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Unter den
Kapetingern verfiel im 11. Jahrhundert die königliche Macht in Frankreich zusehends, und
Übergriffe des Rittertums wurden bis zum Beginn des zwölften Jahrhunderts
immer häufiger. Das Rittertum wurde höchstens als notwendiges Übel angesehen
und hatte sich im elften Jahrhundert zunehmend zu einer echten Plage entwickelt.
Der König war zu schwach, um wenigstens die schlimmsten Exzesse zu unterbinden,
und so versuchte sich die Kirche als letzte gesellschaftliche Autorität: Abt
Sugervon Saint-Denis, ein Berater der französischen Könige im zwölften Jahrhundert,
beschimpfte die Ritter als Unruhestifter, Briganten, Mädchenräuber und Plünderer.
Aber die Kirche verfügte natürlich nicht über die geeigneten Mittel, um den
Rittern gewaltsam Einhalt zu gebieten. Die Bischöfe konnten nur den so genannten
"
Gottesfrieden"
ausrufen, der dann bestimmte Orte (z.b. Kirchen, Friedhöfe), Personen (Kleriker)
oder Dinge (Kirchengüter, Arbeitsgeräte der Bauern) schützten sollte. Jeder,
der den Frieden brach, setzte sich "lediglich" der Gefahr aus, exkommuniziert
zu werden. Die Bischöfe versuchten die Gottesfrieden-Bewegung, die Ende des
zehnten Jahrhunderts aufkommt im Laufe des elften Jahrhunderts, auszuweiten:
Die Ritter sollten sich an Ostern, in der Fastenzeit und an Sonntagen doch
bitte der Gewalt enthalten. Im Klartext gesteht die Kirche damit aber indirekt
ein, das die Ritter an allen anderen Tagen des Jahres sozusagen Narrenfreiheit
genossen.
Unsere heutige Vorstellung vom edlen Ritter wird durch Romane, Kino und Sagen
geprägt, die ein idealisiertes Bild des christlichen Ritters zeigen. Hier
wird beschrieben, wie sich die Ritter verhalten sollten, nicht aber wie sie
sich tatsächlich benahmen. Diese "Berufssoldaten" zu Pferd, die in der Regel
gepanzert in die Schlacht zogen, stammten bis zum Beginn des elften Jahrhunderts
fast ausschließlich aus dem Adel. Dann konnten mutige und intelligente Söhne
aus Bauernfamilien die Chance zu einer Karriere im Sold des Königs nutzten:
Die
Ministerialen.
Ministeriale
waren Dienstmänner des Königs, die aus meist niedrigen Verhältnissen kamen
und sich durch Leistung nach oben arbeiteten. Seit dem elften Jahrhundert
setzen die Könige gezielt
Ministerialen
in wichtige Positionen ein, um den Einfluss der großen Adelsfamilien zu begrenzen,
die diese Stellungen bis dahin traditionell innehatten. Die Adligen beobachteten
die Entwicklung natürlich mit großem Misstrauen: Sie sahen ungern diese Aufsteiger
auf einmal gleichberechtigt in der gleichen Einheit neben Fürstensöhnen dienen
oder gar noch das Kommando führen.
Diese zwei Gruppen von Rittern unterschieden sich nicht nur gravierend in
ihrer Herkunft, sondern auch in ihrer Treue: Adlige kämpften in erster Linie
für sich selbst, während die
Ministerialen
genau wussten, das sie ihren Aufstieg allein ihrem Brotherren zu verdanken
hatten, und dies dann meist mit unbedingter Loyalität lohnten. Generell brachten
die Berufssoldaten, obwohl eigentlich als Ordnungsmacht gedacht, ziemliche
Unruhe, weil sie ihren Fürsten teilweise leider nur widerwillig oder gar nicht
gehorchten und in den verwalteten Gebieten gerne raubten und plünderten, wenn
sich eine gute Gelegenheit ergab.
Die Bewertung des Rittertums sollte aber trotzdem nicht so negativ gesehen
werden, wie sie nach diesen Berichten den Anschein hat: Hier muss betont werden,
das die Berichte über die Untaten der Ritter fast alle aus der Hand von Mönchen
(im elften Jahrhundert konnten praktisch fast nur Kirchenmänner schreiben)
stammen, die dem rohen Verhalten der Soldaten wenig Sympathie entgegen brachten.
