Verschwörungstheorien vs. Wissenschaft? Sieben Thesen zu einem komplizierten Verhältnis

Jeder Mensch mit Interesse an Wissenschaft auf der einen und Verschwörungstheorien auf der anderen Seite wird sich schon einmal gefragt haben, warum manche Verschwörungstheoretiker eine tiefsitzende Abneigung gegen alles haben, was auch nur entfernt an Wissenschaft erinnert. Geht es dabei um Deutungshoheit und die Angst vor konkurrierenden Theorien oder vielleicht doch um Einstellungen gegenüber Prüfung und Prüfbarkeit von Vermutungen?
Was auch immer diese Aversion motiviert, sie schadet den erkenntnisorientierten, differenziert denkenden Verschwörungstheoretikern mehr, als sie je einem Agitatoren hilft. Letztendlich unterstützt sie den Einfluss von plakativen, totalitären und fundamentalistischen Ideen, was einer breiten öffentlichen Diskussion und der ernsthaften Prüfung von Verschwörungstheorien entgegenwirkt.

These 1: Wissenschaft ist komplex und auf den ersten Blick undurchsichtig

Die schiere Masse an neuen wissenschaftlichen Publikationen, die jeden Tag das Interweb und die Bibliotheken zumüllen, kann Laien wie Fachwissenschaftler erschlagen. Profis konzentrieren sich auf ihr Spezialgebiet – wirklich bewältigen kann das alles niemand. Dieser Umstand erschwert nicht nur die Diffusion wissenschaftlicher Ergebnisse und Theorien in die Öffentlichkeit, sondern mitunter auch die Kommunikation zwischen einzelnen Fachbereichen. Ein wirkliches Verstehen von Forschungsergebnissen, insbesondere im Sinne eines Abgleichs mit dem umliegenden Stand der Forschung sowie konkurrierenden Theorien und gegebenenfalls auch abweichenden Ergebnissen ist für Laien nicht einfach. Wie Semiramis in anderem Kontext geschrieben hat:

Nie war die Zahl der Analphabeten kleiner und gab es so viele – wie man das nennt – Populärwissenschaftliche Bücher zu so vielen Bereichen. Hier liegt aber vielleicht auch das Problem begründet, dass diese negative Sicht der Wissenschaft andererseits so weit verbreitet ist: Wo die eigentliche Forschung stattfindet, dort gelangen die wenigsten Mensch hin. Und nicht etwa, weil die Forschung etwas geheimes, mysteriöses wäre, sondern einfach auch hier wegen der Masse an Wissen: für Menschen, die sich nicht Vollzeit mit einem wissenschaftlichen Bereich beschäftigen, ist die schiere Masse auch der wissenschaftlichen Veröffentlichungen gar nicht zu bewältigen.

Ask1-Diskussion: Wissenschaft nur Seitenzweig wie Mythologie?

Dieses Wissensgefälle besteht wie erwähnt nicht nur zwischen Wissenschaftlern und Nicht-Wissenschaftlern, sondern auch im Verhältnis der Fachbereiche untereinander. Was Wissenschaftler am ehesten verbindet, ist ein gewisses Grundwissen über Argumentation, Logik, die Existenz von Theorienpluralismus, wissenschaftliches Arbeiten und ein paar Methoden wie etwa statistische Verfahren. Letztendlich ist jedoch ein fachfremder Wissenschaftler ein Laie, da für unterschiedliche Untersuchungsobjekte teilweise extrem unterschiedliche Methoden verwendet werden müssen.

Das alles führt dazu, dass Erkenntnisse, Ergebnisse, offene Fragen oder auch weitverbreitete Theorien teilweise nicht in die Öffentlichkeit – und mitunter auch nicht in andere Fachbereiche – gelangen.

These 2: Probleme durch das Fehlen von Falsifizierbarkeit

Verschwörungen sind ein problematisches Untersuchungsobjekt für die Wissenschaft, zumindest für die empirisch ausgerichteten Fachrichtungen, weil das Fehlen empirischer Evidenz einen Kernpunkt vieler Verschwörungstheorien ausmacht und somit Falsifizierbarkeit, ein wichtiger Aspekt bei der Beurteilung wissenschaftlicher Theorien, schon grundsätzlich zumindest erschwert wird.

