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Der Medienkrieg läuft auf vollen Touren und die Reporter berichten live
vom Schlachtfeld - mit einem einsatzleitenden Offizier als Co-Moderator
an ihrer Seite. Embedded Reporters, also vom Militär ausgewählte
Journalisten, berichten live aus der umkämpften südirakischen Stadt Umm
Basr; umringt von einer waffenstarrenden Fallschirmjäger-Einheit.
Schüsse fallen stakkato-artig, Sand spritzt in die Höhe. Die
Kamera erfasst ein brennendes Haus; man sieht einen flüchtenden
Zivilisten auf einem Fahrrad, einige weitere zu Fuß - jedoch keine
irakischen Soldaten, keine Verletzten, keine Opfer.
Rund um die Uhr soll uns ein sauberer, ja schon fast steriler Krieg
ohne Tote und Verletzte vorgegaukelt werden. Doch die Bilder, welche
zum Frühstück geliefert werden, lassen Raum für Spekulationen.
Smart-Bombs und Daisy-Cutters sollen uns weismachen, dass es möglich
ist, einen Bombenangriff so präzise wie eine Operation am offenen
Brustkorb durchzuführen und zivile Opfer dabei so gering wie möglich zu
halten.
Laut
amerikanischen Quellen sollen die meisten der ca. 3 000 Bomben, welche
in den ersten Tagen auf Bagdads Häuser fielen, solche „intelligente“
Waffen gewesen sein. Doch schon bei den Angriffen auf Afghanistan
konnte man beobachten, dass auch diese Bomben nicht unfehlbar sind.
Langsam sickern Bilder der dabei verletzten und getöteten
Irakis sowie die der ersten getöteten oder gefangengenommen Alliierten
durch. Doch wie geht man im Land „of the brave and the free“ damit um?
Die Bilder werden gar nicht gezeigt, damit die Unterstützung nicht auf
einmal in Anklage umschlägt!
Was geschieht, wenn sich die Berichte amerikanischer Sender häufen, in
denen Verwandte öffentlich ihre Toten betrauern, wenn wieder, wie in
Vietnam, Tausende auf den Kriegsfeldern ihr Leben lassen?
Nicht weniger als 70 000 Leichensäcke wurden von Logistikern der
Alliierten geordert; auch diese Meldung wurde in den Vereinigten
Staaten nur von wenigen Medien gesendet. Was geschieht mit der
Unterstützung der Bevölkerung, wenn die ersten paar tausend
Leichensäcke mit den Körpern der gefallenen alliierten Kämpfer ihre
Heimatländer erreichen?
Ebenfalls stellt sich die Frage, wie die alliierte Strategie
aussehen wird, sollte der Krieg nicht ein paar Tage dauern, sondern
vielleicht 4 Wochen, 4 Monate oder gar 4 Jahre? Kann man dann noch
Tote, Verstümmelte, Obdachlose und Waisenkinder verschweigen?
Und was geschieht mit den Gefangenen auf beiden Seiten?
Artikel 13 der Genfer Konventionen besagt:
Kriegsgefangenen müssen jederzeit human
behandelt werden. Jeder ungesetzliche Akt oder Unterlassung bei der in
Haft nehmenden Macht die Tod oder ernsthafte Beeinträchtigung der
Gesundheit des Kriegsgefangenen während des Gewahrsams ist untersagt,
und wird als ein ernster Verstoß der vorliegenden Konvention betrachtet.
Insbesondere darf kein Kriegsgefangenener körperlich verstümmelt oder
zu medizinischen oder wissenschaftlichen Versuchen benutzt werden, die
nicht durch medizinische, zahnärztliche oder spitale Behandlung des
betreffenden Kriegsgefangenen gerechtfertigt sind, und in seinem
Interesse durchgeführt werden.
Gleichermaßen müssen Kriegsgefangene jederzeit beschützt werden,
insbesondere gegen Gewaltakte oder Einschüchterung und gegen
Beleidigungen und öffentliche Zurschaustellung.
Vergeltungsmaßnahmen gegen die Kriegsgefangenen sind untersagt.
Würden sich beide Seiten an diesen Artikel halten, wonach das
öffentliche Vorführen von Gefangenen verboten ist, wären die Bilder von
in die Gefangenschaft marschierenden Irakis und verängstigten GI’s
nicht möglich. Auch andere Fragen drängen sich auf: Wie weit ist der
jetzige Kriegsgrund der Alliierten als relevant zu bezeichnen wenn
sich herausstellt, dass der irakische Widerstand zu großen Teilen dem
erbitterten Hass der „ganz normalen Leute“ auf eine amerikanische
Invasion zuzuschreiben ist?
Die Schiiten im Süden und die Kurden im Norden jedenfalls haben weder
die Angriffe der Amerikaner im ersten Golfkrieg vergessen, noch Saddams
Vergeltung für ihre Unterstützung der Amerikaner, welche seelenruhig
von der anderen Seite der Grenze zuschauten als Zehntausende
massakriert und vergast wurden.
Bis zum jetzigen Zeitpunkt deutet jedenfalls nichts darauf hin, dass
der Irak noch Massenvernichtungswaffen besitzt oder gar B- oder
C-Raketen abfeuern wird.
Alle in Kuwait eingeschlagenen Scud-Raketen stellten sich im Nachhinein
als für den Irak legale Al-Samud-Raketen heraus, wie auch vom Pentagon
bestätigt wurde.
Dass ein Machtherrscher wie Saddam, welcher sein Volk mit selten
gesehener Härte und Grausamkeit unterdrückt und ausnutzt, abgesetzt
gehört,
steht außer Frage.
Es kann durchaus politisches Kalkül dahinter stecken, dass bis jetzt
kein Beweis eines Verstoßes gegen die UNO-Resolution 1441 gefunden
wurde.
Doch kann man niemanden ohne Beweise verurteilen, schon gar nicht ein
ganzes Volk, dass unter den UN-Sanktionen schon genug zu leiden hatte.
Solange die Beweise nicht erbracht werden, dass sich Saddam wieder in den
Besitz von geächteten B- und C-Waffen gebracht hat, bleibt dieser Krieg
ein Angriffskrieg, der auf reiner Spekulation basiert und dem möglichen
Erwerb von Macht und wirtschaftlichen Rohstoffen dienen könnte.