Zur Ehrenrettung: Der Ritterstand erfüllte wichtige Funktion in der Gesellschaft.
Den Schutz des Landes. Aber diese neue gesellschaftliche Kraft entwickelte
sich in einem Machtvakuum. Die Ritter dienten je nach Stärke des örtlichen
Adels entweder als loyale Ordnungsmacht oder sie trieben, was ihnen passte.
Der Übergang zwischen Rittertum und Raubrittertum war dabei meist fließend.
Mit dem ersten Kreuzzug versuchte Papst
Urban
II. unter anderem die anarchischen Kräfte des Rittertums in sinnvolle
Bahnen zu lenken. Er bot in seinen Kreuzzugspredigten den Rittern einen Ausweg
aus ihrer gesellschaftlichen Ächtung: »Mögen jene fortan Ritter Christi sein,
die bisher nichts als Räuber waren! Mögen diejenigen, die sich bisher nur
mit ihren Brüdern und Verwandten schlugen, nun mit gutem Recht gegen die Barbaren
streiten! Ewigen Lohn werden sie erhalten ...« Diese tiefgreifenden Veränderungen
im theologisch-ethischen Konzept ebnete den Weg für die Entstehung des Mönchsritters.
Am 13. Juli 1099 gelingt es die Stadt Jerusalem zu erobern. Doch eine Stadt
zu erobern ist das eine, sie zu halten ist eine andere Sache. Viele Kreuzritter
waren nicht mit der Absicht nach Jerusalem gekommen sich dort Niederzulassen.
Die meisten wollten nach ihrem Triumph umgehend nach hause zurückkehren. Die
ersten Jahre glich noch der Strom der ankommenden Pilger den Verlust der Heimkehrer
aus. Allerdings konnte so lediglich die Gesamtstärke gehalten, und nicht ausgebaut
werden. Viele Gläubige brachen zu bewaffneten Pilgerfahrten nach Palästina
auf. Die Hafenstädte waren nun in Christlicher Hand und die Pilger mussten
nicht mehr den beschwerlichen Landweg nehmen, sondern konnten direkt einschiffen.
Der Pilgerstrom zog aber auch eine andere Art von Wanderern an: Diebe und
Räuber. Die Hauptroute vom Hafen führte von Jaffa über Ramleh nach Jerusalem.
Sie wurde alsbald von Wegelagerern und anderem Gesindel heimgesucht. Ohne
bewaffnete Begleitung konnte sich niemand mehr auf diesen Weg wagen.
Das Problem war, dass ohne einen sicheren Reiseweg langfristig die Pilger
ausbleiben würden, die man brauchte um das eroberte Gebiet zu besiedeln. Doch
die Gemeinde vor Ort war noch zu schwach um den Pilgern auf ihrem Weg Schutz
bieten zu können. Im Jahre 1115 beschwerte sich der König von Jerusalem,
Balduin
I., in Jerusalem würden so wenig Christen wohnen, das man mit ihnen >gerade
einmal eine der Hauptstraßen füllen könnte<.
Hugo
von Payens, ein Edelmann aus der Champagne, erkannte das Problem und beschloss
um das Jahr 1119 einen "Militärischen Verbund" zum Schutze der Pilgerwege
zu gründen. >Die armen Soldaten Christi< später auch als
Tempelritter
oder
Templer
Orden bekannt. Das Mönchsrittertum war die treffendste Antwort auf die neuen
ideologischen Erfordernisse des Kreuzzuges. Doch es verwundert schon, das
Hugo
von Payens Idee von Anfang an einen so starken Anklang fand! Man sollte
meinen, sie hätten bei den Kirchenoberhäuptern auf massiven Widerstand stoßen
müssen. Seine Erfindung des Mönchsritters war nämlich revolutionär: Erstmals
sollte die Beschaulichkeit und Weitabgewandtheit des Lebens nach Mönchsregeln
kombiniert werden mit dem rauen und blutigen Geschäft des Krieges. Wie konnte
man als Mönch die Menschen lieben und sie als Ritter umbringen? Bedeutete
das Konzept des Mönchsritters nicht, zwei unvereinbare »Berufe« unter einen
Hut zu bringen? Der Kontrast zwischen Mönch und Ritter erscheint uns heutzutage
weniger groß als einem Menschen des zwölften Jahrhunderts. Zu dieser Zeit
genoss der religiöse Stand in der feudalen Gesellschaft das höchste Ansehen,
Mönche wurden beinahe als Heilige betrachtet, die sich von der Welt abgewandt
hatten, um näher bei Gott zu sein.
