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Auch wenn die Suche nach irakischen Massenvernichtungswaffen längst eingestellt
wurde und die angeblichen Verbindungen der irakischen Regierung zu islamistischen
Terroristen schon fast wieder vergessen sind, scheint nun wenigstens die Durchführung
der ersten Wahlen als nachträgliche Legitimation des jüngsten Golfkrieges
zu taugen. Doch ist die Kritik vielfältig; nicht nur, was die Vorbereitung
und Umsetzung der Wahl und die Organisation des Wiederaufbaus angeht, sondern
auch in Bezug auf die weiteren militärischen Pläne der US-Administration.
Mit einem schnellen Abzug der Truppen kann allem Anschein nach nicht gerechnet
werden, obgleich die entsprechende Diskussion auch auf Seiten der Koalition
durchaus kontrovers geführt wird. Die Situation der Bevölkerung hat
sich unterdessen nur teilweise und in sehr bescheidenem Maße verbessert.
Der täglich in Aktion tretende Terrorismus, die allgemeine Unsicherheit,
eine ungenügend bekämpfte Kriminalität, aber auch Misshandlungen
durch die neuen Sicherheitskräfte offenbaren sich zunehmend als Ersatz
für Terror und Willkür der Saddam-Ära. Wirtschaftlich und finanziell
scheint es auch auf irakischer Seite einige Gewinner zu geben, die nun etwas
mehr verdienen können, allerdings leben diese, als Handlanger der Besatzungskräfte,
meist in ständiger Lebensgefahr. Eine Bedrohung, die sie unter anderem
mit irakischen Politikern, Sicherheitskräften, Journalisten und Frauenrechtlerinnen,
letztendlich jedoch mit allen irakischen Passanten verbindet.
Irakisierung der Sicherheitslage
"Al-Qaida in Irak" nennt sich seit kurzem die Terrorgruppe um Zarqawi,
die unter anderem für das Bombenattentat vom 28. Februar 2005 auf einem
Marktplatz in Hilla verantwortlich zeichnet, bei dem mehr als 115 Menschen getötet
wurden. Dieser Anschlag galt offenbar einer Warteschlange, die sich vor einer
medizinischen Einrichtung eingefunden hatte. Rekruten für die irakischen
Sicherheitskräfte warteten dort auf die Untersuchung ihrer Sehfähigkeit.
Zwei Tage später folgte das nächste Attentat auf Rekruten, in dem
sechs weitere Menschen ums Leben kamen. Kurz vor diesen beiden Bombenanschlägen
hatte Ijad Allawi, der umstrittene Premierminister der Übergangsregierung,
bekannt gegeben, dass die irakischen Sicherheitkräfte bei der Bekämpfung
von Widerstandskämpfern noch immer auf die Hilfe US-amerikanischer Führung
angewiesen wären. Dass die Terroristen offiziell den Abzug der Besatzer
fordern, schützt sie offensichtlich nicht davor, als Grund für die
andauernde Truppenstationierung zu dienen. Auch der kompromisslose Einsatz der
US-Armee in Falluja wurde mit einem Verweis auf Zarqawi begründet
(1).
Im Gegenzug lässt sich fragen, ob der gewalttätige Widerstand in seiner
Legitimation auf eine konstante Anwesenheit von US-Truppen angewiesen ist
(2).
Dass es um die Sicherheit der irakischen Bevölkerung nach wie vor nicht
gut bestellt ist, lässt sich nur schwer leugnen. Während die andauernden
Terroranschläge regelmäßig das Leben von Zivilisten fordern
und in weiten Teilen des Landes eine Atmosphäre der Gesetzlosigkeit herrscht,
droht dem Irak die Gefahr, aus einer Phase der Instabilität in einen Zustand
der inneren Zersplitterung zu geraten. Die Anzahl der Todesfälle innerhalb
der Zivilbevölkerung ist nicht eindeutig zu benennen, allerdings können
als Indikator für das Ausmaß der Gewalt die Zahlen der Opfer auf
US-amerikanischer Seite herangezogen werden, denen zufolge im zweiten Halbjahr
2004 deutlich mehr Menschen als die Halbjahre zuvor ums Leben kamen
(3).
Im US-finanzierten Fernsehsender Iraqija hat vor kurzem ein Sudanese gestanden,
an Attentaten im Irak teilgenommen zu haben, und dafür vom syrischen Geheimdienst
zusammen mit anderen Sudanesen und Ägyptern trainiert worden zu sein. Syrien
war schon mehrmals seitens der USA und der irakischen Übergangsregierung
der Unterstützung von Terroristen im Irak beschuldigt worden, doch konnten
auch die Angaben dieses angeblichen Ex-Teroristen nicht verifiziert werden.
