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BeitragVerfasst am: Mo Mai 14, 2012 7:47 pm


Verdammt gutes Buch übrigens.
Und sehr passend zum Thema.

Genau deswegen hab ich ja weiter oben die Frage in den Raum geworfen.


erik
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BeitragVerfasst am: Di Mai 15, 2012 7:53 am


Nachdem ich im Wiki-Eintrag über die Schöne neue Welt gelesen habe, muß ich Dir zustimmen, erik. Ein sehr aktuelles Buch. Fantasien über die totale Kontrolle durch eine Regierung plus die totale Auslöschung von Individualität zugunsten einer einzigen Weltsicht finden sich ja z.B. auch in Godard's Alphaville, in Star Trek in Gestalt der Borgs, in Metropolis, in Futurama und in der biblischen Apokalypse.

Eine komplett durchsystematisierte Welt, in der sich nur diejenigen, die nicht dazugehören, komplett fremd fühlen. Diese Welt ist eine an der Oberfläche gelingende, da sämtliche angstauslösende Probleme gelöst sind. Aber eigentlich lässt sich gar nicht von Oberfläche sprechen, da die Unterseite fehlt. Sie ist zumindest aus dem Bewußtsein der Massen ausgelöscht. Die Massen sind es so gewohnt. Die Tradition der schönen neuen Welt-Gesellschaft lenkt Weltsicht und Denken vollautomatisiert in die gewohnte Richtung.

Die schöne neue Welt ist unsere Welt in das Extrem gedacht. Frei ist der Großteil unserer Gesellschaft auch nur an der Oberfläche. Man macht eben das, was die Meisten auch machen. Man nimmt das, was einem geboten wird. Man hat ein Problem, man bekommt eine Lösung, prima. Man beugt sich dem Zwang der Gesetze und politisch regulierten Institutionen. Es scheint mir aber auch, dass der Großteil unserer Gesellschaft kein Problem mit den Problemen hat. Zumindest solange ein gewißer Lebensstandard zugänglich bleibt. Und dann ist immer noch fraglich, ob das Bewußtsein die wahren Probleme herauszufiltern vermag, oder ob es Standard-Antworten lauschen mag.

Ich kann mich momentan wirklich noch nicht entscheiden, ob ich die schöne neue Welt als eine Hölle auf Erden oder als den Beginn eines Himmels in einer von physischen Limitationen und Unsicherheiten natürlichen Umgebung ansehen soll.

Jedenfalls sehe ich mich nicht als Fürsprecher der schönen neuen Welt. Ich würde mich eher mit John im Reservat identifizieren.


Telepathetic
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BeitragVerfasst am: So Mai 20, 2012 4:21 pm


Goatboy hat folgendes geschrieben:
Im von dir genannten Beispiel: wenn man nicht jedem freistellen würde, das Mittel zu nehmen, dann müsste man es ja entweder verbieten oder den Menschen dahingehend entmündigen, dass er es nur auf ärztliche Verordnung nehmen dürfte.


Diese "Entmündigung" ist doch sowieso medizinische Praxis.
Nehme ich Psychopharmaka, die ich mir irgendwie besorgt habe, dann gelte ich als tablettenabhängig und die Pillen als Drogen. Verschreibt sie mir der Arzt, dann bin ich krank und das Psychopharmakum ist ein Medikament.

Goatboy hat folgendes geschrieben:
Wäre eine dieser Möglichkeiten hinnehmbar? Ich finde nicht. Und man darf auch fragen, was denn an einem solchen Medikament - tolle Wirkung ohne Nebenwirkungen - eigentlich schlecht wäre.


Der amerikanische Psychiater Peter D. Kramer ist in seinem Buch Listening to Prozac der Meinung, mit Prozac bereits eine solche Wunderpille gefunden zu haben. Er behandelt sogar Patienten damit, die er im eigentlichen Sinne nicht als krank ansieht.
In seinen Fallbeschreibungen beschreibt er die "Verbesserungen" der Psyche seiner Patienten. Schüchterne werden selbstbewusster, ja überzeugender und machen endlich die berufliche Karriere, die sie verdienen.
Für einen Europäer albern mutet jedoch das Beispiel des Mannes an, dessen Verbesserungen darin bestehen, sich wieder mehr um seine Frau zu kümmern und keine Pornos mehr zu schauen.

Die Geschichte der Pharmazie hat genug Beispiele für "nebenwirkungsarme" Medikamente, die schließlich vom Markt genommen werden mussten. Contergan galt auch einmal als nebenwirkungsarm.
Die Testphase mag seitdem besser und genauer geworden zu sein, aber letztlich kann bis heute keiner voraussagen, was für Folgeschäden durch ständige Medikamenteneinnahme auftreten werden. Dies gilt insbesondere für Langzeitschäden oder schäden durch Kombination verschiedener Medikamente.