Gut immunisierte Verschwörungstheorien können in Bezug auf die Wahrheit ihres Inhalts nicht einfach in einer Studie erforscht und aufgeklärt werden, sind jedoch im Gegensatz zu anderen gegenwärtig un- oder nur schwer lösbaren Fragestellungen gesellschaftlich negativ belastet und haben zudem oft negative Konsequenzen – wie etwa monokausale, gruppenbezogene Schuldzuweisungen, wie sie bspw. aus rassistischen, antisemitischen oder anti-westlichen Verschwörungstheorien resultieren. Das alles macht ihre wissenschaftliche Erforschung schwierig und unattraktiv.

These 3: Die Medien als Verzerrer

Zentral für die Gesellschaft ist, was durch Medien und Politik von der Wissenschaft in die Öffentlichkeit getragen wird. Diese Transmission wird erschwert durch das Unverständnis gegenüber dem Theorienpluralismus und den entsprechenden Streitigkeiten und Unklarheiten der einzelnen Fachbereiche, aber auch durch tendenziöse Darstellungen und Manipulationen, die insbesondere durch Medien und Politik verursacht werden.

Zusammen mit der interessengeleiteten Selektivität der Medienkonsumenten führen die Verzerrungseffekte der Vermittlung teilweise zu extremen Fehlurteilen. Ein gutes Beispiel dafür liefert eine Studie, in der der Einfluss von situativ bedingtem Kontrollverlust unter anderem auf die Konstruktion von Verschwörungstheorien überprüft wurde. Die Ergebnisse der Forscher sind geradezu ideal für eine Untermauerung wichtiger verschwörungstheoretischer Vorstellungen geeignet:

Es klingt wie das Rezept für einen erfolgreichen Wahlkampf: zuerst viel Verwirrung stiften, drohendes Unheil beschreiben und den Menschen das Gefühl geben, dass sie dem Bevorstehenden hilflos ausgeliefert sind; und dann scheinbare Ordnung im Chaos anbieten, indem einfache Zusammenhänge suggeriert und Lösungen angeboten werden.

ORF Science: Kontrollverlust lässt Verschwörungstheorien gedeihen

Von manchen Verbreitern wird jedoch der Inhalt der Studien sehr eigenwillig dargestellt, von Persönlichkeitseigenschaften anstelle von situativen Bedingungen bis hin zur Übertragung von Aspekten der Untersuchung auf die Existenz von Verschwörungstheorien an sich (vgl. die Schlagzeile Whitson in Science: Loss of Control Behind Superstitions, Rituals, Conspiracy Theories). Die Rezipienten wiederum lesen auch bei passenderer Darstellung in die Texte vieles hinein, was sie sehen bzw. denken wollen. Somit kommt bei überzeugten Gegnern und überzeugten Anhängern von Verschwörungstheorien teils nur die Vorstellung an, dass es um negative Eigenschaften von Verschwörungstheoretikern geht, was bei den einen Beifall und bei den anderen Empörung zur Folge hat. Im Endeffekt wird von Verschwörungstheoretikern die Wissenschaft angefeindet, die sie vermeintlich in bezahlter NWO-Auftragsarbeit herabwürdigen will (vgl. Ask1-Diskussion: Sind Verschwörungstheoretiker dümmer als Ameisen?, S. 7).

These 4: Die Wissenschaft als Helfer in der Not

Trotz der genannten Kommunikationsschwierigkeiten können Verschwörungstheoretiker von einer Auseinandersetzung mit Wissenschaft stark profitieren, da die lose Gemeinschaft der Verschwörungstheoretiker und Verschwörungsgläubigen keine eigenen institutionalisierten Prozesse gegenseitiger Kontrolle kennt, Prüfungen nur in Einzelfällen durchgeführt werden und in der Regel stark selektiv und ideologiegeleitet sind. Es wird nicht versucht, Theorien mit hohem Informationsgehalt zu falsifizieren, sondern es wird häufig selektiv Evidenz gegen konkurrierende Thesen gesammelt, während die eigenen möglichst gut immunisiert werden.
Empirische Forschung hingegen zielt auf Falsifizierbarkeit ab – und hat feine Methoden entwickelt um alle möglichen Formen von Theorien und Hypothesen zu prüfen. Theorien mit hohem Informationsgehalt aufzustellen und bei der Hypothesenprüfung bspw. Messfehler und Fehlinterprationen möglichst gut auszuschließen ist eine Kunst, die ein erkenntnisorientierter Verschwörungstheoretiker nicht ignorieren, sondern nutzen sollte.