Die syrische Regierung dementierte alle Vorwürfe und bekräftigte,
sich nicht in die internen Angelegenheiten des Irak einzumischen
(4).
Mehrfach bestätigt wurde zumindest, dass zahlreiche Terroristen aus dem
Ausland gekommen sind, über den Iran, Syrien und nicht zuletzt auch über
Saudi-Arabien.
Mitte Februar 2005 äußerte der ehemalige Außenminister Colin
Powell in einem Interview mit dem britischen Daily Telegraph, dass die Sicherheitskräfte
im Irak mit der Situation überfordert seien. Zusätzlich merkte er
an, Präsident Bush bereits im August 2002 auf die Probleme im Nachkriegsirak
hingewiesen zu haben, die größeren Einsatz als die Machtübernahme
erfordern würden. Allerdings geht es in diesem Zusammenhang in erster Linie
um die Truppenstärke und weniger um eine Diskussion der Prioritätensetzung
im konkreten Einsatz der verfügbaren Truppen. Die "Irakisierung der
Sicherheitslage" scheint dessen ungeachtet langsam Fortschritte zu machen,
während die Attentate auf irakische Sicherheitskräfte, aber auch die
Misshandlungsvorwürfe gegenüber denselben zunehmen.
Was den Schutz der Bevölkerung vor rechtswidriger Behandlung durch die
eigentlichen Sicherheitskräfte angeht, wurden inzwischen immerhin einzelne
Täter der US-amerikanischen und britischen Truppen vor Gericht gestellt.
In Anbetracht der genehmigten Verhörmethoden am Rande der Legalität
(5), der Rechtfertigungsversuche einer Praxis der Folter im
"Krieg gegen den Terror" durch prominente Regierungsvertreter sowie
der gezielten Einrichtung von Ausnahmezonen wie Guantanamo Bay muss jedoch die
Frage gestellt werden, inwiefern bei den zahlreichen Vorfällen noch von
Ausnahmen gesprochen werden kann oder ob es sich nicht vielmehr um einen institutionalisierten
Ausnahmezustand handelt
(6).
Anthony D. Romero von der Amerikanischen Bürgerrechtsunion (ACLU) äußerte
sich vor einigen Monaten anlässlich der Veröffentlichung von Dokumenten,
welche die US-Regierung belasteten, wie folgt
(7):
„Diese Papiere erzählen eine Geschichte von Misshandlungen, die von
der Regierung gefördert wurden - eine Geschichte, die die Regierung zu
verbergen versuchte, und die unsere eigenen Truppen, die im Irak entführt
werden, heimsuchen könnte.“
Was mit dem letzten Satzteil gemeint ist, lässt sich erahnen, wenn auf
den Videomitschnitten von Hinrichtungen durch irakische Terroristen zu sehen
ist, dass der Todgeweihte den orangefarbenen Anzug der Guantanamo-Häftlinge
trägt.
Söldner und Milizen

Ein weiterer heikler Punkt im Irak-Konflikt ist der umfangreiche Einsatz von
privaten Sicherheitskräften. Das zweitgrößte Kontingent an Truppen
nach der US-Armee stellen private Unternehmen, deren Mitarbeiter offziell nicht
an militärischen Einsätzen teilnehmen dürfen. Berichte, Interviews
sowie Fotografien der Sicherheitskräfte im Einsatz zeichnen jedoch das
Bild von Söldnern, die an Kampfhandlungen beteiligt sind und sowohl in
den Heimatländern ihrer Firmen als auch in den Einsatzgebieten wie dem
Irak in rechtlichen Grauzonen agieren. Hohe Bezahlungen garantieren den Nachschub.
"Der Irak bietet ein außergewöhnliches Umfeld für Geschäfte,"
wie Jonathan Garatt, der Direktor von "Erinys" feststellte, der mit
seiner Firma die Sicherheit der Erdöl-Infrastruktur gewährleisten
soll und zu diesem Zweck die Ausbildung einer Armee für das Ölministerium
übernimmt. Über 15 000 Söldner aus Dutzenden von Privatunternehmen
sind im Irak eingesetzt, darunter Firmen wie "Blackwater" (Eskorten
und Leibwache), "Global Risk" (Leibwache), "Armor Group"
(Minenräumung und Eskorten) oder "Custer Battles" (Flughafensicherheit).
