötzen gerne
mit entsprechendem Material bedient wird. Böse Menschen könnten soweit
gehen zu behaupten der Niedergang selbst würde durch die Massenmedien geradezu
gefördert. Das böse Wort von der "
Volksverblödung"
macht immer wieder mal die Runde.
Liegt dem eine schlimme Absicht zugrunde? Ist das eine Verschwörung? Sind
wir leichter zu handhaben, wenn wir medial lobotomiert sind?
Nein. Das kann und will man nicht glauben. Das ist doch alles nur Marktwirtschaft.
Das feine und gerechte, ja gute Spiel von Angebot und Nachfrage. Jenes Spiel,
dass auch die Gladiatorenkämpfe im alten Rom schon gerechtfertigt hatte.
Ob nun Proleten in der Konserve
(gemeint sind natürlich, junge und dynamische
Bürger im Container) oder im ganzen Dorf, ob nun abgehalfterte Stars
auf der Insel beim Ekeltest oder halb prominente auf der Alm bei dem Versuch
sich in amüsanten, manchmal sogar ein bisschen infantilen spielen zu messen
und sich in kleinlichen Menscheleien gegenseitig zu zerfleischen, all das ist
da weil der mündige Konsument das so will.
Nun ja. Der mündige Bürger ist zugegebenermaßen nicht immer
ganz so mündig. Eben gerade wenn es um die Kinder geht, die mit bluttriefenden
Animes, merkwürdig zusammenhangslosen Dialogen und weitgehend sinnfreien
Stories, aber eben hübschen Bildern vor der Kiste gehalten werden wo man
ihnen auch gleich die Möglichkeit bietet ihr bisschen Taschengeld für
beispielsweise billige Spielkarten oder schlichte Plastikfigürchen auszugeben.
Auch die in den Siebzigern geborenen sind schon häufig vom Fernseher mit
erzogen und haben zusammen mit ihren etwas jüngeren Mitmenschen wohl nicht
selten eine Art "
Fernsehmeditation" erlernt. Eine Psychotechnik
deren nicht unwesentlicher Bestandteil es wohl ist widerspruchslos jede auch
noch so hirnerweichende Übertragung gleichgültig und zufrieden wie
ein Buddha auszuhalten und allenfalls einmal, einem blinzeln des Göttlichen
gleich umzuschalten in den nächsten Kanal des Leidens und Ertragens.
Das Leben ist Leiden und wir haben hier die Gelegenheit uns für den Alltag
zu stählen indem wir lernen auszuhalten.
Den Versuch einer Alternative bieten noch die öffentlich rechtlichen Sender,
die jedoch mit Ihren teils sehr informativen Reportagen den inzwischen tief
in seinen Übungen verstrickten und in seiner Meditation versunkenen Buddha
Couchpotato nicht mehr zu bewegen vermögen.
Die Welt ist in Ordnung.
Alles wird gut.