These 5: Wissenschaft ist auf den ersten Blick undurchsichtig, bei genauerem Hinsehen jedoch transparent

Die Komplexität und Undurchsichtigkeit der Wissenschaft löst sich allmählich in Transparenz auf, wenn man ins Detail geht. Empirische Wissenschaftler beschreiben gewöhnlich genau, wie sie zu ihren Ergebnissen gekommen sind und welche Theorien der Interpretation zugrunde liegen. Das macht den Einstieg in Theorien und Methoden notwendig, um einzelne Studien wirklich beurteilen zu können, was keiner akademischen Ausbildung bedarf, aber wohl zumindest ein gründliches Selbststudium voraussetzt.
Als Robinson Crusoe-Denker ohne Input von außen kommt man nicht weit, weder in der Wissenschaft noch bei der erkenntnisorientierten Auseinandersetzung mit Verschwörungstheorien.

These 6: Der lange Schatten der Evolution von Verschwörungstheorien

Was in These 5 über die Verschwörungstheoretiker zu lesen ist, gilt in ähnlicher Weise für die Wissenschaft: Verschwörungstheorien sind ein wichtiges Phänomen, aber das gleiche trifft auch auf Verschwörungen zu. Nicht jede wissenschaftliche Theorie hat mit hohem Informationsgehalt und klar abzuleitenden, falsifizierbaren Hypothesen begonnen. Eine Auseinandersetzung mit dem Inhalt von Verschwörungstheorien findet noch zu selten und zu wenig ausführlich statt.

These 7: Fragen, Zweifel, Vorsicht, Kritik und Skepsis – täglich Brot der Wissenschaft

Literatur gibt es trotz allem zu zahlreichen verbundenen und angrenzenden Fragestellungen, was sowohl Gegner als auch Gläubige – und insbesondere differenziert und kritisch denkende Verschwörungstheoretiker – interessieren sollte. Dies ist jedoch in der Regel nur dann der Fall, wenn gerade mal wieder Vertreter der beiden Extremgruppen Studien falsch interpretieren und glauben, die Welt mit ihren Geistesblitzen beglücken zu müssen. Sieht man sich die Publikationen genauer an, zeigt sich oft ein interessanteres Bild mit vielen Schattierungen. Äußern sich Wissenschaftler in wissenschaftlichen Texten direkt zu Verschwörungstheorien im Sinne einer Bewertung derselben, geschieht dies oft sehr differenziert und unparteiisch, und umso vorsichtiger, je allgemeiner über sie geurteilt wird.

Eine kurze Recherche mit Google-Scholar ergab unter anderem die folgenden Zitate aus wissenschaftlichen Publikationen, die einerseits die genannte These illustrieren, aber vor allem zum Weiterlesen und Recherchieren animieren sollen:

Zum einen kann aus dem vorhandenen politischen Missbrauch schlecht auf eine Garantie des Unsinns sämtlicher Behauptungen über geheimes Agieren geschlossen werden – gerade Felder wie der investigative Journalismus bedürfen des vorübergehenden und kontrollierten Einsatzes von Spekulation; expliziter formuliert: Wissensinnovation ist ohne spekulatives Risiko nicht möglich. Zum anderen fordern gerade auch Verschwörungstheoretiker methodisch anspruchsvolle Skepsis ein – jedenfalls was das Hinterfragen des Mainstream-Wissens angeht.
[…]
Freilich hemmt oft nur die „methodische“ Kritik der empirischen Geltungsansprüche von Verschwçrungstheorien (man schaue sich eine Internetseite wie www.debunking911.com an) ihre Tendenz, aufgrund selbstproduzierter Konsistenzen allzu schnell vom bewussten Spekulieren dazu überzugehen, die Verschwörung naiv als nunmehr aufgedeckt zu betrachten. Die konfligierenden Urteile über die empirische Geltung einer Aussage werden als Ergebnisse beobachterrelativer Zurechnung besser verstanden denn als inhärente Eigenschaften von Aussagekomplexen.

Oliver Kuhn (2010): Spekulative Kommunikation und ihre Stigmatisierung – am Beispiel der Verschwörungstheorien. Ein Beitrag zur Soziologie des Nichtwissens. Zeitschrift für Soziologie 39(2), S. 106–123.

Both Clarke and Keeley contrast conspiracy theories with their official non-conspiratorial rivals. But quite often the official version of events is just as conspiratorial as its rivals. When this is the case it is the unofficial explanation that will inevitably attract the label ‘conspiracy theory’, with all its negative connotations.
[…]
This raises the issue of how much of herself the realist will devote to pursuing conspiracy theories. On the one hand, Lee Basham is surely right that the constant search for evidence of conspiracy can blind us to what is good in life. Not only does paranoia endanger us epistemically, making both error and ignorance more likely, it can also undermine our happiness. On the other hand, naivety entails the same epistemic dangers, and its own distinctive moral danger. The moral danger of excessive willingness to believe in authority, like the moral danger of excessive willingness to obey authority, is moral cowardice. Naivety makes it too easy for us to think that we can avoid responsibility for a state of affairs by appealing to the fact that we were not told about it. We may have had a duty to find aomeone who can tell us. Internet technology has made it much easier for us to fulfill this obligation.