Die Vorteile für die US-Armee sind offensichtlich: der Soldatenmangel wird
überwunden, die Gefallenenzahlen werden geschönt, Rechtslage und Verantwortlichkeit
sind ungeklärt
(8).
Auch die neu aufgebauten irakischen Sicherheitskräfte geraten vermehrt
in die Kritik. Human Rights Watch veröffentlichte unlängst einen Bericht,
der den Fortgang von Folter und Misshandlung unter den neuen Autoritäten
beschreibt
(9). In einer anderen Publikation machte Amnesty
International bekannt, dass sich die Situation der Frauen im Irak seit dem Sturz
Husseins insgesamt kaum verbessert hat. Misshandlungen, Entführungen, Vergewaltigungen
und Todesfälle haben nicht erkennbar abgenommen. Politische Aktivistinnen,
Vertreterinnen der Frauenrechtsbewegung und Journalistinnnen leben im Irak gefährlich
(10). Unter den Tätern finden sich neben Terroristen,
unpolitischen Kriminellen und religiösen Fundamentalisten auch US-amerikanische
und verbündete Soldaten sowie Mitglieder der irakischen Sicherheitskräfte
(11).
Als eine relativ unerwartete Entwicklung ist das Entstehen von irakischen Bürgerwehren
zu beobachten, die sich hinter prominenten Führern wie Adnan Thavit, einem
ehemaligen Geheimdienstoffizier, der sich gegen Hussein wandte, zusammen finden.
Einerseits können sich diese Formationen an der Terrorismusbekämpfung
beteiligen und werden dafür Berichten zufolge auch von der irakischen Administration
unterstützt, andererseits agieren auch die Bürgerwehren in rechtlichen
Grauzonen, sind schwer zu kontrollieren und wollen sich nicht in die staatlich
organisierten Verbände einbinden lassen
(12).
Eine radikale schiitische Miliz verfolgt unterdessen - weitgehend unbemerkt
von den großen Medien - konsequent das Ziel, ehemalige Funktionäre
des alten Regimes zu lynchen. Mitglieder der Badr-Brigaden, berichten jedoch
von Einzeltätern, die auf eigene Rechnung agieren. Großayatollah
Sistani hatte die Schiiten mehrfach aufgefordert, sich mit dem Gesetz und nicht
mit der Waffe zu rächen, dennoch dauern die Aktionen gegen ehemalige Baath-
Funktionäre an
(13).
Wirtschaftliche Situation
Die Zivilbevölkerung im Irak hat es auch nach ihrer offiziellen Befreiung
nicht leicht. Hohe Arbeitslosigkeit, eine stark eingeschränkte Elektrizitätsversorgung,
die durch überteuerten Strom von privaten Generatorenbetreibern ergänzt
werden muss, sowie Trinkwasser- und Nahrungsmittelmangel sind nur ein kleiner
Ausschnitt der alltäglichen Problematik. Zumindest einige Menschen haben
inzwischen wieder Arbeit gefunden, doch stehen diese Beschäftigten meist
in direktem oder indirektem Verhältnis zu den US-amerikanischen Kräften,
was sie wiederum zur Zielscheibe für Widerstandskämpfer macht, die
sie als Handlanger der Besatzungsmacht verstehen.
"Es ist wirklich nicht mein Ziel, für die US-Armee zu arbeiten, aber
was können wir tun, wenn jetzt alle Unternehmen im Irak direkt oder indirekt
mit den Amerikanern arbeiten müssen?" äußerte eine beschäftigte
irakische Sekretärin im Interview mit al-Jazeera
(14).
Der Lohn ist zwar im Vergleich zur Situation vor Kriegsbeginn teilweise recht
hoch, doch kommen viele zusätzliche Kosten hinzu, die auch den Werktätigen
wenig finanziellen Freiraum lassen. Das Öl ist unverändert knapp für
die Zivilbevölkerung und schwer zu erstehen. Kilometerlange Staus vor den
Tankstellen gehören in Bagdad zum gewöhnlichen Straßenbild,
stundenlanges Warten wird Normalität. Auch heißes Wasser ist in vielen
Häusern Luxus, und schon die minimale Beheizung des Wohnraumes kann zum
schwerwiegenden Problem werden. Zu den aktuellen Schwierigkeiten gesellen sich
einige düstere Aussichten in Bezug auf die künftige wirtschaftliche
und politische Organisation des Landes.