Wenn der Ritter von den christlichen Idealen geleitet würde, dann würde der
scheinbare Gegensatz zwischen Mönch und Ritter ohnehin verschwinden: Mit diesem
Argument versuchte Hugo am 13. Januar des Jahres 1129 auf dem Konzil von Troyes
den kirchlichen Segen für seine Erfindung, die Kombination von Mönch und Ritter,
zu erhalten. Beeindruckend: Die Anwesenheit des päpstlichen Legaten, Kardinal
Matthias von Albano, die beweist, dass auch der Papst Honorius II. regen Anteil
an den Geschehnissen nahm. Möglicherweise hatte
Hugo
von Payens auf einer Werbereise unmittelbar vor dem Konzil auch den Papst
in Rom besucht. Dafür gibt es zwar keine Beweise, aber es erscheint ziemlich
plausibel, da Honorius II. nachweislich schon vor dem Konzil die Entwicklung
des Ordens mit großem Interesse verfolgt hatte. Überdies nahmen mit Stefan
Harding (dem später heilig gesprochenen Abt von Citeaux) und Hugo von Mäcon
(dem Abt von Pontigny) die wichtigsten Würdenträger der Zisterzienser teil.
Und schließlich war da noch Bernhard, der Gründer und Abt des Klosters von
Clairvaux. Er verkörpert wie kein anderer die Ideale der Zisterzienser, die
das Machtstreben und den Reichtum der Kirche ablehnten und ein weitabgewandtes
Leben als den Königsweg zur Erringung des Seelenheils betrachteten. Bernhard
hatte klare Prioritäten: Die Weltentsagung des Mönchs wäre höher zu bewerten
als selbst eine bewaffnete Wallfahrt ins Heilige Land. Aber dennoch half er
bereits in demselben Jahr, die Templerregel zu verfassen. Er als die zu jener
Zeit bekannteste Persönlichkeit der Zisterzienserbewegung bekam auch von den
Teilnehmern des Konzils die Aufgabe übertragen, die von Hugo von Payens verfasste
Templerregel zu »redigieren« und eine Vorrede zu ihr zu schreiben. Aber Bernhard
war und blieb ein Mönch. Er konnte dem Leben eines Soldaten nichts abgewinnen.
Er half den Templern lediglich, sich einen angemessenen Rahmen zu geben, den
auch die Kirche akzeptieren konnte. Bernhard zitierte den Epheserbrief 1,4
und sprach davon, das »viele berufen, aber nur wenige auserwählt«
wären.Mit dieser Betonung des Auserwählt seins verwies Bernhard
offenkundig auf die berühmte Tempelallegorie des heiligen
Augustinus.
Der Orden, hatte also drei gewichtige Paten, die seine Gründung unterstützten:
Papst (Honorius II., vertreten durch einen Legaten), den heiligsten Menschen
der Epoche, Bernhard von Clairvaux, und - indirekt - den einflussreichsten
Kirchenvater,
Augustinus. Mit der Akzeptanz des Mönchrittertums sollte ein
Machtvakuum gefüllt werden das weder Kirche noch der König ausfüllen konnten.
Die Idee des Mönchsritters lebt auch heute noch, wenn auch nicht so offensichtlich:
In den Wehrpflichtigenheeren Europas. Dort lebt die Idee Hugo von Payens aus
dem Jahr 1120 weiter: Der Soldat, der nach strengen ethischen Grundsätzen
handeln soll. Der Mönchsritter von damals ist quasi der Bürger in Uniform
von heute.