David Coady (2003): Conspiracy Theories and Official Stories. International Journal of Applied Philosophy 17(2), S. 199–211.

Ein Gegenentwurf zu den Verschwörungstheorien ist – zumindest vom Selbstanspruch her – das von Stefan Aust und Cordt Schnibben herausgegebene Buch „11. September. Geschichte eines Terrorangriffs“ mit Beiträgen von weiteren 17 AutorInnen, die alle MitarbeiterInnen des Spiegel sind. […]
Bevor es nun darum gehen soll, ob nicht alle historisch genauen Wiedergaben von Ereignissen immer narrative Gestaltungen sind, ist also festzuhalten, dass diese Version mit dokumentarischem Anspruch sich sowohl narrativer Gestaltungselemente bedient als auch selbst als eine Verschwörungstheorie beschreibbar ist, die „den Islamismus“ als große Bedrohung zur Erklärung der Anschläge heranzieht und – wie die Verschwörungstheorien – den Anspruch auf eine vollständige Erklärung erhebt.
[…]
Weder spricht das Archivmaterial in Form von Ausweiskopien oder Testamenten von selbst zu uns und besagt, welche Darstellung der Ereignisse richtig ist (wie es die Anhänge sowohl der verschwörungstheoretischen Bücher als auch seriösere Texte suggerieren), noch lässt sich überhaupt eine nicht-narrative Darstellung geben. Und wer die verschwörungstheoretische Skepsis komplett abweist, nimmt ihre gewisse Berechtigung und ihre realen Anlässe nicht ernst oder beruft sich in naiver Weise auf die Fakten und bleibt hinter den Verschwörungstheorien zurück. Anzuerkennen, dass alle Darstellungen Narrationen sind, muss aber nicht heißen, die Suche nach angemessenen (Re-)konstruktionen gar nicht nach der Wahrheit auszurichten.

Steffi Hobuß (2004): „Die Wahrheit ist irgendwo da draußen“ – Verschwörungstheorien als Narrationen des 11. 09.2001 und die Frage nach dem Entkommen aus der Skepsis. In: Matthias N. Lorenz (Hg.): Narrative des Entsetzens.- Würzburg (Königshausen und Neumann) 2004, S. 287-299.

Alles in allem bleibt das Verhältnis zwischen Verschwörungstheorie und (insbesondere empirisch orientierter) Wissenschaft auf absehbare Zeit kompliziert und problematisch, vermutlich teilweise auch aufgrund der Diskrepanz zwischen der Immunisierung von Theorien auf der einen Seite und dem Primat der Falsifizierbarkeit auf der anderen.

Wenn Verschwörungstheoretiker jedoch einen sinnvollen Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte liefern wollen, müssen sie sich mit wissenschaftlichen Theorien, Methoden sowie den konkreten Fehlern, Erkenntnissen, Implikationen und Unzulänglichkeiten von einzelnen Studien beschäftigen. Tun sie das, eröffnet es ihnen Möglichkeiten, gesellschaftliche und wissenschaftliche Diskurse zu beeinflussen, ganz davon abgesehen, soziale und politische Probleme (zu denen ich an dieser Stelle auch viele Formen von Verschwörungen zählen würde) besser zu verstehen. Verschwörungsglauben ohne Sinn für Differenzierung und Überprüfung mündet hingegen allzu oft in emotions- und ideologiegesteuerten Glaubensbekenntnissen ohne Erkenntnisinteresse und mit sehr geringem Wert für Erkenntnissuchende.

Mein Tip: wenn Studien in den Medien thematisiert werden, die aus welchen Gründen auch immer das verschwörungstheoretische Gemüt erregen – einfach mal selbst reinlesen und selbst überdenken.

Comments (2)

Marita WitheringtonFebruar 28th, 2012 at 12:05

Toller Post! Ich bin ganz gespannt auf mehr Beiträge dieser Art.

hivesMärz 3rd, 2012 at 00:07

Danke für das Interesse! Geplant ist auch eine Überarbeitung und Ergänzung der Thesen für das Ask1-Artikelarchiv, was jedoch noch etwas dauern wird.

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