Das neue Patentrecht im Bereich der Landwirtschaft sieht etwa vor, dass in Zukunft
gentechnisch verändertes Saatgut nicht - wie das bisher bei gewöhnlichem
Saatgut üblich war - ohne Einschränkungen gezüchtet und unter
den Bauern bei Bedarf weitergereicht werden kann, sondern strengen Lizenzbestimmungen
unterliegt. Neben den unmittelbaren Schwierigkeiten, die sich direkt durch das
Verbot einer weiteren Verwendung des Saatgutes ergeben, zeichnet sich eine weitere,
langfristige Problematik ab. Denn sollte sich das eingeführte Saatgut auskreuzen,
könnten sich Lizenzzahlungen und Abhängigkeiten sogar auf diejenigen
Bauern ausweiten, die sich eigentlich auf das traditionelle Saatgut beschränken
wollen. Kommt das genetisch veränderte Saatgut auch noch durch Hilfslieferungen
in den Irak, ist die Ausbreitung kaum zu verhindern. Und wenn die patentierten
Sequenzen erst einmal verbreitet sind, sind sie nicht einfach zu entfernen.
Biotech-Unternehmen wie Monsanto, Syngenta, Bayer oder Dow Chemical könnten
sich in dieser Weise, auf Kosten der irakischen Bauern, den irakischen Markt
sichern
(15).
Der Wiederaufbau von Infrastruktur und öffentlichen Institutionen wird
weitgehend von US-amerikanischen und britischen Unternehmen erledigt. Eine diesbezügliche
Top-Ten der Kriegsprofiteure 2004 wird angeführt von Aegis, einem britischen
Konzern, der die zahlreichen privaten Sicherheitskräfte im Irak koordiniert
und zu diesem Zweck einen 293 Millionen Dollar-Vertrag bekommen hat, gefolgt
von BearingPoint und Bechtel, die beide der US-Regierung nahe stehen und sich
um den Aufbau des privaten Sektors und die Infrastruktur kümmern. Die Firma
Halliburton, die bis 2000 von Dick Cheney geleitet wurde, folgt in der Auflistung
durch das "Center for Corporate Responsibility" erst an siebter Stelle.
Sie geriet zumindest zeitweise in die öffentliche Kritik, als bekannt wurde,
dass in einem Fall 61 Millionen Dollar zuviel für Benzin und weiterhin
6,3 Millionen Dollar für nicht gelieferte Essensrationen berechnet wurden.
Die "engen Verbindungen zwischen Auftraggebern und Auftragnehmern",
die auch "Public Integrity" beklagt, finden unterdessen selten den
Weg in die Massenmedien. Und Halliburton bekam einen weiteren Vertrag über
1,2 Milliarden Dollar
(16).
Schwarzes Gold
Was die künftige Organisation der irakischen Ölindustrie angeht, findet
die Diskussion weitgehend hinter verschlossenen Türen statt. Hassan Juma'a
Awad, der sowohl Präsident der Südlichen Gewerkschaft des Ölgewerbes
als auch der Gewerkschaft der Ölarbeiter von Basra ist, scheint mit schweren
Auseinandersetzungen zu rechnen
(17):
"Wir sehen es als unsere Pflicht an, die Ressourcen des Landes zu verteidigen.
Wir weisen alle Schritte zurück, unsere Ölindustrie zu privatisieren
und werden uns dem entgegenstellen. Wir verstehen diese Privatisierung als eine
Form des Neo-Kolonialismus, als einen Versuch, eine permanente wirtschaftliche
Okkupation durchzuführen, die der militärischen Okkupation folgen
soll."
Die von den Arbeitern ins Leben gerufenen Vereinigungen, denen Awad vorsteht,
werden jedoch trotz hoher Mitgliederzahlen nicht offiziell anerkannt. Awad äußert
sich in einem Beitrag im britischen "Guardian" sowohl gegenüber
den Terroristen als auch gegenüber den Bestrebungen der Koalition ablehnend
und spricht sich entschieden für eine irakische Selbstverwaltung ohne amerikanische
Truppen und Stützpunkte aus. Die Notwendigkeit für ein Engagement
der Arbeiter folgt Awad zufolge nicht zuletzt aus der Prioritätensetzung
der Besatzungskräfte:
"Als sich die Besatzungstruppen zurücklehnten und zuließen,
dass Basras Krankenhäuser, Universitäten und öffentliche Einrichtungen
angezündet und geplündert wurden, während sie nur das Ölministerium
und die Ölfelder verteidigten, wussten wir, dass wir es mit einer brutalen
Macht zu tun hatten, die bereit ist, ihren Willen durchzusetzen ohne Rücksicht
auf menschliches Leiden."