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Giacomo_S
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BeitragVerfasst am: Mo Mai 21, 2012 5:35 pm


Giacomo_S hat folgendes geschrieben:
Diese "Entmündigung" ist doch sowieso medizinische Praxis. Nehme ich Psychopharmaka, die ich mir irgendwie besorgt habe, dann gelte ich als tablettenabhängig und die Pillen als Drogen. Verschreibt sie mir der Arzt, dann bin ich krank und das Psychopharmakum ist ein Medikament.

Das wird mit Nebenwirkungen begründet. In deinem Beispiel hatte das Medikament ja keine.

Zitat:
Der amerikanische Psychiater Peter D. Kramer ist in seinem Buch Listening to Prozac der Meinung, mit Prozac bereits eine solche Wunderpille gefunden zu haben. Er behandelt sogar Patienten damit, die er im eigentlichen Sinne nicht als krank ansieht.
In seinen Fallbeschreibungen beschreibt er die "Verbesserungen" der Psyche seiner Patienten. Schüchterne werden selbstbewusster, ja überzeugender und machen endlich die berufliche Karriere, die sie verdienen.
Für einen Europäer albern mutet jedoch das Beispiel des Mannes an, dessen Verbesserungen darin bestehen, sich wieder mehr um seine Frau zu kümmern und keine Pornos mehr zu schauen.

Die Geschichte der Pharmazie hat genug Beispiele für "nebenwirkungsarme" Medikamente, die schließlich vom Markt genommen werden mussten. Contergan galt auch einmal als nebenwirkungsarm.
Die Testphase mag seitdem besser und genauer geworden zu sein, aber letztlich kann bis heute keiner voraussagen, was für Folgeschäden durch ständige Medikamenteneinnahme auftreten werden. Dies gilt insbesondere für Langzeitschäden oder schäden durch Kombination verschiedener Medikamente.

Das alles hat aber nichts mehr mit dem eigentlichen Thema zu tun. Es ging hier um dein hypothetisches nebenwirkungsfreies Medikament mit ausschließlich positiven Wirkungen, also um ein ethisches Denkbeispiel und nicht um pharmakologische Epidemiologie.


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Christopher Hitchens

Goatboy
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BeitragVerfasst am: So Jul 15, 2012 5:08 pm


Ich denke mittlerweile, dass jeder Gesellschaftsentwurf moralisch vertretbar ist, solange jeder Aspekt des Entwurfs auf Freiwilligkeit beruht. Freiwilligkeit setzt bewußte Entscheidung voraus. Dies gilt in Bezug auf diesen Thread gleichermaßen für die Einnahme von Aminosäuren, Amphetaminen, Soma, Baldrian, Hopfen, das hypothetische Medikament sowie die Modifizierung der Menschen.

Dementsprechend kann die Schöne Neue Welt moralisch nicht vertretbar sein, weil ihre Errichtung im Verborgenen stattgefunden hat und durch eine die Wahrheit verschleiernde Sprache am Leben erhalten wird. Der Umstand, dass die modifizierten Menschen keine Ahnung von der Wahrheit haben, kann nicht als Rechtfertigung für das System genutzt werden, weil (soweit ich das erinnern kann) bereits die erste Modifikation den Modifizierten, bzw. deren Eltern nicht einmal bewußt gewesen ist, geschweige denn ein Wissen über die Folgen bestanden hat.

Als nächstes wäre die Frage wichtig, welches der optimale Grad an Bewußtsein, bzw. welches die optimale Menge an Wissen ist, die benötigt wird, um so viele Folgen wie möglich (darunter möglicher Schaden für einen selbst / für andere) abwägen zu können.


Telepathetic
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BeitragVerfasst am: Do Jul 26, 2012 1:55 pm


Telepathetic hat folgendes geschrieben:
Ich denke mittlerweile, dass jeder Gesellschaftsentwurf moralisch vertretbar ist, solange jeder Aspekt des Entwurfs auf Freiwilligkeit beruht. Freiwilligkeit setzt bewußte Entscheidung voraus.


Freiwilligkeit setzt aber gleiche Machtverhältnisse voraus. Und dass sehe ich nicht gegeben.


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Giacomo_S
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BeitragVerfasst am: Do Jul 26, 2012 5:33 pm


Giacomo_S hat folgendes geschrieben:
Telepathetic hat folgendes geschrieben:
Ich denke mittlerweile, dass jeder Gesellschaftsentwurf moralisch vertretbar ist, solange jeder Aspekt des Entwurfs auf Freiwilligkeit beruht. Freiwilligkeit setzt bewußte Entscheidung voraus.


Freiwilligkeit setzt aber gleiche Machtverhältnisse voraus. Und dass sehe ich nicht gegeben.

Sind gleiche Machtverhältnisse erreichbar?


Telepathetic
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