Weiterhin wirft er der neuen Administration vor, repressive Gesetze beizubehalten,
die von Saddam erlassen wurden, darunter eine Anordnung von 1987, die den Gewerkschaften
fundamentale Rechte entzog. Einige Erfolge können die Gewerkschaften schon
vorweisen; so wurde etwa nach einem dreitägigen Streik die Mindestbesoldung
der im öffentlichen Sektor beschäftigten Iraker verdoppelt, und sogar
das Unternehmen Kellogg, Brown & Root (KBR), eine Tochterfirma von Halliburton,
musste aufgrund der Aktivität der genannten Gewerkschaften schon Entscheidungen
revidieren und in einem Fall 1 000 von 1 200 ausländischen Beschäftigten
durch Iraker ersetzen
(17).
Zum Eindruck, den das Vorgehen der Koalitionstruppen bei Awad hinterlassen hat,
kommen diverse Anordnungen von höchster Stelle, die nicht gerade von besonderer
Sorge um die irakische Bevölkerung berichten, etwa die "Executive
Order" Nr. 13303 vom 22. Mai 2003
(18):
„Ich, G.W.B., Präsident der USA, sehe in etwaigen Beschlagnahmungen
oder Urteilen im Zusammenhang mit ... Erdöl oder Erdöl-Produkten
aus dem Irak ... eine außerordentliche Bedrohung nationaler Sicherheit
der USA. Ich erkläre den Nationalen Notstand, um dieser Bedrohung zu begegnen.
Hiermit ordne ich an, dass Urteile, Erlasse oder andere gerichtliche Prozesse
untersagt sind und für null und nichtig erklärt werden.“
Auch die Anordnungen des ehemaligen Zivilverwalters Paul Bremer wurden vielfach
kritisiert. Er gab unter anderem zahlreiche Staatsunternehmen zur Privatisierung
frei und setzte das absolute Maximum für Gewerbe- und Einkommenssteuer
auf 15 Prozent fest. Ausländischen Vetragspartnern, einschließlich
der privaten Sicherheitsfirmen, wurde Immunität vor dem irakischen Gesetz
zugesichert.
Die Vorstellungen Awads werden durch die Tatsache bekräftigt, dass der
amerikanischen Regierung auch der Schmuggel von Öl während des Embargos
bekannt war und sogar im "nationalen Interesse" stand, wie vor kurzem
veröffentlichte Dokumente der Regierung belegen. Der dem Embargo zuwider
laufende Schmuggel wurde aus wirtschaftlichen und geostrategischen Gründen
geduldet, da die Lieferungen unter anderem an die Türkei und Jordanien
gingen. Dass sich bei diesen Vorgängen Saddam Hussein unter Bruch des Embargos
und auf Kosten der schlecht versorgten Bevölkerung bereicherte, wurde in
Kauf genommen
(19).
Und während im Rahmen des konträr diskutierten "Oil for Food"-
Programms immerhin noch ein Inspektor kontrollierte, ob das Öl zu einem
fairen Preis verkauft und das Geld korrekt überwiesen wurde, existierten
im Bezug auf die Gelder des Iraks nach dem Krieg, die auf einem Sonderkonto
für das irakische Volk verwahrt werden sollten, keine derartigen Überwachungsmechanismen.
Hilfsorganisationen beklagten die fehlende Transparenz; und wiederholt kamen
Vorwürfe bezüglich der Veruntreuung von Geldern. Seit einigen Wochen
räumen auch US-amerikanische Untersuchungen Schwierigkeiten bei der Klärung
des Verbleibes von Milliardenbeträgen ein
(20). Fadhel
Al Othman, der Seniorpräsident der irakischen Erdölgesellschaft, fasste
die bisherigen Fortschritte beim Wiederaufbau nüchtern zusammen
(21):
"Angesichts all der Arbeit, die angeblich von den amerikanischen Gesellschaften
im Irak geleistet wurde, sind das Produktionsniveau und die mangelnde Sicherheit
alles andere als ermutigend."
Doch zumindest die schnelle Privatisierung der irakischen Ölwirtschaft
entspricht scheinbar nicht mehr der aktuellen Agenda. Berichten von Greg Palast
und BBC zufolge favorisiert die US-amerikanische Erdölindustrie im Gegensatz
zum Pentagon eine staatlich organisierte irakische Ölindustrie - selbstverständlich
mit engen Kontakten zu den US-amerikanischen Ölkonzernen
(22).
Unter anderem wird in diesem Kontext auf die Gefahr des Terrorismus verwiesen,
da etwa die Terroranschläge auf Pipelines infolge der angekündigten
Privatisierungen zugenommen haben. Weitere wichtige Argumente für eine
weitgehend staatlich organiserte Ölwirtschaft wären vielleicht in
den Ölpreisen, dem Verhältnis zur Opec, aber auch in der Gefahr eines
Hinausdrängens der US-amerikanischen Konzerne infolge einer wirklichen
Marktöffnung zu suchen. Eine weniger problembelastete Durchsetzung der
wirtschaftlichen Interessen scheint auf politischer Ebene möglich.
Wahlen im Ausnahmezustand
Obwohl bereits die Drohungen durch Terroristen, die schlechte Informationslage,
die weitgehend unbekannten Kandidaten sowie die selektive Berichterstattung
in den irakischen Medien ein ausreichend problematisches Bild einer demokratischen
Wahl zeichnen, dürften viele Wähler noch weniger Gefallen an ihr gefunden
haben, als die bereits im Vorfeld erwarteten Schwierigkeiten erahnen lassen.
Bei der "Unabhängigen Wahlkommission des Irak" (IECI) gingen
Beschwerden von Wahlmitarbeitern ein, die unter anderem beklagten, dass in einigen
Bezirken die Wahlen durch das Fehlen adäquater Ausstattung behindert wurden.
So wurden in Mosul - aber auch in Bagdad und einigen weiteren Städten - Wahlzettel
zu spät oder in zu geringer Anzahl geliefert; andernorts waren keine Wahlurnen
vorhanden. Diesbezügliche Beschwerden kamen auch von kurdischen und christlichen
Gruppen sowie weiteren Minderheiten
(23). Die assyrischen
Christen aus der Gegend um Ninive, die schon seit längerem unter kurdischen
Milizen zu leiden haben, werfen letzteren vor, auch das Eintreffen von Wahlurnen
verhindert zu haben.
(24) Die großen kurdischen Parteien
im Norden des Landes beschuldigten sich unterdessen gegenseitig des Wahlbetruges
(25).
Einigen Meldungen zufolge sollte die Wahlbeteiligung der irakischen Bevölkerung
durch den Einsatz von Druckmitteln erhöht werden. Diesbezüglich wurde
in der Washington Post berichtet, dass im Vorfeld der Wahl Gerüchte gestreut
wurden, denen zufolge die Lebensmittelrationen gestrichen werden sollten, falls
die Iraker nicht in den Wahllokalen auftauchten
(26). Weiterhin
gab es ernstzunehmende Veröffentlichungen irakischer Reporter, nach denen
sich Menschen beklagten, von Soldaten mit Drohungen zur Wahl gedrängt worden
zu sein
(27).
Muhammad al-Kubaysi äußerte als Sprecher der "Vereinigung muslimischer
Gelehrter" (AMS) grundlegende Kritik, da den Wählern kaum Informationen
über ihre Wahlmöglichkeiten zugänglich waren und die Wahlen in
einem problematischen Ausnahmezustand vor sich gingen
(28):
"Wir haben beständig die Auffassung vertreten, dass Wahlen nur in
einer Demokratie stattfinden können, die Souveränität genießt.
Unsere Souveränität ist unvollständig. Unsere Souveränität
ist von fremden Kräften usurpiert, die das Land besetzt und unsere Würde
verletzt haben."
Die Berichterstattung vieler irakischer Medien kümmerte sich vor allem
um die Kandidaten, die dem aktuellen Regime genehm erschienen - allen voran die
Liste Allawis, die es dennoch zu gerade einmal 13,6 Prozent brachte. Allawi
selbst, der zu Beginn seiner Karriere dem irakischen Geheimdienst angehörte
und als Hardliner gilt, verbrachte 32 Jahre im Exil, nachdem er sich mit Saddam
Hussein zerstritten hatte. Im Exil nutzte er seine Zeit unter anderem als Mitarbeiter
der abendländischen Geheimdienste MI6 und CIA, doch über einige Zeitabschnitte
seines Lebens ist noch immer sehr wenig bekannt. Allawi war auch zumindest mitverantwortlich
für die Verbreitung der Fehlinformation, der Irak würde Massenvernichtungswaffen
besitzen und könnte innerhalb von 45 Minuten angriffsbereit sein. Dieses
Gerücht, das letztendlich der Falschaussage eines einzigen Menschen angelastet
wurde, leitete der durch Allawi gegründete "Irakische Nationalkongress"
(INA), an den britischen Geheimdienst weiter - "in gutem Glauben",
wie es später hieß
(29). Trotz des niedrigen Wahlergebnisses
gab Allawi bald bekannt, zusammen mit anderen kleinen Gruppen eine Koalition
bilden zu wollen, um gegen Ibrahim Jaafari anzutreten, der von der schiitischen
"Vereinten Irakischen Allianz" (UIA) für das Amt des Ministerpräsidenten
vorgeschlagen wurde. Jaafari selbst gilt ähnlich wie Allawi als moderat-religiös,
eher distanziert gegenüber der Führung des Irans und scheint insgesamt
eine recht pragmatische, säkulare Politik zu versprechen. In der Scharia
sieht er nur "eine von mehreren Quellen der Rechtsprechung", und verspricht,
die Rechte der zahlreichen Minderheiten zu wahren. Als eine der wichtigsten
prominenten Persönlichkeiten nach Sistani und Sadr erhält Jaafari
auch eine relativ breite Zustimmung in der irakischen Bevölkerung und wurde
schon bald nach der Wahl durch Sistani unterstützt.
Zwischen den einzelnen Parteien und Interessengruppen werden zahlreiche Streitpunkte
erkennbar, von politischen, organisatorischen, sozialen und wirtschaftlichen
Fragen über die Verwaltung von ölreichen Gebieten wie Kirkuk bis hin
zum Umgang mit den Milizen, die wiederum unterschiedlichen Parteien nahe stehen.
Die finanzielle Handlungsfähigkeit der künftigen Regierung wird dessen
ungeachtet stark eingeschränkt sein, da bereits große Summen durch
die Befreier und die Übergangsregierung ausgegeben und gebunden wurden
(30). Ein weiteres grundlegendes Problem ergibt sich aus der
Situation der Sunniten, die aufgrund ihrer niedrigen Wahlbeteiligung in einem
neuen Parlament stark unterrepräsentiert sein werden. Eine künftige
irakische Politik wird umsichtig und gewissermaßen behutsam agieren müssen,
was in Anbetracht zahlreicher Schwierigkeiten sicherheitstechnischer, politischer,
wirtschaftlicher und sozialer Art sicher keine einfache Aufgabe wird.
Vor etwa zwei Jahren, als Senator Robert Byrd in einem relativ leeren US-Senat
beklagte, dass eigentlich gar keine Debatte stattfände und man "eine
Stecknadel fallen hören" könnte, gab es auf der ganzen Welt Demonstrationen,
an denen insgesamt über 10 Millionen Menschen teilnahmen. Wenn sich nun
anlässlich der zweiten Jährung des Kriegsbeginns immerhin Zehntausende
von Menschen zu Demonstrationen versammeln, geschieht das in einer Situation,
in der das öffentliche Interesse an der Enwicklung des Irak wieder deutlich
zurückgegangen ist. Doch gerade heute würden die Menschen im Zweistromland
internationale Unterstützung benötigen, um eine Ordnung aufzubauen,
die nicht an den Bedürfnissen von multinationalen Konzernen ausgerichtet
ist, sondern die lange unterdrückte Bevölkerung des Irak an den reichen
Ressourcen ihres Landes teilhaben lässt.
Weiterführende Artikel der Redaktion:
Irak
- Nachkriegsordnung: Schwerpunkt Polizeiapparat
Uranmunition
- oder wie man seinen Atommüll auch entsorgen kann
Irak
- 20.03.2003 Der Krieg hat begonnen
Warhistory
Vorderer
/ Mittlerer Orient
Weiterführende Links:
http://iraqelect.com/index.php/
http://english.aljazeera.net/
http://news.bbc.co.uk/1/hi/in_depth/middle_east/2002/conflict_with_iraq/default.stm
http://www.heise.de/tp/r4/inhalt/irak.html
Fußnoten
(1) Links und Informationen über Fallujah und die US- Offensive:
http://en.wikipedia.org/wiki/Fallujah
Siehe hierzu auch einen Appell der Bürger von Fallujah an Kofi Annan:
http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Irak/falludscha-appell.html
(2) Dauerhafte militärische Stützpunkte sind eingeplant,
über die genaue Anzahl gab es unterschiedliche Berichte. Siehe etwa:
http://www.thenation.com/blogs/outrage?bid=13&pid=2132
(3) Auf folgender Seite werden alle verfügbaren Quellen
ausgewertet, Schätzungen gehen jedoch teilweise weit über diese Zahlen
hinaus:
http://www.iraqbodycount.net/database/
(4)
http://english.aljazeera.net/NR/exeres/50B29D97-D4AD-4212-BBFF-F40C2C9FA651.htm
(5) Unter anderem bemüht sich der kürzlich zum Justizminister
beförderte Alberto Gonzales um die Rechtfertigungen von Folterpraktiken:
http://hrw.org/english/docs/2004/11/10/usdom9659.htm
http://www.stern.de/politik/ausland/index.html?id=533637&nv=hp_st
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/19/19149/1.html
(6) Siehe hierzu:
http://www.newyorker.com/fact/content/?040517fa_fact2
http://www.sueddeutsche.de/,tt1m2/ausland/artikel/643/46597/
(7)
http://www.nyclu.org/dia_documents_120704.html
(8) Einige Artikel über die Arbeit der Sicherheitsfirmen
im Irak:
http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Irak05/privatkrieg.html
http://www.jungewelt.de/2005/02-17/008.php
http://www.woz.ch/artikel/inhalt/2004/nr08/International/5113.html
(9)
http://hrw.org/english/docs/2005/01/26/iraq10053.htm
http://www.hrw.org/reports/2005/iraq0105/
http://seattlepi.nwsource.com/national/apmideast_story.asp?category=1107&slug=Human%20Rights
(10) Giuliana Sgrena, die kurz nach ihrer Befreiung in einer
umstrittenen Aktion von amerikanischen Truppen beschossen wurde, war bereits
die 24. entführte Journalistin im Irak:
http://www.zeit.de/2005/07/Entf_9fhrungen
http://www.zeit.de/politik/sgrena/index
Reporter, die nicht in die Truppen eingebunden sind, leben im Irak sehr gefährlich
- seit Kriegsbeginn 2003 sind im Irak 48 Journalisten und Medienassistenten
getötet worden:
http://www.rsf.org/special_iraq_en.php3
(11) Zwei Artikel von Al-Jazeera zur Situation der Frauen:
http://english.aljazeera.net/NR/exeres/41D1C47C-7ED2-439A-9CBD-373667F72F5F.htm
h
ttp://english.aljazeera.net/NR/exeres/7027105C-17C3-433D-B9EA-3F47F967562B.htm
(12)
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/19/19484/1.html
(13)
http://www.realcities.com/mld/krwashington/10994419.htm
(14)
http://english.aljazeera.net/NR/exeres/51858309-F36C-4F11-8210-84B8A57A1887.htm
(15)
http://www.grain.org/articles/?id=6
http://www.grain.org/articles_files/atg-3-en.pdf
(16) Eine Auflistung der größten Kriegsprofiteure:
http://www.guerrillanews.com/articles/article.php?id=1029
(17)
http://www.guardian.co.uk/Iraq/Story/0,2763,1417372,00.html
(18) Die Anordnung:
http://reclaimdemocracy.org/articles_2003/executive_order_13303.html
Ein Artikel zum Thema:
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/15/15395/1.html
(19)
http://www.cnn.com/2005/WORLD/meast/02/02/iraq.oil.smuggle/
(20)
http://www.iraqrevenuewatch.org/reports/120604.shtml
(21) Das Zitat ist einem Interview mit Arte entnommen. Weitere
Informationen zum Wiederaufbau des Irak:
http://english.aljazeera.net/NR/exeres/59686409-F4B3-4D6E-A520-A4A76FE49F1D.htm
http://www.iraqrevenuewatch.org/
(22) Siehe hierzu:
http://news.bbc.co.uk/2/hi/programmes/newsnight/4354269.stm
http://www.gregpalast.com/detail.cfm?artid=418&row=1
(23) Siehe etwa:
http://
www.iwpr.net/index.pl?archive/irq/irq_109_4_eng.txt
http://news.bbc.co.uk/1/hi/world/middle_east/4227253.stm
(24)
http://www.guardian.co.uk/Iraq/Story/0,2763,1423282,00.html
(25)
http://www.iwpr.net/index.pl?archive/irq/irq_107_6_eng.txt
(26)
http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/articles/A19160-2005Jan18_3.html
(27)
http://www.iwpr.net/index.pl?archive/irq/irq_109_3_eng.txt
(28)
http://english.aljazeera.net/NR/exeres/F1149ACC-43EE-4BA6-AD8A-AC9D62290514.htm
(29)
http://news.independent.co.uk/world/middle_east/story.jsp?story=526008
(30)
http://www.wdr.de/tv/monitor/beitrag.phtml?bid=602&sid=115